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Migration und Integration in Deutschland

Gedenken an Holocaust Teil unserer gemeinsamen Leitkultur.

Armin Laschet, Nordrhein-Westfälischer Integrationsminister, MiGAZIN, 28. Januar 2010

Ismail Ertuğs Meinung

Gelegenheit zur Versöhnung

Der Anschlag in Norwegen richtet sich gegen alle Demokraten, ob Muslime oder Christen. Ismail Ertuğ (SPD), Mitglied des Europäischen Parlaments, plädiert in seiner neuesten MiGAZIN Kolumne für mehr Toleranz und Offenheit.

VONIsmail Ertuğ

 Gelegenheit zur Versöhnung
Ismail Ertug (SPD) ist Mitglied des Europäischen Parlaments. Er ist Mitglied des Ausschusses für Verkehr und Fremdenverkehr. Außerdem ist er Mitglied der Delegation des Europäischen Parlaments für die Beziehungen zu Israel und der Delegation im Gemischten Parlamentarischen Ausschuss EU-Türkei. In seiner MiGAZIN Kolumne kommentiert er aus Straßburg. www.ertug.eu

DATUM3. August 2011

KOMMENTARE68

RESSORTAktuell, Meinung

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In den Stunden nach dem ersten Anschlag in Norwegen debattierten Journalisten, Intellektuelle, Professoren, Politiker, Islam-Experten, Sicherheitsexperten bereits eifrig Details: wie wird sich die liberale, demokratische Gesellschaft Norwegens verändern, wie geht sie in Zukunft mit Islam und Muslimen um? Wird es schärfere Sicherheitskontrollen geben? Wird Norwegen der ISAF seine Unterstützung entziehen oder umso stärker den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus führen? Bevor man überhaupt wusste, wer den Anschlag verübt hatte, wurde bereits über Konsequenzen diskutiert, weil es ja offensichtlich war, dass diese Anschläge wieder die Handschrift eines islamistischen Terroristen trugen. In Internetforen häuften sich sekündlich islamophobe Kommentare zu einem Haufen intellektuellen Unrats.

Das erschütterte Weltbild
All diese Spekulationen lösten sich auf, als das Bild eines blonden, blauäugigen und sich als christlich bezeichnenden Norwegers in den Medien kursierte. Mit diesem Erscheinungsbild hatte vermutlich keiner gerechnet und niemand konnte seine Tat erklären. Es passte nicht in das Weltbild, das Medien und Politik, zum Teil auch die Wissenschaft, seit dem 11. September 2001 beschwörten. Es waren diesmal keine islamistischen Gotteskrieger, die die Ungläubigen in der westlichen Welt angriffen und dafür selbst ins Paradies kommen sollten. Die Verunsicherung führte von diesem Zeitpunkt an zu einer von Grund auf neuen Suche nach Antworten. Der Umgang mit Vorurteilen wurde dabei vorsichtiger.

Norwegens Politiker allen voran: sie setzten die Tat des Fundamentalisten nicht mit dem Christentum und der Mehrheit der Christen gleich. Sie suchten keine Passagen in der Bibel, die man interpretieren könnte, um diese Tat zu legitimieren. Die norwegische Antwort auf dieses Verbrechen wird sogar noch mehr Offenheit und mehr Demokratie sein: Der norwegische Premierminister sagte, dass diese grausame Tat die norwegische Demokratie und das Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören könne.

Besonnenheit und ehrliche Fragen
Selbst der sonst gegen religiös motivierten Terror so offensiv ankämpfende deutsche Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich verhielt sich ruhig und steckte diesen Fall in die Kategorie rechts-extremer Einzeltäter. Hätte er auch so wünschenswert besonnen reagiert, wenn der Täter ein Muslim gewesen wäre? Auf der letzten Islamkonferenz bot Friedrich den muslimischen Verbänden eine Sicherheitskooperation mit den deutschen Behörden an. Dieses Angebot betrachteten viele Teilnehmer empört als Unterstellung, dass Muslime pauschal als potentielle Terroristen eingeschätzt werden. Nun redete Friedrich nicht davon, eine Konferenz der christlichen Gemeinden einzuberufen und ihnen eine Sicherheitskooperation anzubieten.

