MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Ein Plädoyer

Wir sind Integration

Wenn von Integration die Rede ist, denkt man in erster Linie an Migranten und an Schwierigkeiten. Doch das eigentliche Problem sind häufig die Deutschen ohne Migrationshintergrund, die nicht an Integrationsprozessen teilhaben wollen und einer fragwürdigen Multi-Kulti-Theorie anhängen. So bleiben die Potenziale, die in neuen Formen von Identität stecken, auf der Strecke – und Verlierer sind nicht nur die Migranten. Oder: Ein Plädoyer für die gegenseitige Veränderung von Migranten und Deutschen.

VONJan Opielka

Jan Opielka (32) arbeitet als freier Journalist schwerpunktmäßig zu Themen aus Polen sowie zur Migration. Er stammt aus Polen, lebt seit 21 Jahren in Deutschland und hat Politikwissenschaft und Anglistik studiert. Neben seinen journalistischen Tätigkeiten hat er in der Jugendhilfe gearbeitet, vorwiegend mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie mit Asylbewerbern. Gemeinsam mit seiner Frau Katarzyna arbeitet er zudem freiberuflich an der Schnittstelle zwischen Deutschland und Polen, etwa in den Bereichen Weiterbildung sowie Übersetzungen/Dolmetschen. www.communication-opielka.com

DATUM13. November 2009

KOMMENTARE31

RESSORTMeinung

SCHLAGWÖRTER ,

Seite 1 2

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Haben Sie Kinder? Dann machen Sie mal einen Test: Sagen Sie zehn von ihren Bekannten, dass Sie für Ihr Kind eine Krippe, Kita oder Schule suchen, in der unbedingt auch Migrantenkinder sind, und zwar in etwa so viele, wie sie tatsächlich auch in der Gesellschaft repräsentiert sind. Das sind inzwischen eine ganze Menge, denn jedes dritte Kind unter drei Jahren in Deutschland entstammt heute einer Familie mit Migrationshintergrund, in der Gesamtbevölkerung hat jede fünfte Person einen Migrationsbezug. Wie wird also die ehrliche Reaktion der meisten Angesprochenen sein? Im Grunde zu häufig so: Beim Türken oder Libanesen essen, das ist okay. Aber mit Türken oder Libanesen gezielt auf eine Schule? Und in der Regel stellt man seine Kinder so ein, wie man auch selbst eingestellt ist.

Integration aber ist immer insbesondere auch Beziehung, und zwar nicht nur allgemein, die Beziehung zu einer Gesellschaft und ihren Institutionen, sondern vor allem konkret, zu Personen. Daher drängt sich die Frage auf, wie sich Integration in Deutschland gestalten soll, wenn nur wenige autochthone Deutsche daran teilhaben wollen? Jenseits aller verzerrten Wahrnehmung, Integration sei bleiern schwer und bringe hauptsächlich Probleme, bleibt die geringe Teilnahme der autochthonen Deutschen an Integrationsprozessen im Kern einer anderen Ursache geschuldet. Denn selbst wohlwollende deutsche Zeitgenossen sehen ihren Beitrag zur Integration neben ihrer Toleranz vor allem in der Bereitstellung passender Instrumente, etwa der Sprachförderung, für die zu Integrierenden – und nicht in der tatsächlichen Veränderung, oder besser: der Öffnung ihrer und des Landes selbst für bewusste Veränderungen, die aus dem Zusammenleben resultieren könnten. Daher auch ist die gut gemeinte Idee von Multikulti in ihrer jetzigen Form nicht einmal die halbe Antwort auf die Tatsache einer pluralen Gesellschaft. Denn die meisten Multikulti-Befürworter verstehen mit ihrer Toleranz zwar ein friedliches Nebeneinander-Gedeihen verschiedener kultureller Gewächse, aber, das ist wichtig, bei verschiedenen Menschen – und nicht in einer Person, vor allem nicht in den Autochthonen selbst. In der Praxis sieht es dann so aus, dass Menschen teilweise unterschiedlich leben, differente kulturelle Verankerungen haben, sich gegenseitig tolerieren, doch die gemeinsamen Schnittmengen mehr als überschaubar bleiben. Doch was ist Integration eigentlich anderes, als die Herstellung bzw. das Entstehen von etwas Neuem aus Bestandteilen, die vorher in keinem gemeinsamen Kontext standen?

