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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

EU-Länder-Studie

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nimmt mit Bildung und höherem Einkommen ab

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist in Europa weit verbreitet. Sie ist zudem keineswegs ein Phänomen von politischen Randgruppen, sondern findet sich auch in der Mitte der Gesellschaft. Das ist das Ergebnis einer aktuellen EU-Studie.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist in Europa weit verbreitet. Dabei sind sich Europäer auffallend einig in ihrer Ablehnung von Einwanderern und Muslimen. Das das Fazit der Bielefelder Wissenschaftler Andreas Zick, Dr. Beate Küpper und Andreas Hövermann, die Autoren der Studie „Die Abwertung der Anderen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, die am Freitag in Berlin vorgestellt wurde.

Gesellschaftspolitischer Handlungsbedarf
So sind rund die Hälfte aller europäischen Befragten der Ansicht, es gebe zu viele Zuwanderer in ihrem Land. Ebenfalls etwa die Hälfte aller europäischen Befragten wünscht sich ein Arbeitsplatzvorrecht für Einheimische in Krisenzeiten. „Rund die Hälfte verurteilt den Islam pauschal als eine Religion der Intoleranz“, so Zick, hier zeige sich „deutlicher gesellschaftspolitischer Handlungsbedarf!“.

In den knapp 70 Prozent aller Befragten, die in Zuwanderern eine Bereicherung für die eigene Kultur sehen, erkennt Beate Küpper jedoch ein Gegengewicht dazu. Zick unterstreicht, dass „antisemitische Einstellungen ebenfalls weit verbreitet“ sind: Zwischen 17 Prozent der Befragten in den Niederlanden und über 70 Prozent in Polen meinen, Juden versuchten heute Vorteile daraus zu ziehen, dass sie während der Nazi-Zeit die Opfer gewesen sind.

Mehrheit sexistisch
Ein Drittel der Befragten glaubt an eine natürliche Hierarchie zwischen Menschen verschiedener Ethnien, unterstreicht Hövermann. Die Mehrheit in Europa vertritt zudem sexistische Einstellungen, die auf eine traditionelle Rollenverteilung setzen. Homosexuellen werden mit Blick auf die Ehe gleiche Rechte von zwischen 17 Prozent der Befragten in den Niederlanden bis hin zu 88 Prozent der Befragten in Polen verweigert.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist in Europa keineswegs ein Phänomen von politischen Randgruppen.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist somit auch in Europa keineswegs ein Phänomen von politischen Randgruppen. „Damit bestätigt sich ein Ergebnis, das wir für Deutschland auch von unseren ‚Mitte-Studien‘ kennen: Auch in Europa ist Rechtsextremismus kein Phänomen am ‚Rand‘ der Gesellschaft, sondern findet sich auch in ihrer Mitte“, so Nora Langenbacher, die das Projekt „Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus“ der Friedrich-Ebert-Stiftung leitet.

Politikverdrossenheit
Als „besorgniserregend“ werten die Autoren das Ergebnis, dass die Befragten in allen Ländern mehrheitlich das Gefühl haben, von Politiker/innen nicht gehört zu werden. Dabei sind politische Einstellungen und das Gefühl, politischer Machtlosigkeit maßgebend für die Bereitschaft, menschenfeindlichen Aussagen zuzustimmen. Dies bezeichnet Langenbacher als „einen klaren Auftrag, sich gegen Politikverdrossenheit und für politische Bildung zu engagieren“.

Die Bielefelder Wissenschaftler leiten deutliche Zusammenhänge zwischen der Abwertungsbereitschaft und anderen politischen Einstellungen ab: „Diejenigen, die sich politisch eher rechts oder machtlos fühlen oder sich sogar eine starke Führerfigur wünschen und die Todesstrafe befürworten, sind im Durchschnitt menschenfeindlicher“. Ebenso tendieren jene stärker zur Abwertung von schwachen Gruppen, die ein negatives Bild von der EU haben.

Je gebildeter, desto Menschenfreundlicher
Ein klarer Zusammenhang ergibt sich auch bezüglich der Einflussfaktoren Alter, Bildung und Einkommen: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nimmt mit dem Alter zu und mit besserer Bildung und höherem Einkommen ab, letzteres mit Ausnahme Italiens. Bemerkenswerterweise spielt das Einkommen für das Ausmaß von Islamfeindlichkeit und Homophobie nur eine geringe Rolle. Männer und Frauen unterscheiden sich in ihren Einstellungen hingegen kaum.

Diejenigen, die schwache Gruppen abwerten, sprechen sich auch mit größerer Wahrscheinlichkeit gegen die Integration von Einwandern aus.

Untersucht wurde neben der Einstellungsebene auch die Verhaltensdimension: „Die Ergebnisse zeigen, dass abwertende Einstellungen, auch handfeste Folgen haben.“, so die Autoren. Mit Bezug auf die Gruppe Einwanderer lässt sich nachweisen, dass diejenigen, die schwache Gruppen abwerten, sich auch mit größerer Wahrscheinlichkeit gegen die Integration von Einwandern aussprechen, ihnen eher eine gleichberechtigte politische Teilhabe verweigern und eher bereit sind, Einwanderer zu diskriminieren und ihnen mit Gewalt zu begegnen.

