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Die Blaue Tulpe

Für Menschen mit Sehnsucht

Es ist Schönheit, die berührt und Leidenschaft, die bewegt. So, wie die Tulpe in Europa eine neue Heimat gefunden hat, so möchten auch Einwanderer in Deutschland Wurzeln schlagen und ein neues oder zweites Zuhause finden- gemeinsam mit den bereits Einheimischen.

VONZerrin Konyalıoğlu-Busch

Die Autorin ist in Istanbul geboren, Turkologin, Schwerpunkt interkultu- relle Deutschförderung im bilingualen Kontext - Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch "Deutsch als Zweitsprache - Türkische Schüler systematisch fördern" erschien im Persen-Verlag.

DATUM6. Januar 2011

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„Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.“ Ricarda Huch

Weg von der reinen Vernunft. Weg von der Vorstellung, die Ratio sei das Wesen des Menschen. Weg von dem Glauben, die Vernunft könne als letzte Instanz über Wahrheit oder Falschheit einer Erkenntnis entscheiden. Weg von der Aufklärung (17. bis 19. Jahrhundert), deren wichtigstes Merkmal die hohe Bewertung der Vernunft war und die die Welt in „Zahlen und Figuren“ (Novalis) gespalten hatte. Hin zur Wiedervereinigung von Kunst und Leben. Hin zur Heilung der Welt, zur Zusammenführung von Gegensätzen, hin zu einem harmonischen Ganzen, zur allgemeinen Wertschätzung von Kulturgütern und damit das erwachte Interesse an fremden Kulturen und fremden Sprachen. Aber auch hin zum Gefühl, zur Wiederbesinnung auf die eigenen Wurzeln und der Bedeutung des Einzelnen, des Individuums in seiner Individualität – die Romantiker, 1795-1830. Ihr Symbol – die blaue Blume, als Sinnbild für diese Sehnsucht.

Denn, während Voltaire- einer der bekannteste Vertreter der Aufklärung- Mohammed als einen „verwegenen Marktschreyer“, die Araber als „räuberisch“ und den Koran als „ein Mischmasch ohne Ordnung“ bezeichnete, waren es die deutschen Dichtern, die mit ihren Werken bereits vor über 200 Jahren die erste Toleranzdebatte anregten und somit ohne Vorurteile sich auf den Anderen, den Fremden einlassen konnten. So wie Lessing (1729- 1781), der sich 1779 mit „Nathan der Weise“ für die Wertschätzung fremder Religionen und Kulturen einsetzte oder Goethe (1731- 1808), der in seinem West-Östlichem Divan (1819-1827) zu dem Entschluss kommt und folgendes konstatiert:

„Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen, Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen:“

An diese Geisteshaltung der Dichter und Denker anknüpfend und in der Tradition der Romantiker möchten wir gemeinsam ein Fest feiern- das blaue Tulpenfest und dabei die Tulpe als Sinnbild für den Fremden, willkommen heißen.

Die Tulpe, sicherlich die bekannteste Migrantin, die eine wahrhafte Manie in Europa auslöste, kam bereits 1554 nach West-Europa. Es war der Gesandte des Königs Ferdinand 1. von Österreich, der sie in Konstantinopel auf einem Markt entdeckte und mit nach Holland nahm. Ihr Name- tulipa gesneriana. Was so viel bedeutet wie fein, zart gewebtes Tuch. Es war aber kein Tuch, sondern eine Tulpenzwiebel. Eine einzige Zwiebel der Sorte Semper Augustus wurde im Jahre 1634 für 10.000 Gulden gehandelt, eine einzige Zwiebel war so viel Wert wie ein ganzes Haus. Die Tulpe, die im Morgenland als Sinnbild für Leben und Fruchtbarkeit stand, nach der eine osmanische Ära- „Lale devri“- genannt wurde, die in Gedichten gepriesen, in Liedern besungen wurde, deren Schönheit in Teppichen und in der Kunst verewigt werden sollte, sorgte 1637 für den ersten Börsenkrach der Weltgeschichte.

Heute, so sehr in Europa verwurzelt, dass viele Europäer ihre ursprüngliche Heimat, vergessen haben. Tulipa gesneriana, ist wohl das beste Beispiel für gelungene Integration. Sinnbildlich wollen wir diese Kulturpflanze als Symbol in unsere Mitte nehmen und integrative Themen in einem neuen Format präsentieren, denn Integration lässt sich nicht verordnen, sondern nur „erleben.“ Es ist Schönheit, die berührt und Leidenschaft, die bewegt. So, wie die Tulpe in Europa eine neue Heimat gefunden hat, so möchten auch Einwanderer in Deutschland Wurzeln schlagen und ein neues oder zweites Zuhause finden- gemeinsam mit den bereits Einheimischen.

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