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Migration und Integration in Deutschland

Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust. Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute.

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Dr. Yalcin Yildiz

„Man kann bei den älteren Migranten von einer ‚verlorenen Generation‘ sprechen“

Yalcin Yildiz (geb. 1973) studierte Sozialpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nachdem er mehrere Jahre als pädagogischer Leiter, Familienhelfer und Einzelbetreuer in der Sozialen Arbeit tätig war, arbeitet er zurzeit freiberuflich vor allem im Bereich Migrationssozialberatung. In seiner Doktorarbeit untersucht er Altern und Generationsbeziehungen im Migrationskontext.

VONFranziska Woellert

Franziska Woellert (geb. 1977) ist Dipl.-Geographin. Sie studierte bis 2006 am Geographischen Institut der Universität Göttingen. Ihre Diplomarbeit schrieb sie zu genderbezogenen Aspekten der tropischen Landwirtschaft auf Sulawesi/Indonesien. Seit April 2008 ist Franziska Woellert als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berlin Institut für Demographie und Entwicklung angestellt.

DATUM23. März 2010

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RESSORTInterview

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Wie sieht diese Brückenfunktion der ersten Migrantengeneration konkret aus?

Yildiz: Die tagtäglichen Meldungen in den Medien über Zwangsheirat, Ehrenmord und Kulturkonflikt täuschen darüber hinweg, dass die älteren Migrantinnen und Migranten bereits durch ihre enorme Mobilität zwischen beiden Ländern vermitteln. Wir müssen den Blick wieder auf die erste Generation richten und von ihrem Erfahrungswissen und ihrem traditionellen Familiengewicht profitieren. Vielleicht können wir so auf die Folgegenerationen besser einwirken, also dialogisch. Was wir brauchen, ist genau das: ein Dialog nicht nur zwischen den Kulturen, sondern auch zwischen den Generationen und unter Beteiligung der Aufnahmegesellschaft.

Warum benötigen die Folgegenerationen mehr Eingliederungshilfe als ihre Eltern?

Yildiz: Die zweite Generation ist im Gegensatz zur Elterngeneration in Deutschland unerwünscht. So lassen die bewiesenen Benachteiligungen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt keine Heimatgefühle entstehen. Neueste Umfragen unter jungen türkischstämmigen Akademikerinnen und Akademikern zeigen, dass Erziehung und Bildung in Richtung deutsche Gesellschaft keine Integrationsgarantien sind. Mehr als ein Drittel dieser vermeintlich gut integrierten Mustermigranten will in die Türkei „zurückgehen“ – das heißt eigentlich „auswandern“, denn fast 75 Prozent wurden in Deutschland geboren.

Müssen vor dem Hintergrund der vielen Probleme die Erfahrungen und Lebensstrategien der ersten Migrantengeneration nicht auch kritisch diskutiert werden?

Yildiz: Natürliche wäre ein zu positiver und naiver Blick auf die erste Generation fatal. Nicht wenige Migranten der ersten Stunde sind an der Integrationsaufgabe gescheitert. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Arbeitsmigration nur eine kurzfristige Lösung sein sollte. Dies hat auch die Integrationsbereitschaft stark beeinflusst. Aber die meisten Menschen der ersten Migrantengeneration haben zusammen mit ihren Familien den Weg in die deutsche Gesellschaft gefunden. Wir sollten also die Fehler der ersten Generation kritisch ausdiskutieren, ohne den Blick für deren Ressourcen zu verlieren. Wir sollten sie als Integrationspartner und -partnerinnen wahrnehmen. Was fehlt, ist ein Dialog auf Augenhöhe.

Mit freundlicher Erlaubnis des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

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5 Kommentare
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  1. Sinan A. sagt:

    Da fragt Franziska Woellert ernsthaft, wie man „Potenziale nutzen und Integration förden“ könne. Gemeint sind die Rentner. Ist das noch wissenschaftliche Arbeit oder schon Comedy?

    Von der Wiege bis zur Bahre – Integrare, integrare

  2. delice sagt:

    An den älteren Menschen alleine sollte man es nicht belassen, auch die folgenden Generationen waren und sind im Grunde – von wenigen Ausnahmen mal abgesehen – verlorene Kinder eines Landes und einer Kultur, die in der Fremde eigentlich nichts zu suchen haben. Es hat vielen von ihnen nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Träume und Illusionen geraubt. Der Körper ist zwar da, aber nicht ihr Herz und ihre Seele, auch nicht die Leidenschaft zu leben, zu lieben und zu träumen.

    Ein Leben in Deutschland ist nicht einfach, abgesehen von der Verachtung von nicht gerade wenigen Einheimischen, die auch noch gerne in der eigenen Heimat Urlaub machen, ist das Land selbst ein kaltes und nasses Land geblieben, mit wenigen sonnigen Tagen im Jahr, wodurch wohl auch das Herz der Mensch sich an das Wetter angepasst hat. Es ist ein dunkles und düsteres Land. Es ist, wie der Name schon sagt das Abendland. Man beruft sich allzu gerne auf christliche Werte, Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Vergebung und vieler ähnlicher hehren Werte, die aber in sich nur eine große inhaltslose Leere geblieben sind.

    Ein Leben in Deutschland ist man immer schon so fremd geblieben, wie am ersten Tag, ob schon hier geboren oder erst hinzugekommen, ist es doch ein Leben wie in einem Tiefkühlfach. Man ist eingefroren und man kann sich einfach nicht mehr bewegen. Es ist nur ein starrer und vereister Körper geworden, verdammt dazu dort zu verharren.

    Ein Leben in Deutschland bringt nichts als ein kühles Leben. Man wird hier sehr schnell zu lebenden Maschinen, halb Mensch und halb zu einer Maschine geworden und in der wenigen Zeit dazwischen sind es nur starre Rutinen. Jeder der das Leben hier gut heißt kennt das wirkliche Leben da draußen nicht. Er ist schon unwiederbringlich kein Mensch mehr. Er spricht es als ein Eiszapfen.

  3. Krause sagt:

    Delice,

    wenn es hier so schrecklich ist, warum gehen Sie nicht in Ihre geliebte Türkei?

    Mit eiskalten Grüßen,
    Krause

  4. delice sagt:

    Das wird Sie sicherlich erfreuen, das werde ich tatsächlich auch machen, nur schicke dann Ihre Landsleute – ihres Geistes gleiche – mit wäremeren Grüßen auch nach Alamanya zurück! Wenn wir schon mal bei gehäßigen Umgang miteinander sind, hoffe ich ernsthaft, dass immer weniger gerade Ihresesgleichen Persönlichkeiten nicht mehr ins Ausland sich trauen, auch nicht als Urlauber, man sollte derartig gestimmte Persönlichkeiten schon postwentend schon am Flughafen abweisen und schon gar nicht in unser Land hinein lassen, sie sollen ruhig hier bleiben – würde mich zumindest erfreuen.

    Ansonsten sind mir alle anderen Deutschen – Herzlich Willkommen – vor allem die die der Türkei nützlich sind! Alle anderen sollen lieber hier bleiben und weiterhin die Türkei auf Bildern sehen.



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