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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Elternintegrationskurse

Viel gesprochen – und wann wird gehandelt?

Eine Aufregung macht sich im Saal der Fichtelgebirge-Grundschule breit. Nicht alle Tage erscheinen der Innenminister Wolfgang Schäuble mit Leibwächtern und die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer in Kreuzberg und erst recht nicht in einer Schule. Es geht um die „Motivations“-Kampagne für Elternintegrationskurse. „Wir müssen die Eltern motivieren, damit diese ihre Kinder motivieren“, sagt Böhmer.

DATUM13. Juli 2009

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RESSORTMeinung, Politik

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Diese Kampagne erweckt den Eindruck, als seien die Eltern nicht motiviert, Deutsch zu lernen und sich mit dem Bildungssystem auseinander zu setzen. Die Worte von Nuray Demir, eine der Elternbotschafterinnen an der Fichtelgebirge-Grundschule, lassen jedoch auf etwas anderes schließen. „Noch mehr Eltern wollen in die Elternkurse, aber es gibt keine Plätze mehr“. Auch Annette Spieler, die Schulleiterin der Fichtelgebirge-Grundschule, weiß anderes zu berichten: „Bundesweit ist der Andrang der Eltern groß. Auch bei uns steigt die Nachfrage für die Sprachkurse der Volkshochschulen.“ An der Motivation der Eltern scheint es also nicht zu scheitern.

Die Auftakt-Veranstaltung an einer Grundschule durchzuführen, an der die Eltern, und im Besonderen die türkischen Mütter, sehr engagiert sind, ist sehr raffiniert. Aber diese Motivation und das Engagement sind nicht auf die Elternkurse, für die Schäuble und Böhmer werben, zurückzuführen, sondern auf die Eigeninitiative der Eltern. An der Fichtelgebirge-Grundschule wird sich seit 2005 um die Belange der Mütter mit Migrationshintergrund gekümmert. Eltern, die sich aufgrund ihrer Sprachbarrieren nicht trauen, können bei Elterncafés mit der Schule ihrer Kinder in Kontakt kommen. Deutsch-Kurse helfen dabei, ihre Sprachbarrieren aufzuheben. Den Elternbotschafterinnen liegt viel daran, dass Eltern in das Schulleben eingebunden werden. Sie helfen den Eltern, das deutsche Schulsystem zu verstehen und sich fortzubilden. Und das ohne die von Schäuble und Böhmer groß angekündigte Unterstützung. Das kann die Schulleiterin nur bestätigen: „Wir sind schon unseren eigenen Weg aktiv gegangen. Im Grunde genommen haben wir hier alles selbst gemacht. Auch bei uns hat es Geld gekostet. Im Prinzip ist vom Innenministerium nichts zu uns geflossen, kein Geld und kein Personal; das wir haben alles selber gemacht.“

Am Ende der Veranstaltung übergibt Schäuble feierlich das „Motivationsmagazin“ an die Schulleiterin mit folgenden Worten: „Damit, dass ich dieses Magazin an Frau Spieler weitergebe, übergebe ich es an die Welt“. Der Saal bricht in einem großen Applaus aus. Bei dem „Magazin“ handelt es sich lediglich um eine achtseitige Broschüre, die über Elternintegrationskurse berichtet und Erfahrungen von Eltern, die bereits an solch einem Kurs teilgenommen haben, schildert. Zum Belächeln. Nicht nur das. Das Ministerium des Innern teilt auch Lesebücher für SchülerInnen aus. Ob das mit den anstehenden Bundestagswahlen im September zusammenhängt? Jedenfalls erinnert das an die Wahlkampagne von Parteien aus beispielsweise der Türkei, die durch das Verteilen von Mehl und Brot die Wählerstimmen erkaufen. Aber anscheinend soll der Service nicht mit diesem Heftchen enden. „Wir erhöhen die finanziellen Mittel“, versichert die Integrationsbeauftragte. Genau das scheint auch besonders notwendig zu sein, laut Herbal Sükrü, ebenfalls Elternbotschafterin.

Harald M. Bock, der Generalsekretär der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, begrüßt zwar die Elternintegrationskurse, jedoch haben diese aber seiner Auffassung nach „sehr spät angefangen“. Besser zu spät als nie? Doch Tosun ist nach wie vor nicht begeistert vom „Motivationsmagazin“ und den groß angekündigten Programmen des Innenministers und der Integrationsbeauftragten. „Wir sehen ja gar nichts. Das hier ist Werbung. Sie kommen, um sich zu zeigen“, beklagt sich die Elternbotschafterin Arzu Tosun. Da steckt wohl was Wahres dahinter.

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2 Kommentare
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  1. Ein integrierter Bürger sagt:

    „Viel gesprochen – und wann wird gehandelt?“
    Kommt mir irgendwie bekannt vor aber woher?

    Ach so jetzt ist es mir wieder eingefallen :

    -Nationaler Integrationsplan-
    -Kommunaler Integrationskonzepte-
    -Interkulturelle Öffnung der Verwaltungen-
    -10-Punkte Pläne-
    -Handlungsempfehlungen für Kommunen-
    -Komm In-
    -Vielfalt als Chance-
    usw.

  2. Sinan A. sagt:

    Schöner Bericht!
    Kein akademischer Gedöns, der ganz normale Alltag, die Realität, so wie ich sie erlebe. Von Eltern und Kindern, die ihr bestes geben, wenn man sie nur lässt. Von solchen Artikeln müsste es mehr geben.

    Foto ist richtig klasse.
    Ein solches Foto sieht man sonst nie in Verbindung mit Migranten.



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