Damit hat er Recht. Natürlich sollte keine christliche Konferenz einberufen werden, denn Terror und Gewalt haben keine Religion. Gewalt entsteht aus Hass und aus Intoleranz, beides hat mit Religion, die aus der Liebe zum Nächsten lebt, nichts zu tun.

Der norwegische Weg
Deshalb ist es jetzt an der Zeit, festzustellen: Es fehlt an Toleranz in der muslimischen Welt gegenüber dem Westen. Und es fehlt auch an Toleranz im Westen gegenüber dem Islam und den Muslimen. Daran muss und kann jeder einzelne Muslim und Christ arbeiten. Wir müssen gemeinsam, so wie es Norwegen tut, gegen Vorurteile, Paranoia und Populisten vorgehen.

Die westliche Gesellschaft ist seit dem 11. September, den Anschlägen in Madrid und London verängstigt. Verantwortungslose mediale und politische Kampagnen führten zu einer Art Paranoia. Populisten wie Geert Wilders in Holland, seine Kollegen in Dänemark, Finnland, Frankreich, Österreich und Ungarn, profitieren von dieser Angst. Sie schüren sie und lassen sich von Verängstigten in die Parlamente wählen. Sie schaffen für Personen wie Thilo Sarrazin, den ich nicht als meinen Genossen betrachte und dessen Parteiausschluss ich nach wie vor befürworte, ein Klima, in dem aus Hassschriften Bestseller werden.

„Man wird doch wohl noch sagen dürfen“
Die Floskel „Man wird doch wohl noch sagen dürfen“ ist deshalb so inakzeptabel, weil sie erstens ein Redeverbot unterstellt, zweitens aus dem Sprecher eine Art Märtyrer für die gerade von ihm selbst eingeschränkte Redefreiheit macht und drittens, weil ihr meiner Erfahrung nach große Sinnleere folgt.

Während Muslimen erklärt wird, dass sie Demokratie, freie Meinungsäußerung und Menschenrechte achten sollten, wird oftmals vergessen, zu Hause über den Islam aufzuklären, Vorurteile als solche zu enttarnen und für Toleranz zu werben. Wollen wir uns von Profit gesteuerter Presse und Populisten auf einen Wissensstand des Mittelalters und der Kreuzzüge reduzieren lassen?

Der Höhepunkt in diesem Zusammenhang ist vermutlich, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den umstrittenen dänischen Karikaturisten Westergaard mit dem Medienpreis für Pressefreiheit würdigte. Dies war eine Ohrfeige für Millionen Muslime in Deutschland. Die Kanzlerin hat eine sonderbare Interpretation für Freiheit. Sie hat nicht begriffen, dass die eigene Freiheit dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt. In diesem Fall könnte man meinen, dass die Freiheit und die Gefühle von Muslimen weniger wert sind, als die Karikaturen eines dänischen Künstlers. Westergaard bedauerte es nie, dass aufgrund seiner Karikaturen eine erhebliche Welle der Gewalt ausbrach, bei der Menschen ihr Leben ließen. Es gehört nicht viel Mut dazu, die Gefühle von 1,5 Milliarden Menschen zu verletzen, sondern Bosheit, Arroganz und Dummheit.

Nach aktuellem Wissensstand war der Norweger Anders Breivik Einzeltäter, aber er war gewiss kein Einzeldenker. Seine Tat ist der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Islamfeindlichkeit in unserer Gesellschaft hat sich sogar gegen uns selbst gewendet. Anders Breivik erschoss 68 junge Menschen, weil diese explizit keine Islamhasser waren und an eine freie und multikulturelle Gesellschaft glaubten.

Wir dürfen und müssen noch Vieles sagen
Ja, man wird noch vieles sagen dürfen und müssen: Zum Beispiel, dass wir uns das Gut der Aufklärung, die Religionsfreiheit, die Trennung von Glauben und Staat nicht von fundamentalen Muslimen, Christen oder sonstigen Hetzern zerstören lassen sollten. Das dies möglich ist und auf welche Weise, beweisen uns gerade die Norweger.

