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Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Kanackendeutsch

Quasi die deutsch-türkische Antwort auf verpasste Chancen

Weder mit Empfehlungen und Forderungen noch mit fragwürdigen Sprachkampagnen, Liedern oder Reimen wird man zur Förderung der Deutschkompetenz beitragen. Die Sprachhürden, die bilinguale Kinder zu überwinden haben sind massiv und lassen sich nur mit linguistischem Wissen in Griff bekommen.

VONZerrin Konyalıoğlu-Busch

Die Autorin ist in Istanbul geboren, Turkologin, Schwerpunkt interkulturelle Deutschförderung im bilingualen Kontext - Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch "Deutsch als Zweitsprache - Türkische Schüler systematisch fördern" erschien im Persen-Verlag.

DATUM14. März 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Dass wir heute-fünfzig Jahre nach der Gastarbeiterwelle-immer noch ein Deutschproblem haben, mag überraschen. Nicht aber Linguisten. Semilingualismus ist immer eine Folge von Ghettosierung und/oder mangelnder Beherrschung eigener Muttersprache und immer auch in Abhängigkeit zur Umgebungssprache, denn generell überträgt der Lernende einer Fremdsprache seine Kenntnisse aus der Erstsprache in die zu erlernende Zielsprache. Dabei entstehen Interferenzfehler, also muttersprachlich bedingte Sprachfehler. Je unterschiedlicher beide Sprachen sind, desto komplexere Sprachfehler sind zu erwarten. Beispiel Deutsch und Türkisch.

Entgegen allen Vermutungen gibt es zwischen beiden Sprachen kaum Gemeinsamkeiten. Schwerwiegende Sprachfehler sind vorprogrammiert. Im Gegensatz zu Deutsch verfährt Türkisch nach einem sehr strengen Lautprinzip, d. h., jeder Laut wird durch einen Buchstaben wiedergegeben. Anders im Deutschen. Für „Fuchs“ gibt es fünfzehn verschiedene systemmögliche Schreibweisen, die richtige Orthographie ergibt sich nicht aus der Lautsprache.

Türkisch kennt keinen einzigen Artikel, deshalb haben türkische Schüler extrem große Probleme bei der Artikelbestimmung und dem Artikeleinsatz insbesondere dann, wenn der Artikel sich auch noch von Fall zu Fall |der| |den| |dem| etc. verändert und das biologische Geschlecht nicht immer mit dem grammatischen Geschlecht übereinstimmt, z. B. das Weib.

Türkisch kennt keine geschlechtliche Unterscheidung in der 3. Person Singular wie, |er|, |sie|, |es| und die Possessivpronomen |sein|, |ihr|, |sein| sorgen für große Verwirrung. Von den insgesamt 48 Möglichkeiten, muss der Schüler erst einmal die richtige erkennen. Präpositionen werden im Türkischen primär durch Suffixe ausgedrückt, anders im Deutschen. Sie verändern sich nicht nur von Fall zu Fall, sondern auch in Abhängigkeit zu Personen, Ländern, Institutionen etc., z.B. zu Peter, aber nach Deutschland und ins Bett. Da nützt es auch nichts, ausländische Eltern anzuhalten mit ihren Kindern deutsch zu sprechen oder sie möglichst frühzeitig in den Kindergarten zu schicken, denn Eltern mit schlechten Deutschkenntnissen sind auch schlechte Sprachvorbilder.

Erzieher in Kitas sind in der Regel nicht linguistisch geschult, aber selbst, wenn sie das wären, ist ein institutionalisierter Unterricht nicht möglich. Entscheidend ist die Umgebungssprache. Kitas, in denen babylonisches Sprachengewirr herrscht, sind kontraproduktiv für den Deutscherwerb, denn Kleinkinder eignen sich eine Sprache simultan und auditiv an, kurz, sie plappern das Gehörte nach und das primär von den Spielkameraden. Kommen diese Kinder in Ghetto-Schule, manifestierten sich erworbene Sprachprobleme. Inzwischen haben diese Kinder auch Probleme mit ihrer eigenen Muttersprache, dabei sind muttersprachliche Kenntnisse eine wichtige Voraussetzung für den Zweitsprachenerwerb.

In der Praxis äußert sich das so, dass betroffene Kinder nicht imstande sind, eine längere Konversation in einer der beiden Sprachen durchgängig zu führen, sie vermischen beide Sprachen, kennen oftmals die Bedeutung eines Wortes nur in einer Sprache, haben einen eingeschränkten Wortschatz und häufig Wortfindungsschwierigkeiten. Da sie die Orthographie weder in der Muttersprache noch in der Zweitsprache (Deutsch) richtig beherrschen, sind sie auch nicht imstande unbekannte Wörter in der einen oder anderen Sprache nachzuschlagen – funktionaler Analphabetismus.

