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Interview mit Bülent Ucar

Junge Muslime in Deutschland

Was treibt junge Muslime an und sind die großen islamischen Organisationen überhaupt nocht in der Lage, sie anzusprechen? Im Gespräch mit dem MiGAZIN erzählt Prof. Bülent Uçar über seine Erfahrungen und die Rolle der Religionsgemeinschaften.

VONBirol Mizanoğlu

DATUM14. März 2012

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RESSORTAktuell, Interview

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Denken Sie, islamische Organisationen sind überflüssig?

Uçar: Nein, sie bieten eine wichtige Infrastruktur und sind die entscheidenden Milieus für gelebte Religiosität in Deutschland. Sie sind identitätsstiftend und elementar für sehr viele Muslime in unserer Gesellschaft. Die Moscheen bilden letztlich die Basis und den Kern jeder islamischen Religionsgemeinschaft.

Wie kann man Jugendliche von salafistischen Gruppierungen schützen?

Uçar: Ich möchte persönliche Erfahrungen nicht verallgemeinern, aber eine Gemeinde sollte –will sie junge Menschen ansprechen- aktiv, kreativ, kritisch und spirituell ausgerichtet sein. Die traditionelle Form der Frömmigkeit mit ihrem Konzept der Ausgewogenheit sollte hier gut analysiert werden. Sport- und Kulturangebote sind ebenso wichtige Begleitfaktoren.

Fühlen sie sich aufgrund dieser vielseitigen Erfahrungen nicht parteiisch?

Uçar: In welchem Sinne?

Sie haben einerseits persönliche Erfahrungen und andererseits distanzieren Sie sich von vielen wichtigen islamischen Gruppierungen…

„Ein geistiger Eunuch wollte ich nie sein, lediglich ehrlich denken, glauben, Positionen beziehen und reflektieren.“

Uçar: Im Gegenteil, ich glaube, dass diese vielseitigen Erfahrungen mich gestärkt haben, differenziert zu denken und nicht „Mann einer Organisation“ oder weltfremd zu sein. Ich diffamiere keine islamische Organisation, sondern berichte lediglich von meinen eigenen Erfahrungen, die teilweise durchaus auch positiv sind. Man könnte sicherlich den akademischen Stubenwissenschaftler favorisieren, der sich im elitären Elfenbeinturm bewegt. Ich war immer ein suchender zwischen den Welten, zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der islamischen Gemeinschaft, im innermuslimischen Prozess, wie auch in der Beziehung zwischen Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Religion. Erst diese Vernetzung verhindert einseitige Ausrichtungen. Auch in meinen verschiedenen Berufen als Islamlehrer, im Landesinstitut, im Ministerium und an der Universität konnte ich dank dieser Erfahrungen auf bestimmte Phänomene besonders sensibel reagieren und glaubwürdig vermitteln. Ein geistiger Eunuch wollte ich nie sein, lediglich ehrlich denken, glauben, Positionen beziehen und reflektieren.

Der damalige niedersächsische Wissenschaftsminister hatte bei Ihrer Berufung sogar ihre guten Verbindungen zu islamischen Gemeinschaften besonders gelobt…

Uçar: Eben, das war sicherlich eines der Gründe. „Gute Beziehungen zu haben bei kritischer Distanz“, hieran versuche ich mich bis heute zu halten.

Sie haben sich auch wissenschaftlich sehr stark mit umstrittenen Themen befasst?

Uçar: Ja, seit meiner Magisterarbeit beschäftigt mich die Frage nach dem Wandel von religiösen Normen, vereinfacht formuliert, ob die Scharia, genauer der Fiqh entwicklungsfähig ist.

Was war der Grund hierfür?

Uçar: Wenn Sie glauben und ihre Religion praktizieren wollen, brauchen Sie tragfähige Überzeugungen und umsetzbare Praktiken. Anderenfalls leben sie im dauernden Zweifelszustand und werden als jenseitig verrückt wahrgenommen…

Aber dies sind doch die Thesen der reformistischen Liberalen…

Uçar: Nein, es gibt auch einen Weg zwischen den Salafisten und den Hyperliberalen. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, Erstarrung der religiösen Normen sei der legitime alternative Weg. Ich will es mit einem Beispiel erklären: Kein Haus ist ohne Türen und Fenster vorstellbar, jedes Haus muss von Zeit zu Zeit gelüftet werden. Andererseits gibt es kein Haus in dem die Fenster und Türen dauernd zur Lüftung aufstehen. Man könnte auch sagen Tadschdid oder Innovation in der Tradition heißt die herkömmliche und zukunftsweisende Losung für die Muslime. Ich bin jedenfalls sehr optimistisch, was die Zukunft der Muslime in Europa und Deutschland anbelangt.

Und die Islamophobie?

Uçar: Das ist ein anderes Problem. Sicherlich gibt es große Vorurteile und Ängste gegenüber dem Islam und den Muslimen. Teilweise sind sie sicherlich auch berechtigt, aber in ihrer Pauschalisierung halte ich diese für gemeingefährlich. Hier sind partiell überzeugte geistige Brandstifter unterwegs. Die Folgen könnten langfristig verheerend sein. Nur Aufklärung und Dialog kann an dieser Stelle weiterhelfen. Eines muss verstanden werden: Islam und Demokratie, Frömmigkeit bzw. Religiosität und das Konzept der Menschenrechte sind keine Gegensätze. Diese Botschaft müssen wir verstärkt vermitteln, an die Muslime, und genauso an die Mehrheitsgesellschaft.

Herr Uçar, vielen Dank für das Gespräch!

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