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Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Cem Özdemir

„Migranten- und Arbeiterkinder werden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert“

In einem Interview mit Merkur Online erläutert Grünen-Chef Cem Özdemir, weshalb er für die doppelte Staatsbürgerschaft ist, wie er sich das Bildungssystem vorstellt und unter welchen Bedingungen er eine Volksabstimmung befürwortet.

„Die doppelte Staatsbürgerschaft gibt es doch bereits. Schließlich behält jeder zweite Eingebürgerte seinen früheren Pass. Dies gilt aber nicht für die größte Gruppe von Ausländern, die in Deutschland einen Einbürgerungsantrag stellt: die Türken. Hier wünsche ich mir Gleichbehandlung“, erklärt Cem Özdemir zum Vorstoß von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die doppelte Staatsbürgerschaft generell einzuführen.

Auf den Einwand, dass dadurch Migranten aus der Pflicht entlassen werden, sich aktiv für Deutschland zu bekennen erwidert er, dass erst durch das Optionsmodell ihr Bekenntnis zu Deutschland infrage gestellt wird. Er bleibe dabei: “Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sollten auch den deutschen Pass haben. In Amerika gilt die Haltung: Der amerikanische Pass ist der wichtige. Warum machen wir es nicht genauso? Viel entscheidender für die Integration ist nicht der Pass, sondern welche Bildungschancen wir Migranten bieten. Hier gibt es noch viel zu tun.“

In Deutschland würden Kinder aus Migranten- und Arbeiterfamilien strukturell benachteiligt werden. Migranten- und Arbeiterkinder würden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert. Das sei nicht nur menschlich eine Tragödie. Deutschland könne es sich auch volkswirtschaftlich nicht leisten, einen potenziellen Albert Einstein auf die Hauptschule zu schicken. Daher würden die Grünen gleiche Bildungschancen für alle fordern.

„Ich kann mich noch gut erinnern, wie unser Lehrer am Ende der vierten Klasse fragte, auf welche Schule wir gehen wollen. Bei der Hauptschule habe ich mich nicht gemeldet, bei der Realschule auch nicht. Als ich auf das Stichwort Gymnasium meine Hand hob, brach unser Lehrer in Gelächter aus. Kurz darauf die ganze Klasse. Dieses Lachen werde ich nie vergessen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, wo niemand lacht, wenn jemand, der Cem Özdemir heißt, sagt, er will aufs Gymnasium gehen. Ich wünsche mir ein Schulsystem, das alle Kinder ihren Möglichkeiten entsprechend fördert – egal, ob ihre Eltern Professoren oder Hartz-IV-Empfänger sind.“

Auf die Frage, warum die Grünen eine Volksabstimmung in EU-Themen ablehnen, wie sie von der CSU gefordert wird, erwider er, dass die Grünen bereits seit Jahren Volksabstimmungen auf Bundesebene wünschen. Die Union habe dies bislang verhindert. Der aktuelle CSU-Vorschlag ziele vielmehr darauf ab, sich bestimmte Stimmungslagen in der Bevölkerung für die Wahlen zunutze machen.

Die Grünen würden sich Abstimmungen auf der richtigen Ebene wünschen. Landesthemen müssten auf Landesebene abgestimmt werden, Bundesthemen auf Bundesebene und Europathemen auf Europaebene. „Wenn die CSU über die Erweiterung der EU abstimmen will, dann beteiligen wir uns gern an einer europaweiten Volksabstimmung nach dem Prinzip der doppelten Mehrheit, also Mehrheit der Länder und Mehrheit der absoluten Stimmen. Aber dann stimmen wir nicht nur über die Türkei ab, sondern auch über Kroatien.“, so Özdemir.

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52 Kommentare
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  1. Werner sagt:

    Wie kann Özdemir nur ernsthaft für Volksabstimmungen sein nach dem (für Türken) traumatischen Erlebnis der Unterschriftensammlung. Ich fasse es nicht.

  2. Kosmopolit sagt:

    Cem Özdemir, ist traumatisiert von der deutschen Gesellschaft. Ob er hier politische Verantwortung übernehmen kann, ohne auf seine traumatisierte Vergangenheit zu reflektieren, bezweifele ich und halte ihn nicht befähigt, unvoreingenommen, Politik zu machen und hier Probleme zu lösen.
    Ich bin im Krieg geboren und ohne Vater aufgewachsen. Trotz Volksschule und Weiterbildung habe ich mich jeder Hinsicht weiterentwickelt. Früher hatten es die Eltern nicht „dicke“. Leider werden hier die Probleme der 50 und 60er Jahre nicht so gewürdigt. Meine Kinder, mit Migrationshintergund, haben Abitur, die Tochter hat promoviert. Auch die hatte es nicht einfach, in der Schule und Alltag, wegen ihrem Taint und den langen schwarzen Haaren. Und mein Sohn ist auch aufgefallen, aufgrund seines Aussehens. Beide haben sich nicht ständig beleidigt gefühlt, sondern ihren Beitrag geleistet um gemeinsam mit ihren Schulkamerden die Schulzeit zu meistern, und was wichtig war, mit der Rückendeckung und Hilfe ihrer Eltern.
    Ich kenne sehr viele in meinem Altersabschnitt, die ihren Kindern alle Chancen eröffnet haben, eine höhere Schule zu besuchen. Die Aussage, Eltern mit Volksschulbildung würden ihren Kindern keine Möglichkeiten eröffnen, eine höhere Schulbildung zu absolvieren, halte persönlich für eine Pauschalisierung und Anmaßung. Wäre ich Türke, wäre ich beleidigt. Aber die Welt ist nun mal nicht schwarz/weiß.

