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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

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Der Knigge des interreligiösen Dialogs

Der Anspruch auf die absolute Wahrheit ist der Killer aller Bemühungen. Und es gibt immer einen, der Dialog mit Missionierung verwechselt – Vykinta Ajami vermisst den Knigge des interreligiösen Dialogs.

VONVykinta Ajami

1978 in Litauen geboren, hat an der Universität Klaipeda (Litauen) und an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik und Arabistik studiert. Schreibt als freie Journalistin und Auslandskorrespondentin für verschiedene Medien und engagiert sich in Berlin für interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus.

DATUM14. September 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Eine Meinung ist eine Meinung. Zwei davon machen einen Dialog aus – einen guten oder einen schlechten, einen genussvollen oder langweiligen, einen geschickten oder einen frechen. Eins steht fest: Der Dialog kann schnell zu einem Desaster werden, sobald mindestens einer der Beteiligten keine Kompromisse zulässt oder wenn der Dialog nicht nach geltenden Kommunikationsregeln geführt wird. Vor allem der interreligiöse Dialog.

Der Anspruch auf die absolute Wahrheit beispielsweise ist der Killer aller Bemühungen. Und es gibt immer einen, der Dialog mit Missionierung verwechselt. So wie neulich. Bei einer Dialogveranstaltung wurde mir – wie aus dem Nichts – folgende Frage gestellt: War Noah auch deines Glaubens? Es folgte ein langer Vortrag über die Sintflut und ihre Wiederholungsgefahr, wenn wir uns alle nicht dem richtigen Glauben zuwenden.

Wie bitte? Lachen oder weinen? Scherz oder nicht lustig?

Es muss um mehr Toleranz gehen! Von Toleranz hat Goethe gesprochen. Von Toleranz und Anerkennung. Nicht jeder liest Goethe – ist schon klar. Und manches, was gern als interreligiöser Dialog genannt wird, ist einfach nur eine Frechheit. Menschen, die sich berechtigt fühlen, andere über Feinheiten ihrer Religion informieren zu müssen, fehlen schlichtweg die Etikette.

Wir brauchen den Knigge für interreligiösen Dialog: Gekonntes Argumentieren und Kontern, die Leichtigkeit eines schwierigen Gesprächs, Erkennen einer falschen Frage und eines falsch platzierten Arguments, selbst wenn es richtig ist und eine delikate Art, die es trotz Unterschiede ermöglicht, voranzukommen. Man kann mit der Tür ins Haus fallen, wenn es schon unbedingt sein muss. Aber bitte mit Stil. Gott verhüte vor einer fanatischen Diskussion und auch von einer langweiligen! Man kann über meine und die Religion Noahs und über die Sintflut reden, aber zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und Toleranz vorausgesetzt.

Paradoxerweise habe ich den interreligiösen Dialog im dann fruchtbar erlebt, wenn es gar nicht um Religion ging. Am produktivsten war er immer dann, wenn man sich auf das Irdische bezog und man durch konkrete Beispiele statt durch Worte zeigen konnte, wie reich und bereichernd eine Religion sein kann.

Zurück zu Goethe. „Toleranz sollte eigentlich eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen“, sagte er. Der Weg dahin führt über den Dialog, und die ist ohne den Knigge missionarisch, einengend, vereinheitlichend oder einfach nur unrund.

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