Liebe Mit-Europäer und Mit-Menschen im hohen Norden, wie tapfer ihr mit dem Schmerz umgeht, der euch angetan wurde, geht uns nahe. Wir trauern mit euch. Wir fühlen uns durch diesen Hass, der sich gegen Menschlichkeit richtet, ebenfalls verwundet. Europas Bürgerinnen und Bürger können von den Norwegern lernen, die sich egal ob christlich oder muslimisch, nicht spalten lassen. Ein Attentäter wollte Hass säen er hat aber dafür gesorgt, dass das Land in seiner Trauer selten so geeint war, wie jetzt in der Verteidigung von Toleranz und einer offenen Gesellschaft.

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68 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. zulu sagt:

    Hallo Herr Brux, ich darf Sie zitieren:

    „Lutheros, Sie zeigen, dass Ihr Interesse in einer Radikalisierung der Muslime besteht. Sie gehen sogar so weit, dies zu fördern.
    Ich ziehe folgenden Schluss daraus:
    Je radikaler, je extremer, je bösartiger Muslime in Deutschland auftreten, desto leichter kann man sie — abschieben, deportieren, aus der deutschen Gesellschaft entfernen.

    Ihr Ziel ist also die ethnische Säuberung Deutschlands von gläubigen Muslimen.

    Die geht natürlich nicht, wenn sich Muslime bei uns tatsächlich integrieren. Also schreiben Sie hier gegen die Integration der Muslime an, indem Sie denen, die nicht extremistisch sind, vorwerfen, keinen “schlüssigen” Islam zu vertreten.“

    Was würden Sie denn im Gegenzug mit ihrem Hauptfeind, den andersdenkenden Islamkritikern machen? Umerziehungslager? Ist Ihr Ziel eventuell die Säuberung von Islamkritikern? Was steht denn bei Ihnen am Ende? Erzählen Sie doch mal bitte, das würde mich interessieren.

  2. Leo Brux sagt:

    Europa,
    genau auf diese Fragen habe ich heute um 10.30 Uhr eine Antwort gegeben.
    Haben Sie sie nicht gelesen?
    Nein? – Dann lesen Sie sie bitte und gehen DARAUF ein.

    (Glauben Sie wirklich, dass die 4 Millionen Muslime, die hier und heute in Deutschland leben, glauben, sie würden hier und heute in Mekka oder Medina des Jahres 632 leben? – Wenn Sie es glauben, dann zeigen Sie uns am Verhalten der Muslime in Deutschland, dass dem so ist. De facto leben sie ein ziemlich zeitgenössisch deutsches Leben, mit ein paar kulturellen Eigenheiten, von denen mir die meisten eher sympathisch sind.)

  3. Leo Brux sagt:

    ich spreche von Gewalttätern türkischer, arabischer und russischer Herkunft. Sie sollten mal öfter einen Blick in die Zeitungen werfen, dann kommen sie von selbst darauf.

    Hammercastle,
    ich würde IHNEN empfehlen, sich nicht zu sehr auf die sensationsorientierten Medienberichte über Verbrechen zu verlassen, wenn Sie das Gefahrenpotential angemessen einschätzen wollen, sondern auf die offizielle Polizeistatistik. Die zeigt, erstens, dass Deutschland ein vergleichsweise sicheres Land ist, zweitens, dass Deutschland heute sicherer ist als früher (dass die Kriminalität sinkt), drittens, dass es sich bei der höheren Kriminalitätsbelastung einzelner Gruppen primär um ein Unterschichtsproblem, um ein soziales Problem handelt – es war schon immer so, dass die Kriminalität in der Unterschicht stärker war als insgesamt.

