MiGAZIN - Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar. Hans-Günter Kleff Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

2 Zimmer, EBK, Bad, Balkon

“Wir melden uns dann”

„Wir melden uns dann“, heißt es oft nach dem ersten Telefonat mit dem potenziellen künftigen Vermieter. Nur meldet sich niemand, wenn man Hakimi heißt. Ein kleiner Abschnitt aus dem Alltag in Deutschland.

VONNasirah Raoufi

 “Wir melden uns dann”
Schreibt für das MiGAZIN-Auslandsressort und ist Absolventin der Sozial-wissenschaften der Universität Düsseldorf.

DATUM12. März 2012

KOMMENTARE33

RESSORTAktuell, Meinung

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„Sie hören morgen von uns, dann teilen wir Ihnen alles Weitere mit“, versichert man ihr. Sahar Hakimi schüttelt unglaubwürdig den Kopf und legt das Handy zur Seite. Es ist die sechste Wohnungsanfrage innerhalb von 2 Tagen. Wie ein Déjà-vu – immer die gleichen Fragen, immer die gleiche Skepsis. Das Warten auf den Rückruf hat sie längst aufgegeben. Immer brav weitersuchen.

„Ja, die Wohnung ist noch frei. Sie können gerne vorbeischauen, Frau…?“ „Hakimi. Wie man´s spricht.“ „Alles klar, Frau Aaaakemi. Aufgrund der starken Nachfrage muss ich mal schauen, wann wir die Gemeinschaftsbesichtigung anbieten. Wir melden uns dann.“

Viel versprechende Inserate schmücken ihren Schreibtisch. Ein Immobiliensuchportal ist als vorübergehende Startseite programmiert. Irgendwann muss es doch klappen … wenigstens eine Einladung zur Besichtigung. „Schönen Guten Tag! Ha…rtmann hier, die Wohnung auf der Florastraße. Ist die noch frei?“

Der erste Besichtigungstermin. Viele Interessenten, tolle Wohnung, Vermieter mit Bierbauch. Im Schlafzimmer steht ein Nachtspeicherofen. So was gibt’s noch? Sie fragt nach: „Sind die Heizkosten denn trotzdem tragbar?“ Ein prüfender Blick vom Gegenüber: „Nun ja, es kommt ja immer drauf an, wie man heizt. Da, wo Sie herkommen sind die ja Kälte nicht gewohnt. Dann wird´s halt auch teuer!“ Fiese Lache und ziemlich besorgniserregendes Raucherhusten folgen auf die unglaublich schlechte Bemerkung des Herrn Thalhorst. Florastraße hin oder her, hier möchte Sahar nicht mal für 2 €/m² leben. Neue Woche, neues Glück.

Im Internet entdeckt sie eine süße 2-Zimmerwohnung inklusive Einbauküche. Schnell anrufen, bevor Luise Schmidt, Paula Müller oder Leon Steeder trotz geringerem Einkommen, schlechterem Benehmen oder weniger Prozent in der Schufa-Auskunft die Wohnung ergattern. „Darf ich mir noch kurz Ihren Namen notieren, um Sie für Donnerstag zu vermerken?“ „Klar! Mein Name ist Hakimi. Ich buchstabiere mal eben: Hilal, Ahmad, Kaveh, Indira, Mohammad, Issa!“

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33 Kommentare
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  1. Sugus sagt:

    @ Pepe
    Vielleicht können Türken Almancilar und Türkei-Türken auf den ersten Blick voneinander unterscheiden. Wir Deutsche können das nicht, und darauf ist Rücksicht zu nehmen.
    Sie selbst bestätigen ja, daß ein “Deutscher türkischer Abstammung” in der Regel offensichtlich keine deutschen Verhaltensweisen pflegt (also ganz klar Mentalität und Verhalten nicht durch Deutschland geprägt sind) . Jetzt müssen Sie mir nur noch erklären, was ihn dann zu einem Deutschen macht. Hier geboren zu werden und aufzuwachsen reicht nicht. Ein Kind deutscher Diplomaten in Peking wird auch nicht dadurch zum Chinesen, indem es in China aufwächst.

