MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Wie vor 36 Jahren

Angst essen Deutsche auf

„Angst essen Seele auf“, ein Film aus dem Jahr 1974, beschreibt die Sicht der Deutschen auf einen Gastarbeiter aus Marokko. Die Vorurteile gegenüber Muslimen sind nicht verschwunden. Der faule, deutsche Frauen ausnutzende Araber schleicht sich heimlich in unsere Gesellschaft ein.

VONFaris Barakat

Wohnhaft in Frankfurt am Main, Studium der Politikwissenschaft an der FU Berlin. Berufserfahrung in der Entwicklungshilfe und der Lobbywirtschaft. Aktuell Mitarbeiter einer Parlamentarierin. Bisherige Veröffentlichungen in der Jungen Welt, dem Orient Magazin Zenith und dem Schampus, dem Magazin der Grünen Jugend Hessen. Vorsitzender eines kürzlich ins Leben gerufenen Vereins in Frankfurt am Main Namens FreiRaum Leer Stand Kultur e.V., der Leerstand in blühende Kulturlandschaften verwandeln will.

DATUM18. Oktober 2010

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

„Angst essen Seele auf“, Rainer Werner Fassbinders Film aus dem Jahr 1974, beschreibt die Sicht der Deutschen auf einen Gastarbeiter aus Marokko. Die Vorurteile gegenüber Muslimen, die Fassbinder vor 36 Jahren aufgegriffen hat, sind nicht verschwunden, sondern haben sich noch verschärft. Inzwischen wird der Araber als Frauenrechteverächter und möglicher Selbstmordattentäter angesehen, der seine Mission in der Islamisierung sieht. Der Islam, so der Tenor im Europa des 21. Jahrhunderts, ist eine gefährliche, aggressive und primitive Religion, die ihre Anhänger bekräftigt, intolerant gegenüber anderen Ansichten zu sein.

Früher hatten die Menschen Angst davor, dass die Einwanderer ihnen Arbeitsplätze streitig machen, heute fürchten sie sich eher vor der Vereinnahmung Deutschlands durch die fremde Religion und Kultur. Ihre Angst ist inzwischen gesellschaftlich salonfähig geworden, nicht zuletzt durch den Umgang einiger Medien mit diesem heiklen Thema.

Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Angst vieler Bürgerlicher vor der islamischen Kultur daher rührt, dass ein mediales Bild von Moslems gezeichnet wird, sie mit ihnen aber in den seltensten Fällen persönlich in Berührung kommen.

Die Islamophobie hat in Deutschland und in anderen Teilen Europas ein solches Ausmaß angenommen, dass die islamkritische Soziologin und Journalistin Hilal Sezgin von einer regelgerechten „Muslimifizierung“ spricht. Warum eine Wochenzeitung wie die „Zeit“, die sich selbst linksliberal bezeichnet, die Verantwortung bei den Moslems sucht, indem Sie den geistigen Vertretern fehlende Bereitschaft vorwirft, in der Debatte Position zu beziehen, ist fraglich. Ihre Annahme, das Ausbleiben der Diskussion sei nicht zuletzt durch die Beschäftigung der Moslems mit dem Fastenfest Ramadan begründet, zeugt von einem fehlenden Verständnis gegenüber der muslimischen Kultur. Denn warum sollten ihre geistigen Vertreter ernsthaft bei einer Debatte mitdiskutieren, deren Grundlage die erwiesen irrige Annahme ist, dass der Araber blöder als der Deutsche ist?

In der Deutschen Debatte fällt auf, dass nicht nur die „Unterschicht“, sondern auch akademische Bevölkerungsgruppen wie Ärzte und mittelständige Unternehmer für Sarrazins Thesen empfänglich sind. Dem „Spiegel“ zufolge hätte eine Protestpartei, deren Wahlprogramm sich aus Sarrazins Ideenschublade speist, gute Chancen, auf Landes- und Bundesebene ins Parlament einzuziehen. In Deutschlands Nachbarländern haben derlei Protestparteien schon vor Langem den Weg in die Parlamente gefunden und sind teils sogar an der Regierungsbildung beteiligt, so etwa in Holland, in Österreich, in Italien, in Ungarn und in Dänemark. Hat Sarrazin also doch recht, und die Deutschen sind durch die enormen Einwanderungsströme aus muslimischen Ländern schon so verdummt, dass sie erst Jahre später als ihre Nachbarn auf die Idee kommen, eine Protestpartei brauner Couleur zu gründen?

Es ist billig, mit reißerischen, auf Kosten anderer Menschen getroffener Aussagen Verkaufszahlen von Büchern in die Höhe zu treiben und damit die Angst vor muslimischen Ausländern zu vergrößern. Eine Figur wie Schlingensief täte mit einer Containeraktion „Ausländer raus!“ Not, um diesem reaktionären Kräften in Deutschland kräftig in den Arsch zu treten.

Die eigentliche Frage ist und bleibt jedoch, was die Politik tun kann, um die Teilhabe eines jeden Bürgers an der Gesellschaft sicherzustellen.

Ein Lösungsansatz wäre, die frühkindliche Sozialisation durch eine allgemeine Kitapflicht mit beeinflussen zu können und nach der schulischen Ausbildung ein verpflichtendes soziales Jahr vorzuschreiben, um die Integration aller Achmeds und Fatimas zu befördern.

Denn scheiternde Integration kann man nicht auf die religiöse Herkunft zurückführen, sondern auch auf die soziale. Das ist nicht erst seit der jüngsten Studie bekannt, der zufolge Kinder, die Kevin oder Mandy heißen, aus sozial schwachen Verhältnissen kommen in der Schule automatisch schlechter bewertet werden als ihre Mitschüler Leon und Sophie.