    Persönlich lebe ich seit 1969 in einem Münchner Stadtteil, der einen selbst für München überproportionalen Ausländeranteil hat, zurzeit ca. 25 Prozent (das entspricht wohl dem Anteil in den Berliner Problembezirken), einen Anteil von Einwohnern mit Migrationshintergrund von etwa 40 Prozent. Nicht nur, dass mir nie irgendwas passiert wäre, ich kenne auch niemanden hier, dem jemals etwas passiert ist. Einmal hab ich davon gehört, dass Schüler andere, jüngere Schüler beraubt haben. Ein andermal, dass sich an einer bestimmten Stelle ein paar Jugendliche „auffallend“ zu versammelt pflegten und dass zwei von denen dann später als Einbrecher gefasst worden sind. Das ist so die Bilanz in einem Stadtviertel mit fast 40 000 Einwohnern über Jahrzehnte hinweg. Also spricht auch meine persönliche Erfahrung in einem Brennpunkt mit besonders hohem Ausländeranteil nicht unbedingt dafür, dass es sich um mehr als um ein marginales Problem handelt.

    Auch marginale Probleme schaffen es, unter Sensationsgesichtspunkten in den Medien breit getreten zu werden. Ist ja auch durchaus interessant, ich hab da nichts dagegen. Aber ich erwarte mir von erwachsenen Mediennutzern eine erwachsene Verarbeitungsfähigkeit.

    Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann sagen Sie eigentlich auch selber: In Ihrem Erfahrungsfeld gab und gibt es eigentlich keine nennenswerten Probleme mit Migranten.

    Dann nehmen Sie Statistik und diese Erfahrung zusammen und lassen Sie sich nicht vom Medienecho der – statistisch gesehen – seltenen Fälle der Ausländerkriminalität irre führen.

  4. Leo Brux sagt:

    @ zulu:

    Nein, zulu. Ich würde mit ihnen gar nichts machen. Es gibt in Deutschland ein bewährtes Recht auf Meinungsfreiheit, und die erlaubt auch das Hetzen und das Spinnen. Ich lasse also meine „Hauptfeinde“ tun, was sie so gerne tun, und setze mich fleißig vor den Computer und diskutiere mit ihnen. Solange ein Breivik nur Manifeste verfasst und keine Bomben baut und keine Jagdvorbereitungen zum Abschießen von sozialdemokratischen Jugendlichen trifft, ist offensichtlich alles im Rahmen unserer FDGO.

    Ich dachte früher einmal, dass das Hetzen gegen einzelne Bevölkerungsgruppe bei uns kulturell tabu und rechtlch durch den Paragraphen gegen Volksverhetzung sanktioniert ist, aber das scheinen die Justiz, die Politik und die Öffentlichkeit nicht so zu sehen, außer, wenn es um Juden geht.

    Also: Ihr habt freies Schussfeld. Verbal. Schreibend und redend.

    Allerdings finde ich – nach dem uns Breivik darüber aufgeklärt hat, dass aus Hetzern und Spinnern auch Gewalttäter werden können, wenn sie es nämlich satt haben, immer bloß den Maulhelden zu spielen – dass wir da vorsichtiger werden müssen. Vermutlich wird es mehr Breiviks geben, auch welche in Deutschland.

    Was kann man da machen? – Nur hoffen, dass ein solcher deutscher Breivik von euch (!) rechtzeitig erkannt und dem Verfassungsschutz gemeldet wird. IHR, die Rechtspopulisten, ihr müsst erkennen, ob und wann einer von der verbalen Gewalt zur handgreiflichen übergeht. Und die Person dann zu stoppen versuchen.

    Werdet ihr das machen?