Geringes Einkommen führt zu Menschenfeindlichkeit
Die wichtigsten Erklärungsfaktoren von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind neben einer autoritären und hierarchiebefürwortenden Grundhaltung außerdem das subjektive Gefühl der Bedrohung durch Einwanderer und das Gefühl der Orientierungslosigkeit in der heutigen Zeit. Auch ein geringes Einkommen und das Gefühl der Benachteiligung spielen eine Rolle.

Die wichtigsten Schutzfaktoren vor Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind das Vertrauen in andere Menschen, das Gefühl, feste Freundschaften schließen zu können, der Kontakt mit Einwandern, und vor allem eine positive Grundhaltung gegenüber Diversität. Religiosität hingegen schützt nicht vor Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Auch allgemeine Werthaltungen, die Sicherheit und Universalismus betonen, sind hierbei kaum relevant.

Es braucht ein mehr an Akzeptanz kultureller Unterschiedlichkeit anstelle von Ablehnung des Multikulturalismus.

Ablehnung von Multikulti ist falsch
Die Ergebnisse der Studie machen die Dringlichkeit eines engagierten Eintretens aller gesellschaftlicher Akteure für Demokratie und gegen Rechtsextremismus deutlich. Hierzu schlagen die Autoren konkrete Maßnahmen vor.

Hierbei müssten individuelle und kontextuelle Ursachen im Blick behalten werden. Es gelte, Einstellungen zu fördern und Strukturen zu etablieren, die Gleichwertigkeit unterstützen. Dazu brauche es ein mehr an Akzeptanz kultureller Unterschiedlichkeit anstelle von Ablehnung des Multikulturalismus; weniger autoritär orientierte Einstellungs- und Verhaltensorientierungen und mehr Befürwortung horizontaler statt vertikaler Gesellschaftsstrukturen, also eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe.

Gefahr für die Demokratie
Laut der Studie sind die Bürger nicht grundsätzlich desinteressiert an Politik, nehmen sich aber subjektiv vom politischen System entkoppelt wahr. Doch „die Erfolge von Rechtspopulisten zeigen uns, dass sie die Klagen der Bürger nicht primär gegen etablierten politischen Systeme, sondern insbesondere gegen Zuwanderer, Muslime und andere schwache Gruppen richten“, so Zick. Dieses betont die Notwendigkeit von Strategien der Intervention und Prävention, um der kollektiven Ausbildung von Menschenfeindlichkeit gegen „die Anderen“ weiter entgegenzuwirken.

So appellieren die Autoren, dass es gilt, „die in der Studie deutlich gewordene Ablehnung von Diversität und die Sorgen und Ängsten mit Blick auf Migration in Europa auch als eine Gefahr für die Demokratie ernst zu nehmen“. Das bedeute politische Mitsprache für alle Mitglieder der Gesellschaft, Mehrheiten wie Minderheiten. (sb)

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4 Kommentare
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  1. Fikret sagt:

    Kein Wunder >> Flashmob

  2. Maenam sagt:

    Zitat unter Untertitel: Gefahr für die Demokratie:

    „So appellieren die Autoren, dass es gilt, „die in der Studie deutlich gewordene Ablehnung von Diversität und die Sorgen und Ängsten mit Blick auf Migration in Europa auch als eine Gefahr für die Demokratie ernst zu nehmen“. Das bedeute politische Mitsprache für alle Mitglieder der Gesellschaft, Mehrheiten wie Minderheiten. (sb)“

    […]

    Jeder deutsche Staatsbürger, ob jetzt mit türkischen Wurzeln oder Wurzeln aus Taka-Tuka-Land hat das Recht auf politische Mitsprache. Er kann ja die politische Partei wählen die seine Interessen vertritt. Auch können hier „Minderheiten“ straflos eine eigene Partei gründen und zur nächsten Bundestagswahl antreten, so wie die NPD z.B.
    Das ist Demokratie und keine Gefahr für die Demokratie. Soll sich etwa die Mehrheit von einer Minderheit auf dem Kopf herumtanzen lassen? Also ich möchte nicht daß die kleine Anhängerschaft der NPD als Minderheit hier in Deutschland die Politik mitbestimmt.
    Demokratie, das ist in jedem Verein so. Es wird abgestimmt und die Mehrheit entscheidet.Und wem das nicht passt der kann ja austreten aus diesen Verein.
    Wenn eine Minderheit das sagen hat ist das Diktatur.

    Maenam

  3. Fikret sagt:

    Die große Minderheit (ca. 20% – je nach dem man Migrationshintergrund definiert) tanzt nicht auf irgendwelchen Köpfen. Vielleicht tanzen einige Migranten in Tanzlokalen oder beim Ballett-Ensemble
    Auch „Minderheitenrechte schützen“ gehört zu einer Demokratie.
    Das ist sogar ein besonderes Merkmal einer Demokratie. Man kann nicht so einfach mit Minderheiten tun was man will…..

  4. Sonata sagt:

    Da überlegt man doch gleich mal, welche Bevölkerungsgruppe gehört eigentlich in Deutschland zu den armen und ungebildeten? Dafür gibt es ja genügend Statistiken.

    Man kann also dieser Studie nur zustimmen, es geht keine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vom deutschen Bildungspublikum aus.



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