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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Standpunkt

Wenn der Lehrerberuf interkulturell werden soll

Erst wenn desaströse Situationen wie an der Rütli-Schule in die Öffentlichkeit gelangen, wird der Ruf nach „Lehrern mit Migrationshintergrund“ laut. Die Suche nach ihnen erweist sich vielfach schwieriger. Denn es gibt von ihnen immer noch zu wenige.

VONMusa Bağraç

geb. 1977 in Hamm/West- falen, arbeitet als Lehrer für Pädagogik, Sozialwissen- schaften und Praktische Philosophie in Geseke. Bağraç promoviert in Münster in Erziehungswissenschaft und engagiert sich seit 1999 für den interreligiösen Dialog. Bağraç ist Schulbuchautor und Mitarbeiter der muslimischen Zeitschrift Die Fontäne. Er schreibt für deutsch- und türkischsprachige Publikationen.

DATUM5. Mai 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Während in Deutschland 30% der Schülerschaft einen Migrationshintergrund aufweist, liegt dieser Anteil unter Lehrerkräften bei gerade mal einem Prozent. Die meisten der hierzu gezählten Lehrkräfte sind zudem noch Muttersprachenlehrer, die nicht wirklich als fester Bestandteil des Lehrerkollegiums verstanden werden. Woran liegt es wohl, dass die gesellschaftliche Vielfalt in Lehrerzimmern nicht abgebildet wird? Liegt es eventuell daran, dass unter Migranten der Lehrerberuf auf geringes Interesse stößt oder dass die Bildungsbenachteiligung sogar bis ins Lehrerzimmer hineinwirkt?

Wie die Antwort auch ausfallen mag, das NRW-Schulministerium hat 2006 auf den Punkt gebracht: Die Schulen brauchen mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Sie sollen darin mit ihren interkulturellen Kompetenzen eine Mittlerfunktion übernehmen. Eigens dafür wurde auch das „Netzwerk der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“ ins Leben gerufen. Dieses Netzwerk soll zum einen die adressierten Lehrer untereinander vernetzten und zum anderen soll es für den Lehrerberuf unter Migranten werben.

„Ein normaler Lehrer ist ethnisch Deutsch und kommt aus der bürgerlichen Mitte.“

Unlängst wurde die Bedeutung von Lehrern mit Migrationshintergrund auch durch die Wissenschaft bekräftigt. Einer Studie der Freien Universität Berlin geht hervor, dass Lehrer mit Migrationshintergrund, oft ein größeres Vertrauensverhältnis zu ihren Schülern unterhalten. Während sie mit ihren Schülern im Unterricht vorbildhaft Deutsch sprechen, pflegen sie außerhalb des Unterrichts mal auch in ihrer Muttersprache zu sprechen. Diese Schüler erleben, dass ihre Muttersprache und auch sie so wie sie sind anerkannt werden. Vielmals können diese Lehrer ihren Schülern auch praktische Ratschläge zur Überwindung von sprachlichen und kulturellen Problemen mitgeben. Zwischen Elternhaus und Schule fungieren sie zudem noch als willkommene Brücken. Die Studie geht davon aus, dass Lehrer mit Migrationshintergrund langfristig die interkulturelle Öffnung der Schule zufolge haben wird.

Das Land braucht mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. In diesem Punkt sind sich Politik und Wissenschaft einig. Dennoch gilt entschieden zu fragen, wie die Anwerbung und Rekrutierung solcher Lehrkräfte tatsächlich aussieht? Diese Frage betrifft den Kern der Aufgabe. Denn letztendlich werden in Studienseminaren, die für die Lehrerausbildung verantwortlich sind darüber entschieden, wer den Zugang zum Lehrerberuf erhält oder wer nicht. Deshalb lässt sich fragen, inwieweit genau diese Institutionen auf den gesellschaftlichen Wandel vorbereitet sind. Bewertet man die Anwesenheit von Referendaren mit Migrationshintergrund als Chance oder als lästige Randerscheinung?