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist denn auch fast ausschließlich von der Integration in etwas, etwa in die deutsche Gesellschaft die Rede. Dabei wird meist übersehen, dass eine Integration in etwas immer ein stark assimilierendes Moment hat, und zwar nicht nur von der Sprachkonstruktion her, sondern auch von der tatsächlichen Wahrnehmung: Jemand, der sich in etwas integriert, wird, um im Sprachbild zu bleiben, in etwas Bestehendes hinein genommen – ohne, dass sich das, in das er sich integriert, verändern würde. Tatsächlich müsste es sich aber doch verändern – nur wird dies von Sprache und Realität ausgeblendet. Integration in etwas bedeutet in diesem Mainstream-Denkmuster fast zwangsläufig, dass der zu Integrierende auf etwas verzichtet. Man integriert sich in etwas und kann dies doch nur, wenn man vorher Unpassendes ablegt, etwa kulturelle Gewohnheiten, wie das Schächten von Schafen – oder aber die Ursprungs-Staatsangehörigkeit. Und, das ist ganz wichtig: Dasjenige, in das man sich integriert, bleibt nach diesem Schema weitgehend unverändert, nur qualitativ gibt es eine Bewegung – nämlich steigende Bevölkerungszahlen. Eine solch verstandene Integration in die Gesellschaft ist aber zu häufig zum Scheitern verurteilt, weil sie unnötige Opfer auf Seiten der Einwanderer und ihrer Nachkommen verlangt. Viele von ihnen erbringen diese Opfer, häufig um den Preis eines inneren Heimatverlustes.

Doch eine nachhaltigere Integration ist nicht die einseitige Integration – und damit de facto Assimilation – in etwas, sondern die beider-, oder vielmehr multiseitige Integration miteinander – also die Integration der deutschen mit den ausländischen Kulturen; soweit eine derart klare Trennung vorher überhaupt besteht. Eine Integration mit jemanden oder mit etwas ist die gleichzeitige Veränderung aller beteiligten „Akteure“ – also der Mehrheit und der Minderheit(en), die freilich auch zuvor keine monolithischen Blöcke sind. Dabei verändern sich im Optimalfall alle, und zwar je so stark, wie es ihre Quantität, aber auch die „Qualität“ bedingt. Im Regelfall wird sich freilich die Minderheit stärker verändern. Doch bringt jemand in eine Integrationsbeziehung überzeugende Argumente mit ein – etwa ein neuartiges Denken – so sollte er selbst die quantitativ überlegene Mehrheit (auch in friedlicher Auseinandersetzung) durchdringen können und sie stärker verändern, als er selbst verändert wird. Etwas Ähnliches geschah in Deutschland und anderen Ländern etwa in der 68er-Bewegung. Es fand eine – sehr konfliktreiche – Integration von unterschiedlichen Denk- und Verhaltensprinzipien statt, bei der „Rebellen“ und „Mehrheitsgesellschaft“ (auch hier: nicht monolithisch) sich durchsetzten und zugleich verzichteten, sich veränderten, eben: miteinander integrierten – und nur ewig Gestrige regen sich heute über das Schwulsein von Guido Westerwelle auf. Undenkbar vor 40 Jahren.

