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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

PISA-Ergebnisse

Kritischer Umgang vor dem Hintergrund des Einflusses von Migration

Wir müssen unserer ausländischen Kinder, ob neu immigriert oder schon in der 2. oder 3. Generation in Deutschland mit logopädisch und linguistisch fundierten Konzepten fördern. Die Förderung muss solange getätigt werden, bis eine sehr gute Sprachqualifikation erreicht ist.

VONMehmet B. Battal

Mehmet-Bahadir Battal, Wirtschaftspädagoge, ist seit Anfang 2003 in der Personalberatungsbranche beschäftigt. Zuvor war er als Personalspezialist bei einem großen deutschen Automobilhersteller und einem internationalen Versicherungsunternehmen tätig. Sein Beratungsschwerpunkt liegt in der bilateralen Zusammenarbeit mit der Türkei und dem Nahen bis Mittleren Osten. Außerdem betreut Herr Battal einen türkischen Großkonzern bei der Umsetzung einer neuen Personalorganisationsstruktur. Mehmet-Bahadir Battal schreibt Artikel für deutsche und türkische Printmedien und setzt sich für die soziale Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein.

DATUM2. September 2009

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Warum hat Deutschland beim PISA – Nationen – Ranking derart unbefriedigende Listenplätze erhalten?

Aus den Tabellen der Ergebnisse vom Mathematiktest in 2003 geht beispielsweise hervor, dass Schüler dessen Väter einen Hochschulabschluss besitzen in Deutschland signifikant bessere Ergebnisse im Mathematiktest erreichen als gleichaltrige Schüler aus Frankreich, Kanada oder Japan. Das jedoch in der Gesamtwertung Länder wie Kanada, Japan oder Schweden einen höheren Rank erreicht haben liegt in der Struktur der Migration. In Deutschland leben wesentlich mehr Migranten mit geringer schulischer Ausbildung. Die Immigrationspolitik dieser Länder richtet sich eher auf hochgradig qualifizierte Fachkräfte, die bereits vor Ihrer Immigration die Landessprache beherrschen.

Ein weiterer Grund für das miserable Abschneiden ist, dass in vielen entwickelten Ländern wie beispielsweise Kanada und Japan ganz andere Anforderungen an Lehrer gestellt werden. In diesen Ländern müssen Lehrer sich nicht um die oft sehr zeitintensive sprachliche und kulturelle Integration der Schüler kümmern. In Japan z.B. ist der Gesamtanteil an Immigranten grade Mal 0,1%.

Deshalb ist es meinem Erachten nach problematisch, PISA Ergebnisse auf die Leistungsfähigkeit des jeweiligen Schulsystems zu beziehen. Die Voraussetzungen können unterschiedlicher nicht sein.

Deutschland und Frankreich haben in etwa einen gleich hohen Migrantenanteil. Dennoch sind die Gesamtergebnisse Frankreichs signifikant besser als die von Deutschland. Hierzu hat insbesondere die Tatsache geführt, dass die Anzahl der Schüler die zu der Frage nach dem Geburtsort der Eltern unvollständige Angaben gemacht haben in Frankreich wesentlich geringer sind. Außerdem sprechen die meisten Migranten insbesondere aus Nordafrika bereits vor der Einreise nach Frankreich die Landessprache. Dies ist kein Verdienst des französischen Bildungssystems, sondern vielmehr ein Resultat der französischen Assimilationspolitik in den ehemaligen Kolonialgebieten.

Berücksichtigt man jedoch ausschließlich die Ergebnisse der Schüler, die vollständige Angaben bezügliche des Geburtsortes gemacht haben, egalisiert sich der theoretische Vorsprung Frankreichs. Zu beobachten ist ebenfalls, dass insbesondere Mütter aus nordafrikanischen Familien systematisch an der sprachlichen und gesellschaftlichen Integration gehindert werden. All das ist ein Resultat des Versagens der Ausländerpolitik.