Da bilinguale Kinder – im Gegensatz zu ihren deutschen Mitschülern – andere Deutschfehler machen, macht es Sinn, wenn man diese „Fehlerquellen“ kennt, nur so lassen sich Sprachfehler gezielt beheben. Mehr noch. Kennt man die Deutschfehler, die aufgrund der jeweiligen Herkunftssprachen zu erwarten sind, kann man sogar präventiv unterrichten, bevor sich Deutschfehler verfestigen.

Über den Sprachvergleich (Herkunftssprache und Zielsprache) entwickeln die Kinder selbst ein Bewusstsein über mögliche Fehlerquellen. Bilinguale Kinder bringen Kenntnisse aus beiden Sprachen mit, es muss ihnen nur gezeigt werden, wie sie ihre Sprachkenntnisse gezielt weiterentwickeln können. Hier müssen Lehrer auf Interferenzfehler sensibilisiert werden und wissenschaftliches Handeln ist gefragt, denn falls Verantwortliche nicht mehr zu bieten haben, als diesen Kindern Sprachkampagnen anzubieten, die Zunge auszustrecken, Kitabesuch zu empfehlen oder sie als Sprachverweigerer zu stigmatisieren, sollten sich alle schon mal auf Kanackendeutsch einstellen, denn diese Kinder sprechen inzwischen eine andere Sprache, ein Mix aus beiden Sprachen, quasi die deutsch-türkische Antwort auf verpasste Chancen.

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45 Kommentare
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  1. Manfred O. sagt:

    @ Marc Fischer

    Entschuldigung, aber das war keine Antwort auf meine Frage?

    Warum liest man überall in den Medien, das Menschen mit Türkischem Migrationshintergrund sich laut darüber beschweren, das sie immer noch als Türken gesehen würden, obwohl sie in Deutschland geboren sind, und sich „als Deutsche fühlen“ ?

  2. Marc Fischer sagt:

    @NDM, deshalb heißt das ja auch Muttersprache und Vaterland, die Sprache lernt ein Kind sicher in der Regel durch und von der Mutter, da der Vater meistens arbeitet und wenn er dann abends von der Arbeit kommt, bleibt wenig Zeit für die Unterhaltung mit dem Kind. Deshalb finde ich die Entscheidung von Frau Konyalioglu bei Muttersprache zu bleiben, genial.

    Europa Sie haben wieder mal nicht aufgepaßt oder nicht richtig gelesen, Fernseher abschalten oder laufen lassen ist nicht das Problem. Ich glaube, ich hätte es meinen Viren erzählen können und selbst die, hätten es verstanden.

  3. Sinan A. sagt:

    Zitat Zerrin Konyalioglu:

    „Türkisch kennt keinen einzigen Artikel, deshalb haben türkische Schüler extrem große Probleme bei der Artikelbestimmung und dem Artikeleinsatz ..“

    „Kommen diese Kinder in Ghetto-Schule“

  4. Karmel sagt:

    @NDM
    Ein lupenreines “entweder oder” macht überhaupt keinen Sinn.

    Die große Mehrheit der Deutschen will es aber genau so. Das mögen sie blöd finden, ändert daran aber nichts. Wer sich also noch in der 4. Generation als Türke bezeichnet, wird auch immer als nicht dazugehörig behandelt werden.

  5. NDM sagt:

    @Karmel:

    Was „Die große Mehrheit der Deutschen“ will, wissen wir beide nicht, und es ist auch völlig irrelevant. Sie können für Ihr persönliches Umfeld sprechen, ich für meines. Und genau das tun wir zwei beide ja auch.
    Wenn jemand in 4. Generation sagt: „Ich bin Deutscher“ – Dann gucken die Deutschen immer noch ungläubig aus der Wäsche und sagen: Ne, du bist Türke. Das sieht man doch. Das ist in eben diesem von mir bekannten Fall des deutschen Muttersprachlers so. Er kann kaum ein Wort türkisch, hat aber einen türkischen Nachnamen usw. Also wird er als Türke eingeordnet. Das ist sicher kein Selbstverschulden, sondern liegt an der Wahrnehmung der Masse. Viele passen sich dieser Wahrnehmung und Einordnung nur an.

  6. Zerrin Konyalioglu sagt:

    @Karmel, „Wer sich also noch in der 4. Generation als Türke bezeichnet, wird auch immer als nicht dazugehörig behandelt werden.“

    Der Umkehrschluss ist folglich, Deutsche akzeptieren keine „Fremde“. Ich hoffe, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sieht das anders als Sie, das ist keine humanistische Haltung, eine religiöse im Übrigen auch nicht. Ich weiß ja nicht, ob Sie gläubig sind, aber würde Jesus heute noch leben, er hätte auch „Migrationshintergrund“. Passend zum Thema- fremd/Fremde- fällt mir ein Zitat ein: „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ 2. Mose 22, 20f:

  7. Manfred O. sagt:

    @Zerrin Konyalioglu

    Nein. Der Schluss solte sein, Deutsche akzeptieren durchaus „Fremde“, aber wie können diese noch in der 4.Generation „Fremde“ sein ? Weil sie es bleiben WOLLEN.

