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Menschenrechte als Alibi

Der Orient-Kenner Bahman Nirumand ruft den Westen zu einer glaubwürdigen Nahostpolitik auf, die mehr beinhaltet als “Menschenrechte als Alibi“ – rezensiert von Rukiye Cankıran.

VONRukiye Cankıran

 Menschenrechte als Alibi
Die Autorin - geboren 1971 in Hamburg - machte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorres- pondentin, studierte "Angewandte Kulturwissen- schaften" in Lüneburg. Sie arbeitete 1997 bis 2004 als Dolmetscherin, Übersetzerin, Kinoredakteurin und freie Journalistin. Seit 2005 hauptberuflich tätig in EU-Projekten mit Themenschwerpunkten Integration und Diversity. Nebenberuflich ist sie als Dozentin für die türkische Sprache tätig, organisiert in diesem Rahmen Literaturseminare, Leseabende, Istanbul-Seminare und -Reisen.

DATUM5. Oktober 2012

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Die blutigen Kämpfe im Nahen Osten, islamistischer Terror und politische Unruhen in den arabischen Ländern beschäftigen die Menschen in Europa. Nicht nur, weil die Welt immer enger zusammen rückt, sondern auch weil der Islam in Europa zu einem wichtigen Thema geworden ist, interessieren sich auch hierzulande die Menschen für die Heimatländer der Muslime. Der Dialog zwischen Abendland und Morgenland war noch nie einfach gewesen. Sind die kulturellen Konflikte mit dem Westen zu groß, um sich an einem Tisch zu einigen oder liegt es an den unterschiedlichen machtpolitischen Interessen, die alle beteiligten Staaten so weit auseinander bringen und immer wieder Kriege führen lassen?

Diesen und anderen Fragen geht seit vielen Jahren der Schriftsteller, Übersetzer und Publizist Bahman Nirumand nach. 1936 als Sohn einer wohlhabenden Beamtenfamilie im Iran geboren, kam er mit 15 Jahren nach Deutschland, um hier das Abitur zu machen. Danach studierte er Germanistik, Philosophie und Iranistik. Er ging zurück in den Iran, um als Dozent an der Universität Literatur zu lehren. Da sein Verständnis von Freiheit ihm Konflikte mit den Mullahs brachte, musste er erneut fliehen, zuerst nach Frankreich und später nach Deutschland.

Nirumand gehörte zu den Intellektuellen, die glaubten, dass das persische Volk mit Beendigung der Monarchie und Beginn der Islamischen Revolution in den 70er Jahren mehr Freiheit bekommen würde. Dass es im Iran politisch von einem Extrem in das Andere ausarten würde, ahnte er wie viele andere auch nicht. Bei aller Kritik an der Politik und den Schwächen des Regimes hat Nirumand nie seine Liebe und Verbundenheit zu seiner Heimat verloren. Sie ist bis heute Thema in seinen Schriften und Büchern, wie schon in seinem ersten Buch „Persien, Modell eines Entwicklungslandes“ (1967), seiner Autobiographie „Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste“ (2011) oder jetzt ganz aktuell „Menschenrechte als Alibi“, das im Oktober pünktlich zur Buchmesse erschienen ist.

Als Journalist ist er für verschiedene Medien tätig und lässt den Leser von den langjährigen Erfahrungen und dem fundiertem Wissen eines philosophierenden Suchenden mit einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte profitieren. Fordernd, aber auch leidenschaftlich ruft er die westliche Politik zu ehrlichem und glaubwürdigem Handeln auf.

Zu seiner persönlichen Geschichte: Bahman Nirumand weiß im Nachhinein, dass auch er in seinem Leben schon politisch auf der falschen Seite gestanden hat, Fehler gemacht hat. So sehr ihn dies prägt, seine kapitalismuskritische Haltung hat er sich aber bewahrt und argumentiert aufschlussreich. „Menschenrechte als Alibi“ und Doppelmoral und Festhalten an eigenen Interessen wirf er dem Westen vor. Auf knapp einhundert Seiten schildert er seinen Standpunkt und macht sich stark für eine Stabilisierung des Nahen Ostens. Er bewertet die Politik des Westens, die sich einerseits mit Despoten arrangiert, sogar mit Waffen beliefert und andererseits für Frieden in den größtenteils muslimischen Heimatländern einsetzt als unglaubwürdig.

Betrachtet man z.B. die Ereignisse des „Arabischen Frühling“ gibt es die unterschiedlichsten Standpunkte, immer wieder im Rahmen von Machtansprüchen, politischen und religiösen Ideologien und Ängsten auf allen Seiten. Eine der klassischen Fragen: Soll man ein Volk frei wählen lassen, auch wenn es sich dann für eine streng islamische Regierung entscheidet oder lieber einen Diktator unterstützen, der die Zukunft seines Landes im aufgeklärten westlichen Lebensstil sieht? Das sind sehr schwierige und komplexe Fragen, die man nicht mit einem Satz beantworten kann. Deshalb hat es in der Vergangenheit so viele politische Entscheidungen gegeben, die fatale Folgen für die Bevölkerung hatten. Bahman Nirumand ist der Meinung, dass beispielsweise die Haltung des Westens mit seinen Sanktionen für Iran und dem Negativbild des Landes das islamische Regime stärken. Seine Ausführungen sind sehr interessant, da sie die Probleme von einer anderen Perspektive und anderen Argumenten beleuchten, als man in den europäischen Mainstream Medien gewohnt ist.

Allerdings gibt es für viele weltweite Konflikte, die durch unverantwortliche Politik der Beteiligten schärfer geworden sind, nicht immer friedliche Lösungen. Manchmal entstehen Situationen, in denen es nur darum geht, die beste Lösung unter allen schlechten Alternativen zu wählen. Auch spielen häufig Ängste um die Zukunft des eigenen Landes eine große Rolle. Der Autor ist davon überzeugt, dass Demokratie und Islam zusammen möglich seien, allerdings der radikale und aggressive Islam der Minderheit mehr Aufmerksamkeit bekomme als der friedliche der Mehrheit der Muslime. Bahman Nirumand macht deutlich, dass es häufig weniger um Religion oder Andersartigkeit gehe, sondern vielmehr um Machtansprüche und Größe.

Die Zerrissenheit, die sein eigenes Leben prägt und die Nähe zur Literatur und Philosophie sind große Reichtümer für Nirumands Werke. Denn es ist zwar ein hartes Los, weit weg von seiner Heimat zu sein und ein Leben in Sehnsucht zu führen, aber der rundum kritische Blick für prägende Ereignisse ist in dieser Form und Stärke vielleicht auch nur im Exil möglich. In jedem Fall ist sein Standpunkt „Menschenrechte als Alibi“ lesenswert und informativ. Man ist erst dann auf dem aktuellsten Stand der Dinge, wenn man ihn gelesen hat, sagt seine treue Leserschaft. Seine Argumente sind für alle Beteiligten unbequem und provokant und kommen nicht aus einer im Westen dominanten Perspektive. Aber sie regen an, hinter die Kulissen der Wirtschaftsbeziehungen zum Nahen Osten zu schauen, Details, die der Gesellschaft häufig verborgen bleiben.

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