Wenn wir einen kurzen Blick auf den verdienten Testsieger Finnland werfen, werden wir feststellen, dass Migranten unmittelbar nach ihrer Einreise einen Sprachkurs besuchen müssen. Denjenigen die sich weigern finnisch zu lernen, wird der Sozialzuschuss massiv gekürzt. Daher stellt sich den Immigranten nicht die Frage, ob sie die Landessprachen erlernen sollten. In Deutschland wäre dies aus heutiger Sicht sehr schwierig umzusetzen, zumal sich die Politik von Rechtspublizisten aus den Reihen der Union in Hessen oder Bayern den Zugang zu solchen Maßnahmen versperrt hat. Das Vertrauen seitens vieler Ausländer an den deutschen Staat hinsichtlich einer respektvollen und gerechten Integration ist auf einem Tiefststand. Eine vergleichbare Maßnahme wie in Finnland würde hierzulande als rassistisch wahrgenommen. In Wahrheit ist die größte Feindschaft, die man Migranten antun kann, sie in ihrer sprachlichen und daraus bedingten gesellschaftlichen Außenseiterposition zu belassen und somit ihre Belange indirekt zu ignorieren.

Die Finnen gehen jedoch noch weiter. Die beispielhaft intensive sprachliche Betreuung bereits im Kindergarten genügt den finnischen Behörden für eine gesunde und nachhaltige Integration nicht. Schüler werden durch besonders ausgebildete Lehrkräfte, die spezialisiert auf logopädische und linguistische Problemstellungen mit ausländischen Schülern sind parallel zum Schulalltag betreut – und zwar bis diese Schüler ein Sprachniveau erreicht haben mit dem sie dem Unterricht problemlos folgen können.

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39 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Markus Hill sagt:

    PS
    Zitat von Ihnen (wenn die Quelle in Ihrem Buch zutreffend ist):
    1.
    „…hat sich die Türkei geweigert ebenso ein Abkommen abzuschließen.“
    Könnte sich da nicht die türkische Regierung bei der deutschen Regierung für die eingetretenen Folgekosten entschuldigen?
    2.
    „Laut Dr. Luft war die Türkei eher an dem Geldtransfer ihrer Landsleute gelegen.“
    Zur Verbesserung des Diskussionsklimas: Könnte sich die türkische Regierung nicht dafür bedanken? (Man hat doch indirekt durch das Bieten von Arbeitsplätzen für arbeitslose türkischen Bildungsfernen auch noch Infrastrukturhilfe für die Türkei geschaffen).
    Könnten Sie sich vorstellen, dass da einmal ein Denken in diese Richtung gehen könnte?

  2. Krause sagt:

    @Gecko

    Das Komasaufen wird diskutiert und kritisiert. Auch werden Maßnahmen getroffen (siehe Alcopops). Mein Thema ist nur das kindische Leugnen von Tatsachen die man ein jeder Ecke lesen kann. Deine Entgegnung ist übrigens der zweite Schritt der türkischen Rhetorik zu solchen Themen: zuerst wird geleugnet, dann wird die Gegenseite angegriffen. Auch das findet ich etwas unerwachsen.

    Es ist nun einmal so, dass muslimische Schüler gerade in der Schule Probleme bereiten, was dazu führt das bildungsorientierte Eltern ihre Kinder lieber wo anders anmelden. Dies passiert – wie man in Berlin-Kreuzberg beobachten kann – sogar bei ach so toleranten links-grünen Eltern. Es findet hier eine Abstimmung mit den Füßen statt, die nicht nur auf Vorurteilen basieren kann, da ein Umzug in einen teuren Stadtteil immer mit hohen Kosten verbunden ist. Wenn die Dinge dann aber nun so liegen wie sind, muß man sie selbstkritisch analysieren und Gegenmaßnahmen einleiten. Mehmet hat dafür ja schon Beispiele geliefert.

