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Migration und Integration in Deutschland

Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Brückenbauer

Fühlst du dich eigentlich mehr deutsch oder mehr türkisch?

Es gibt wohl kaum eine Frage die einem Deutsch-Türken oder Deutschtürken häufiger gestellt wird als diese. Bis heute wurde sie mir persönlich meistens von Leuten gestellt, die entweder wissen wollten ob ich mich zu Deutschland dazugehörig fühle, nicht wussten, was sie mit mir reden sollten oder herausfinden wollten, zu welchem Grad ich in Deutschland integriert bin.

VONDeniz Herkert

Der Autor ist im Jahr 1990 als Sohn einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren und wuchs einen Teil seiner Kindheit in den Vereinigten Staaten von Amerika auf. Während seiner Schulzeit engagierte er sich in diversen sozialen und politischen Projekten, so war er beispielsweise Sprecher des gesamtstädtischen Jugendrat Stuttgart. Aktuell arbeitet er im Deutsch-Türkischen Form Stuttgart e.V. als Sprecher und Teammitglied der MorgenLand Initiative. Er ist Student der Fachrichtung Corporate Management & Economics im vierten Semester an der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Er schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multieth- nisches und multikonfessio- nelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundese- bene für Integration engagieren. Hervorgegang- en ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspekti- vischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM14. Juni 2012

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By the way: Ich verstehe bis heute nicht, wie man sich in die deutsche Gesellschaft integrieren soll. Schließlich ist die deutsche Gesellschaft selbst in sich nicht homogen (wenn Sie sich davon überzeugen wollen, dann fahren Sie doch einmal nach Berlin und unterstellen den Menschen vor Ort, die Berliner hätten exakt die gleichen Auffassungen und Einstellungen wie die Schwaben – also auch die Kehrwoche. Vermutlich werden Sie sich nicht allzu viele Freunde machen.) Sich in der immer wieder öffentlich geforderten Form in die deutsche Gesellschaft zu integrieren ist also nicht nur für Migranten schwierig, sondern verleugnet auch die bestehende Vielfalt Deutschlands, die unser Land erst richtig interessant macht. Daher muss sich aus meiner Sicht niemand in irgendetwas integrieren, wir müssen vielmehr einerseits soziale Probleme diskutieren und andererseits einen Dialog darüber führen, wie wir als aktive und engagierte Bürger dieses Landes unser Land bestmöglich und gemeinsam voranbringen können.

Aber zurück zu meinem eigentlichen Thema: Die Frage „Fühlst du dich eher deutsch oder eher türkisch?“ fordert aus meiner Sicht dazu auf, ein Ganzes in zwei Teile zu teilen und sich dann zwischen diesen zu entscheiden. Das ist jedoch nicht möglich. Schließlich sind wir Deutsch-Türken mit beiden Welten aufgewachsen und werden diese auch nicht einfach ablegen können. Deutsch-Türken sind rational-temperamentvoll, reflektiert-überstürzt und geordnet-chaotisch. Dies mag auf den ersten Blick paradox klingen, ist es aber nicht. In dem von Urs Fuhrer und Haci-Halil Uslucan herausgegebenen Buch „Familie, Akkulturation und Erziehung – Migrantenkinder zwischen Eigen- und Fremdkultur“ beschreibt letzterer, wie Migrantenkinder eine Art flexible Identität besitzen, die in der Lage ist, „,in vielen Traditionen zu Hause zu sein’ und ein flexibles Selbst zu entwickeln, das unterschiedlichen normativen Anforderungen gerecht werden kann“. Bikulturell aufgewachsene Menschen seien dabei in der Lage, ihre kulturelle Perspektive zu wechseln und je nach Situation und Kontext ein unabhängiges jedoch von beiden kulturellen Einflüssen geprägtes Selbst zu zeigen.

Diese flexiblen Identitäten sind aus meiner Sicht eben nicht eher deutsch oder eher türkisch, sondern deutsch-türkisch, ich würde sie sogar deutschtürkisch nennen. Denn selbst der Bindestrich suggeriert eine gewisse Trennung dieser beiden Seiten. Der Kabarettist Fatih Çevikkollu gab ein Interview für Mirza Odabasis Projekt „Zwischenkultur“ (welches sich mit einer ähnlichen Thematik beschäftigt wie diese Kolumne) und hielt fest: „Die Frage bist du Türke oder Deutscher kann nicht beantwortet werden. Und ich finde auch, die Frage zu stellen ist rassistisch. Weil, die Frage führt ja dann zu einer Entscheidung: Bist du grün oder blau“. Auch wenn ich selbst diese Frage nicht als rassistisch bezeichnen würde, so finde ich sie dennoch schwierig.