  2. Pepe sagt:

    @Horst:

    Ein Kanacke ist nicht zwangsläufig ein Türke oder Araber, sondern ein Mann aus dem Süden. Griechen und Italiener und Spanier galten auch als Kanacken, als dieser Begriff entstanden und salonfähig geworden ist (laut Wikipedia).

    Ich kenne viele Südamerikaner. Zu viele. Sie interessieren sich kaum für Politik oder soziale Themen. Aus diesem Grund ist es für mich kaum überraschend, dass die Ihnen bekannten Südamerikaner den Begriff auf sich selber nicht beziehen würden, denn sie besagten Begriff nicht mal kennen und wenn schon, dann ist ihnen dessen Bedeutung unbekannt. Ich bin übrigens mitnichten ein Mensch, der dem Unterschichtenmillieu zuzuordnen ist. Meine Eltern gehören der Oberschicht in meiner Heimat und hier wohne ich in einer guten Gegend.

    @Sugus:

    “Sie selbst bestätigen ja, daß ein “Deutscher türkischer Abstammung” in der Regel offensichtlich keine deutschen Verhaltensweisen pflegt (also ganz klar Mentalität und Verhalten nicht durch Deutschland geprägt sind)”.

    lol Sie erwarten wohl stereotypische Verhaltensweise, nicht? Sollen die Deutschen türkischer Abstammung (um mal ein Beispiel zu nennen) Gartenzwerge haben? Schlagermusik hören? Socken und Sandalen zusammen tragen? Ihre Kinder schlagen?

    Bevor jemand das übliche Argument über “perfekt integrierte Italiener oder Spanier” ins Spiel bringt, möchte ich nur sagen, dass die meisten der mir bekannten Deutschen italienischer oder spanischer Herkunft die “deutscheN” Verhaltensweisen nicht pflegen. Viele von denen äußern sich auch nicht unbedingt positiv über “Bio-Deutsche”. Warum sind sie denn “perfekt integriert”?

  3. Petrokat sagt:

    Hallo Pepe,

    ich habe die Diskussion nicht ganz verfolgt. Aber Ihre Aussage, dass Kinder schlagen eine genuin deutsche Eigenschaft wäre, so zumindest kommt es rüber, finde ich etwas, … äh … dreist:

    http://www.rabeneltern.org/index.php/wissenswertes/elternsein-wissenswertes/1244-kindesmisshandlungen-in-den-wohlhabenden-laendern

    Wissen Sie, dass man sowas als Volksverhetzung sehen könnte? Wäre doch schön, wenn wir uns alle nicht nur gegenseitig was vorwerfen. By the way, ich bin Portugiese. Und auch ich schlage meine Kinder nicht.

  4. MoBo sagt:

    @ Sugus: “Daß ein (West-)Deutscher es als frech empfindet, wenn Ausländer gegenüber (Ost-)Deutschen sagen “Wir waren zuerst hier” kommt Ihnen nicht in den Sinn?”

    Es ist ja nicht passiert, ich habe nur als Deutscher mit Migrationshintergrund (= kein Ausländer) gesagt, dass mir das durch den Kopf gegangen ist, denn mein Vater lebt nun einmal länger in der BRD als ein Ostdeutscher und der Ostdeutsche war frech gegenüber meinem Vater, ihm nach 35 Jahren in D in D “Willkommen” zu heißen. Ich war kurz davor, den richtig anzuschnauzen.

    Ich hoffe übrigens, dass die Diskussion hier zurück zur Problematik der rassistischen Ausgrenzung bei der Wohnungssuche kommt.

