EU-Agenda Türkei
Rede von Außenminister Guido Westerwelle in Ankara
Bundesaußenminister Guido Westerwelle will die Beziehungen zur Türkei weiter vertiefen. Bei seinem Antrittsbesuch in Ankara kündigte Westerwelle einen strategischen Dialog zwischen den Außenministerien beider Länder an. Mit Blick auf den Beitrittsprozess der Türkei zur Europäischen Union betonte Westerwelle: "Was die Europäische Union und die Türkei vereinbart haben, gilt." Im folgenden der Wortlaut der Rede von Westerwelle anlässlich der Botschafterkonferenz des türkischen Außenministeriums in Ankara.
Freitag, 08.01.2010, 8:14 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 23.08.2010, 7:28 Uhr Lesedauer: 14 Minuten |
Lieber Kollege Ahmet Davutoğlu,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
sehr geehrte Botschafterinnen und Botschafter,
Meine Damen und Herren,
ich darf mich zunächst einmal sehr herzlich für die Freundlichkeit und die große Ehre dieser Einladung bei Ihnen bedanken. Ich bin mir dieser Ehre auch bewusst, es ist das erste Mal, dass ein deutscher Außenminister zu Ihnen sprechen kann. Und das ist deswegen auch eine ganz besonders große Ehre, weil die türkischen Diplomaten in der ganzen Welt und nicht nur in Deutschland allerhöchstes Ansehen genießen.
Sie sind hochgeschätzte Gesprächspartner, nicht nur für die deutschen Botschafter und Botschafterinnen in der Welt. Hier in Ankara Ihr Gast sein zu dürfen verstehe ich als eine ganz besondere Würdigung der Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern – und das Wort Freundschaft verwende ich sehr absichtsvoll. Ich bin Ihnen dankbar, weil mir auch persönlich daran liegt, dass unsere historisch gewachsenen Beziehungen weiter vertieft werden.
Strategischer Dialog
Wir haben einen strategischen Dialog vereinbart im vergangenen Jahr und ich möchte diese Beziehungen – auch zwischen unseren Außenministerien – auf eine neue Ebene heben. Ich möchte hinzufügen, und ich erlaube mir hier in diesem Kreise die vertrauliche Anrede, lieber Ahmet, dass es mir eine ganz besondere Freude ist, dabei mit einem so erfahrenen, weltgewandten und ich darf auch hinzufügen, sympathischen Kollegen wie dir, zusammen arbeiten zu dürfen.
Politisch, wirtschaftlich und kulturell sind sich die Menschen in Deutschland und der Türkei in den letzten Jahren so nahe gekommen wie vielleicht nie zuvor in unserer Geschichte. Wir Deutschen haben ein neues Bild von der Türkei gewonnen, ein besseres Verständnis ihrer Geschichte, ihrer gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Dynamik, aber auch der strategischen Rolle der Türkei im Nahen und Mittleren Osten und natürlich auch ihrer Bedeutung für Europa.
Zu diesem neuen Verständnis tragen unsere ausgesprochen intensiven Wirtschaftsbeziehungen entscheidend bei. Unsere Volkswirtschaften sind eng miteinander verflochten, was wir unseren Gesellschaften, unseren Öffentlichkeiten viel mehr erzählen müssen und gemeinsam auch vortragen sollten. Über 3.900 deutsche Unternehmen haben sich zum Beispiel in der Türkei niedergelassen. Das sind mehr als aus jedem anderen Land bei Ihnen zu Gast sind und arbeiten können.
Es ist deswegen fast schon eine Selbstverständlichkeit, dass ich auf dieser Reise, meiner ersten offiziellen Reise als Außenminister, gleich am Anfang meiner Amtszeit, zu Ihnen von einer Wirtschaftsdelegation begleitet werde. Obwohl einige es wissen, die mich schon früher in diesem Land getroffen haben: es ist meine erste Reise als Außenminister in die Türkei, aber ich bin so oft seit meiner Jugend schon privat bei Ihnen zu Gast gewesen und auch später als Generalsekretär und Parteivorsitzender so oft bei Ihnen zu Gast gewesen, dass ich vielleicht sogar ein wenig behaupten kann, dass ich die Türkei und die Menschen in diesem Land sehr gut kenne und auch sehr schätze.
Deutsch-türkische Universität
Zur kulturellen Neuentdeckung der Türkei in Deutschland haben eine Vielzahl von Austauschbeziehungen und gemeinsamen Projekten beigetragen. Von diesen Projekten liegt mir eines ganz besonders am Herzen. Vielleicht weil ich selber einmal als junger Mensch den Austausch mit anderen Ländern kennen gelernt habe und erlebt habe, was es für einen selbst bedeutet, welche Horizonterweiterung man in der Jugend erfahren kann, wenn man auch in der Welt Gesprächspartner hat und mit anderen jungen Menschen aus anderen Ländern zusammen kommt und auch zusammen lernt.
Es ist die deutsch-türkische Universität, die wir im Rahmen der Ernst-Reuter-Initiative in Istanbul gemeinsam verwirklichen wollen. Diese Universität soll in enger Kooperation mit deutschen und türkischen Unternehmen Fachkräfte ausbilden und unsere Wissenschaftsbeziehungen stärken. Die Bedeutung dieses Projekts für die Bundesregierung können Sie daran messen, dass wir die deutsch-türkische Universität im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung Ende Oktober eigens erwähnt haben.
Uns ist wichtig, dass die Universität so bald wie möglich ihren Lehrbetrieb aufnehmen kann, denn ich glaube, dass die Beziehungen zwischen Ländern nicht nur aus vorzüglichen Beziehungen zwischen Regierungen bestehen sollten, sondern getragen werden von der Freundschaft der Völker, also vor allen Dingen von einem regen Jugendaustausch. Denn wen man in der Jugend als Freund getroffen hat, mit wem man gemeinsam gelernt hat, den wird man sein ganzes Leben lang auch als Freund begleiten und mit Verständnis auch in schwierigen Situationen zueinander und zusammen gegenüber treten. Politik
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