Eine ähnliche Entwicklung findet in Deutschland im Zusammenhang mit Einwanderer-Kulturen und migrantischen Lebenswelten nur bedingt oder gar nicht statt. Die Mehrheit der Deutschen ohne Migrationshintergrund sieht kaum bis keinen Anlass, sich mit den schillernden Facetten ausländischen Lebens in Deutschland zu integrieren, was bedeuten würde, dass sich die Mehrheitsgesellschaft, und damit einzelne Individuen, eben auch verändern und dies bewusst zulassen. Grund dafür ist häufig, dass das Prestige vieler Länder – und damit natürlich auch ihrer Sprachen, Kulturen, Mythen – aus dem afrikanischen, arabischen oder osteuropäischen Raum in Deutschland recht weit unten rangiert. Was nicht nur deswegen schade ist, weil Image und Wirklichkeit des Öfteren nicht das Gleiche sind, sondern auch, weil dadurch vor allem autochthone Deutschen die Möglichkeit verpassen, ihrer Identität wertvolle Akzente hinzuzufügen. Der Journalist Arno Widmann beschrieb die Frage der Identität im Kontext von Europa einmal so: „Es gibt keinen Grund zur Angst, die eigene Identität zu verlieren. Man hat sie nämlich nicht. Man erwirbt sie. Man erwirbt sie, in dem man sie mehrt. Es gibt da nichts zu verteidigen außer der Freiheit, sie mehren zu dürfen.“ Tatsächlich gibt es in Deutschland kein gesetzliches Verbot, die eigene mono-nationale Identität um andere nationale und kulturelle Ideen und Verankerungen zu mehren, sie in das eigene Dasein einzubeziehen, und zugleich mit den Menschen, die diese Ideen und Verankerungen repräsentieren, gemeinsam Integration zu betreiben.

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

31 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Mehmet sagt:

    @KosmopoliD,

    MehmeT bitte, danke.

    „1. Im Orient wird die eigene Schuld und Unzulänglichkeit verdrängt und anderen zugeschoben. Selbstkritik ist selten zu finden. Die Korrekturfähigkeit ist daher begrenzt.“

    Dass es diese Tendenzen gibt und eine Diktierung von oben herab Selbstkritik hemmt oder nicht zulässt, ist nicht von der Hand zu weisen. Jedoch würde Ich dies nicht per sé pauschalisieren, da es in der orientalischen philosophie durchaus Gelehrte gab, die durch Kritik an der Gesellschaft diese geändert haben.
    Jedoch wäre eine Selbstkritik vom Volke aus wünschenswerter, da wesentlich mehr Köpfe die Gesellschaft mitgestalten würden.

    „2. Im Orient wird die Opferrolle bevorzugt. Zur Begründung dieses Verhaltensmusters werden Verschwörungstheorien geschmiedet.“

    Das ist nicht nur im Orient so… Ein Blick in den Spiegel wird schon für eine Erkenntnisbereicherung dienlich sein. Sie behaupten ja auch, Sie seien als deutscher Staatsbürger Opfer von schlecht integrierten Muslimen und verlangen nur von der anderen Seite ab ungeachtet dessen, dass die Integration dieser Gruppe eine wechselseitige Sache ist.

    „3. Der Islam kennt keine Erbsünde und daher keine historisch tradierte Kollektivschuld.“

    Und?

    „4. Der Islam begünstigt nicht die Gestaltung des freien Willens und der eigenen Verantwortung. Im islamischen Menschenbild steht der freie Wille neben der allumfassenden Vorherbestimmung Allahs, ohne dass die islamischen Theologen bisher beide Grundsätze miteinander in Einklang bringen konnten.“

    (Auch wenn Ich hier nun den Islam verteidige, heißt es nicht, dass Ich gänzlich davon überzeugt bin. Jedoch habe Ich mich wohl mehr mit dieser Religion beschäftigt als Sie…).
    „Gestaltung des freien Willens“ – Wo erkennen Sie diese behauptung. Quelle? Koran? Sure? Vers? und WICHTIG: ZUSAMMENHANG und INTERPRETATION im heutigen Weltgeschehen?!