  5. Europa sagt:

    @Leo Brux
    „Das ist noch viel einfacher als das, was Sie bei Vogel und Co. finden. Aber bleiben Sie nur dabei, dass Sie nur einen dogmatischen und extremistischen Islam schlüssig finden wollen. Das entspricht vermutlich Ihrer Denkungsart. Auf das wirkliche Leben und seine Vielfalt und lebendige “Schlüssigkeit” wollen und können Sie sich nicht einlassen. “

    Es geht ja nicht darum dass ich den Pierre-Vogel-Islam als schlüssiger empfinde (ganz im gegenteil!!!), aber man hat einfach das Gefühl (zumindest als Aussenstehender), dass die Salafisten und Wahabiten einen Islam predigen, den der dumme Mensch versteht, weil er ganz einfach alles wortwörtlich nimmt und daran hält man sich sonst droht die Hölle oder der Tod. Aber bei dem gemässigten Islam, habe ich das Gefühl die Interpreten müssten öfter schon mal „Tricks“ anwenden, damit es den Gläubigen nicht zu absurd wird, weil es einfach keine Logik mehr gibt.

    Also stelle ich fest: Der (gemässigte) Islam ist eine höchstkomplexe Religion, von der die meisten Muslime nichts verstehen, weil sie es nicht verstehen können, weil sie es nicht studiert haben. Und wenn man den Islam nicht studiert hat, dann kann es gut sein, dass man als nicht studierter Muslim nicht merkt, dass man gerade einer radikalen Gruppierung beigetreten ist.
    Das ist doch die eigentliche Gefahr! Und woher sollen, denn die Muslime in einer Moschee wissen, ob das was der Imam gerade predigt, seine eigene Meinung ist oder auf dem Koran beruht?
    Bei den Christen scheint es viel einfacher zu sein, da mir noch nie irgendjemand erklärt hat ich müsste Theologie studieren um die Bibel zu verstehen oder um daraus zitieren zu dürfen!

  6. Europa sagt:

    @Leo Brux
    „IHR, die Rechtspopulisten, ihr müsst erkennen, ob und wann einer von der verbalen Gewalt zur handgreiflichen übergeht. Und die Person dann zu stoppen versuchen.

    Werdet ihr das machen?“

    Sie brauchen keine Angst zu haben Herr Brux, bei Migazin gibt es keine Rechtspopulisten und dass das gleiche nächste Woche auch von einem Linkspopulisten, wie IHNEN, ausgeführt werden könnte, das sollte man auch nicht herunterspielen!
    Sie wollen doch nicht etwa pauschalisieren Herr Brux? oder gleich eine ganze politische Klasse unter Generalverdacht stellen?
    (Ich wollte das schon immer einmal schreiben!!!)

  7. Leo Brux sagt:

    Europa,
    es ist genau anders herum, als Sie sagen.

    Der (gemässigte) Islam ist eine höchstkomplexe Religion, von der die meisten Muslime nichts verstehen, weil sie es nicht verstehen können, weil sie es nicht studiert haben.

    Lesen Sie halt nochmal meine Argumentation. Der Islam des muslimischen Alltags in Deutschland ist sehr sehr einfach. Und der Koran spielt überwiegend nur als Rezitationstext eine Rolle. Da er Arabisch ist, versteht man ihn ohnehin nicht. Man nimmt sich die paar Suren, die man brauchen kann – in Übersetzung und im Original zum Rezitieren, und damit hat es sich – für den normalen Muslim. Die Imame unterstützen diese Tendenz. Das Wesentliche sind die fünf Grundpflichten und die spirituelle Dimension, der Glaube an sich, und einige eher kulturelle Traditionen, soweit sie ins Alltagsleben in Deutschland passen.

    Was passiert, wenn ein Salafist an einen solchen normalsterblichen Muslim in Deutschland herantritt und sagt: Abtrünnige müssen hingerichtet werden! (Zum Beispiel.) – Der brave Muslim zieht die Stirn kraus und sagt: Willst du ein gottverdammter Mörder werden, Bruder? Der Islam ist eine Religion des Friedens und des Anstands und der Menschlichkeit und der Barmherzigkeit. Lass mich in Ruhe mit deinem Irrsinn.

    Woraufhin der Salafist den Koran zückt, den passenden Vers heraussucht und ihn erst in Arabisch, dann in deutscher oder türkischer Übersetzung vorliest. Und er sagt: DAS ist Gottes Wort.

