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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Statistisches Bundesamt

Jeder Fünfte hat ausländische Wurzeln

Ende 2011 lebten 216.000 mehr Migranten in Deutschland als im Jahr davor. Das teilt das Statistische Bundesamt mit. Außerdem: Migranten sind viel jünger und sie holen auf – vor allem im Bildungsbereich.

Im Jahr 2011 lebten in Deutschland rund 216.000 mehr Menschen mit Migrationshintergrund als im Vorjahr (+ 1,4 %). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf der Basis von Ergebnissen des Mikrozensus 2011 am Mittwoch in Wiesbaden weiter mitteilte, hatten insgesamt knapp 16 Millionen Personen einen Migrationshintergrund. Das entspricht einem Anteil von 19,5 % an der Gesamtbevölkerung Deutschlands, die stabil bei 81,74 Millionen liegt.

Die meisten Migranten stammen aus der Türkei (18,5% oder 3 Millionen), gefolgt von Polen (9,2% bzw. 1,5 Millionen), der Russischen Föderation (7,7% oder 1,2 Millionen) und Italien (4,9% bzw. 0,8 Millionen). „Kasachstan ist mit 5,8% (0,9 Millionen) das einzige wichtige nicht-europäische Herkunftsland“, so das Statistische Bundesamt. Mit 1,4 Millionen kommen die meisten (Spät-)Aussiedler aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion – vor allem aus der Russischen Föderation (612.000) und aus Kasachstan (575.000); daneben sind Polen (579.000) und Rumänien (213.000) wichtige Herkunftsländer.

Gut für die Demografie
Aus der Auswertung geht weiter hervor, dass Migranten nicht nur den Bevölkerungsrückgang ausgleichen, sondern auch das demografische Gleichgewicht zwischen Jung und Alt ausgleichen. Denn Migranten sind deutlich jünger als jene ohne Migrationshintergrund (35,2 gegenüber 46,1 Jahre). Bei den unter 5jährigen stellen Personen mit Migrationshintergrund inzwischen sogar 34,9% der Bevölkerung. Das ist mehr als jedes dritte Kind.

Wie das Statistische Bundesamt außerdem mitteilt, unterscheiden sich Migranten auch weiterhin deutlich hinsichtlich der Bildungsbeteiligung von jenen ohne Migrationshintergrund; 14,1% haben keinen allgemeinen Schulabschluss und 40,6% keinen berufsqualifizierenden Abschluss (Personen ohne Migrationshintergrund: 1,8% bzw. 15,9%). Allerdings ist der positive Trend ungebrochen. Schüler mit Migrationshintergrund holen auf. So ist der Anteil der Abiturienten um 4,4 Prozent und damit stärker gestiegen als bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund (3,4 Prozent).

Info: Menschen mit Migrationshintergrund sind seit 1950 nach Deutschland Zugewanderte und deren Nachkommen. Die Mehrheit von ihnen, nämlich 8,8 Millionen Menschen, hatte 2011 einen deutschen Pass; 7,2 Millionen waren Ausländer. Weitere Infos und Zahlen gibt es in der Fachserie des Statistischen Bundesamtes.

Integrationserfolg ist unauffällig
Für den ehemaligen Vorsitzenden des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Klaus J. Bade, ist das ein Beleg für einen ständigen Integrationsfortschritt. Berücksichtigt werden müsse bei den Zahlen zudem, dass Migrantenkinder insgesamt schlechtere Startbedingungen hätten und oft viel mehr Energie aufbringen müssten, um den Sprung zu schaffen. Und würden unterschiedlichen Startbedingungen mitberücksichtigt, seien Kinder mit Migrationshintergrund mindestens so erfolgreich wie ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund – oder sogar erfolgreicher. Das würde aber nicht wahrgenommen. Und so entstehe der Eindruck, als sei Misserfolg die Regel. „Integration ist immer dann unauffällig, wenn sie erfolgreich ist“, so Bade in der Welt Online.

Ein weiterer Bereich mit Aufholpotenzial ist der Arbeitsmarkt. Migranten im Alter von 25 bis 65 Jahren sind etwa doppelt so häufig erwerbslos als jene ohne (9,3% gegenüber 4,9% aller Erwerbspersonen) oder gehen ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung nach, z.B. einem Minijob (12,7% gegenüber 8,6% aller Erwerbstätigen). Doch auch hier gibt es einen Lichtblick: Der positive Trend im Bildungsbereich wird sich in Zukunft auch positiv auf die Erwerbssituation der Migranten auswirken. (es)

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2 Kommentare
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  1. Rasti sagt:

    Ich würde mir wünschen, dass hier und anderswo in den Medien der Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ nicht immer als „Migranten“ abgekürzt wird. Ein „Migrant“ ist jemand, der von einem Land aus- und in ein anderes einwandert. Viele „Menschen mit Migrationshintergrund“ sind in Deutschland geboren und haben ihr ganzes bisheriges Leben hier verbracht, sind deutsche Muttersprachler etc.

  2. Bert sagt:

    @Rasti: Teilweise sollte man auch besser von „Ausländern“ reden.



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