    „5. Im Okzident neigt man zum Schuldbekenntnis, ob zu Recht oder zu Unrecht. Daher wird häufig die Täterrolle übernommen.“
    „6. Die Schuldkultur im Okzident begünstigt die Selbstkritik, aber auch die eigene Korrekturfähigkeit. “

    Wie kurz vor dem zweiten Weltkrieg, dem 30-jährigen Krieg, der Benachteiligung der Juden über Jahrhunderte hinweg, der Zwangschristianisierung über Jahrtausende, der Verbrennung von Schwarzen vom CuCux-Clan? Diese Liste kann man noch unendlich lang ausführen. Ich möchte damit das Christentum nicht dämonisieren. Dass diese vermeintlich vorhandene „Schuldkultur“ jedoch die Selbstkritik begünstige, ist schlichtweg Unsinn.

  2. Mehmet sagt:

    Was mir hierbei aufgefallen ist:
    Um das Thema Selbstkritik mal auf der Meta-Ebene zu betrachten:

    Ist jemand der behauptet, jemand anderes sei nicht selbstkritisch, aber er selbst sei es schon, wirklich selbstkritisch? Müsste man nicht erst selbstkritisch durchleuchten, ob man selbstkritisch ist, bevor man das behaupten kann?

    Warum Ich die Meta-Ebene zu diesem Punkt anspreche, ist folgender Hintergrund:

    Es gibt so einige Personen hier, die hier NUR negative Punkte ansprechen, anstatt pro und contra argumentativ aufzulisten und dann abzuwägen. Man schafft sich vom Diskussionsgegenstand sozusagen seine eigene Realität, indem man sich (bewusst oder unbewusst) auf negative Aspekte konzentriert. Hier scheint es der Fall zu sein, dass man eigentlich schon eine These hat und mit allen Mitteln versucht, diese zu verifizieren.

    Werden die Eigenschaften der Personen selbst jedoch kritisiert, wird diese Kritik nicht angenommen, sondern grundsätzlich abgelehnt.
    Daher:
    Allzuoft habe Ich das mulmige Gefühl bei diesen Diskussionen, dass man sich mit dem Image der Selbstkritik schmückt indem man bspw. auf den 2. Weltkrieg zeigt, dies in aktuellen Diskussionen jedoch kein Deut der Fall ist. Man hat ja schon durch vergangene Ereignisse „bewiesen“, dass man selbstkritisch sei und daher ist auf jeden Fall davon auszugehen, dass man auch in diesen Diskussionen selbstkritisch sei.

    M. E. ist diese Problematik einen Artikel wert. 😉

  3. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Zitat

    Es gibt so einige Personen hier, die hier NUR negative Punkte ansprechen, anstatt pro und contra argumentativ aufzulisten und dann abzuwägen.

    Zitat Dank

    VIELEN Dank für die treffende Beschreibung der Redaktion von MIGAZIN.

  4. Mehmet sagt:

    Wie jetzt? Sie gehören nun auch zur Redaktion? 🙂

  5. Erkan sagt:

    ich wollte die Ausführungen von Mehmet nur unterstreichen. Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.
    Somit dürfte auch Kosmopolit jegliche Argumentationsgrundlage entzogen worden sein.

  6. Kosmopolit sagt:

    @Mehmed, knapp daneben ist auch vorbei.

