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Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Brückenbauer

In Ausschwitz vergaßt bis heute verfolgt

Heute manifestiert sich die Anerkennung eines vergangenen Völkermords an den Sinti und Roma Europas. Damit wird die Bundesregierung nun endlich ihrer Verantwortung zur historischen Erinnerung gerecht.

VONMerfin Demir

 In Ausschwitz vergaßt bis heute verfolgt
Der Autor ist 1980 als musli- mischer Roma in Mazedo- nien geboren. Er ist Ge- schäftsführer bei der interkul- turellen Jugendorganisation von Roma und Nichtroma Terno Drom sowie Projekt- leiter von „be young & roma“, einem Jugendprojekt bei der djo-Deutschen Jugend in Eu- ropa. Er schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multiethnisches und multi- konfessionelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundes- ebene für Integration enga- gieren. Hervorgegangen ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspek- tivischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM24. Oktober 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Unter dem Titel „In Ausschwitz vergaßt bis heute verfolgt“ gab in den 70ern die Gesellschaft für bedrohte Völker ihre erste Buchpublikation heraus. In dieser Publikation informierte sie über die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Zugleich gab sie einen aktuellen Länderüberblick zur Lage der Sinti und Roma.

Heute nutze ich denselben Titel. Denn auch wenn wir nun das Jahr 2012 schreiben, müssen wir dennoch feststellen, dass insbesondere Roma in Osteuropa unter enormer Verfolgung leiden. So erlaubten sich etwa 1.000 ungarische Rechtsextremisten einen Fackelzug mitten durch eine Romasiedlung.

Unter den vielen EU-Neuzuwanderern wie auch den Asylsuchenden Serben und Mazedoniern in Deutschland befindet sich eine nicht unerhebliche Zahl von Roma. Diese Menschen emigrieren als Folge des Rassismus und der Diskriminierung. Ihr einziges „Verbrechen“ ist die Zugehörigkeit zu einer ethnisch-sprachlichen Minderheit. Allerdings überschreiten Sinti und Roma mit 10 – 12 Mio. selbst die Bevölkerungszahl einiger EU-Mitgliedsstaaten – Beispiel Österreich.

Auch wenn die Geschichte der Sinti und Roma von zahllosen Verfolgungen und Pogromen begleitet ist und in Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmilzt, würde eine Konzentration auf das aktuelle Rassismusproblem den Fokus dieser Kolumne verzerren. Denn am heutigen Tag dem 24.10.2012 manifestiert sich gegenüber dem Deutschen Reichstagsgebäude die Anerkennung eines vergangenen Völkermords an den Sinti und Roma Europas. Die Manifestation ist eine Gedenkstätte, die neben Sinti und Roma auch anderen vom NS-Regime als „Zigeuner“ verfolgten Gruppen wie z.B. den Jenischen dient.

Nach 1945 wurde die Anerkennung des Völkermordes an den Sinti und Roma selbst von deutschen Gerichten zurückgewiesen, mit der Begründung, dass die Internierung in KZs aus kriminalpräventiven Gründen erfolgte. Viele Sinti und Roma konnten auch ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht zurück erlangen, da die Aberkennung der Staatsangehörigkeit durch das NS-Regime als rechtens erachtet wurde.

Die Bundesregierung wird nun endlich ihrer Verantwortung zur historischen Erinnerung gerecht. Denn nach der späten Anerkennung des Völkermordes, die erst 1982 erfolgte, dauerte es weitere 30 Jahre, bis die Gedenkstätte für die etwa 500.000 Opfer eingeweiht werden kann.

Das Denkmal ist auf einer Lichtung errichtet. Ein kreisrundes dunkles Wasserbecken steht für das unendliche Grauen der Opfer. Auf Romanes, der verbindenden Sprache der Sinti und Roma, wird der Völkermord als „Porajmos“ bezeichnet. Was zu Deutsch „das alles Verschlingende“ bedeutet. Mitten im Wasserbecken ist eine versenkbare steinerne Stele montiert, auf der eine frische Blume liegt.

Am Rande des Wasserbeckens ist folgendes Gedicht von Santino Spinelli, einem populären italienischen Künstler der zur Ethnie der Roma gehört, angebracht:

Eingefallenes Gesicht
erloschene Augen
kalte Lippen
Stille
ein zerrissenes Herz
ohne Atem
ohne Worte
keine Tränen.

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4 Kommentare
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  1. Andreas sagt:

    ja, es ist leider so, dass wir die Vergangenheit nicht mehr ändern können.
    Wer auf den Verdiensten unserer Vorfahren aufbauen will, wird auch deren Verbrechen zur Kenntnis nehmen müssen. Wer nur die Vorteile einer „Hochkultur“ nutzen möchte, pickt sich die Rosinen heraus und steht nicht für das Ganze ein. Seit fast 70 Jahren haben wir nun Befreiung von den selbst gewählten Kerkermeistern. Seitdem gibt es den Völkermord wenigstens nur noch in den Köpfen. Die Verantwortung dafür hätten wir ehrlicher wahrnehmen können.

  2. MiTho sagt:

    Durch die Wortwahl mancher „Politiker“ (man könnte manche von ihnen eher „Hetzer“ nennen), durch die Vor-Ort-Praxis vieler Bundesbürger, durch die zum Teil wirklich hässlichen Kommentare von Deutschen beginnen wir heute in Ignoranz des bereits Erlebten, Angerichteten wieder, neue Ängste, neuen Hass, neue „Missverständnisse“ zu säen.
    Uns helfen alle noch so hübschen und großen Denkmäler gar nichts, wenn die Menschen nicht innehalten und nachdenken, bevor sie wieder die gleichen Sätze zu sprechen beginnen wie sie in den Dreißigern im letzten Jahrhundert formuliert worden sind.

  3. Max Mannheimer sagt:

    Sehr guter Kommentar von Merfin Demir! Wir als Sinti oder auch Roma wie Merfin müssen immer auf der Hut sein. Besonders Vorsichtig müssen wir sein bei „angeblichen demokratischen Bürgern aus der Mitte“ wie zb. Herrn Bauerdick, der „Zigeuner“ liebt, aber ihnen hinterrücks nachsagt, dass aufgrund ihrer Ethnischen Zuschreibung eine kriminelle Energie von Geburt an vorhanden ist.

  4. aloo masala sagt:

    Der Forist Max M. behauptet und verbreitet wider besseren Wissens in verschiedenen Diskussionssträngen Tatsachen über Rolf Bauerdick, die geeignet sind denselbigen verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen.

    Die Behauptungen erfolgen wider besseren Wissens aus folgendem Grund: Ähnlich lautende Diskreditierungen wurden von Max M. in einem anderen Diskussionsstrang geäußert. Er wurde mehrfach gebeten, seine Behauptungen zu belegen. Dieser Bitte ist er nicht nachgekommen. Es dürfte auch sehr schwer sein, einer Person eine zutiefst rassistische Aussage zuzuschreiben, die sich seit zweit Jahrzehnten für Roma einsetzt und gegen Antiziganismus anschreibt.



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