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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Cem Özdemir

„Migranten- und Arbeiterkinder werden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert“

In einem Interview mit Merkur Online erläutert Grünen-Chef Cem Özdemir, weshalb er für die doppelte Staatsbürgerschaft ist, wie er sich das Bildungssystem vorstellt und unter welchen Bedingungen er eine Volksabstimmung befürwortet.

„Die doppelte Staatsbürgerschaft gibt es doch bereits. Schließlich behält jeder zweite Eingebürgerte seinen früheren Pass. Dies gilt aber nicht für die größte Gruppe von Ausländern, die in Deutschland einen Einbürgerungsantrag stellt: die Türken. Hier wünsche ich mir Gleichbehandlung“, erklärt Cem Özdemir zum Vorstoß von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die doppelte Staatsbürgerschaft generell einzuführen.

Auf den Einwand, dass dadurch Migranten aus der Pflicht entlassen werden, sich aktiv für Deutschland zu bekennen erwidert er, dass erst durch das Optionsmodell ihr Bekenntnis zu Deutschland infrage gestellt wird. Er bleibe dabei: “Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sollten auch den deutschen Pass haben. In Amerika gilt die Haltung: Der amerikanische Pass ist der wichtige. Warum machen wir es nicht genauso? Viel entscheidender für die Integration ist nicht der Pass, sondern welche Bildungschancen wir Migranten bieten. Hier gibt es noch viel zu tun.“

In Deutschland würden Kinder aus Migranten- und Arbeiterfamilien strukturell benachteiligt werden. Migranten- und Arbeiterkinder würden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert. Das sei nicht nur menschlich eine Tragödie. Deutschland könne es sich auch volkswirtschaftlich nicht leisten, einen potenziellen Albert Einstein auf die Hauptschule zu schicken. Daher würden die Grünen gleiche Bildungschancen für alle fordern.

„Ich kann mich noch gut erinnern, wie unser Lehrer am Ende der vierten Klasse fragte, auf welche Schule wir gehen wollen. Bei der Hauptschule habe ich mich nicht gemeldet, bei der Realschule auch nicht. Als ich auf das Stichwort Gymnasium meine Hand hob, brach unser Lehrer in Gelächter aus. Kurz darauf die ganze Klasse. Dieses Lachen werde ich nie vergessen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, wo niemand lacht, wenn jemand, der Cem Özdemir heißt, sagt, er will aufs Gymnasium gehen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, das alle Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend fördert – egal, ob ihre Eltern Professoren oder Hartz-IV-Empfänger sind.“

Auf die Frage, warum die Grünen eine Volksabstimmung in EU-Themen ablehnen, wie sie von der CSU gefordert wird, erwider er, dass die Grünen bereits seit Jahren Volksabstimmungen auf Bundesebene wünschen. Die Union habe dies bislang verhindert. Der aktuelle CSU-Vorschlag ziele vielmehr darauf ab, sich bestimmte Stimmungslagen in der Bevölkerung für die Wahlen zunutze machen.

Die Grünen würden sich Abstimmungen auf der richtigen Ebene wünschen. Landesthemen müssten auf Landesebene abgestimmt werden, Bundesthemen auf Bundesebene und Europathemen auf Europaebene. „Wenn die CSU über die Erweiterung der EU abstimmen will, dann beteiligen wir uns gern an einer europaweiten Volksabstimmung nach dem Prinzip der doppelten Mehrheit, also Mehrheit der Länder und Mehrheit der absoluten Stimmen. Aber dann stimmen wir nicht nur über die Türkei ab, sondern auch über Kroatien.“, so Özdemir.

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52 Kommentare
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  1. Kosmopolit sagt:

    @elimu
    Wie bitte????
    Sind Lufthansa, LSG, LAC, Condor, die FAG und die vielen anderen Dienstleistungsfirmen keine deutschen Firmen. Man merkt hier deutlich, das sie keine Ahnung von der Struktur diese Flughafens haben, aber eine große Klappe riskieren. Hier finden sie einen extrem hohen Ausländeranteil! Was sind für sie so richtige deutsche Firmen, Opel??
    Die haben auch einen sehr hohen Ausländeranteil, das sieht man, wenn man in der Innenstadt von Rüsselsheim beglückt wird. Also, im falschen Film, oder?
    @ Mehemt,
    ersparen sie mir, auf alle Kommentare, die ich hier veröffentlicht habe, Bezug zu nehmen. Es gibt hier ein Sprichwort; Der eines lernt es nie, der andere noch später!

  2. Mehmet sagt:

    Über Integration können wir gern reden. Integration bedeutet, dass die Personen bei Beibehaltung der eigenen kulturellen Identität und der Einhaltung der deutschen Gesetze hier produktiv (!) sein Leben gestaltet und der Gesellschaft einen Mehrwert schafft. Dies bringt jedoch mit sich, dass man dann nunmal anders ist als ein Deutscher, der deutsche Wurzeln hat. Kulturelle Vielfalt, solange sie von allen Seiten akzeptiert wird, ist ja auch zu fördern.

  3. Mehmet sagt:

    Auch religiöse Bräuche sind ein Teil der türkischen Kultur. Ich würde Ihnen hierbei insofern recht geben, als dass man sich zu stark auf den Islam hierbei spezialisiert und die anderen Glauben vernachlässigt.

  4. Markus Hill sagt:

    Ich habe ihm einmal bei „Hartaberfair“ im im Internet bei einer Diskussion gesehen. Solange es nicht um reine Parteistandpunkte ging, hatte er nicht schlecht argumentiert. Diese Schielen nach diesen Extra-Stimmen macht ihn in der Bildungspolitik angreifbar, da einige Positionen sachlich schwer haltbar sind. Auch in der Migranten-Community insgesamt hat er wohl keinen unumstrittenen Ruf. Im Zweifelsfall wird er halt eben NICHT als Vetreter der Migranten gesehen, sondern mehr als Interesse von Türken-Interessen. Das schadet dem seinem Ruf sehr. Der Vorteil der Grünen ist derzeit noch, dass man nicht zu stark alte Klientel hat, die man bedienen muss (so wie die FDP die Apotheker).

  5. Markus Hill sagt:

    Zustimmung – das deckt sich auch mit den Erfahrungen in meinem Bekanntenkreis!!!:-)

  6. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Zum wiederholten Male muß ich leider feststellen, das (mit Absicht ?) auf gestellte Fragen
    nach „Äpfeln“ max. Antworten zum Thema „Birnen“ kommen, also ausgewichen wird. Da macht der Diskurs wenig Sinn.

  7. municipal sagt:

    @ Mehmet

    Wenn Sie etwas von Verhaltensforschung kennen (Prägung), dann wissen Sie, das dieses ANDERS SEIN anerzogen wird. Und SO wird die Parallelgesellschaft auf Dauer manifestiert. Und DAS wollen der deutsche Staat/Gesellschaft nicht.

  8. Teleprompter sagt:

    Auch wenn es Deutsche ohne „Migrationshintergund“ sind?

  9. Mehmet sagt:

    In erster Linie respektiert man die Leute, die es geschafft haben, von der „Unterschicht“ heraus ein Studium anzufangen und erfolgreich arbeiten.

  10. Mehmet sagt:

    ok, dann reden wir über dieses „Anders“ sein. Was genau meinen Sie damit?


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