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Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Prof. Ali Bardakoglu

“Wir werden Europas Imame in der Türkei ausbilden”

Der Präsident der türkischen Religionsbehörde, Prof. Ali Bardakoğlu, stellte in der türkischsprachigen Türkiye das Internationale Theologie-Programm der Diyanet vor. „Wir werden türkischstämmige Jugendliche an den Theologischen Fakultäten in der Türkei ausbilden und zurücksenden“, sagte Bardakoğlu der Zeitung.

Bardakoğlu nahm an einer Feier zur Geburt des Propheten Muhammed in den Niederlanden teil. An der gemeinsamen Feier mehrerer muslimischer Religionsgemeinschaften hatten sich bis zu 40 Tausend Gläubige eingefunden. Man müsse die Sprache der Aufnahmegesellschaft lernen, sagte der Präsident in einer Ansprache bei einem Moscheebesuch. Die eigene Sprache, Kultur und die nationalen Werte dürften nicht in Vergessenheit geraten.

Bardakoğlu zeigte sich erfreut darüber, dass immer häufiger auch in der Landessprache religiöse Dienste angeboten würden. Noch größere Schritte könnten gemacht werden, wenn das Internationale Theologie-Programm der Diyanet Früchte tragen werde. Dies trete ein, wenn Jugendlichen aus Europa das Theologie-Studium in der Türkei ablegen und wieder zurückkehren.

Die Verlängerung des Aufenthalts von Imamen aus der Türkei sei eine Angelegenheit von Vereinbarungen und Anpassungen der Regeln zwischen den Staaten. Wichtiger sei es jedoch, bei der Entsendung der Imame diesen das Land, die Sprache und die Verhältnisse des Landes näher zu bringen. Als Diyanet lege man zwar Wert darauf, dass die Imame immer mehr auch in den Landessprachen predigen können. Die Muttersprache könne jedoch nicht vernachlässigt werden. Von türkischsprachigen Freitagsansprachen und Predigten werde man niemals Abstand nehmen.

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32 Kommentare
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  1. NDM sagt:

    Hm. Meine erste Reaktion: Die Wortwahl ist Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen. In zweierlei Hinsicht.

    1. „Internationale Theologie-Programm der Diyanet“ klingt so erstmal nach Expansionspolitik.

    2. „Von türkischsprachigen Freitagsansprachen und Predigten werde man niemals Abstand nehmen.“ und „Die eigene Sprache, Kultur und die nationalen Werte dürften nicht in Vergessenheit geraten.“ Das klingt so, als wäre die Formulierung mit der NPD abgesprochen worden. Wenn Türkischkenntnisse die Voraussetzung, für’s Moslemsein ist, bzw. der Islam in Deutschland als etwas exklusiv Türkisches wahrgenommen wird, hat die NPD geschätzte 70% ihrer mittelfristigen Ziele erreicht, denn eine trennscharfe sprachliche, kulturelle und nationale Abgrenzung ist genau das, was sie erreichen will.

    Jede Form der Akkulturation oder Assimilation wirkt aus Sicht der Rechtsextremen nämlich der „geordneten Rückführung“(oder: „Massenausweisung“) entgegen. Daher sind sie auch schwer dafür, wenn es rein türkische Schulen bzw. Schulklassen gibt.

    Herr Bardakoğlu sollte meiner Haltung nach unmissverständlich klarstellen, welche Art Politik er verfolgt. Türkisierung der Türkeistämmigen(von denen sich einige schon gar nicht mehr als Türken sehen), so wie es die Neonazis möchten, um eine „Rückführung“ vorzubereiten, oder um… ja wofür eigentlich genau? Für mich klingt das ganze jedenfalls stark nach völkischem Nationalismus, der grundsätzlich abzulehnen ist, da er aus sich selbst heraus Konflikte erzeugt.
    http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkischer_Nationalismus

    Um nicht falsch verstanden zu werden: Als Übergangslösung ist es sinnvoll, Imame und Religionslehrer in der Türkei bei der Diyanet ausbilden zu lassen. Bis die Infrastrukturen in Deutschland geschaffen wurden.

  2. Hammercastle sagt:

    Warum ist er nicht wengstens so ehrlich und sagt offen, dass man nicht integrieren sondern kolonialisieren will?

  3. walter sagt:

    Warum ist Deutschland nicht so ehrlich und sagt, dass man nicht integrieren, sondern assimilieren will?

  4. NDM sagt:

    Es geht hier nicht um Assimilation vs. Kolonisation.

    Die Art und der Ort der Äußerungen lassen Raum für unterschiedlichste Spekulationen. Auch das Lesen anderer türkischsprachiger Zeitungen füllen diesen Raum nicht aus. Daher sehe ich ganz einfach erst einmal dringenden Klärungsbedarf.

    Ich bezweifle, dass es um „Kolonialisierung“ geht. Vielmehr geht es wohl um die AKP-Politik, die sich bereits mit der Gründung des „Präsidium für Auslandstürken“ abzeichnete. Dieses Präsidium macht angeblich in etwa das gleiche, was der deutsche Aussiedlerbeauftragte macht (http://www.aussiedlerbeauftragter.de): Unterstützung der deutschen Auslandsgemeinden sowie anerkannter Minderheiten bei der Erhaltung von Sprache und Kultur. Der kritische Unterschied ist allerdings der, dass das türkische Ministerium dies offenbar über die Infrastruktur der (DITIB? Milli Görüs? Beide?)Moscheen vermitteln möchte.