    Verwechseln sie nicht jeden Konflikt in der Welt mit dem Christentum. Konflikte die aus wirtschaftlich oder hegemonialen Gründen/Interessen entstehen, haben mit Religion nichts zu tun!
    Unterschlagen sie so nebenbei nicht die Expansion des Islam von 650-1680 n.Chr., ebenso die Opfer dazu. Meine Liste würde diesen Beitrag sprengen! Ich weiß, in den türkischen Geschichtsbüchern wird nur Glanz und Gloria verbreitet. Hier ein Auszug eines Mitmenschen türkischer Abstammung, der sich erlaubt, kritisch in die glorreiche Geschichte der Türkei zu blicken:
    http://www.welt.de/welt_print/article2915836/Die-einbandagierte-Seele.html
    „Im Laufe der Geschichte habe man viele Völker unterworfen. Von Zentralasien kommend, habe man sich im Westen bis nach Wien ausgebreitet. In türkischen Geschichtsbüchern finden sich diese Eroberungszüge als eine endlose Aneinanderreihung der Triumphe. Eine Heldengeschichte, bei der sich die Eroberer immer ritterlich verhalten. Von den Leiden der Unterworfenen hört man nichts. Fast immer scheinen sie sich bereitwillig in ihr Schicksal zu fügen. Wer sich auflehnt, kann nur ein Lump und Verbrecher sein.“ …
    „Selbst dann, als das Osmanische Reich nach zahllosen Niederlagen und Rückzügen am Ende des Ersten Weltkrieges zerbrach und das anatolische Kernland bis auf wenige Landstriche von den Siegermächten besetzt wurde, habe sich das türkische Volk zu einem Befreiungskrieg aufgerafft, den Feind aus Anatolien vertrieben. Wieder eine Heldengeschichte mit einem triumphalen Finale“…..
    „So oder so ähnlich wird Geschichte den türkischen Kindern seit Generationen beigebracht. Sie können stolz sein, ein Türke zu sein. Makel oder gar schwarze Flecken tauchen auf dem immer blütenweiß scheinenden Hemd des türkischen Nationalstolzes nicht auf.“… weiter „….
    Wer sich dieser nationalistischen Formierung nicht unterwirft wird zum Außenseiter. So richtet sich die Gesellschaft in ihren Lügen ein und vererbt sie an die nächsten Generationen.“

    Mein Konzern Beispiel spiegelt sich auch in der Gesellschaft wieder. In jedem Konzern ( wie in der Gesellschaft ) gibt es leider auch Gruppen/Abteilungen, die vom Rest der Belegschaft durchgeschleppt werden müssen, aufgrund von unkündbaren Verträgen. Wenn jetzt von außen weitere dazu kommen, die meinen, den Konzern nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen oder eigenständig versuchen ganze Arbeitsprozesse zu ändern, wird hier auf verständlichen Widerstand stoßen. Wenn aber Änderungen diskutiert werden, die den Konzern voran bringen ( egal von wem diese Vorschläge kommen ) werden diese meistens auch umgesetzt. Nur solche Vorschläge, zum Vorteil der ganzen Belegschaft, sehe ich nicht, außer Forderungen an die alte Belegschaft. Soweit das Beispiel, was auf die Gesellschaft auch zu übertragen ist.
    Man muss – will man sich ehrlich in ein neues Land und Volk integrieren – zweifellos einiges ablegen, das zur persönlichen Identität im ursprünglichen Herkunftsland gehört hat. Anpassen und integrieren heißt nicht, die eigene Identität aufzugeben. Aber es bedeutet, die sensibelsten Bereiche des Gastlandes zu akzeptieren, zu respektieren und unangetastet zu lassen. Und genau das müssen wir von unseren ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ( islamischer Kultutrkreis ) erwarten und verlangen.
    Ständig und süffisant die deutsche Geschichte zu erwähnen, oder auf andere einzuhauen, ist kontraproduktiv, zumal man mit der eigenen Geschichte auf dem Kriegsfuß steht. Viele der türkischen Mitmenschen ziehen auch gern die Nazi Karte ( was ich noch nicht von einem anderen Ausländer so gehört habe ), was nicht zu Besserung des Betriebsklimas beiträgt. Denken sie an ihren Landmann Zafer Senocak, der sich kritisch mit der eigenen Kultur auseinander setzt: “ Es fehlt die Bereitschaft zur Kritik der eigenen Traditionen.“
    Tipp: Versuchen sie sich mal auszudenken, wenn man die Karten vertauscht, andere Ethien würden aus wirtschaftlichen Gründen Einzug in die Türkei halten ( einfach Deutschland mit der Türkei vertauschen ). Was würde bei diesem übersteigendem türkischen Nationalismus wohl passieren, der anderen Ethien und Religionen (aktuell) keine Luft zum Atmen gibt?
    Zum Schluss eine spannende Frage an Sie, die für die Entwicklung unserer Gesellschaft eminent wichtig ist, da sie sich ja gut mit dem Islam auskennen und islamisch erzogen wurden;
    Kann aber ein Muslim, der die abendländische Leitkultur bejaht, noch als wirklicher Muslim gelten? Ist ihm zuzumuten, sich einen aufgeklärten oder liberalen Islam zu Eigen zu machen? Schließlich haben sowohl die Trennung von Religion und Politik als auch der Primat des Individuums vor der Gesellschaft, die einander bedingen, christliche Wurzeln.
    Nicht vergessen! In keiner anderen Religion findet sich die geheiligte Legitimation von Gewalt als Wille Gottes gegenüber Andersgläubigen, wie sie der Islam als integralen Bestandteil seiner Ideologie im Koran kodifiziert und in der historischen Praxis bestätigt hat. Neustes Beispiel: Ford Hood.
    Mir ist auch bewusst, dass man nicht alle „Muslime“ hier in einen Topf werfen darf. Aber der Teil der Muslime, für den das zutrifft, wächst ständig und das macht den Bürgern Angst. Fremd denken, fremd glauben, fremd verstehen, sich fremd fühlen – aber von den Deutschen Errungenschaften und Sozialsysteme profitieren kann deshalb nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

