MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Bülent Arslan

Das christliche und muslimische Menschenbild stimmen überein

Ein Türke in der CDU – geht nicht! „Geht doch!“ sagt Bülent Arslan, Geschäftsführer des Instituts für interkulturelle Management- und Politikberatung (imap) und Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums der CDU in Nordrhein-Westfalen. Das engagierte CDU-Mitglied und der Experte für Integrationsthemen erzählt in einem Gespräch mit MiGAZIN, wie er das ‚C‘ der CDU mit dem Islam vereint, über Vor- und Nachteile eines Migrationshintergrundes in seiner Partei, die Öffnung und Zukunft der CDU oder über seine Prognose zur Bundestagswahl 2009.

MiGAZIN: Warum sind Sie als Türkischstämmiger Mitglied der CDU?

Bülent Arslan: Es ist eigentlich recht unspektakulär. Ich wollte mich politisch engagieren und dann habe ich mir die Partei ausgesucht, die meinem politischen Grundverständnis entspricht. Ich komme weder aus der linken Ecke noch aus einer linken Familie, daher war es klar, dass es eine Partei sein würde, die sich im konservativen Spektrum befindet.

MiGAZIN: Und was ist mit dem ‚C‘ in der CDU? Schließlich repräsentiert die Partei christliche Werte, Sie sind aber Muslim.

Arslan: Die Frage hier ist, von welchen Werten wir reden. Es geht nicht darum, ob es christliche oder muslimische Werte sind, sondern um was für Werte es sich handelt. Christliche Werte sind nicht immer gleichzusetzen mit Konservativen. Auch sozialistische Werte können konservativ sein. Das ‚C‘ in der CDU bedeutet, dass sich die Partei in ihrem Menschenbild auf das christliche Menschenbild stützt. Das heißt, die CDU geht davon aus, dass der Mensch von Gott geschaffen und deswegen einzigartig und seine Würde unantastbar ist. Und daraus wird vieles auf politische Fragen abgeleitet wie z. B. Fragen zur Abtreibung, Genmanipulation usw. Das ist natürlich ein Menschenbild, das mit einem konservativen türkischen oder auch muslimischen Menschenbild voll übereinstimmt.

MiGAZIN: Welche Rolle spielt die CDU in Ihrem Leben? Hat Sie die CDU geprägt und wenn ja, in welcher Form?

Arslan: Auf jeden Fall. Durch meine Arbeit in der Partei habe ich sehr, sehr viel gelernt über Politik, aber auch für meine persönliche Sozialkompetenz.

MiGAZIN: Wie ist Ihr Selbstbild? Sind Sie Deutscher oder Türke?

Arslan: Ich bin ein Deutscher türkischer Herkunft.

MiGAZIN: Welchen Effekt hat Ihr Migrationshintergrund auf Ihre politische Arbeit? Gibt es Vor- oder Nachteile?

Arslan: Beides trifft zu: Heutzutage bedeutet ein Migrationshintergrund in allen Parteien insofern einen Vorteil, als dass man relativ schnell auffällt. Wenn man halbwegs gut ist, kann man dies auch für sich nutzen, um weiterzukommen in der Parteihierarchie. Auch ist der Migrationshintergrund ein Vorteil, wenn man innerhalb einer großen Gruppe kandidiert. Wenn z. B. 30 Kandidaten für zwanzig politische Ämter kandidieren, hat man als jemand mit einem nichtdeutschen Namen den Vorteil, aufzufallen. Nachteile sehe ich bei der Kandidatur um eine einzige Stelle. Wenn vier oder fünf Personen für ein Amt kandidieren, oder aber auch nur zwei, ist der Migrationshintergrund ein Nachteil.

MiGAZIN: Was bedeutet für Sie Integration?

Arslan: Integration bedeutet, sich innerhalb einer Gruppe als Gruppe zu fühlen. Es ist ein beidseitiger Prozess: Menschen mit Migrationshintergrund müssen sich als Teil Deutschlands fühlen. Genauso müssen Deutsche die Migranten als Teil Deutschlands sehen und anerkennen.

