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Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Bestandsaufnahme

Zugewanderte und ihre Nachkommen in Hartz IV

Die im Kontext des in den vergangenen Jahren intensiviert geführten Integrationsdiskurses immer wieder gehörte Aufforderung zur Integration und zum sozialen Aufstieg durch Bildung würde erheblich an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn …

VONMatthias Knuth / Martin Brussig

Martin Brussig - Dr. phil., geb. 1967, wissenschaft- licher Mitarbeiter am IAQ der Universität Duisburg-Essen. / Matthias Knuth - Dr. rer. pol., geb. 1949; Professor am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, Leiter der Forschungsabteilung "Entwicklungstrends des Erwerbssystems".

DATUM15. April 2011

KOMMENTARE2

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ)

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Handlungsorientierungen und Organisationspraxis der Jobcenter
Sowohl die Geschäftsführung als auch die Mitarbeiter der Grundsicherungsstellen sind sich bewusst, dass ein beträchtlicher Teil der SGB-II-Leistungsbezieher einen Migrationshintergrund hat. Als statistische Grundlage für Controllingprozesse steht den Jobcentern aber nur das Merkmal „Staatsangehörigkeit“ zur Verfügung, mit dem zum Zeitpunkt unserer Untersuchung (2007/2008) mehrheitlich noch nicht systematisch gearbeitet wurde. Für Einschätzungen zur Größe und Struktur der Klientel mit Migrationshintergrund und den Stellenwert der unterschiedlichen Herkunftsregionen bleiben Führungskräfte und Mitarbeiter in den Jobcentern auf Mutmaßungen angewiesen. Selbst die verfügbare Information der Staatsangehörigkeit wurde nicht für Controllingprozesse genutzt, etwa um zu überprüfen, wie sich Angehörige unterschiedlicher Nationalitäten auf die verschiedenen „Betreuungsstufen“ bzw. „Profillagen“ – ein Diagnoseinstrument zur Bewertung der Integrationschancen und des Betreuungsbedarfs – verteilen.

Dieses „Ignorieren“ eines Migrationshintergrundes ist durch die Fach- und Führungskräfte durchaus gewollt und wird offensiv mit dem Ziel der Gleichbehandlung begründet. Gleichbehandlung erwies sich in den Gesprächen mit den Fach- und Führungskräften als ein hoher Wert für die strategische Ausrichtung der Grundsicherungsstellen. Außerdem ist die Sensibilität für Diskriminierungsvorwürfe durch die erwerbsfähigen Hilfebedürftigen bei den Mitarbeitern der Jobcenter sehr ausgeprägt. Zwar werden nach außen hin Professionalität und Gelassenheit demonstriert. Aber dennoch äußerten uns gegenüber mehrere Mitarbeiter eine erhebliche Betroffenheit, wenn sie sich mit Diskriminierungsvorwürfen durch Leistungsbezieher mit Migrationshintergrund ausgesetzt sahen und vergewisserten sich wiederholt in Gesprächen mit Kollegen und Vorgesetzten der Angemessenheit ihres jeweiligen Vorgehens. Es gibt also sowohl auf der individuellen Ebene der Mitarbeiter als auch auf der organisatorischen Ebene der Jobcenter eine starke Orientierung auf Gleichbehandlung, die aus einer sicher verwurzelten Ablehnung ethnischer Diskriminierung gespeist wird.

„Dies schließt freilich nicht aus, dass eine prozedural gleiche Behandlung unter ungleichen Voraussetzungen zur Benachteiligung, also zur institutionellen Diskriminierung führt.“

Dieses Selbstbild der Führungskräfte und Mitarbeiter von Jobcentern wird im Großen und Ganzen durch die ALG-II-Beziehenden bestätigt. In einer für dieses Forschungsprojekt durchgeführten repräsentativen Befragung unter mehr als 10.000 ALG-II-Beziehenden mit und ohne Migrationshintergrund äußerten zwischen knapp zwei Dritteln (ALG-II-Bezieher mit türkischem Migrationshintergrund) und über vier Fünfteln (ALG-II-Bezieher mit einem mittel- und osteuropäischen Migrationshintergrund), dass sie „ebenso wie alle anderen“ im Jobcenter behandelt würden. Allerdings gaben 20 Prozent der erwerbsfähigen Hilfebedürftigen mit türkischem Hintergrund auch an, „schlechter als alle anderen“ behandelt zu werden. Unter jenen mit türkischem Migrationshintergrund stehen dem zwar fast ebenso viele gegenüber, die angaben, mit dem Jobcenter „besser als alle anderen“ zu fahren (17 Prozent). Gleichwohl ist aber ein Gefühl der Benachteiligung am ehesten bei den ALG-II-Beziehern mit türkischem Migrationshintergrund anzutreffen. Die bei weitem überwiegende Mehrheit aller Herkunftsgruppen (einschließlich der Einheimischen) bestätigt jedoch den Eindruck eines pragmatischen Vorgehens der Mitarbeiter in den Jobcentern, das keiner ethnischen Hierarchie folgt.