Denn: Zählt am Ende des Tages, ob man eine starke und dadurch interessante Identität besitzt, die einem auf dem Weg durch das ohnehin nicht einfache Leben hilft? Ja, das zählt. Zählt dabei ob man sich mehr deutsch oder türkisch fühlt? Nicht wirklich.

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19 Kommentare
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  1. momo sagt:

    Frag mal einen in Mallorca lebenden Deutschen ob er sich Spanisch oder Deutsch fühlt. Ich versichere das zu 100% Deutsch sagen.
    Heuchler

  2. erdogan sagt:

    „Die Frage bist du Türke oder Deutscher kann nicht beantwortet werden. Und ich finde auch, die Frage zu stellen ist rassistisch. Weil, die Frage führt ja dann zu einer Entscheidung: Bist du grün oder blau“

    Achso das soll also schon Rassismus sein? Geht’s noch? Man kann jemand anderen oder eine Frage doch nicht als rassistisch bezeichnen, nur weil es eine Entscheidung bzw. eine längere Antwort erfordert. Hier macht sich die Autorin es sich deutlich zu einfach, wenn man behauptet, die falschen Fragen gestellt zu bekommen! Ein Schwarzer und ein Asiate wird genau die gleiche Frage jeden Tag gestellt, aber die würden solche Fragen nicht als rassistisch empfinden, sondern dass ein anderer Mensch Interesse für einen zeigt.

    Aber ich halte es auch für möglich, dass der Autorin viel mehr ihre eigene Antwort auf diese Frage nicht gefällt und Sie auch nicht glücklich macht.

    Ausserdem sollte die Autorin wissen, dass dieser Zustand, dass man sich selbst als eine Art „Zwischen-Mensch“ ansieht, spätestens mit der darauf folgenden Generation verloren geht, da Menschen sich immer mehr und mehr der Mehrheitsgesellschaft anpassen. So könnte es sein, dass ihr Tochter es total abwegig findet sich mit der türkischen Kultur zu identifizieren.

  3. Migrantin sagt:

    Die Frage „Was bist Du?“ ist symptomatisch für die Haltung, welche die deutsche Gesellschaft zum Thema Einwanderung hat: Man ist entweder A oder B. Schnittmengen kann und darf es nicht geben. A kann nicht B werden. Und B nicht A. Ausschlusslogik.

    Diese Frage wird nur gestellt, weil der Fragende alleine durch die Existenz eines „Deutsch-Türken“ ein Sortierungsproblem mit seinen Schubladen bekommt. Dieses Problem ist für sein Weltbild schwer erträglich, er möchte daher gern wissen: Was nun, A oder B?
    Einer von uns oder einer von denen??!

    Das dem so ist und dass es meist nicht darum geht, tatsächlich individuelle Gefühlswelten zu erfragen, merkt man daran, dass differenzierte Antworten in der Regel zu genervten, ja leicht aggressiven Reaktionen führen: Jaja, ich möchte wissen, was Du jetzt bist: deutsch oder türkisch?!

    Die Antwort ist nun mal komplex. Man ist nämlich beides – oder auch nichts von alledem. Kommt ganz und gar darauf an, was der Fragende unter „deutsch“ oder „türkisch“ versteht. Spricht man überhaupt über das Gleiche? Assoziiert man mit diesen Begriffen dasselbe? Unwahrscheinlich…

    In den USA bekommt man diese Frage nicht gestellt. Es geht nämlich nicht darum, ob man A oder B ist. Vielmehr geht es darum, dass JEDER Amerikaner werden kann. Und alle sind stolz darauf Amerikaner zu sein – unabhängig davon aus welchem Land sie stammen. Das eine hat mit dem anderen sehr viel zu tun. Integrationslogik.

  4. andres sagt:

    Der Vergleich mit den Vereinigten Staaten hinkt leider.
    Denn es wird von vielen Migranten leider oft übersehen, daß sie selber in einem Schubladendenken verhaftet sind.
    Das sieht man gerade daran daß unter Deutsch eben auch rassische Komponenten verstanden werden und der Deutsche meist unbewusst in eine Schublade gesteckt wird.
    Sprich mit Deutsch werden eben Eigenschaften, wie Gartenzwerge, Bier usw. assoziiert.
    Deshalb ist eine nationale deutsche Identität für Migranten schwierig, da sie selber alles was nach deutsch klingt in eine bestimmte Schublade stecken.