  5. Trauma sagt:

    @MoBo
    aber ihr Vater lebte nicht länger in Brandenburg das in Deutschland liegt als der Ost(Deutsche)
    aber sie haben eh eine sehr verdrehte Ansicht was Deutschland zur zeit der Teilung gewesen ist.
    BRD+ DDR = Deutschland

  6. MoBo sagt:

    Manche Leute sehen Rassismus eben erst dann, wenn ein offizieller Hakenkreuz-Aufkleber dranklebt.

  7. Optimist sagt:

    @MoBo

    Ich hatte letztes Jahr in Dresden ein ähnliche Erfahrung gemacht. Situation war folgende: Ich war bei einer Bank, um meine Studiengebühren zu überweisen. Das Erste, was die nette Dame am Schalter sagte, war: “Mol söhn, wos woa für Sie don können, wia wolln ja goinen Ogodemiker verlieren.” Ich dachte mir nur: “Was, nen Akademiker verlieren, weil ich meine Gebühren nicht rechtzeitig bezahle? Was soll denn das heißen? Glaubt die Gute, daß ich deswegen vllt sogar abgeschoben werde, oder war das nur aufs Studium bezogen?”. Ich habs bis heute nicht wirklich gecheckt.

    Bei einer anderen Situation war ich berufsbedingt irgendwo im Schwabenland und konnte beim besten Willen nicht verstehen, was der Meister von mir wollte. Als mir dann der Kragen platzte, hab ich dem Guten gesagt, er möge doch bitte Deutsch mit mir reden, ich könnte ihn (bzw den schwabischen Dialekt) nicht verstehen. Da bekam der plötzlich einen hochroten Kopf und tobte wie am Spieß. Ich verstand ihn trotzdem nicht.

  8. Pepe sagt:

    @Petrokat:

    Ich scheitere beim Versuch, Ihren Gedankengang zu verstehen. Eventuell leisten Sie mir Hilfe, denn ich weiß nicht warum Sie von sich behaupten müssen, Sie würden Ihr Kind nicht schlagen, obwohl ich an keiner Stelle dieser Diskussion irgendetwas über Portugiesen gesagt habe.

    Mein Kommentar bediente sich zugegebenermaßen eines Stereotypen, nach dem Deutsche ihre Kinder besonders hart und gar unmenschlich behandeln. Das war aber eine zielgerichtete Antwort auf den von Vorurteilen geprägten Kommentar eines anderen Benutzers.

  9. Farshid sagt:

    Hallo ich bin schon 3 jahren in Deutschland und wohne im asylantenheim seit 2 Jahren bin ich auf Wohnungssuche und hab viele Wohungen gefunden aber als die vermietern gewusst haben das ich Ausländern bin haben jedes mal ihre Meinung geändert oder haben sich nie mehr mit mir kontaktiert . Die Deutsche staat sagt von integration zwischen Deutsch und Ausländer aber wenn man richtig sieht es sind die deutschen die mit uns Ausländern nicht integrieren wollen aber jedes mal geben die median und viele deutschen den Schuld den Ausländern .ich bin 16 jahre alt und Ich werde ab nächsten Monat auf der Strasse leben weil ich nicht mehr im Asylantenheim bleiben darf und weil ich keine einzige Wohnung gefunden hab um mir die wohnung zu mieten .

  10. Sele sagt:

    “Ich hatte letztes Jahr in Dresden ein ähnliche Erfahrung gemacht. Situation war folgende: Ich war bei einer Bank, um meine Studiengebühren zu überweisen. Das Erste, was die nette Dame am Schalter sagte, war: “Mol söhn, wos woa für Sie don können, wia wolln ja goinen Ogodemiker verlieren.” Ich dachte mir nur: “Was, nen Akademiker verlieren, weil ich meine Gebühren nicht rechtzeitig bezahle? Was soll denn das heißen? Glaubt die Gute, daß ich deswegen vllt sogar abgeschoben werde, oder war das nur aufs Studium bezogen?”. Ich habs bis heute nicht wirklich gecheckt.”

    Mann Optimist, Sie SIND aber auch ein Sensibelchen… Sie muss man wirklich mit Samthandschuhen anfassen.


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