MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Cem Özdemir

„Migranten- und Arbeiterkinder werden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert“

In einem Interview mit Merkur Online erläutert Grünen-Chef Cem Özdemir, weshalb er für die doppelte Staatsbürgerschaft ist, wie er sich das Bildungssystem vorstellt und unter welchen Bedingungen er eine Volksabstimmung befürwortet.

„Die doppelte Staatsbürgerschaft gibt es doch bereits. Schließlich behält jeder zweite Eingebürgerte seinen früheren Pass. Dies gilt aber nicht für die größte Gruppe von Ausländern, die in Deutschland einen Einbürgerungsantrag stellt: die Türken. Hier wünsche ich mir Gleichbehandlung“, erklärt Cem Özdemir zum Vorstoß von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die doppelte Staatsbürgerschaft generell einzuführen.

Auf den Einwand, dass dadurch Migranten aus der Pflicht entlassen werden, sich aktiv für Deutschland zu bekennen erwidert er, dass erst durch das Optionsmodell ihr Bekenntnis zu Deutschland infrage gestellt wird. Er bleibe dabei: “Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sollten auch den deutschen Pass haben. In Amerika gilt die Haltung: Der amerikanische Pass ist der wichtige. Warum machen wir es nicht genauso? Viel entscheidender für die Integration ist nicht der Pass, sondern welche Bildungschancen wir Migranten bieten. Hier gibt es noch viel zu tun.“

In Deutschland würden Kinder aus Migranten- und Arbeiterfamilien strukturell benachteiligt werden. Migranten- und Arbeiterkinder würden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert. Das sei nicht nur menschlich eine Tragödie. Deutschland könne es sich auch volkswirtschaftlich nicht leisten, einen potenziellen Albert Einstein auf die Hauptschule zu schicken. Daher würden die Grünen gleiche Bildungschancen für alle fordern.

„Ich kann mich noch gut erinnern, wie unser Lehrer am Ende der vierten Klasse fragte, auf welche Schule wir gehen wollen. Bei der Hauptschule habe ich mich nicht gemeldet, bei der Realschule auch nicht. Als ich auf das Stichwort Gymnasium meine Hand hob, brach unser Lehrer in Gelächter aus. Kurz darauf die ganze Klasse. Dieses Lachen werde ich nie vergessen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, wo niemand lacht, wenn jemand, der Cem Özdemir heißt, sagt, er will aufs Gymnasium gehen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, das alle Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend fördert – egal, ob ihre Eltern Professoren oder Hartz-IV-Empfänger sind.“

Auf die Frage, warum die Grünen eine Volksabstimmung in EU-Themen ablehnen, wie sie von der CSU gefordert wird, erwider er, dass die Grünen bereits seit Jahren Volksabstimmungen auf Bundesebene wünschen. Die Union habe dies bislang verhindert. Der aktuelle CSU-Vorschlag ziele vielmehr darauf ab, sich bestimmte Stimmungslagen in der Bevölkerung für die Wahlen zunutze machen.

Die Grünen würden sich Abstimmungen auf der richtigen Ebene wünschen. Landesthemen müssten auf Landesebene abgestimmt werden, Bundesthemen auf Bundesebene und Europathemen auf Europaebene. „Wenn die CSU über die Erweiterung der EU abstimmen will, dann beteiligen wir uns gern an einer europaweiten Volksabstimmung nach dem Prinzip der doppelten Mehrheit, also Mehrheit der Länder und Mehrheit der absoluten Stimmen. Aber dann stimmen wir nicht nur über die Türkei ab, sondern auch über Kroatien.“, so Özdemir.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

52 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Mehmet sagt:

    Versteh ich leidernicht. Was sind für Sie hier Äpfel und was Birnen?

  2. Johanna sagt:

    „Zum wiederholten Male muß ich leider feststellen, das (mit Absicht ?) auf gestellte Fragen
    nach “Äpfeln” max. Antworten zum Thema “Birnen” kommen, also ausgewichen wird. Da macht der Diskurs wenig Sinn.“

    Das sehe ich fortwährend.

    Unter dem Vorwand, äußersten Wert auf den Unterschied zwischen Integration und Assimilierung zu legen, wird hier lustig jeglichen Integrationsbemühungen Paroli geboten.

    So kommt man nicht weiter.