  5. Tosun sagt:

    Sogar meine Kinder Sagen immernoch,zu der Frage „Türke“.obwohl hier geboren …und nicht nur meiner, das hat mann bei der EM“oder WM..Mehr als Deutlich gesehen wie die Lage ist,“bei den Türkichen jugendlichen“aber auch wenn die Mehrheit ja“ ich fühl mich Deutsch““Sagen würde, ist immernoch die Frage der Akzeptanz“..haben die mich auch wirklich angenommen“!??siehe Özil“wann ist mann integriert“!..Altintop“Brüder..oder Nuri Sahin“..ja die etwa nicht weil ,eben nicht für D-Spielen..!

  6. T.DA sagt:

    Ich bin türkisch obwohl ich hier aufgewachsen bin und kein bisschen deutsch, meine kindern geht es genau so den habe ich meine Sprache und Kultur so gut wie möglich beigebracht und können gut türkisch sprechen und ihre Muttersprache deutsch können sie auch da meine frau ist deutsche 🙂

  7. pepe sagt:

    Sollten meine Kinder hier geboren werden, dann werden Sie auf keinen Fall Deutsche sein.

  8. Sinan Sayman sagt:

    und alle deutschen wollen hören, dass du einer von ihnen bist, also Deutscher, dann erst akzeptieren sie dich, dann erst kannst du was werden hier in diesem Land, auch, wenn man es dir nicht abnimmt, sie wollen es hören, ja, deshalb sagen auch unsere ganzen türk Politiker, dass sie alle deutsch sind und dies ihre Heimat, sonst könnten sie Plakate für ihre Partei kleben, aber kein amt bekleiden, und die machen das Spielchen mit, leute die welt ist deutsch und jetzt entspannt euch mal…

  9. Lexa sagt:

    Grundsätzlich ist es aus deutscher Sicht zu begrüßen, wenn die türkische Gesellschaft hier in Deutschland ihre Herkunft beibehält. Das kommt ja auch in allen Kommentare deutlich zum Ausdruck und entspricht den Interessen der deutschen Gemeinschaft. Diese will eben keine Assimilation. Alles andere ist Anbiederung.

  10. andres sagt:

    Deutschland ist ganz sicher nicht die Welt, aber dieses Land heisst nunmal Deutschland.
    Wenn man in diesem Land zu Erfolg kommen will, muss man nunmal gewisse Anpassungsprozesse durchmachen, das trifft auch auf Deutsche zu.
    Der durchschnittliche Punk wid es in diesem Land nunmal auch schwer mit der Anerkennung haben.
    Das gerade Türken den deutschen Nationalismus nicht verstehen ist mir oft ein Rätsel, sind doch die meisten Türken genauso nur auf die türkische Kultur bezogen…Internationalität ist dort oft ein Fremdwort….sitzt ein Türke im Theater…ist doch schon der Witz des Jahres….natürlich gibt es auch die anderen internationalen Türken, aber die werden wie die deutschen Intelektuellen trotzdem vom verlängerten türkischen Kulturarm eingeholt….da sind sich Deutsche und Türken sehr ähnlich.
    Natürlch gibts ne Menge deutscher Honks, aber sorry…es gibt auch viele Deutsche die unter denen leiden und die haben keine Lobby.
    Einfach mal locker bleiben….gegen Rassismus z.B. am Arbeitsplatz vorgehen, aber sonst so bleiben wie man sein will….sprich…wenn ich mich mehr mit der Türkei identifiziere, dann nicht erwarten, daß man in dieser Gesellschaft ein Star wird und wenn man in der Politik etwas erreichen will, dann um Gotteswillen nicht Sauerkraut essen und Gartenzwerge aufstellen, sondern sich um die Probleme in diesem Land kümmern, die die Menschen in diesem Land betrifft und das am Besten Alles ohne irgendeinen nationalen Hintergrund.
    Möchte nicht wissen, was ein Ausländer z.B. mit deutschem Hintergrund anstellen müsste um in der Türkei in hohe politische Ämter zu kommen…sicherlich nicht seine deutsche Herkunft betonen und von den Vorzügen deutscher Eigenarten berichten.


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