Dies schließt freilich nicht aus, dass eine prozedural gleiche Behandlung unter ungleichen Voraussetzungen zur Benachteiligung, also zur institutionellen Diskriminierung führt. Ein wichtiges Instrument zur Chancengleichheit bei ungleichen Voraussetzungen wäre eine diversity strategy, also Maßnahmen seitens der Organisation zum Umgang mit ethnischer Vielfalt. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) verfügt über eine solche diversity strategy. Darin heißt es unter anderem „Die BA nimmt ihre gesellschaftliche Verantwortung für die Arbeitsmarktintegration von Personen mit Migrationshintergrund an und ergreift eine Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung der Integration von Migranten. (…) Im Rechtskreis SGB II soll dieser Personenkreis in der Berichterstattung über die Grundsicherung berücksichtigt werden. Die Darstellung ist die Basis für gezielte Planung der Arbeitsmarktprogramme und die Förderung bisher unversorgter Kunden.“1 In den Jobcentern war jedoch zum Zeitpunkt der Befragung sowohl auf der strategischen als auch auf der operativen Ebene dieses Leitbild kaum bekannt. Der Aktivierungsauftrag des SGB II wurde nicht als Bestandteil von „Integrationspolitik in die Einwanderungsgesellschaft“ gesehen.

Ein Beispiel für institutionelle Diskriminierung ist die Einstellungspraxis der Grundsicherungsstellen. Die Anteile der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund sind in den Jobcentern ebenso wenig bekannt wie die entsprechenden Anteile unter den Kundinnen und Kunden, liegen aber vermutlich deutlich unter fünf Prozent und damit sowohl weit unterhalb ihres Anteils in der Bevölkerung und erst recht ihres Anteils unter den Leistungsbeziehern. Von einer gezielten diversity-Orientierung in der Personalpolitik wurde lediglich in zwei Grundsicherungsstellen (von 16 untersuchten Jobcentern) berichtet.

„Ein Beispiel für institutionelle Diskriminierung ist die Einstellungspraxis der Grundsicherungsstellen.“

Insbesondere die ARGEn (Jobcenter, die als „Arbeitsgemeinschaften“ von BA und jeweiliger Kommune organisiert sind) verweisen auf ihre fehlenden personalpolitischen Rekrutierungsmöglichkeiten aufgrund der fehlenden Personalhoheit. Dies ist sicherlich zutreffend, jedoch zeigt eine Betrachtung der Werdegänge unserer Gesprächspartner in den Fallstudien, dass eine stärker diversity-orientierte Rekrutierungsstrategie durchaus möglich gewesen wäre. So sind ein Viertel unserer Gesprächspartner in den Jobcentern (27 von 105) erst nach 2005 von der BA oder einer Kommune angeworben worden. Unter unseren Gesprächspartnern wurden 18 Personen „von außen“ eingestellt; von diesen haben lediglich drei Mitarbeiter einen Migrationshintergrund. Es bestand also durchaus ein personalpolitisches Fenster zur Diversifizierung des Personals, welches aber nur zufällig und unzureichend genutzt wurde. Wie die gesamte öffentliche Verwaltung stehen auch die Jobcenter vor der Aufgabe, den Anteil von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund analog zu ihrem Anteil in der Bevölkerung zu erhöhen.

Sprachliche Verständigung im Jobcenter
In der Alltagspraxis der Grundsicherungsstellen ist die sprachliche Verständigung mit Kunden mit Migrationshintergrund immer wieder eine Herausforderung. Wiederum sind es Hilfebedürftige mit türkischem und osteuropäischem Migrationshintergrund, die diesbezüglich besonders häufig Probleme haben. Nicht selten geht der Erstkontakt mit neuen Kunden mangels Verständigungsmöglichkeit ergebnislos aus, wodurch sich der Beginn der Geldleistung verzögern kann.