Inzwischen kann ich auf viele Erfahrungsberichte von Lehrern und Referendaren mit Migrationshintergrund aus meinem persönlichen Umfeld zurückgreifen. Diesen Berichten zufolge herrsche in der Vorstellung der Ausbilder das folgende Metamodell vor: Ein normaler Lehrer ist ethnisch Deutsch und kommt aus der bürgerlichen Mitte. Ähnliche Äußerungen teilten auch ehemalige Referendare mit, die letztendlich das Handtuch warfen, weil sie sich unsichtbaren und unüberwindbaren Mauern ausgesetzt fühlten. Vorsichtig könnte man diesen Aussagen zufolge formulieren, dass die Mechanismen der institutionellen Diskriminierung, wie sie von Mechtild Gomolla für die Schule formuliert wurden, auch in der Lehrerausbildung gegenwärtig sind. Wenn dem so ist, dann sind möglicherweise viele Studienseminare keineswegs auf der Höhe der Zeit.

Auf der einen Seite wird der Ruf nach Lehrern mit Migrationshintergrund immer lauter, während anscheinend genau diesen Lehrern das Leben im Referendariat unnötig erschwert wird. Schimmert hier etwa die überwunden geglaubte Defizitperspektive der Ausländerpädagogik durch, die nur so nach Homogenität schreit? Werden etwa Lehrer etwa an der gesellschaftlichen Realität vorbei ausgebildet? Die politische und gesellschaftliche Tragfähigkeit der Lehrerausbildung steht im Raum.

„Allein zu sagen, wir wünschen uns mehr Lehrer mit Migrationshintergrund reicht nicht aus.“

Allein zu sagen, wir wünschen uns mehr Lehrer mit Migrationshintergrund reicht nicht aus. Studienseminare sollten durch interkulturelle Öffnung lukrativer ausgestaltet werden. Nur so werden sie der politischen und gesellschaftlichen Forderung im Dienste der Gesellschaft zu stehen gerecht werden können. Wie ist aber die interkulturelle Öffnung der Studienseminare zu verstehen?

Zunächst gibt die interkulturelle Öffnung eine Umgestaltung der Ausbildungskultur wieder: Weg von der defizitorientierten, hin zu einer potenzialorientierten Ausbildung. Ein Umdenken der verantwortlichen Ausbilder ist von unsäglicher Bedeutung. Doch allein der gute Wille ist noch kein Garant fürs Gelingen. Vielmehr ist eine obligatorische Bestimmung notwendig. Eine solche Lehrerausbildung kann dann Fortbildungen hinsichtlich der interkulturellen Kommunikation, des Religions-, Geschlechterrollen- und Werteverständnisses, usw. als fester Bestandteil der Lehrerausbildung beinhalten. Diese Ausbildung ist für alle Lehrer wichtig, denn der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund steigt stetig. Die interkulturelle Lehrerausbildung würde den gesellschaftlichen Status quo abbilden: Kulturelle Vielfalt ist der Normalfall.

Eine gesetzliche Regelung würde einer Selbstverpflichtung der Ausbilder vorzuziehen sein, damit es nicht in Willkür ausartet. Anwendungen in anglophonen Ländern könnten für Deutschland richtungweisend sein. Denn das Rad braucht nicht neu erfunden werden. Dafür sollten zunächst überholte Kategorien, wie z.B. Homogenität, Defizitperspektive, Anpassung, usw. überwunden werden. Denn sie haben Metamodelle zufolge, die ständig Defizite und Krisen produzieren und der schulische Realität nicht gewachsen sind.

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30 Kommentare
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  1. Jos. Blatter sagt:

    „Das Land braucht mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. In diesem Punkt sind sich Politik und Wissenschaft einig.“
    So, So, Politik und Wissenschaft sind sich einig.
    Also, vielleicht wäre es für die türko-islamische Gruppe vorteilhafter sich weniger an Politiker wie Roth und Laschet, oder Wissenschaftlern wie Bade und Fourotan zu halten, sondern die Meinung der Bevölkerung zu akzeptieren.
    Eben vorteilhafter.