  3. Schneter sagt:

    @Kosmopolit

    Das Problem ist, das Bildung in der türkischen Community sehr, sehr klein geschrieben wird. Im Gegenteil, wer sich bildet und gut in der Schule ist, ist ein Verräter, ist nicht cool, kommt bei Altersgenossen nicht gut an. Schlimm. Sehr schlimm ist das.

  4. Ekrem Senol sagt:

    Sorry, ich kann Ihnen nicht folgen. Was genau werfen Sie Herrn Özdemir vor, wenn er sagt, dass er eine Gesellschaft haben möchte, in der alle die gleichen Chancen haben wollen? Insbesondere Sie, wenn Sie über Ihre Kinder schreiben

    Auch die hatte es nicht einfach, in der Schule und Alltag, wegen ihrem Taint und den langen schwarzen Haaren.

    kann ich Ihre Ausführungen nicht nachvollziehen.

  5. Kosmopolit sagt:

    Cem Özdemir: “Migranten- und Arbeiterkinder werden überall durch das Bildungssystem ausgefiltert”

    Das halte ich nach meinen persönlichen Erfahrungen und in meinem Arbeitsumfeld in einem Multikultikonzern, der weltweit tätig ist, für nicht haltbar.

  6. Werner sagt:

    > Als ich auf das Stichwort Gymnasium meine Hand hob, brach unser Lehrer in Gelächter aus.

    Mal ehrlich, ist denn an Cem Özdemir ein Einstein verlorengegangen? Er ist Sozialpädagoge geworden! Was war denn seine Abschlußnote? Tja, ist er das Vorbild für unsere Jugend? Ist er einer, der sich hochgearbeitet hat? Wie waren seine Leistungen in der Schule? An der Universität? Wie lange hat er studiert?

    Brauchen wir wirklich mehr Studenten, die nach 20 Semestern eine Stelle im öffentlichen Dienst suchen?

    Gut, er ist jetzt ganz oben. Aber wenn er ehrlich ist, dann gibt er zu, das er dafür viel Glück und viele Fürsprecher benötigt hat. Vielleicht (und nicht nur vielleicht!) sitzt er gerade wegen seiner Abstammung dort, wo er sitzt.

    Nehmen wir die Altintop-Brüder: Deutschland hat sie zu den Topfußballern gemacht, die sie sind. Das Talent haben sie natürlich mitgebracht, aber gehegt und gepflegt und gefördert wurden sie in Deutschland. Dennoch haben sie sich gegen Deutschland entschieden. Ganz fatal!!

    Dass Kinder aus bildungsfernen Schichten schlechte Voraussetzungen für das Gymnasium, so wie es heuite ist, mitbringen, liegt doch auf der Hand. Man muß das ohnehin heikle Thema nicht noch ethnisch „aufpeppen“ , Türken hätten es schwerer an deutschen Schulen oder gar: Türken werden an deutschen Schulen diskriminiert. Das ist m.E. falsch und sogar ein bißchen volksverhetzend.

  7. Mehmet sagt:

    Das Gegenteil ist der Fall. Diejenigen, die es schaffen, werden von den anderen sehr respektiert.

  8. Fritz sagt:

    Es fällt bei Herrn Özdemir auf, daß seine Schuldzuweisungen immer gegen Deutschland und die Deutschen erfolgen.

    Kritik an der türkischen Bevölkerung gibt es bei ihm nicht oder sehr verhalten.

    Welche Glaubwürdigkeit soll solch ein Mann haben?

  9. Mehmet sagt:

    „Mal ehrlich, ist denn an Cem Özdemir ein Einstein verlorengegangen?“
    Ich denke, dass er diese Aussagen generell für alle Migranten (oder auch nur die türkische Gruppe) meinte.

    „Dass Kinder aus bildungsfernen Schichten schlechte Voraussetzungen für das Gymnasium, so wie es heuite ist, mitbringen, liegt doch auf der Hand.“
    Falsch. Es wurde sogar meines Wissens durch Studien gezeigt, dass Lehrer dazu neigen, von dem Status der Eltern auf die Leistung der Kinder zu schließen. Also auch wenn die Kinder aus bildungsfernen Schichten gleiche oder sogar bessere Leisungen aufweisen, werden Sie schlechter eingestuft. Auch bei uns war dies nicht anders. Meine Geschwister hatten auf der Grundschule nur 4en und 5en und es fragte sich, ob sie auf die Sonderschule sollten. Erst nach dem Wechsel zur Hauptschule hat sich dann mit sechs (!) 1en und sonst nur 2en gezeigt, dass sie total falsch eingestuft worden waren. Unglücklicherweise wurden so einige andere auf die Sonderschule geschickt.

  10. Mehmet sagt:

    In Multikulti-Konzernen kommt es auch darauf an. Der Personaler wird sich nach der Herkunft richten. Ein Engländer wird wohl anders betrachtet als ein „Deutschtürke“. Allein die Studie des ZfT, in der deutsche Bewerber mit der gleichen Bewerbungsmappe 10 mal häufiger als türkische ausgewählt wurden, zeigt dies auf. Weiterhin wird ebenfalls der Mittelstand anders entscheiden als der Multi-Kulti-Konzern. Die kleinen Unternehmen werden dann wohl deutlich gegen den „Deutschtürken“ voten.


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