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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Elternintegrationskurse

Deutsch lernen – Deutschland kennen lernen

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Integrationsministerin Maria Böhmer haben gestern in Berlin-Kreuzberg eine bundesweite Motivationskampagne für Eltern-Integrationskurse gestartet. Unter dem Motto „Deutsch lernen – Deutschland kennen lernen“ sollen Müttern und Vätern aus Zuwandererfamilien Hilfestellungen gegeben werden, um ihren Nachwuchs besser durch den Schulalltag und das deutsche Bildungssystem begleiten zu können. Zugleich will die Kampagne Lehrer und Erzieher ermutigen, die Zusammenarbeit mit Vätern und Müttern aus Zuwandererfamilien zu verbessern.

„Damit Kinder in Deutschland erfolgreich sein können, müssen auch die Eltern die deutsche Sprache beherrschen“, betonte der Innenminister. Mangelnde Sprachkenntnisse machten es den Eltern oft unmöglich, sich in die schulische Gemeinschaft einzubringen, ihre Kinder in der Schule zu unterstützen und an ihren Erfolgen teilzuhaben. Um hier Abhilfe zu schaffen, können sich die Eltern in einem achtseitigen Magazin in deutscher, türkischer und russischer Sprache über das Angebot an Integrationskursen informieren. Wie das Innenministerium mitteilte, werden die Materialien Ende August an Schulen und Kindertagesstätten in ganz Deutschland versandt.

„Die Eltern motivieren, damit diese ihre Kinder motivieren“
Die Integrationsbeauftragte Böhmer wies darauf hin, dass viele Mütter und Väter aus Zuwandererfamilien Schwierigkeiten hätten, sich in unserem Bildungssystem zu orientieren. Deshalb sei die Information in den Eltern-Integrationskursen, wie Schule funktioniert, besonders wichtig. „Wir müssen die Eltern motivieren, damit diese ihre Kinder motivieren“, sagte Böhmer.

In einem Interview des Südwestrundfunks warb die CDU-Politikerin zudem dafür, die Eltern-Integrationskurse direkt in den Schulräumen anzubieten. Obwohl die Kurse nicht die Lehrer selbst, sondern spezielle Träger durchführten, verbessere sich so der Kontakt zwischen Elternhaus und Schule. In diesem Zusammenhang appellierte Böhmer an die jungen Migranten, stärker als bislang den Lehrerberuf zu ergreifen. Viele zugewanderte Eltern rieten ihren Kindern nach dem Abitur dazu, Medizin, Jura oder Betriebswirtschaft zu studieren. Jugendliche aus Zuwandererfamilien, die sich für den Lehrerberuf entschieden, hätten jedoch große Chancen. „Sie sind wichtige Brückenbauer, wir brauchen mehr von ihnen“, betonte die Integrationsbeauftragte.

Grundlegende Reformen im Schulsystem notwendig
Ali Al Dailami, Mitglied des Parteivorstandes und migrationspolitischer Sprecher der Linken, begrüßte die Kampagne, forderte allerdings auch grundlegende Reformen im Schulsystem. Wenn die Integrationsbeauftragte Böhmer davon spreche, dass Eltern aus Zuwandererfamilien Schwierigkeiten hätten, sich im deutschen Bildungssystem zu orientieren, dann liege es eher daran, dass das Bildungssystem sowohl für Schüler als auch für Eltern, egal welcher Herkunft, keinerlei Orientierung biete. „Das deutsche Schulsystem ist weltweit das einzige, in dem der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängt. Hier ist eine grundlegende Reform des dreigliedrigen, selektierenden Schulsystems von Nöten“, sagte Dailami.

Der Spracherwerb sei zum keine Garantie für die Integration. „Es nützt nicht viel wenn man die deutsche Sprache beherrscht, aber kein Wahlrecht hat und als erwerbsloser oder prekär Beschäftigter, wirtschaftlich abgehängt ist. Die Sprachfähigkeiten bringen auch alle jenen 500.000 nichts, deren im Ausland erworbenen Bildungsabschlüsse, weiterhin hier nicht anerkannt werden“, betonte Dailami. Integration heiße vielmehr gleichberechtigte Teilhabe am politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben.

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3 Kommentare
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  1. Daniel S. Lee sagt:

    Mir würde die Idee besser gefallen, wenn die Überschrift lauten würde:
    „Deutsch lernen – Deutsche (und Deutschland) kennenlernen“.

    Ich fände es erfolgversprechender, wenn es Elternkreise gibt, in denen deutsche Eltern und Eltern mit Migrationshintergrund zusammenkommen, zusammenarbeiten, damit Eltern mit Migrationshintergrund (wie ihre Kinder) einen Einblick in den deutschen Alltag erhalten. Das kann vom regulären Elternabend abgekoppelt sein und von „speziellen Trägern“ oder Dolmetschern begleitet werden.

    Nicht nur der Kontakt zwischen Elternhaus und Schule, sondern gerade der Kontakt zwischen Migranten-Elternhaus, deutschem Elternhaus und Schule muss sich verbessern.