  2. Dr. Rita Zellerhoff sagt:

    Studiemseminare sind nicht allein für die Lehrerausbildung zuständig, Bevor sie Lehramtsanwärter oder Referendare aufnehmen können, müssen diese zunächst an einer Universität studieren und das erste Examen für das Lehramt ablegen. Ich habe weder in meiner Tätigkeit an einer Förderschule, noch bei meinen Abordnungen an eine Universität und an ein Studienseminar Probleme in der Ausbildung der jungen Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund erlebt, vielmehr waren diese Menschen ausgesprochen engagiert.
    Will man Migrantinnen und Migranten für den Lehrerberuf gewinnen, muss die Werbung bereits während der Studienberatung vor dem Abitur beginnen, wie ich es beispielhaft in einem Schülercampus der Zeit-Stiftung erlebt habe.

  3. Haha sagt:

    Sagen sie es doch deutlich und verbrämen es nicht so verschämt: Muslimische Lehrer, sie wollen mehr muslimische Lehrer, um die Separation dieses Bevölkerungsteils noch um eine weitere Facette zu bereichern.

    Zitat: „Deshalb lässt sich fragen, inwieweit genau diese Institutionen auf den gesellschaftlichen Wandel vorbereitet sind.“

    Wir wollen keinen gesellschaftlichen Wandel, akzeptieren sie das. Wenn ihnen diese Gesellschaft nicht gefällt, dann gehen sie bitte in die Türkei.

  4. Mika sagt:

    Der gesellschaftliche Wandel vollzieht sich immerwährend, aber leider haben Sie das wohl noch nicht mitbekommen! Sie können ja auch das Weite suchen, wenn es Ihnen nicht passt *LOL haha*

  5. Demirkan sagt:

    Dass die Mechanismen der institutionellen Diskriminierung auch in der Lehrerausbildung gegenwärtig sind, kann ich nur bestätigen – aus eigenen Erfahrungen und aus Erfahrungen in meinem Umfeld. Es herrschen Vorurteile bei den Ausbildern und bei den Kollegen. Der kleinste Sprachfehler wird einem nicht verziehen.

  6. Leon sagt:

    @ Demirkan
    Keine Sorge, die Migrantenquote im öffentlichen Dienst in NRW soll systematisch erhöht werden. In nächster Zukunft dürften autochthone Lehramtsbewerber kaum mehr Chancen auf Anstellung selbst bei bester Qualifikation haben. Da kommt es auf kleine Fehler nicht mehr an.

  7. Sugus sagt:

    @ Demirkan
    Das ist ja auch richtig so, daß Sprachfehler nicht verziehen werden. Wie sollen Lehrer Deutsch oder in Deutsch gut unterrichten, wenn sie diese Sprache nicht fehlerfrei beherrschen? Warum entscheiden sich Migranten, die Gymnasium und Studium hinter sich haben und immer noch nicht richtig Deutsch können, ausgerechnet für den Lehrerberuf?
    PS: Die Amis sind da noch gnadenloser.

  8. Mika sagt:

    @Sugus
    Demirkan hat von einem kleinen Sprachfehler gesprochen, aber Sie müssen das gleich in ein Nicht-Beherrschen-der-deutschen-Sprache umwandeln! Sehen Sie? Schon sind Sie wie immer in die Pauschalisierungsspirale gerutscht!
    Abgesehen davon gibt es auch viele viele Ursprungs-Deutsche, die ihre eigene Muttersprache nicht beherrschen: Da treten dann Sätze wie „Ich muss nach Aldi“ oder „das ist Jan sein Fahrrad auf“….also DA schmerzen mir richtig die Ohren! ! !

  9. Mehmet Yörük sagt:

    Ich kenne da noch bessere Punkte, wie z.B.: Was sagt ein Deutscher, wenn er einen Unterschied zum Ausdruck bringen will? Na klar „wie“ statt „als“. Ein Beispiel: ich bin besser wie du. Oder statt des Genitivs benutzt er den Dativ: Ich bin wegen dem Buch hier. 🙂
    Verwechselt aber ein Türke mal den Dativ und den Akkusativ, schon wird er des besseren belehrt, warum? Na, um dem Türken mal so richtig zu zeigen, dass man hier Deutsch wie Deutsch spricht. Anscheinend ist das ein deutsches Phänomen. Vielleicht kann man das ja als Sprachrassismus bezeichnen.Was meint ihr?

  10. Mika sagt:

    Ich sage nur: Deutsche Sprache – schwere Sprache; hat Gültigkeit für ALLE!


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