MiGAZIN: Wie schätzen Sie – als Experte der Integrationsthematik – den tatsächlichen Effekt unseres dreigliedrigen Schulsystems auf die Integration junger MigrantInnen in Deutschland ein?

Arslan: Bildung ist ein heikles Thema, weil es in Deutschland zu den letzten Themen gehört, die noch ideologisch besetzt sind. Das jetzige Schulsystem, ein Kompromiss zwischen den linken und bürgerlichen Forderungen, ist in seiner Wirkung im Bezug auf Integration nicht optimal. So wie die Schule jetzt aufgestellt ist, wirkt sie in Großstädten integrationshemmend, weil der Anteil der Migrantenkinder in den Hauptschulen überdurchschnittlich hoch ist. Deswegen sollten wir die Hauptschule verändern: Die Vorbereitung auf praktische Berufe sollte bei diesen Schulen im Vordergrund stehen. Im ländlichen Raum hingegen tritt dieser integrationshemmende Effekt nicht auf, weil dort die Mischung anders ist. Dieses Problem wird sich aber von allein lösen: Aufgrund der demografischen Entwicklung werden langfristig Schulen geschlossen werden müssen. Deshalb wird es einen Umstieg auf ein zweigliedriges Schulsystem geben, in dem es ein Gymnasium und eine Art Mischform zwischen Real- und Gesamtschule gibt. Hamburg ist ein aktuelles Beispiel hierfür und ich denke, dass sich dieser Entwicklungstrend weiter verbreiten wird.

Seite: 1 2
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

21 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Werner sagt:

    > Meine Eltern sind selber als Asylbewerber nach hier gekommen und aus mir ist trotzdem was geworden.
    > Beim heutigen Asylrecht, hättenmeine Eltern niemals Asyl erhalten. Deswegen bin ich gegen den
    > Asylkompromiss!!!

    Arab, hier stellt sich für mich zunächst die Frage, ob Ihre Eltern in ihrer Heimat politisch verfolgt wurden! Oder ob sie zu den 99% Asylsuchenden gehören, die lediglich nach Deutschland einwandern wollen. Das Asyl hat in aller Regel nichts mit politischer Verfolgung zu tun. Es sind Wirtschaftsflüchtlinge, sonst nichts. Einwanderungsländer schöpfen die „Sahne“ ab, gehen streng nach eigennützigen Kriterien vor. Und selbst dann gibt es genug Probleme bei der Eingliederung. Und was macht Deutschland? Ich will die Menschen, die zu uns gekommen sind, nicht pauschal abqualifizieren. Es sind tolle Menschen gekommen, eine prächtige Bereicherung Deutschlands. Aber das ist leider nur die eine Seite der Medaille. Manchmal meint man, es sei die „kleinere“.

    Warum wollen die Menschen überhaupt nach Deutschland einwandern? Vielleicht sollte Deutschland die Türkei übernehmen, damit die Menschen dort auch in ihrer Heimat eine Perspektive haben. Aber so wird es ja auch kommen!

    Sie schreiben, dass aus Ihnen etwas geworden ist. Aber sind Sie sicher, dass Sie auch in Deutschland Wurzeln geschlagen haben? Mit Bezug auf Erdogan möchte ich fragen: was ist das größere Verbrechen: die Assimilation oder die Entwurzelung?

  2. Mehmet sagt:

    „Warum wollen die Menschen überhaupt nach Deutschland einwandern? Vielleicht sollte Deutschland die Türkei übernehmen, damit die Menschen dort auch in ihrer Heimat eine Perspektive haben. Aber so wird es ja auch kommen!“

    siehe Geschichte und die Folgen…

  3. Arab3:16 sagt:

    Werner sie sind für mich das das Paradebeispiel warum Integration nicht funktionieren kann.
    Man wird einfach von der Mehrheit nicht akzeptiert, da kann man machen was man will oder wie soll ich sonst ihre letzte frage verstehen???
    Nur weil ich hier einige Sachen kritisiere, stellen sie sofort meine Loyalitäöt zu diesem Land hier in Frage????
    Gehts noch?????
    Integration kann nur gelingen wenn
    a) Einwanderer bereit sind Opfer zu bringen um hier mit der Mehrheitsgesellschaft zusammenleben zu können und wenn
    b) die Mehrheitsgesellschaft bereit ist die Einwanderer zu akzeptieren
    b) sehe ich nicht bei ihnen. Sier gehören zu der Sorte Deutscher, die meinen man müsse deutsches Blut in sich haben, um Deutscher zu sein.