  2. Ein Vater mit Migrationshintergrund sagt:

    Wieder mal viel Lärm um nichts !

    “Damit Kinder in Deutschland erfolgreich sein können, müssen auch die Eltern die deutsche Sprache beherrschen” meint unsere Innenminister Dr. Schäuble. “ Viele Mütter und Väter aus Zuwandererfamilien hätten Schwierigkeiten sich an dem deutschen Bildungssystem zu orientieren“ ist die Meinung von Integrationsbeauftragte Prof. Dr. Böhmer.

    Hier frage ich mich ob Dr. Schäuble und Prof. Dr. Böhmer grundsätzlich davon ausgehen, dass in der BRD nur Zuwanderer gibt die keine Sprachkenntnisse, keinen Schulabschluss und zum Schluss keine Berufsausbildung haben. Wenn das so ist dann muss ich Sie enttäuschen.

    Ich bin auch Vater zwei Kinder (16 u.13) und bin in der BRD zur Schule gegangen. Wie man es merken kann beherrsche ich die deutsche Sprache, besitze auch einen Schulabschluss (Fachhochschulreife) und habe eine Berufsausbildung die ich auch mit diverser Weiter- und Fortbildungen übertroffen habe. Spätestens jetzt müsste aber auch klar sein, dass ich keine Probleme habe mich an dem deutschen Bildungssystem zu orientieren. Eher habe ich Probleme mich an der deutschen Arbeitsmarkt zu orientieren.

    Politiker meinen, dass gute Sprachkenntnisse, eine gute Schulabschluss und eine Berufsausbildung der Schlüssel zum Erfolg wären. Doch mit dieser Meinung irren Sie sich gewaltig, denn hier haben dieser nicht mit den Verantwortlichen aus der eigenen Gesellschaft nämlich mit Personalchefs aus Wirtschaft und öffentlichen Verwaltungen gerechnet. Diese vertreten nämlich genau eine andere Meinung als die der Politiker. Das geben sie zwar nicht offen zu aber so denken sie. So viel dann auch zu der Werbekampagne „Vielfalt als Chance“.

    Es gibt heute schon gut ausgebildete oder gar studierte Fachkräfte aus den Zuwandererkreisen die sich vergeblich auf die Stellenangebote aus der Wirtschaft und öffentliche Verwaltungen bewerben. Zur dieser Kreis gehöre ich nämlich auch. Zum Schluss sehen sie ein, dass sie in diesem Lande keine Perspektive haben und wandern aus.

    Das ist auch genau das was ich meinem Kindern in letzter Zeit immer nahe lege. Sie sollen nämlich entgegen der Empfehlung von Prof. Dr. Böhmer BWL, IT, Architektur oder Ingenieurwesen studieren und ihre Lebensmittelpunkt in einem Land verlagern, wo sie nicht am Rande der Gesellschaft sondern mittendrin leben. Als Beispiel zeige ich meine Kinder unsere jetzige Lage in der BRD wo viel diskutiert aber nicht gehandelt wird. Ich hoffe für meine Kinder, dass Sie diesen Weg schaffen, denn zur dieser Zeitpunkt erfüllen Sie mit ihrer schulischen Leistungen alle Voraussetzungen dazu.

    Was mich betrifft bin ich zu alt um auszuwandern. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden trotz meiner beruflichen Qualifikation und Bemühungen eine dauerhafte Hartz 4-Empfänger zu sein und am Rande der Gesellschaft zu leben, denn einer aus der Minderheit wird immer dort sein wo die Mehrheit ihn sehen will.

    Zum Schluss möchte ich noch hinzufügen, dass ich seit zehn Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitze. Früher wenn man mich gefragt hat was für ein Landsmann ich bin habe ich geantwortet „Ich bin eine deutsche Staatsbürger mit türkischen Migrationshintergrund“, weil ich davon überzeugt war hierher zu gehören.
    Die Zeit hat mir gezeigt, dass es nicht so ist und heute sage ich „Ich bin ein TÜRKE mit deutschem Pass.

    Mit freundlichen Grüßen

  3. Teleprompter sagt:

    „Es gibt heute schon gut ausgebildete oder gar studierte Fachkräfte aus den Zuwandererkreisen die sich vergeblich auf die Stellenangebote aus der Wirtschaft und öffentliche Verwaltungen bewerben. Zur dieser Kreis gehöre ich nämlich auch. Zum Schluss sehen sie ein, dass sie in diesem Lande keine Perspektive haben und wandern aus.“

    Es gibt auch jede Menge Leute ohne Migrationshintergrund, die trotz guter Ausbildung keinen Job bekommen. Was ist Deutschland? Ein gefrässiges Monster aus bürokratischen Wasserköpfen, das die Leute aussaugt bis auf Blut. Die logische Folge von dreißig Jahren Staats- und Umverteilungsgläubigkeit. Nicht nur Migranten haben hier keine Perspektive mehr.



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