  7. Krause sagt:

    @mehmet
    “6. Die Schuldkultur im Okzident begünstigt die Selbstkritik, aber auch die eigene Korrekturfähigkeit. ”

    Wie kurz vor dem zweiten Weltkrieg, dem 30-jährigen Krieg, der Benachteiligung der Juden über Jahrhunderte hinweg, der Zwangschristianisierung über Jahrtausende, der Verbrennung von Schwarzen vom CuCux-Clan? Diese Liste kann man noch unendlich lang ausführen. Ich möchte damit das Christentum nicht dämonisieren. Dass diese vermeintlich vorhandene “Schuldkultur” jedoch die Selbstkritik begünstige, ist schlichtweg Unsinn.

    30jähriger Krieg – wurde durch den Westfälischen Frieden aufgearbeitet

    Benachteiligung der Juden/Holocaust/2. Weltkrieg – wurde nun wirklich intensiv aufgearbeitet. Das deutsche Verhältnis zu Israel ist sehr gut – vergleichen Sie dies mal mit dem türkischen Verhältnis zu Armenien oder anderen Ländern, die in den Genuß türkischer Herrschaft kamen

    Ku-Klux-Clan – Aufarbeitung durch Urteile des Supreme Court, Bürgerrechtsgesetze, ein Schwarzer ist Präsident.

    Wenn soviel Bewegung in der islamischen Welt wäre, dann wäre diese schon wesentlich weiter. Wo werden den die derzeitigen Monstrositäten des Islams diskutiert? Etwa durch Erdogan, der meint, ein Muslim (Bashir) könnte keinen Völkermord begehen. Wo werden Iran oder Saudi-Arabien wegen ihrer widerlichen Strafgesetzgebung von anderen islamischen Ländern angegangen. Einzige Ausnahme ist zurzeit allerdings Erdogan mit seiner Kurden- und Armenienpolitik. Sehr klug der Mann.

  8. Mehmet sagt:

    Dass Sie permanent meinen Namen falsch schreiben, bewerte Ich als Provokation und werde daher solange auf Ihren […] Kommentar antworten, bis Sie dies berichtigen. Danke.

  9. Kosmopolit sagt:

    Sorry, war keine Absicht.