    Für nationalkulturelle Brauchtumspflege sind religiöse Stätten, die der jeweiligen türkischen Regierung anhängig sind, meiner Meinung nach aber alles andere als geeignet. Für mich besteht auch die Frage, ob dies überhaupt mit dem laizistischen Prinzip der Türkei vereinbar ist. Religion und Politik sollten nicht vermischt werden.

    Die finanzielle Förderung von regierungs- partei- und konfessionsunabhängigen Kulturgemeinden wie z.B. die TGD (http://www.tgd.de/) wäre da um Längen sinnvoller und unbedenklicher, zumal der Islam nicht mit den Türkischen Kulturen kongruent ist. Weder in der Türkei noch in Mittel/Westeuropa.

  5. Dybth sagt:

    Waum kritisiert hier eigentlich niemand den Einfluss des Staates Vatikan auf die deutschen Kirchen, und damit auch auf die Theologen Ausbildung? Nicht missverstehen: Ich sage nicht, dass die Ausbildung der Imame in der Tuerkei richtig ist. Aber die Doppelstandards und die Allergie gegen alles Tuerkische sind mal wieder offensichtlich

  6. Sugus sagt:

    Wer das verhindern will, kann ja auswandern. Ist’s ein Schaden, daß ein Herr Maiziere heute Deutsch und nicht Französisch als Muttersprache hat? Wo bleibt der Verweis auf die USA, den die Türken sonst so gerne bringen? Dort ist Assimilation Programm. Kein Einwanderer in der dritten Generation spricht dort mehr die Sprache seiner Großeltern!

  7. Loewe sagt:

    Warum unterstellt man Bardakoglu „völkische“ oder „kolonialistische“ Motive?

    Diyanet und der türkische Staat sehen es gerne, wenn die Türken in Europa nicht vergessen, dass sie auch türkischstämmig sind. Ich würde, als Deutscher, nie vergessen, dass ich Deutscher bin, egal, wohin ich ausgewandert wäre, ich würde meine Sprache und Kultur pflegen und mich dabei gerne von meiner Kirche und meinem Konsulat unterstützen lassen. Das Bewahren der eigenen Kultur ist ein Aspekt der Integration und der Selbstachtung, und es ist fruchtbar für die Kultur des Landes, in das ich mich einfüge.

    Das Problem bei Bardakoglus Aussagen sehe ich mehr darin, dass er einer Illusion nachhängt und glaubt, mit seinem Programm könne man dazu beitragen, dass die Türken in Deutschland irgendwie Türken bleiben: Am Ende der Entwicklung werden die Deutschtürken ganz und gar Deutsche sein, wie es zum Beispiel die Deutsch-Polen vor 100 Jahren geworden sind, und ihre Religion wird leider weitgehend „ausdünnen“ wie das Christentum. Ich teile also die hysterischen Ängste vor einer Überfremdung durch gläubige Muslime nicht. Ich sehe die Gefahr eher im Umgekehrten – dass die Muslime zu schnell ihre Religiosität preisgeben und uns damit der Chance berauben, religiöse Intensität authentisch in unserem Alltag erleben zu dürfen.

    Bardakoglus Idee, junge Deutschtürken in der Türkei zu Imamen für Deutschland auszubilden, liegt so nahe, dass ich mich wundere, warum man damit nicht schon von 25 Jahren begonnen hat. Das Theologie-Programm für Europa von Diyanet kenne ich nicht – aber es freut mich zu hören, dass es endlich ein solches gibt. Vielleicht stellt DITIB es ja mal in Deutschland vor?

  8. Loewe sagt:

    Was kein Vorteil für die USA ist – oder?
    Im übrigen gibt’s kein Assimilationsprogramm in den USA.

  9. NDM sagt:

    Das ist, mit Verlaub, Quatsch.

    Assimilation ist in den USA nicht Programm. Das Primat der Freiheit verbietet dies geradezu. Mehrere Staaten sind Bilingual, insbesondere in den Staaten an der mexikanischen und französisch-kanadischen Grenze sind Spanisch- bzw. Französischkenntnisse nicht nur von Vorteil, da es – je nach Region – schlicht die etablierten Umgangssprachen sind.

    Die einzige umfassende „Assimilation“ bezieht sich auf das Verhältnis zum Markt, das in den USA nun wirklich „unique“ ist..

  10. NDM sagt:

    Ich denke, dass der Einfluss des deutschen Staates auf die Deutsche Evangelische Gemeinde in Istanbul sowie auf die Rentner in Antalya(?) ein vergleichbarer Faktor wäre. Die Türkei ist nicht mit dem Vatikan vergleichbar. Oder glaubst du, dass der Vatikan die Erhaltung des Lateinischen und des Zölibats in katholisch-orientierten Ländern propagiert? Ne. Da geht es um Religion, und nicht um Sprache, Nation oder Kultur.


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