    Trauri, traurig

  4. Johanna sagt:

    „Man wird einfach von der Mehrheit nicht akzeptiert, da kann man machen was man will“

    Was kümmert Sie die „Mehrheit“?

    Mir reichen persönliche Freunde (aus aller Welt).

    Arbeitsmäßig müssen beim Arbeitnehmer Sachkenntnis, Disziplin, Fleiss und Einfühlungsvermögen, um gut mit seinen Kollegen u.a. auszukommen, vorhanden sein.

    Manche Menschen mag man, andere nicht.

    Da ist es schon schwierig, von „der Mehrheit“ zu sprechen, genauso, wie Sie sich weigern würden, wenn man „die Migranten“ über einen Kamm scheren wollte.

    Was natürlich ein absolutes „No No“ ist, ist die Religion bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in den Vordergrund zu schieben.

  5. Markus Hill sagt:

    Zitat:
    a) Einwanderer bereit sind Opfer zu bringen um hier mit der Mehrheitsgesellschaft zusammenleben zu können und wenn
    b) die Mehrheitsgesellschaft bereit ist die Einwanderer zu akzeptieren
    b) sehe ich nicht bei ihnen. Sier gehören zu der Sorte Deutscher, die meinen man müsse deutsches Blut in sich haben, um Deutscher zu sein.“
    Ihren Punkten a und b stimme ich zu. Die Worte vom Vorredner erscheinen sehr hart. Aber das mit dem „deutschen Blut“ etc. habe ich nicht daraus entnehmen können. Wie kommen Sie zu der Vermutung? (einfach nur, warum sich vielleicht aus seinem Text sich dieser Eindruck bei Ihnen ergeben hat)

  6. Markus Hill sagt:

    Sehr kreativ. Kann man zum Zuspitzen eines Sachverhalts durchaus gebrauchen. Unterstreicht auch noch einmal die Problematik „Bildungsferne“ (Kernpunkt der derzeitigen Misere).
    ABER (ich weiss, war jetzt nicht Ihr Kernpunkt):
    Die Seite migazin.de ist natürlich auch interessengetrieben. Ein Lobby-Forum wie andere Seiten für andere Themen auch. Ich glaube, da tut man sich halt eher schwer damit, den Grundsachverhalt der Diskussion immer von ALLEN Seiten ausgewogen zu diskutieren. Es geht in vielen Beiträgen halt nicht darum, was die Mehrheit der Deutschen an Wünschen in der Einwanderungspolitik hat, sondern um Partizipationswünsche der türkischen Migrantengruppe (unter dem Strich gesehen). Wohl auch von vielen, die in der Tat noch nicht innerlich in Deutschland angekommen sind.
    Man kann viele der Dinge, die hier propagiert werden aus deutscher Sicht nicht als zielfördernd ansehen. Da prallen halt zwei Gruppen (Einwanderer und „Bio-Deutsche“) aufeinander. Gut erscheint mir, dass man zumindest transparent einmal diese „anatolische Perpektive“ kennenlernt. Und dass man miteinander diskutiert – ohne Harmonie zu heucheln.
    By-the-way: Ich weiss nicht, ob viele der Äusserungen hier auch immer repräsentiv sind (viele Türken, die ich kenne, haben oft ganz andere Ansichten, wie hier in Artikeln und Forenbeiträgen dargestellt – d. h. DIE TÜRKEN/ANATOLIER gibt es der Form auch wieder nicht!:-)

  7. Werner sagt:

    Arab,

    ehrlich gesagt, ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem, was Sie schreiben, und meinem Posting. Ihre Unterstellungen sind zudem eine üble Verleumdung!

