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Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Interview mit Hassan Eshkevari

Wie der Iran den Weg zur Demokratie schaffen kann

Nach dem arabischen Frühling fragen sich viele, wie es mit dem Iran weitergeht. Sind die Proteste gescheitert? Welche Rolle spielt der Islam bei der Weiterentwicklung? In einem Gespräch mit Hassan Yousefi Eshkevari, einer der renommierten iranischen Theologen und Kritiker, gehen wir diesen Fragen nach.

VONForough Hossein Pour

 Wie der Iran den Weg zur Demokratie schaffen kann
Die Autorin (39) ist mit 14 Jahren aus dem Iran nach Berlin gekommen. Sie hat mehrjährige Berufserfahrung als freie Autorin, Producerin und redaktionelle Cutterin. Ihre Schwerpunkte sind Iran und die islamische Welt. Zuletzt hat sie während der umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 aus Teheran für N24 berichtet. Oktober 2010 hat sie ihr Volontariat bei N24 erfolgreich absolviert.

DATUM9. November 2011

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RESSORTAktuell, Interview

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MiGAZIN: In einer Demokratie können religiöse Gruppierungen aber nicht ausgeschlossen werden. Was erwartet die Mullahs konkret in einem „säkularen System“ im Iran? Wird den Geistlichen dann etwa verboten, politisch aktiv zu sein?

Hassan Eshkevari: Nein, sie können weiterhin politisch aktiv sein. Denn es geht um eine Trennung zwischen dem Staat und der Religion und nicht um die Trennung von Politik und Religion.

Jedes Parteibuch, das sich im Rahmen einer demokratischen Verfassung bewegt, muss erlaubt sein. So können auch islamische Parteien politisch aktiv sein. Es gibt bei uns ja auch viele liberale islamische Gruppierungen. Möglich ist sogar, dass im Parlament, wie jetzt im Irak, einige Abgeordnete im „Mullah Gewand“ sitzen.

Hassan Yousefi Eshkevari (2000) während der Berlin-Konferenz, die zum Eklat und zu seiner Verhaftung im Iran führte © yousefieshkevari.com

Hassan Yousefi Eshkevari (2000) während der Berlin-Konferenz, die zum Eklat und zu seiner Verhaftung im Iran führte © yousefieshkevari.com

Voraussetzung dafür ist, dass diese Geistlichen keinen Sonderstatus für sich beanspruchen und sich ausschließlich als vom Volk gewählte Politiker sehen und nicht als Kleriker oder von Gott berufen.

Dennoch fände ich es besser, wenn jeder zu seinem Platz zurückkehrt und das macht, was er wirklich gelernt hat. Ich hoffe, dass die Mullahs in Zukunft primär ihren religiösen Aufgaben als Gelehrte, Prediger oder Islamwissenschaftler nachgehen.

MiGAZIN: Lassen Sie uns über die Proteste im Iran reden. Warum konnte die „Grüne Bewegung“ vor zwei Jahren nicht Ihre Ziele erreichen?

Hassan Eshkevari: Dies hat mehrere Gründe: die Umstände im Land und vor allem das dort herrschende System. Es hat also nicht, wie manche behaupten, mit den Oppositionsführen Mir Hossein Mousawi oder Mehdi Karoubi persönlich zu tun.

Man muss hier fairerweise sagen, dass sich die Ansichten von Mousawi und Karoubi geändert haben, nach dem brutalen Vorgehen des Staatsapparats gegenüber friedlichen Demonstranten. Sie entwickelten sich von sogenannten reformorientierten Präsidentschaftskandidaten zum tapferen Regimekritiker. Es war deutlich zu sehen, wie sich die Forderung der Bewegung mit der Zeit zugespitzt hat. Sie verlangten nicht nur freie Wahlen, Pressefreiheit und Freilassung aller politischen Gefangenen, sondern stellten wie nie zuvor auch die Rolle des religiösen Führers Khamenei in Frage.

Auch hier griff die Regierung hart ein und verhängte Mousawi und Karoubi Hausarrest – das schon seit vielen Monaten. Jede kleinste Kritik wird mit Gefängnis und Folter bestraft.

Dennoch: Auch wenn die Opposition nicht alle ihre Ziele erreicht hat, ist ihr doch eine wichtige Errungenschaft zu verdanken. Sie hat die Säulen des theokratischen Staats im Iran heftig ins Wanken gebracht.

Die Konflikte zwischen Ayatollah Khamenei und Präsident Ahmadinedschad innerhalb des Systems haben die islamischen Machthaber in eine aussichtslose Krise geführt. Die Anhängerschaft um Khamenei besteht heute überwiegend aus Militärkreisen. Ein Beweis dafür, dass der Glaube an einen religiösen Führer selbst unter den Klerikern stark abgenommen hat.

Ein weiteres besonderes Merkmal dieser Bewegung ist, dass die meisten jung sind und der mittleren Schicht mit guter Bildung angehören. Das bedeutet, dass sie ihre Ziele auf keinen Fall mit Gewalt erreichen möchte.

Eine Lehre aus unserer jüngsten Historie – die Revolution von 1979 – zeigt, dass fundamentale Änderungen in einer traditionsgebundenen Gesellschaft Zeit braucht.

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2 Kommentare
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  1. Caspar sagt:

    Der Iran ist schon eine Demokratie, nur nicht nach westlich-liberal-sekularem Muster. So muss eine Demokratie ja auch gar nicht sein.

    Solche Exilanten hätten es gerne wie in London, Paris und Berlin: Mit Minirock unterm Azaditurm am MTV-Studio in Tehran flanieren und sich danach in der nächsten Disko absetzen.

    Nur wollen das die Iraner nicht. Tja, pech gehabt Herrn Eshkevari.

  2. Mathis sagt:

    Der Iran ist eine Demokratie nach der Definition des iranischen Regimes, dass nach unserer „westlichen“ Definition eine Willkürherrschaft ist, in der die Bürger keine Rechtssicherheit genießen.
    Die iranische Gesellschaft ist , wie wir alle wissen, auch in der Beurteilung dessen, was sie unter „Demokratie“ versteht, zutiefst gespalten.
    Die sog. Grüne Revolution entstand aus dem Gefühl großer Ungerechtigkeit heraus und hatte als minimales Ziel eine unverfälschte Offenlegung der Wahlergebnisse.Dass dem Iran eine weiter gehende Revolte „erspart“ blieb,erklärt sich ausschließlich aus dem Maß an Brutalität, das die iranische „Demokratie“ gegen die Protestierenden aufzubieten hatte. Was die Iraner wollen, können sie unter den dort herrschenden Bedingungen nicht einmal hörbar artikulieren, es sei denn, sie befinden sich im Exil.



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