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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Partiziano

Biz Kaya

Vom Multitask-Migranten und Gastarbeiter-Koffer-Kind, das auszog, um der Welt der Werbung nicht auszuwAişen und dank der Pescetarier den großen Wurf bei Kaya Yanar und schließlich bei Peter Lustig zu landen. Denn Löwenzahn goes Classics und mit Bacalao schmeckt auch fade Filmkost besser.

VONMarcello Buzzanca

 Biz Kaya
Geb. 1972 in Frankfurt/Main. Studium der Romanistik, Amerikanistik und Germanistik in Frankfurt und Málaga. U.a. tätig als Autor, Texter, Redakteur, Übersetzer, Blogger und Kolumnist bei MiGAZIN. Sein erstes Buch:: „Periodischer Patriotismus: Deut(sch)liche Erfahrungen eines provisorischen Italieners“ erschien jüngst.

DATUM29. Oktober 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Es ist Sonntag. Nachdem ich meinen Sohn dazu verdonnert habe, die Löwenzahn Classics anstelle von Dragon Ball zu schauen, lege ich mich wieder zu meiner Lebensgefährtin ins Bett und Wert auf gutes Kinderprogramm. Sie liest gerade Auszüge aus dem Balkanizer, einem Buch des Autors, Musikers und Moderators Danko Rabrenović. Ich, ganz Multitask-Migrant, richte immer ein Auge auf ihre Reaktionen und ein Ohr auf den Fernseher. Schließlich will ich ja auch hören, was der Lustig in Latzhosen alles zu erzählen hat und zu erklären weiß. „Gastarbeiterkinder?“, sagt meine Lebensgefährtin, während sie online in den Leseproben des Balkanizers blättert. „Kenne ich nicht!“ Ich schaue sie an: „Hallo, es liegt eins neben dir!“ Sie schaut mich zunächst verwundert an, dann macht es Klick: „Oh, stimmt ja“, lacht sie.

Ok, meine Familie ist versorgt, zumindest audiovisuell. Während Peter Lustig Pilze im Wald sammelt und fast an einer Blutvergiftung stirbt, mache ich mich nützlich – und Frühstück. Ich passiere unsere Möbel im Wohnzimmer, während ich mein Gastarbeiterkind (wie immer) in und mit mir trage. Eiche rustikal haben wir gar nicht, denke ich, während ich die Möbelhaus-Prospekte vom Tisch nehme, um diesen decken zu können. Und da schießt er mir durch den Kopf: Ein fertiger Kaya-Yanar-Clip.

Folgende Szenerie: Ein Möbelfachverkäufer fragt: „Möchten Sie den Schrank hier in Buche oder in Eiche?“ Kameraschwenk auf Kaya Yanar (hier in der Rolle des Yildirim): „Nee, Buche. Aişe hab‘ ich schon!“ Die Kamera schwenkt weiter auf die Frau neben ihm, natürlich mit Kopftuch. Super Ding, denke ich mir, das bietest du ihm gleich an. Ja, ok, natürlich hätte man daraus auch Kabarett statt Comedy machen können: „Wollen Sie Buche MAD oder eher gedeckte AISE? Nur, wer weiß schon, dass sich hinter MAD der deutsche und hinter AISE der italienische Nachrichtendienst versteckt?

Comedy collaterale

Tja, bleibt wohl doch nur der Comedy-Kollateralschaden. Biz Kaya, weil Kaya Yanar Pescetarier und ein guter Geschäftsmann ist. Ich dachte erst, Pescetarier wären eine jener okkulten Christensekten, weil sich ja irgendwie ein Fisch in der Bezeichnung tummelt und man sich sofort an die Quo-Vadis-Verfilmung mit dem genialen Peter Ustinov erinnert fühlt, wo Deborah Kerr in der Rolle der Lygia einen stilisierten Fisch in den Sandboden kritzelt, um ihn kurz darauf mit dem Fuß zu verwischen, damit ihn der römische Kommandant Marcus Vinicius (Robert Taylor) nicht sieht. Der liebt zwar sie, doch die Christen sind ihm suspekt.