    Ich hatte geschrieben, dass das Asyl in Deutschland eine Farce ist. Und schon war, als es endlich geändert wurde. Sie hatten sich als Kind von Asylanten „geoutet“. Leider haben Sie nicht beantwortet, ob Ihre Eltern denn nun wirklich politisch verfolgt wurden? Ich muss nun vermuten, dass auch Ihre Eltern zu den 99% Pseudo-Asylanten gehören, die sich ihre „Einwanderung“ erschlichen haben.

    Da Sie Ihre Religion erwähnt haben, die doch eigentlich nichts zu Sache tut, würde mich interessieren, was der Islam zu dem Lug und Trug sagt, der um das Asyl betrieben wird?

    Eigentlich gehörte das Asyl (als „Recht“!) ganz abgeschafft! Dann vielleicht könnte Deutschland aktiv Einwanderung organisieren. So kommen viele Leute, die hier nicht hingehören. Und die noch dazu Geld an einen Schlepper bezahlen, der oft genug von der Türkei aus operiert.

  8. Werner sagt:

    Zu „multikulturellen“ Gesellschaft: auch so ein schwammiger Begriff, der die Gefühle überschwappen läßt, ohne näher definiert zu sein. Deutschland mit sein vielen Landsmannschaften war – in gewissem Sinne – immer schon „multikulturell“. Hierzu bedurfte es keiner Zuwanderer. Es gab auch immer in Deutschland verschiedene „Religionen“. Ein „un roi, un loi, une foi“ (ein König, ein Gesetz, ein Glaube) gab es nie in Deutschland. Wenn auch das Zusammenleben nie so gut „organisiert“ war, wie z.B. im Osmanischen Reich.

    Aber da jemand die Schulen als Beispiel für das neue „multikulturelle Deutschland“ angeführt hat: wie sieht es denn mit den Ergebnissen, dieser Schulen aus? Es mag ja einen Türken mit Stolz erfüllen, wenn er von Schulen erfährt, wo 90% der Kinder einen sogenannten „Migrationshintergrund“ haben. Von den schulischen Leistungen her sind es aber gerade diese Schulen, die uns Sorgen bereiten müssen!!!

    Da, wo Deutschland Spitzenleistungen erbringt (an den Technischen Hochschulen, in der Industrie, an den Spitzen-Gymnasien, in der gewerblichen Ausbildung, etc.), gibt es so was wie eine „Leitkultur“, ein Bewußtein der „Einheit in Vielfalt“. Also bitte nicht mehr die Hauptschulen der Großstädte als Leuchttürme des Multikulti hinstellen!!

  9. Markus Hill sagt:

    Interessanter Punkt. Erscheint mir auch ein Problempunkt bei Diskriminierungserfahrungen zu sein. Noch haben wir keine „grossen Bruder“, der das Denken kontrolliert. Ich empfinde Meinungsfreiheit als ein sehr hohes Gut. Im Zweifelsfalle (Güterabwägung) würde ich lieber Beschimpfungen von Deutschen über Türken bzw. von Türken über Deutsche eher aktzeptieren, als die Knebelung der Meinungsfreiheit (im Rahmen der geltenden Gesetze – wobei ich gerade Anti-Diskriminierungsgesetze für sehr problematisch halte, auch für die zu schützenden Gruppen). Manchen Leuten erscheint es sehr schwer verständlich, zu akteptieren, dass man Zuneigung oder Respekt nicht per Gesetz verordnen kann und dass es für JEDEN eine normale Erfahrung darstellt, dass man von dem einem gemocht und dem anderen halt nicht gemocht wird. Es ist halt oft schwer, vom Leben Gerechtigkeit einzuforden.:-)

  10. D. E. sagt:

    Jeder Türke/Türkin, unabhängig von der Religion, die sich mit der CDU einlassen, ist nicht stellvertretend für die ca. 3 Millionen türkischen Mitbürger/innen in Deutschland.


Seite 2/3«123»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...