Anstatt qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland in die Republik zu holen, sollte man das Potenzial der sozial Schwachen in Deutschland stärken und sie nicht durch das Raster unseres dreigliedrigen, undurchlässigen Schulsystems fallen lassen, weswegen sie als „Sozialschmarotzer“ in der deutschen Leistungsgesellschaft chancenlos bleiben.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

6 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. YMelodieY sagt:

    „Angst essen Seelen auf“ ist ein schlichter, ergreifender Film über die Einsamkeit und die tabuisierte Liebe einer älteren Deutschen zu einem jüngeren und noch dazu dunkelhäutigen Ausländers.

    Ich habe diesen Film 1974 im Kino gesehen. An was ich mich noch sehr intensiv erinnere, ist, das starke Spiel zwischen Brigitte Mira (Emmi) und dem männlichen Hauptdarsteller und Lebensabschnittgefährten von Fassbinder El Hedi Ben Salems (Ali) als ungleiches Liebespaar. Es war zur damaligen Zeit sehr ungewöhnlich, dass eine alternde Frau nochmals die Liebe mit einem wesentlich jügeren Mann erleben wollte. Damals, wie auch heute noch, wurde so eine Beziehung im Umfeld der Beiden mit Argwohn betrachtet. Mit der Hochzeit der Emmi und Ali wurde sicher ein Tabu verletzt, was aber rein gar nichts mit dem Mann als Ausländer zu tun hatte. Denn später ging Ali ja nicht mit der Wirtin Barbara fremd, weil er sich einen finanziellen Vorteil versprach, sondern weil er sich von Emmi unverstanden fühlte. Beide Frauen sahen in Ali ja nur den Mann, nicht den Fremden.

    Man kann also keineswegs diesen Film als „Vorurteil gegen Muslime“ oder unter dem Thema „Ausländerproblem“ sehen, denn von 1973 bis 1979 blieb der Ausländeranteil in Deutschland stabil. Der negative Saldo von Zu- und Fortzug wurde im Wesentlichen durch eine gleichzeitig steigende Geburtenrate annähernd ausgeglichen. Insgesamt erhöhte sich die Zahl der Ausländer von 1973 bis 1988 nur langsam von 4 Mio. auf 4,8 Mio.

    Ich erinnere mich auch noch, dass die Deutschen – und dazu zähle ich mich auch – damals eine positive Einstellung gegenüber den Migranten hatten, egal aus welchem Land. Und wie im Film haben sich Binationale Partnerschaften gegründet. Selbst Türken hatten damals keine „Import-Bräute“ im Sinn, sondern „Deutsche Frauleins“ geheiratet (was heute fast undenkbar ist).

    YMelodieY

  2. Boli sagt:

    Dieser Beitrag ist ebenso pauschalisierend. Wenn das Problem keines wäre gäbe es das:
    http://www.againstbezness.ch/page4.php

    und das:
    http://bertjensen.info/einwanderungslandland-brd-leserzuschrift/

    oder so etwas:
    http://www.youtube.com/watch?v=qjkeWYRYgLE&feature=fvw

    Es ist kein Wunder das der Widerstand wächst.

  3. Boli sagt:

    Ich meine natürlich dann gäbe es diese Probleme nicht!

  4. elimu sagt:

    Also mal ehrlich… dieser Link/Artikel bei „bertjensen.info..“ meine Güte!

    Erst spricht er über Erodogan, über den „Führer“ der Türkei und macht Anspielungen, dass es der Nazi-Zeit ähnelt (vergleich mit Goebbels)..
    Erklärt zu Recht, dass es Kontakt zur Milli Görüs bzw. Erbakan gab.

    Und als letztes kommt der Knüller:

    „Und so offenbaren sich erschreckende Parallelen zwischen dem Islam und dem Nationalsozialismus. Beide sind totalitäre Ideologien mit absolutem Machtanspruch. Die Weltbeherrschungsphantasien der Nazis „Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“ ähneln den Forderungen des Islam zu umfassender weltlicher Macht, wie sie im Koran in zahlreichen Versen formuliert ist“

    Ja natürlich.. zum Schluss ist es mal wieder der ISLAM… und nicht Erdogan selbst und seine Ideologie! Schon vergessen?? hallooo ISLAM ist eine RELIGION, keine politische Ideologie.. Wenn, dann sollte er vom ISLAMISMUS sprechen.. Leider verwechselt man diese Begriffe viel zu sehr.

    Dann kann ich ja jetzt auch mal pauschal behaupten, dass die Christen sich „moderne Krezzüge“ ausdenken, um das „Heilige Land“ vor den Muslimen zu schützen….

    „Vertreibung der Muslime aus dem Heiligen Land, Gottes Willen erfüllen und dadurch die Erlassung aller Sünden der Christen erreichen“

    in Gottes Namen.. so heisst es doch immer, oder nicht? Obwohl wir doch heutzutage wissen, dass es um materielle bzw. wirtschaftliche Dinge ging… Damals, sowie auch heute…

  5. elimu sagt:

    sorry.. hatte jetzt zwar nicht viel mit dem Artikel zu tun… aber wenn man schon auf irgendwelche unseriösen Seiten verlinkt wird, muss man auch hier antworten…

  6. Krause sagt:

    „Der Islam, so der Tenor im Europa des 21. Jahrhunderts, ist eine gefährliche, aggressive und primitive Religion, die ihre Anhänger bekräftigt, intolerant gegenüber anderen Ansichten zu sein.“

    Na, ja also wenn ich mir die Zustände in Somalia, Afghanistan, Jemen und vor allen den beiden islamischen Kernländers Saudi-Arabien und Iran anschaue, kann man schon diese Meinung habe. Aber Sie könne mich jetzt wegen Halluzinationen gerne zum Arzt schicken.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...