    Daraufhin der normalsterbliche brave Muslim in Deutschland: Du anmaßender Mensch! Glaubst du, das Wort Gottes so bösartig missverstehen zu dürfen! Sprich mit unserem Imam in unserer Moschee darüber, er wird dich aufklären, wie diese Stelle zu verstehen ist!

    (Unser braver Muslim ist nämlich kein Theologe und maßt sich nicht an, was sich der naiv-arrogante Salafist und der ebenso naiv-arrogante Islamfeind ständig anmaßen: die Interpretation problematisch erscheinender Stellen im Koran.)

    Was kann der Salafist jetzt noch ausrichten? – Nichts. Der brave Muslim ist nicht so blöd, dass er sich von einem fanatischen Deppen verführen und unglücklich machen lässt.

    Dass es in der Regel so läuft, zeigt die Praxis. Die Salafis haben wenig Chancen. Nur bei frustrierten Jugendlichen kommen sie gelegentlich mal an.
    Und bei Ihnen, Europa, und bei Lutheros. Wärt ihr beide Muslime, ihr wärt gewiss Salafis.

  8. Leo Brux sagt:

    Europa,
    wahlstimmenmäßig fallt ihr noch nicht ins Gewicht. Zu einer „politischen Klasse“ reicht es also noch nicht.

    Wer gegen den Islam hetzt und glaubt, der Islam könne sich nicht intergrieren, und wir würden eine Islamisierung Europas erleben, der teilt Breiviks Gedankenwelt und macht uns deutlich, dass er potentiell gefährlich ist – gefährlich wird genau dann, wenn er es satt hat, bloß immer zu reden.

    Mit Breivik stehen alle diejenigen unter Verdacht, die glauben, dass die Gefahr so groß ist, dass eigentlich alle Mittel erlaubt sein müssten, um etwas gegen sie zu tun.

    Wie ist das bei Ihnen, Europa?
    Ich nehme mal an, dass Sie die Gefahr nicht so hoch einschätzen, jetzt, nachdem Breivik Sie doch etwas geschockt und zur Besinnung gebracht hat. Dann stehen Sie auch nicht unter Verdacht. Aber sagen Sie selbst: Geht Europa der Islamisierung entgegen, Wie Breivik es behauptet?

  9. Europa sagt:

    @Leo Brux
    „Und bei Ihnen, Europa, und bei Lutheros. Wärt ihr beide Muslime, ihr wärt gewiss Salafis.“

    Bin ich aber nicht! Komisch, oder? Ich hinterfrage nämlich und zwar alles und das scheint ihnen zu schaffen zu machen.

    „Wie ist das bei Ihnen, Europa?
    Ich nehme mal an, dass Sie die Gefahr nicht so hoch einschätzen, jetzt, nachdem Breivik Sie doch etwas geschockt und zur Besinnung gebracht hat. Dann stehen Sie auch nicht unter Verdacht. Aber sagen Sie selbst: Geht Europa der Islamisierung entgegen, Wie Breivik es behauptet?“

    Ich habe wahrscheinlich genau das gleiche gedacht wie sie Herr Brux, nämlich, dass der Typ ein total durchgeknallter Irrer ist. Und nein ich habe keine angst vor der Islamisierung Europas. Ich will die Muslime ja nicht mal loswerden oder desgleichen, das ist ja auch immer das absurde an ihren Unterstellungen!
    Ich bin nicht angstgelenkt und weiss, dass Europa nicht ein Problem mit den Muslimen hat sondern die Muslime mit Europa. Also genau umgkehrt wie bei Breiviek. Und ich verabscheue jede Anwendung von Gewalt gegenüber Muslimen in Europa und auch gegen alle anderen Menschen auf diesem Planeten.
    Ich bin liberaler und offener, als Sie Herr Brux. Also wenn sie mich mit irgendeinem vergleichen wollen, dann bitte mit Henryk Broder.