Die Verständigungsschwierigkeiten beeinträchtigen den Aufbau einer Vertrauensbasis zwischen Kunden und Integrationsfachkräften und stellen für letztere einen Belastungsfaktor in ihrer Arbeitssituation dar. Rückgriffsmöglichkeiten auf externe Dolmetscherdienste seitens der Jobcenter sind eine seltene Ausnahme, einschlägige Sprachkenntnisse beim eigenen Fachpersonal nur in geringem Maße verfügbar, und vorhandene Sprachkompetenzen bei Kollegen innerhalb des Jobcenters können nicht ohne Störung des Arbeitsablaufs in Anspruch genommen werden. Darüber hinaus wird der Einsatz eigener Sprachkenntnisse in manchen Jobcentern aus rechtlichen oder pädagogischen Gründen abgelehnt und nur informell praktiziert. Die Lösung der Verständigungsprobleme wird amtlicherseits von den ALG-II-Beziehenden selbst erwartet.

  1. Heinrich Alt, Diversity Strategie der Bundesagentur, in: Nationaler Integrationsplan. Arbeitsgruppe 3, „Gute Bildung und Ausbildung sichern – Arbeitsmarktchancen erhöhen“, Dokumentation des Beratungsprozesses, Berlin 2007, S. 167-169. []
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2 Kommentare
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  1. Miro sagt:

    Diese Studie, oder was immer das sein soll, ist wirklich unfassbar. Wähnt man sich auf der ersten Seite noch auf einem guten Weg, den eine ehrliche Bestandsaufnahme beinhaltet die Aufschlüsselung welche Migrantengruppen wie stark auf Kosten des Staates leben. Nur Seite 2 und 3 machen dann deutlicht was in Wahrheit dahinter steckt.

    „Dies schließt freilich nicht aus, dass eine prozedural gleiche Behandlung unter ungleichen Voraussetzungen zur Benachteiligung, also zur institutionellen Diskriminierung führt.“
    Die GLEICHBEHANDLUNG von allen Hartz4-Empfängern reicht den Verfassern dieses Werkes also nicht mehr aus und führt zu Diskriminierung. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen, Gleichbehandlung führt zu Diskriminierung. 😀
    Um konkreter zu werden, die neue gutmenschliche Gleichbehandlungdoktrin zeichnet sich dadurch aus das Ali, der schlecht Deutsch spricht und ohne Abschluß oder Ausbildung Hartz4 bezieht, da die Schule einfach nicht so sein Ding war, nun also bevorzugt werden muss damit wieder Chancengleichheit mit einem anderen Arbeitslosen, der Schulabschluß und Ausbildung hat, herrscht. Es ist übrigens egal ob Ali in der Türkei oder in Deutschland kein Bock auf Schule und Ausbildung hatte. Hier schiebt die Gutmenschenideologie den letzten Funken Selbstverantwortung über die Klippe. Mit solchen Forderungen und Leuten schafft sich Deutschland tatsächlich langsam ab.
    Also ob das nicht schlimm genug wäre, soll das gleiche Prinzip dann auch bei der Einstellung von Jobcentermitarbeitern Anwendung finden, wenn sich also nicht genug Migranten im fairen und offiziellen Bewerbungsverfahren für eine Stelle durchsetzen können, dann müssen sie eben bevorteilt werden, wie Berlin das jüngst eingeführt hat. Und das nennt man dann die neue Chancengleichheit? Unfassbar! Glauben diese Leute tatsächlich das sich die Deutschen und die wettbewerbsfähigen Migranten sowas gefallen lassen? Wenn ich von dieser neuen Benachteiligung betroffen wäre, würde ich sofort vors Bundesverfassungsgericht ziehen.

    „Aufgrund der sprachlichen Verständigungsprobleme ist zu erwarten, dass Migranten weniger aktiviert werden“
    Ach ne wirklich? Vielleicht deswegen weil arbeispolitische Maßnahmen, wie Weiterbildungen etc., auf Deutsch stattfinden und weil man sich vielleicht erhofft das nach diesen Maßnahmen der Weg in die reguläre Arbeitswelt gefunden wird? Wohlmöglich schlägt diese Studie bald vor Unternehmen zu zwingen Arbeitsplätze in Türkisch, Arabisch oder sonst welchen Sprache anzubieten, damit endlch diese Ungleichbehandlung aufhört.
    Die Uni Duisburg-Essen sollte sich ernsthaft überlegen ob sie die hart erarbeiteten Steuergelder der Bürger wirklich für die richtigen Projekte ausgibt.

  2. Manfred O. sagt:

    Nun, im oft so gelobten Dänemark gab es 2009 eine ähnlichte Studie. Ergebnis:

    40% der Sozialleistungen gingen an 5% der Gesamtbevölkerung, nämlich Migranten.

    Folge:

    Dänemark beschloss, die „Türen“ zuzumachen.



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