  3. Mehmet sagt:

    Also ich habe mir den Text nochmal durchgelesen. Da steht nichts von religiöser Kultur. Ganz am Ende wird nebenbei in einem langem Text folgender kurzer Hinweis aufgezeigt:

    „Auch religiöse Themen, unter anderem das Alevitentum und der Bektaschi-Orden, werden in den Lehrmaterialien eingehend behandelt.“
    Diesen Hinweis finde Ich jedoch gut, da der Türkei der Focus auf den sunnitischen glauben vorgeworfen wird. Dies könnte man nun auf andere Glaubensrichtungen ausweiten.

  4. Mehmet sagt:

    […] Ich habe schon mehrere Male meine Zustimmung zu contra-Argumenten kenntlich gemacht! Wenn Ich mir aber diejenigen anschaue, die generell contra-Argumente bringen, siehe ich hier keine einzige Person (!!!!!), die auch nur ein EINZIGES MAL eine Zustimmung zu einem Pro-Argument gegenüber Türken gezeigt hat! SO kommt man nicht weiter!

  5. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Also nochmals DEUTLICHER, vielleicht wird dann verstanden, was ich als problematisch ansehe:

    All diese Dinge sollen den hier in Deutschland zur Schule gehenden Kindern mit einem Lehrmittel (Buch) vermittelt werden, das die Sicht der türkischen Regierung (zur Zeit die islamische AKP) wiedergibt, was sicherlich NICHT die Sicht des deutschen Kultusministeriums zu diesen Themen ist. Die türkische Regierung nimmt also Einfluss auf den Lehrstoff an Schulen der BRD. Also auch bei Kindern mit deutscher Staatsbürgerschaft. AUCH zu umstrittenen Themenkomplexen der osmanisch/türkischen Geschichte.

    Das ist inakzeptabel.

  6. Schneter sagt:

    aha,daher auch der hohe Anteil an türkischen Akademikern… danke für die Aufklärung.

  7. Mehmet sagt:

    Versteh Ich nicht.

  8. Werner sagt:

    Ich möchte nochmal darauf hinweisen, dass der übergroße Anteil der türkischen Staatsbürger, die nach Deutschland gekommen sind, ungebildete Hilfsarbeiter waren. Cen Özdemir gebraucht hier den Begriff „Arbeiterkinder“, der wohl nicht mehr ganz PC ist. Arbeiter, das können eben ungelernte Hilfsarbeiter aber auch Facharbeiter mit Meisterbrief sein. Es ist auch bei angesessenen deutschen Familien eher unüblich, dass Kinder von Hilfsarbeitern (und wenn dann auch noch die Mutter Analphabet ist) aufs Gymnasium kommen.

    Für die meisten türkischen Kinder wäre es schon ein Erfolg, die Hauptschule mit guten Noten abzuschließen. Und laßt Euch nicht von den Sozen und den Mittelklasse-Aussteigern (den Grünen) einreden, dass das Gymnasium der einzige und richtige Weg nach oben ist.

    Wäre es so schlimm gewesen, wenn Cem nach der Realschule eine Ausbildung bei Daimler gemacht hätte und heute Industriemeister wäre? Wäre er dann weniger Vorbild? Wiviele der türkischen Migranten bei uns würden denn in der Türkei studieren? Wie ich höre, gibt es dort strenge Aufnahmeklausuren.

    Bitte schön auf dem Teppich bleiben. Es stimmt, dass viele türkische Kinder gegenüber manch deutschen Kind unter schlechteren Voraussetzungen an den Start gehen. Aber die deutsche Gesellschaft ist sehr wohl vertikal mobil. Der Weg nach oben steht auch Türken offen.

    Man sollte beim Weg nach oben aber nie vergessen, wo man herkommt!

  9. Werner sagt:

    Nehmen wir doch mal das Beispiel der Hodschas bei uns. Hier treffen die Migrantenkinder auf keine deutsche Konkurrenz. Trotzdem dürften unsere Imame zu 99,9% aus der Türkei „importiert“ sein.

    Oder nehmen wir Lale Akgün. Sie ist eine türkische Akademikerin. Ich vermute mal, dass ihre Tochter, sollte sie auf der Grundschule den Wunsch zum Gang aufs Gymnasium geäußert haben, nicht verlacht worden ist.

  10. Mehmet sagt:

    WÄRE es nicht die Sicht des deutschen Staates, bestünde hier sicherlich Diskussionsbedarf. Jedoch kann ich mir schwer vorstellen, dass ALLES in diesen Lehrbüchern nicht den deutschen Vorstellungen entspricht. Daher sollte man sich die konkreten Punkte anschauen, anstatt alles zu verteufeln.


Seite 4/6Erste Seite...«23456»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...