    Zum besseren Verständnis möchte ich auf die neue Studie des Leljeberg Institus verweisen, die ich im Thread „KW 10/11 – Allerlei Widersprüchliches zum Thema Islam und Integration“ verlinkt habe.

  8. Zerrin Konyalioglu sagt:

    @Manfred O, wie soll man sich heimisch fühlen, wenn über 70% der Bevölkerung Sarrazin zustimmen? Wie soll man sich nicht fremd fühlen, wenn man ständig diffamiert wird? Auch ich kann Ihnen jede Menge Studien und dgl. bieten, der Botschaft all dieser Studien ist eindeutig. Wir wollen euch nicht.
    Wussten Sie, dass türkische rentner 30% Rentenkürzung in Kauf nehmen müssen, wenn diese ihren Lebensabend außerhalb deutscher Grenzen verbringen möchte? Wenn ein türkische Bürger bei einem Unfall sein Auge in der Türkei z.B. verliert, weniger Entschädigung bekommt, als ein EU-Bürger oder Deutscher ? Im Gegensatz selbt zu Iranern kein Wahlrecht hat? Selbst das Gesetz sieht nicht die gleichen Rechte vor und nun erklären Sie mir bitte, wie wir dazu gehören sollen.

  9. Manfred O. sagt:

    @Zerrin Konyalioglu

    Haben Sie sich einmal die Frage gestellt, woran ES LIEGT, das man „sie nicht will“( und da muß ich einschränken, es sind längst nicht alle, sondern die, die sich hier nicht integrieren WOLLEN, so pauschal sagen es nämlich die Studien nicht)?

    Was die Schadensersatzansprüche betrifft, da gibt es selbstverständlich einen Unterschied zwischen BRD/EU Bürgern und hier lebenden Ausländern.

    Das Iranische Staatsbürger hier in Deutschland Wahlrecht haben entzieht sich meiner Kenntnis.

    Was die Rentenkürzung für Türkische Staatsbürger betrifft, verweise ich hier auf folgenden Link, aus dem DAS NICHT hervorgeht.

    Zitat
    Wohnsitz in der Türkei

    Die unter 3.1 aufgeführten Personen, somit insbesondere deutsche und türkische Staatsangehörige erhalten ihre Rente bei Wohnsitz in der Türkei grundsätzlich in gleicher Höhe gezahlt, wie bei Wohnsitz in Deutschland. Auch Kinderzuschüsse werden, sofern sie überhaupt noch zustehen, in die Türkei gezahlt.
    Zitat Ende
    http://www.renteparam.de/deutsch/rentenzahlung-ausland.htm

    Ich denke, Sie beziehen sich auf nachfolgenden Passus aus eben obigem Link:

    Zitat
    Die deutschen Staatsangehörigen nicht gleichgestellten Personen sind bei Wohnsitz außerhalb Deutschlands, also selbst bei Wohnsitz in der Türkei, rentenrechtlich als Ausländer im Ausland zu behandeln. Sie erhalten daher nur 70% der persönlichen Entgeltpunkte, die sich aus den Bundesgebiets-Beitragszeiten ergeben. Entgeltpunkte für beitragsfreie Zeiten (z. B. Anrechnungszeiten und die Zurechnungszeit) sind nicht zu ermitteln. Kinderzuschuss kann nicht gezahlt werden.
    Zitat Ende

    Sie fragen , wie sie dazugehören können ?
    In dem man Deutscher Staatsbürger wird. Mit allen Rechten und Pflichten, und sein weltliches Leben nicht durch eine Religion bestimmen läßt. Dafür gibts „bei Christen“ z.B. Klöster.

    Ich hoffe, das war nicht zu drastisch.

  10. Leon sagt:

    @ Zerrin Konyalioglu

    Haben Sie sich niemals die Frage gestellt, ob die deutsche Bevölkerung die millionenfache Zuwanderung aus der Türkei überhaupt wollte?
    Mit der Türkei ist ursprünglich nur ein Abkommen über Arbeiter auf Zeit (Gastarbeiter) und nie ein Einwanderungsvertrag geschlossen worden.
    Wurden eigentlich von türkischer Seite einheimische Befindlichkeiten jemals hinterfragt?
    “ Ich gehe nicht nach Deutschland, sondern zu meiner Familie“ heißt es in einem Buch von Seyran Ates.


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