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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Strohfeuer für „Ungenutzte Potenziale“

Das mediale Strohfeuer um die Integrationsstudie ist erloschen. Geblieben ist der Rauch, der klare Sicht auf „prominente“ Hintergründe verstellte. Wer Datum und Inhalt einiger wichtiger Belege reflektiert, wird über die Benutzung „Ungenutze Potenziale“ erstaunt sein.

Mehrere Zeitungen und Medien berichten von 800.000 Befragten und die Studie transportiert die Mikrozensusdaten erklärungsfrei quasi als absolute Daten. Dabei ist zu beachten:

  • Der Mikrozensus 2005 basiert auf der Fallzahl 477.239. 14 Tage nach Veröffentlichung der Studie bestätigt dies das Berliner Institut in einer “Online-Diskussion“ als „Online-Forum“. Dort sind nur Texte, wahrscheinlich von der Wissenschaftlerin und Studien-Mitautorin, Frau Woellert enthalten – aber sind Stellungnahmen ein Online-Forum?
  • Die Personenanzahl in einzelnen Frage-Modulen bzw. Antworten variiert; sie kann höher oder deutlich geringer sein. Die zitierte Befragtenanzahl ist nur die gesetzliche Grundlage gemäß Mikrozensus-Gesetz.
  • Gemäß destatis werden 70 % der im Mikrozensus 2005 Befragten dabei bewertet und daraus ein „Index zur Messung von Integration (IMI)“ errechnet.
  • Die in der Studie zugrunde gelegten Daten des Mikrozensus 2005 mit dem neuen Baustein „Migration“ bilden den Zeitraum VOR dem Jahr 2005 ab.
  • Verwiesen wird von Autoren darauf, dass „noch wenig Praxiserfahrung zum MZ 2005“ bestehe1. „Zu Umfang und Zusammensetzung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund konnten mit dem Mikrozensus 2005 erstmals detaillierte Informationen bereitgestellt werden. … Vor diesem Hintergrund wurde dem Thema ‚Bildung und Migration’ im ersten nationalen Bildungsbericht für Deutschland ein eigenständiges Schwerpunktkapitel gewidmet“.2
  • Anders als für den Fall der „Ausländer“ existiert für den Begriff „Migrationshintergrund“ allerdings keine allgemein geteilte Definition, sodass „üblicherweise gemeinter Sinn und amtliche Erfassung teilweise voneinander abweichen“ und „der Mikrozensus versuchen muss … sich dem üblicherweise gemeinten Sinn anzunähern, ohne die dafür relevanten Informationen abfragen zu können.“3
  • Mehrere Wissenschaftler, vor allem auch innerhalb der Statistikämter, thematisieren Fragen in Untersuchungen zu Problemen und Qualität von Datenerhebungen und deren Auswirkung auf Auswertungsmöglichkeiten. Den Mikrozensus begleiten solche Fragen schon immer, sie sind auch mit den Verbesserungen der letzten Jahre weder beseitigt noch geringer geworden. In den meisten Untersuchungen wird ausdrücklich auf solche Gegebenheiten hingewiesen, während die Berliner Studie dieses Thema ausgrenzt.

Der medial optimierten Platzierung der Studie durch den versierten Medienstrategen Dr. Klingholz, folgt wie früher (?) eisernes Schweigen auf ungeliebte Kritik. Der rauschende Blätterwald meinungsloser „Kopisten“ übertönt, aber beseitigt nicht kritische Stimmen.

Dieses Szenarium verwundert angesichts des so veritablen und bisher stets diskussionsbereiten Vorsitzenden der Stiftung, Dr. Christoph Bertram, Politikwissenschaftler und Jurist, diplomatische-journalistische Tätigkeiten u.a., Mitarbeit in Die Zeit 1982, wie ab 1984 Dr. Klingholz. Dr. Bertrams ambitionierte Politikberatung sorgte in nahezu jeder Hinsicht in den Spitzen von Politik und in der Wissenschaft für positive Aufmerksamkeit. Inzwischen ist er u.a. als Rechtsanwalt in der renommierten (Traditions-)Kanzlei, jetzt mit dem Namen „Bernzen Sonntag MSBH“, Hamburg, tätig.