Aber nein, Pescetarier sind Parttime-Vegetarier, weil sie kein Fleisch essen und sich gegen die unwürdige Haltung von Landtieren einsetzen, Fisch und Meeresfrüchte jedoch verzehren. Frutti di mare? Fleurs du Mal? Flor de sal? Zwischen Bordelaise und Baudelaire liegt wohl die Wahrheit vergraben. Irgendwie stammen wir doch alle aus dem Meer. Seltsam, dass ich damals dankend ablehnte, als mir jemand in Agurain, also mitten im Baskenland, in einer Bar ein Stück Bacalao (Stockfisch) anbot. Vielleicht bin ich ja Aggro-Pescetarier, ohne dass es mir bewusst wäre.

In jedem Fall war ich damals ein Exot in dem kleinen baskischen Ort. Mein Reisegefährte, ein Senegalese aus London, war Schwiegersohn, denn die Familie seiner baskischen Frau wohnte hier, in der Schweiz Spaniens. M’Baye Fall war mein WG-Genosse während meiner Zeit als Erasmus-Student in Málaga. Nach mühevollen 5 Stunden in einem überhitzen Autobus waren wir in Agurain angekommen und fast eine Attraktion, weil wir Spanisch mit einem starken andalusischen Akzent sprachen und ich mir einige baskische Redewendungen aufschreiben ließ und nach ein paar Bier zum Besten gab – diesmal ohne andalusischen Akzent, aber mit starker Bier-Einfärbung. Ondo ibili! Buon viaggio, altes Kofferkind!

Kofferkind-Modus ausschalten

Ob nun Koffer- oder Gastarbeiterkind. Jetzt bin ich ja erwachsen und erwacht aus meiner Kaya-Trance. Ich suche nach drei gleichgroßen Eiern und Gemeinsamkeiten zwischen Kaya Yanar und mir: Wir sind beide aus Frankfurt, beide ungefähr im selben Alter, beide beschäftigen wir uns mit Integration und Migranten und Türsteher kennen wir beide auch gut. Aber ich kaufe nicht Edeka, weil ich den Spot dämlich finde. Meine Aişe-Idee hingegen würde sich doch sogar für einen super Möbelhaus-Werbespot eignen und vielleicht die sprechende Gummipuppe Poco a Poco (also Schritt für Schritt) vom Bildschirm verbannen.

Ist ja noch Zeit, denke ich mir, während Peter Lustig wieder genesen ist, nachdem er im Delirium lag, von Pilzen träumte und Pilzkulturen (Penizillin) ihn wieder zum Leben erweckten. Leider nur in dieser Folge, denn tatsächlich gibt es den Peter Lustig meiner Kindheit nicht mehr bzw. nur noch als Classics. Schade eigentlich, denn er forderte einen immer zum Ende von Löwenzahn und auch Pusteblume dazu auf, jetzt den Fernseher auszustellen. Als Kind kam ich dieser Bitte immer nach, wenn auch bisweilen missgelaunt. Aber wenn Peter Lustig sagte: Glotze aus, geh‘ spielen!, dann machte man das auch. Vielleicht, weil man sich beobachtet fühlte und Angst hatte, von ihm ertappt zu werden, während man zappt.

Und wer weiß schon wohin einen solche Programmausflüchte gebracht hätten? Vielleicht ins Kaya-Klischee-Kino zu Ranjid als Agenten, der die Welt rettet und den Kosmos mit Kalauern langweilt. Sagen einige Kritiker jedenfalls. Ich würde so etwas niemals behaupten, schließlich will ich ja noch meinen Aişe-Spot verkaufen – an Kaya Yanar im besten Fall. Und wenn er ihn nicht will, spüle ich ihn eben das Klo runter. Dann landet er direkt im Meer und über den Pescetarier-Umweg trotzdem bei Kaya. Bakalım, bacalao! Schauen wir mal, Stockfisch.

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