  10. NDM sagt:

    Mit Verlaub, Kosmopolid, einige ihrer Ausführungen halte ich für richtig und schlüssig, aber mit anderem bin ich nicht einverstanden.

    „Konflikte die aus wirtschaftlich oder hegemonialen Gründen/Interessen entstehen, haben mit Religion nichts zu tun!“

    Religiösen Konflikten liegen grundsätzlich hegemoniale Interessen zugrunde, und es ist doch auch interessant zu beobachten, dass es in der christlichen Geschichte schon immer so war, dass den weltlichen Beutezügen christliche Missionare folgten – zuletzt im Irak.

    Sowohl der Islam als auch das Christentum haben Zeiten und Personen hervorgebracht, und bringen sie noch heute hervor, auf die kein gläubiger Mensch wirklich stolz sein könnte. Die Zwangsislamisierung in der Türkischen Region und Zwangschristianisierung in Mittel- und Südeuropa(Inquisition) sind nur Beispiele – Unrühmliche Beispiele aus der Vergangenheit, die zwar lehren, dass man mit Konformitätsdruck eine Einhaltsgesellschaft kreieren kann, was am Ende jedoch nur mit einem radikalen Zivilisationsbruch einhergehen kann.

    Was die türkische Geschichtsschreibung angeht – dazu kann ich nicht viel sagen, weil sie mir, ebenso wie wohl auch der Mehrheit der in Deutschland lebenden Türkischstämmigen meiner Generation(von Bozkurts mal abgesehen), nahezu nichts von der Türkischstaatlichen Lesart der Historie wissen. Man kann also nicht von der Geschichtsschreibung in der Türkei auf eine vermeintliche Identität in Deutschland schließen. Bei den wenigen, die noch zuwandern(dabei brauchen wir viel mehr) und denen, die zugewandert sind, mag sie noch prägen. Aber mitnichten bei denen, die hier geboren sind, und als erstes die deutsche Geschichte kennenlernen. Es mag aber sein, da die deutsche Geschichte aus sich selbst heraus sehr unattraktiv ist, dass eine Heroistische Geschichtsschreibung für eine Identifikationsfindung attraktiver erscheint. Davon nähren sich radikale Strömungen, z.B. Bozkurts. Sie bieten eine „rundrum-Identität“ samt Gryndungsmythos(vgl. Grauer Wolf u. Kapitolinische Wölfin) an, in völkisch-abgrenzender Weise. Und naja… Neonazis und vorgeblich „demokratische“ rechte pflegen ja ihre eigene, Historistische Parallelgeschichtsschreibung. Ebenso völkisch abgrenzend. Das sind jedoch extreme Gruppen, die allerdings durch lauten Populismus einen Einfluss auf die Politik konservativer(in Deutschland) und kemalistischer(in der Türkei) Strömungen nehmen können.

    Ich bin übrigens kein Freund davon, einen Staat mit einem Konzern zu vergleichen, auch wenn das wohl die politisch korrekte Betrachtungsweise ist. Konzerne sind jedoch Maschinen, die (Systembedingt) nach Macht- und Monopolausweitung streben. Bei Staaten, die dieses Wirtschaftssystem zum All-Gesellschaftlichen Fakt erheben, kann dies auf Dauer in kriegerische Auseinandersetzungen münden(Der Verdrängungswettbewerb am Markt macht’s vor). Zudem ist man als Individuum oder als „Abteilung“ in Konzernen, die nun einmal nach dem Führerprinzip(und nicht etwa demokratisch) organisiert sind, zum Gehorsam verpflichtet. In sofern ein sehr hinkender Vergleich, denn natürlich fällt so jeder Arbeitnehmer auf und wird belächelt, der die Arbeitsprozesse ändern will. Ich bin überhaupt kein Freund von verfremdenden Vergleichen komplexer Sachverhalte, folge daher damit verknüpften Schlussfolgerungen nicht, sondern betrachte sie für sich stehend kritisch.