Zu erwähnen sind gewisse Identitäten des Studientitels mit bereits vorhandenen Titeln und Studien z.B. bei Frauenthemen im Bundestag 2005, Computerwoche August 2006 oder zuletzt Anfang 2008 mit BM Dr. Ursula von der Leyen4 oder wie z. B. „Ungenutzte Potenziale der Zuwanderer“5; mit folgender Kurzbeschreibung:

„Die Befunde machen auf ein fundamentales Integrationsproblem aufmerksam, das sich im Erwerb sowohl von allgemeinbildenden als auch beruflichen Abschlüssen ausdrückt. Dadurch werden aus individueller Perspektive die gesellschaftlichen Teilhabechancen – insbesondere berufliche Entfaltungsmöglichkeiten – stark eingeschränkt. Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive geht ein Potenzial an Arbeitskräften verloren, das angesichts der demografischen und konjunkturellen Entwicklung als entscheidende Ressource für zukünftige Produktivität und gesellschaftlichen Wohlstand zu verstehen“ ist.6

Nachzutragen sind kritische Hinweise, von denen sich einige erst Ende Februar als belastbar erwiesen.

Im Landtag Niedersachsen, beantwortete Innenminister Uwe Schünemann am 20.02.2009, die Kleine Anfrage des Abgeordneten Christian Biallas (CDU).7 Dabei wird die Studie kritisiert,

  • weil sie beim Zahlenvergleich die Zuwanderergruppen und z. T. auch die Bundesländer in unzulässiger Weise zusammenfasst; Anmerkung: „57 % der Ausländer sind Staatsangehörige der Türkei und ehemaliges Jugoslawien“; dargestellt am Beispiel des Strukturwandels der Rhein-Ruhr-Region8.
  • wenn sie den neuen Bundesländern eine hervorragende Integration der türkischen Zuwanderer bescheinigt, obwohl es türkische Gastarbeiter in den neuen Bundesländern nie gab; Anmerkung: 91 % Familien mit Migrationshintergrund in Westdeutschland.
  • mit der Gewichtung einzelner Indikatoren den Stand der Integration zu ermitteln, führt zu Zweifeln.

Der in der Studie beschriebene Handlungsbedarf, basierend auf Mikrozensusdaten 2005 mit Daten aus 2004, entspricht folglich allenfalls den Notwendigkeiten von 2005. Mehr und früher einsetzende bildungsvorbereitende Aktivitäten sowie gezielt aktive Förderung von Bildungsabschlüssen für alle im Land lebenden Heranwachsenden zu realisieren, bleibt eine Generalaufgabe.

Dass RA Dr. Wolf Weber von der Kanzlei Bernzen Sonntag MSBH, Hamburg, seit Dezember 2008 Mitglied der „Kommission zur Überprüfung der Angemessenheit der Abgeordnetenentschädigungen“ beim Niedersächsischen Landtag ist, zeigt die vielfältigen Verbindungen zwischen Politik und Institutionen.

Die Bedenken aus Niedersachsen verdeutlichen nicht nur einzelne Verzerrungsfaktoren, sondern betreffen die Studie grundlegend. Unterrepräsentierte Gruppen mit Dominanz-Gruppen pauschal zu vergleichen, führt in Summe und Detail zu fragwürdigen Aussagen, was geeignet ist, generelle Zweifel an der Studie zu verstärken. Der Datenreport 2006 nennt nahezu ausnahmslos Kennziffern zu AusländerInnen (West) und erläutert jeweils „zahlenmäßiges Übergewicht westdeutscher im Vergleich zu ostdeutschen ausländischen … Erwachsenen/Jugendlichen/Kindern …“

Die Stiftungen Vodafone und Mercator (Metro) veranstalteten am 25.01.2009 gemeinsam mit der Integrationsbeauftragten ein internationales Symposium in Berlin unter dem Titel „Integration, Arbeit und soziale Mobilität“9. Dabei rief die Berliner Studie unter den Teilnehmern Fragen und Kontroversen hervor.