  10. Leo Brux sagt:

    Europa,
    das alles hör ich gern, nur beim letzten Satz wundere ich mich ein bisschen – Sie scheinen Broder nicht oder nur selten gelesen zu haben. Warnt nicht Broder vor der Islamisierung und davor, dass wir vor dieser Islamisierung kapitulieren?
    Es kann natürlich sein, dass da in den letzten Tagen ein Umdenkungsprozess statt gefunden hat. Broder glaubt ja in der Regel auch nicht, was er selber so vor sich hin polemisiert. Mir sind da kürzlich ein paar interessante und ungewohnte Töne bei ihm aufgefallen, etwa, wenn er plötzlich darauf hinweist, dass er als Schweizer gegen das Minarettverbot gestimmt hätte.

    Dass Breivik einfach ein durchgeknallter Irrer ist, halte ich für falsch. Es ist etwas Irres in ihm – die Annahme nämlich, dass Europa islamisiert werde, und dass Norwegen zu einer früheren nationalen oder völkischen Reinheit zurückkehren müsse. Der Mann glaubt das wirklich! Dass er dann die Konsequenzen aus seinen Überzeugungen zieht, indem er fast 70 junge Sozialdemokraten ermordet, ist eigentlich nicht das Verrückte. Es ist strategisch idiotisch gedacht, natürlich, Breivik irrt sich in der Wirkung dessen, was er getan hat. Aber die Verrücktheit selber liegt in der Annahme der Islamisierung Norwegens, vor der Breivik das Land natürlich retten muss, wenn es denn wirklich stimmen würde, dass das Land islamisiert wird und dass die Sozialdemokraten (die Kulturmarxisten) diese Islamisierung vorantreiben.

    Wenn ich zum Beispiel paranoischerweise annehmen würde, dass SIE, Europa, mich umbringen werden, und dass keiner Sie daran hindern wird, weil niemand mir glauben wird, dass Sie das tun werden — was könnte ich dann machen? Ich könnte Sie präventiv umbringen, damit Sie mich nicht umbringen. Das wär vielleicht auch falsch, aber der eigentliche Fehler – die Verrücktheit – liegt in meiner paranoischen Annahme, nicht in der eigentlich nicht ganz unlogisch daraus folgenden präventiven Mordtat.

    Aus verrückten Gedanken folgen schlimme Taten. Drum lohnt es sich, die Taten zurückzuverfolgen auf die Gedanken, von denen sie ausgehen. Dieser Instinkt hat mich als junger Mensch davon abgehalten, Kommunist zu werden. Ich hab fasziniert von den Taten gelesen, von Stalins Gulag, von der Mauer und den Morden an Flüchtenden — und DAS war es, was mich gestoppt hat. Die Ideen selber sind mir suspekt geworden, weil sie zu Taten geführt haben, die ich nicht akzeptieren konnte. Andere gehen umgekehrt vor. Sie beharren darauf, erst einmal ihre Theorie aufzustellen, und dann folgern sie kühl und kalt, was zu tun ist. Das kann unendlich brutal werden, wie etwa bei den Nazis.

    Ich gehe aus von dem, was wir als warmherzige, offene, nach Anerkennung strebende, liebesbedürftige, verletztliche Menschen tun – ich gehe vom „Gutmenschlichen“ aus. Für mich war das Attribut „Gutmensch“ immer ein Ehrentitel, den mir die Hetzer von PI und ihre Gesinnungsgenossen ungefähr 1000 mal als vermeintliches Schimpfwort an den Kopf geschmissen haben.

    So gehe ich auch bei den Muslimen davon aus, was sie wirklich tun, wie sie wirklich leben. Und schließe von da aus auf ihre wirklichen Gedanken. Ich mach das nicht wie Lutheros und so viele andere, dass ich zuerst eine abstrakte Gedankenwelt konstruiere, und dann von daher auf das schließe, was die Menschen tun werden.

    Im Falle der Hetzschreiber schließe ich vom Tun – dem Hetzen – auf das, was sie wirklich denken und auf das, was sie eigentlich gern täten, wenn sie es tun könnten. Der Gedanke geht da vom Tun (dem Hetzen, der Hasspredigt) auf die Gedanken (der sogenannten Islamkritik) zurück auf potentielle Taten bzw. auf die mögliche politische Agenda.


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