    „Man muss – will man sich ehrlich in ein neues Land und Volk integrieren – zweifellos einiges ablegen, das zur persönlichen Identität im ursprünglichen Herkunftsland gehört hat.“

    Das nicht unbedingt. Wenn man frisch zugewandert ist, bringt man seine komplette Identität mit, und kann nicht einfach einen Teil davon an der Pforte abgeben. Wie sollte das auch gehen? Man sollte jedoch, wenn man hier auf Dauer leben möchte, einiges tun, klar. Man sollte sich zum Beispiel möglichst befähigen, auf sich allein gestellt in der Landessprache in einem X-beliebigen Dorf in Bayern zurechtzukommen. Man sollte auch, und das ist sehr wichtig, Verhaltensweisen ablegen, die im allgemeinen als Ungerecht empfunden werden. Ein Beispiel wäre sicher ein oft gebrachtes Thema, nämlich die Freiheit der Töchter, die Freizeit selbst zu gestalten(manche werden extrem stark an den Haushalt gebunden), ein anderes Beispiel wäre die Schulpflicht. Jemand, der aus einer Gegend kommt, in der es keine Schulpflicht gibt, muss(!) seine Kinder in Deutschland trotzdem zur Schule schicken. Macht er es nicht, schadet er dem Kind, und rechtlich gesehen kann er auch in Schwierigkeiten kommen. Und in der Schule beginnt für Kinder und Jugendliche der wesentliche Teil der Integration. Dort entscheidet sich, wie gut sie in der Gesellschaft ankommen und angenommen werden.

    „Anpassen und integrieren heißt nicht, die eigene Identität aufzugeben. Aber es bedeutet, die sensibelsten Bereiche des Gastlandes zu akzeptieren, zu respektieren und unangetastet zu lassen. Und genau das müssen wir von unseren ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ( islamischer Kultutrkreis ) erwarten und verlangen.“

    Genau das wird ja überall verlangt, und auch gebracht. Seit etlichen Jahren bittet beispielsweise niemand mehr um Verständnis für drakonische Strafen, wie die Handamputation bei mehrfachem Diebstahl. Menschen aus der Türkei sowieso nicht, außer ein paar Sadisten vielleicht. In den 1970ern gab es noch Interviews im Spiegel mit Leuten, welche die „Vorzüge“ solcher Strafen erläuterten. Solche Leute werden heute im Gegensatz zu früher Islamisten genannt.

    Oder welche sensiblen Bereiche meinen Sie denn sonst noch?

    „Kann aber ein Muslim, der die abendländische Leitkultur bejaht, noch als wirklicher Muslim gelten?“

    Was genau ist denn eine abendländische Leitkultur? Dieser Begriff muss erst einmal genau definiert werden, Vorher bejahe auch ich sie nicht, und ich bin kein Moslem.

    „Ist ihm zuzumuten, sich einen aufgeklärten oder liberalen Islam zu Eigen zu machen?“

    Da gibt es nichts zuzumuten. Man muss sich nur mal umsehen. Was man mehrheitlich vorfindet, sind aufgeklärte, oft auch abgeklärte Menschen. Viele sind auch gar nicht so Koranfixiert, wie es das Klischee sagt, sondern im Alltag außerordentlich weltlich orientierte Menschen. Mehr Sorgen bereiten mir Gangsta-Style-Klischees, die so einige ganz freiwillig annehmen – aber das ist schon wieder etwas typisch Deutsches.

    Ich denke, dass es Ihnen um eine Minderheit geht. Strömungen wie z.B. die Wahhabiten. Liege ich da richtig? Das ist ein eigenes, ganz komplexes Thema, und man sollte sie auch bei Überrepräsentanz im Internet nicht überbewerten. Es ist wirklich nur eine kleine Minderheit, deren Finanzquellen man vielleicht auch mal prüfen sollte.


Seite 2/4«1234»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...