Der 19-Jährige Sarif studiert als Stipendiat der Vodafone-Stiftung an der „European Business School Wirtschaftsrecht“. Er berichtete von Jugendlichen, die wegen mangelnder Deutschkenntnisse auf eine Sonderschule geschickt wurden „und sich bis zum Abi durchkämpfen mussten“. Und er hat erfahren, dass „Deutsche sich schwertun, wenn Zuwanderer sich engagieren, etwas leisten wollen“.

„Dann muss man die Menschen erst überzeugen“, sagte Sarif. „Die Kanzlerin ist erschrocken.“10 Zu der im Symposium aufgekommenen Kritik an der Studie heißt es:

„Vodafone habe die Berliner Studie als Herausgeber zunächst mitgetragen“ so der im Stiftungsbereich, in Politik und in sozialpolitischen Bereichen sehr anerkannte Geschäftsführer der Vodafone Stiftung, Dr. M. Speich (zuvor knapp 3 Jahre Mitarbeiter beim Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder, CDU) „Vodafone sei dann aber zurückgetreten, da die Verfasser der Studie ein größeres Interesse an der plakativen Darstellung gehabt hätten als an einer differenzierten“.

Stadtrat J. Partsch, Dezernent für interkulturelle Angelegenheiten in Darmstadt; zuvor Vorsitzender der Stadtverordnetenfraktion Bündnis 90/Die Grünen, der auch im „Forum Integration“ verschiedene lokale Aktivitäten bündeln will, kritisierte sowohl Reaktionen wie auch die Studie selbst. Zur Studie: „Bei dem benutzten Index zur Messung der Integration fehlen etwa Indikatoren zum Grad der sozialen Partizipation oder des gesellschaftlichen Engagements genauso wie der politischen Beteiligung in Parteien und Parlamenten.”11

Zahlreiche Bildungsinstitutionen und über 5 Universitäten wie die Technische Hochschule Darmstadt im Rhein-Main-Gebiet, zogen schon immer Studierende aus anderen Ländern und die internationale Bankenwelt auch Migranten aus vielen Ländern an. Wo immer im „Bildungs- & Kultur-Rhein-Main-Schmelztiegel“ etwas los ist, zu aktiven Leuten gehörten schon vor den 68-ern 30 bis 50 % Nicht-Einheimische im beruflichen wie privaten Umfeld, nach wie vor unabhängig von politischen Regierungsfarben.

Ali Dogan, 28.01.2009, Mentor bei Mixopolis12, zur Studie: „Jedoch vermögen bereits die Messinstrumente, die in der Studie verwandt wurden, nicht zu überzeugen.“

Prof. Klaus Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, warnte davor, die Ergebnisse der Studie zu überschätzen. „Wir müssen diese Daten differenzieren: Der Index verführt zu einer Vermischung von Herkunftsorientierung und schichtspezifischen Merkmalen“.

Patricia Jessen vom Leitungsteam im Ibis13: „Die Ergebnisse der Studie sind teilweise neu, teilweise belegen sie auch nur, was seit Jahren14 bekannt ist — gerade was die Gruppe der Türkischstämmigen betrifft, trotz aller Vorsicht bei Pauschalurteilen. Es besteht auch die berechtigte Kritik, ob z.B.