  3. Markus Hill sagt:

    Höre ich da unterschwellig wieder die alte „Opfer- und Betroffenheitsleier“ der türkischen Community?:-):-)
    Ich nehme es als humoristische Äusserung. Natürlich kann man das diskutieren und es wurde auch oft diskutiert. Die Eltern hier sorgen sich da nämlich oft drum. Für diese Kinder fühlt man sich auch wohl in erster Linie verantwortlich. Türkische Community: Mit der Vererbbarkeit von Generation zu Generation, der Gedanke ist zwar blödsinnig und wissenschaftlich nicht haltbar, aber ich gebe Ihnen da Recht – der Eindruck ist wohl bei vielen in Deutschland entstanden. Deshalb wahrscheinlich auch die harten Worte in vielen Medien über Erziehung bei manchen Migrantenfamilien. Bei deutschen Familien gibt es so etwas in der Form von „Sozialadel“,:-)

  4. Kosmopolit sagt:

    @Markus Hill

    Um hier weitere Einwendungen zu vermeiden, empfehle ich allen dieses Buch, dass sich ausführlich mit der Zuwanderung aus früheren Zeiten beschäftigt. Hier die entsprechende Info:
    Abschied von Multikulti: Wege aus der Integrationskrise‘ hat der Bremer Politikwissenschaftler Stefan Luft ein grundlegendes Werk zu Fragen von Zuwanderung und Integration vorgelegt …
    http://www.stefanluft.de/Multikulti/multikulti.htm
    Hier wird leidenschaftslos aufgrund vorliegender Dokumente die Geschichte der Einwanderung von Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen nach Deutschland beschrieben.

  5. Markus Hill sagt:

    Danke. Was meinen Sie mit „Einwendungen“?

  6. Kosmopolit sagt:

    Um hier weitere Einwendungen zu vermeiden, empfehle ich „ALLEN“ dieses Buch.
    Soweit mein Text.
    Es geht darum, dass einige Teilnehmer in diesem Forum wieder Äpfel mit Birnen vergleichen, oder von diesem Thema ablenken.

  7. Boli sagt:

    Ein türkisches Sprichwort sagt:
    Wenn ein Kind in die Schule kommt, gehört dasFleisch dem Lehrer. Den Eltern bleiben nur noch die Knochen. …

    Genau das ist die Einstellung die zum Versagen führt. Das zum Thema Verantwortung der Eltern für die Leistungen der Kinder in der Schule. Ohne weitere Worte!

  8. Flug sagt:

    Die beteiligten Länder der PISA Studie sollten sich wirklich ein Beispiel an Finnland nehmen. Finnlands System der Ausländerpolitik bzw der Integration von Immigranten ist wirklich vorbildlich. Auch in Deutschland sollten meiner Meinung nach Sprachtests eingeführt werden. Allerdings spielen hier viele Einflußfaktoren eine entscheidende Rolle. Die Eltern sind enorm wichtig und es liegt an Ihnen Ihre Kinder zu fördern!!!

    Auch die Lehrer sollten sich besser an den ausländischen Schülern orientieren. In Rheinland-Pfalz wurde nun das System der Realschule Plus eingeführt, wo zum Beispiel während jeder Stunde zwei Lehrer anwesend sind. Einer betreut die schwachen Schüler und der andere der beiden fördert die leistungsstarken Schüler.

    Meiner Meinung nach ein erster Schritt, um das Schulsystem in Deutschland zu verbessern. Jedoch sollte hier jeder mitziehen, damit auch in Deutschland bessere Ergebnisse erzielt werden.

  9. Markus Hill sagt:

    Ihren Gedanken zu Reformansätzen stimme ich zu. Das würde allen (unabhängig von Migrant- oder Nichtmigrant) zugute kommen und Positives bewirken. Ich glaube aber das Finnland da in der Migrationspolitik schwer vergleichbar mit Deutschland ist (relativ homogene Bevölkerungsstruktur). Vielleicht gibt es da ein Länderbeispiel, dass da etwas „passgenauer“ wäre.


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