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Buchtipp zum Wochenende

Bildungsverlierer – Neue Ungleichheiten

Die neuen Ungleichheiten in der Bildung, deren Ursachen und Folgen – Wer gehört zu den Bildungsverlierern? Effiziente politische und pädagogische Interventions- Lösungsansätze.

VONEllen Groot

Die Autorin ist beim futureorg Institut tätig, eine Denkfabrik für Integration und Ethnic Business. Es bietet Empirie-gestützte Analysen und Strategieberatung für Politik, Verwaltungen, Verbände und Unternehmen.

DATUM25. Februar 2011

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RESSORTAktuell, Rezension

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Das Buch von Gudrun Quenzel und Klaus Hurrelmann fasst in einem Sammelband die „neuen Ungleichheiten in der Bildung“ zusammen und bündelt die aktuelle Forschung über deren Ursachen und Folgen in der Wissensgesellschaft. Er erläutert, wer zu den sogenannten „Bildungsverlierern“ gehört und welche Folgen sich für den Einzelnen daraus ergeben. Der Sammelband möchte effiziente politische und pädagogische Interventions- und Lösungsansätze aufzeigen.

Das soziodemografische Profil der Bildungsverlierer hat sich gewandelt: Es sind nicht mehr Mädchen aus katholischen Elternhäusern sondern junge Männer aus bildungsfernen Elternhäusern. Dies betrifft insbesondere (junge) Männer mit Migrationshintergrund. So verweisen Studien darauf, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund die Schule doppelt so häufig ohne Abschluss verlassen wie deutsche Jugendliche.

Gewinner im Bildungssystem sind hingegen die Mädchen. Doch – so die Autoren – darf dies nicht darüber hinweg täuschen, dass es auch unter den Mädchen Bildungsverliererinnen gibt, die schichtspezifische Selektionsmerkmale aufweisen. So sind die Chancen von jungen Mädchen aus bildungsfernen Elternhäusern die Schule mit einem guten Abschluss zu verlassen immer noch deutlich geringer, als die von jungen Frauen aus bildungsnahen Elternhäusern. Darüber hinaus werden Frauen auf dem Arbeitsmarkt immer noch schlechter bezahlt und sind zudem von familiär bedingten Unterbrechungen in der Erwerbstätigkeit am stärksten betroffen.

Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel sind als aktuelle Trends bereits sichtbar. Bildung wird für den Einzelnen dabei immer wichtiger. Aufgrund dessen kann es sich die Gesellschaft nicht erlauben, so der Anspruch der Autoren, einzelne Jugendliche „zu verlieren“. Dabei ist die Gruppe der sogenannten Bildungsverlierer (Personen ohne Schul- bzw. Berufsabschluss) in den letzten Jahren stetig angewachsen. Als Ursache führen die Autoren die zunehmende Verringerung von geringqualifizierten Tätigkeiten an, die mit gestiegenen Anforderungen an berufliche Qualifikationen einhergeht. So wird es für den Einzelnen immer unabdingbarer mit einem möglichst hohem Bildungstitel in den Konkurrenzkampf um einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz einzutreten. Es folgt ein größerer Konkurrenz- und Leistungsdruck, mit dem die Jugendlichen zu Recht kommen müssen.

Doch auch im privaten Bereich sind die Anforderungen an die Jugendlichen gestiegen. So müssen sie heute wesentlich mehr Entscheidungen bezüglich ihres Lebens und ihres Werdegangs treffen als es ihre Eltern tun mussten.

Die Folgen für die Bildungsverlierer sind vielschichtig: So kann ein andauerndes Gefühl des Versagens bei Betroffenen dazu führen, dass sie bei Bildungsmaßnahmen und im Arbeitsmarkt zu Selbstselektionsprozessen neigen.

Doch aus der „neuen Ungleichheit in der Bildung“ resultieren nicht nur individuelle Folgen. So weisen die Autoren darauf, dass langfristige Folgekosten im Gesundheitswesen oder im Bereich der sozialen Transferleistungen entstehen, wenn die betroffenen Jugendlichen nicht nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert werden. Die mangelhafte oder fehlende Arbeitsmarktintegration sei in einer zunehmend alternden Gesellschaft zudem ein Verlust von Humankapital.

Als Lösung schlagen die Autoren vor, dass Schulsystem zu implementieren, das weniger „selektiert“ aber dafür ein Mehr an individuellen Lern- und Fördermöglichkeiten anbietet. Auch der Ausbau von frühkindlichen Bildungsangeboten für alle Bevölkerungsschichten könne dazu beitragen, unvorteilhafte Einflussgrößen wie die ethnische Zugehörigkeit oder den Bildungshintergrund der Eltern zu verringern. Ferner solle vermehrt darauf geachtet werden, dass Investitionen in das Bildungssystem insbesondere hilfebedürftige Schülerinnen und Schüler erreichen.

Stichworte: Bildungsverlierer, Chancengleichheit, soziale Ungleichheit, Bildungsungleichheit

Der Sammelband von Quenzel und Hurrelmann enthält Analysen und Forschungsperspektiven über die „neuen Bildungsverlierer“, der umfassenden Einblick in der Genese von Bildungsarmut und neuen, sozialen Ungleichheiten anbietet. Er ist nicht nur für Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung besonders spannend, an diese die Autoren Handlungsempfehlungen formulieren, sondern auch für ein breites Fachpublikum, das sich mit dem deutschen Bildungssystem und sozialen Ungleichheiten beschäftigt. Empfehlenswert!

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Ein Kommentar
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  1. Sinan A. sagt:

    Das Buch bietet die üblichen Erklärungsmuster und Denkansätze. Einen Querschnitt der aktuellen „Wissenschaft“. Antiquiert, kerndeutsch und wie aus weiter Ferne beobachtet. Effizient und gar progressiv ist daran nichts.

    Themen wie die flächendeckende Hauptschulempfehlung für Migranten oder die Benachteiligung unserer Jungen durch Ullas und Dörtes werden wir darin sicher nicht finden. Das müssen wir schon selbst übernehmen.



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