  • alle relevanten Indikatoren geprüft wurden und einigen nicht ein zu hoher Wert zugestanden wurde;
  • Begriffe wie „Assimilation“ im Zusammenhang mit Integrationsindikatoren überhaupt angebracht sind;
  • „Zahlen aus dem Mikrozensus 2005 … zur heutigen Situation im Bereich Integration tragbar sind, auch wenn es keine neueren Zahlen gibt.“

Der Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V. (vhw) gibt zu bedenken:

  • sozialwissenschaftliche Methoden eingesetzt, die der Lebenswelt und Sicht der Betroffenen wenig Platz einräumen, die wieder Ethnie und individuelle, messbare Schulleistung in einen direkten kausalen Zusammenhang stellt;
  • die dritte Generation einer Zuwanderungsgruppe hat andere Bedingungen in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit als eine erste „Türkengeneration“ bei Daimler-Benz, die zwar schlecht deutsch sprach aber sowohl das Streikrecht wie die Kehrwoche neben einem Zehnstundentag perfekt beherrschten.
  • Das hat alles mehr mit dem „deutschen“ Arbeitsmarkt zu tun als mit der „anatolischen Herkunft“.
  • Es schleicht sich der Eindruck ein, dass in der Studie Ursachen und Wirkungen verwechselt werden.
  • Tatsächlich ist das Element der Leistungsorientierung bei Migranten sogar stärker ausgeprägt als bei Deutschen.
  • Das Wertemuster der Deutsch-Türken ist sogar breiter als die Studie des Berliner Institut erlaubt zu denken.

Dr. Matthias Otten, Soziologe und Bildungsforscher15: „Die öffentlichen Reaktionen auf die neue Studie ‚ungenutzte Potenziale‘ des Berliner Instituts sind möglicherweise aufschlussreicher als die Untersuchungsergebnisse selbst. Viele kritisieren die ‚Ethnisierung‘ sozialer Probleme und stellen die Untersuchungsmethoden in Frage.“ Dr. Otten hält es „für unbedingt diskussionswürdig: Diese beinhalten Fragen zur Forschungsmethode, der Begriffs- und Sprachwahl der Studie sowie die öffentlichen Reaktionen auf die Ergebnisse“.

Dr. C. Wippermann, Direktor des Instituts Heidelberg, und Dipl. Psychologe B. B. Flaig, Geschäftsführer, beschreiben soziologische Modelle, deren Begrifflichkeiten sehr realistisch die „Lebenswelten“ wiedergeben, zumal dabei fließende und überlappende Übergänge aufgezeigt werden.

Für Berichte, dass Dr. Wippermann die Berliner Studie als „unwissenschaftlich“ bezeichnete, fehlen Belege. Tatsächlich mahnte er zur „Vorsicht vor Schubladendenken (= Integrationsverweigerer)“ im Zusammenhang mit „Deutsch-Türken“. Stattdessen verwies er auf eine vom „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)“ initiierte Studie seines Instituts, die in Kooperation mit Unternehmen sowie anderen Organisationen und Institutionen eingerichtet wurde.

Dr. Wippermanns Integrations-Verständnis ist nicht von Abgrenzungen geprägt, sondern er beschreibt vielfältige verbundene Situationen und er wirft die Frage auf, „ob denn alle Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft und Sprache in ihrem Geburts- und Herkunftsland voll bzw. ausreichend integriert sind“16.

Die Modelle des Sinus-Instituts entsprechen dem heutigen Diskussionsstand in den sog. Lebenswissenschaften und basieren auf respektablem Verantwortungsbewusstsein gegenüber Betroffenen. Diese Grundeinstellung ist zugleich brauchbarer „Lichtschutzfaktor“ beim Ausleuchten von Betroffenensituationen, damit diese nicht wie Möbelstücke im falschen Schaufenster-Licht ausgestellt werden.

Der BMFSFJ-Staatssekretär, Dr. Hermann Kues, erwähnte bereits Anfang Dezember 2008 anlässlich der Übergabe der Sinus-Studie17: „Es gibt zwar Zuwanderer, die dem weit verbreiteten Klischee vom nicht integrationswilligen Einwanderer entsprechen. Aber diese Gruppen spielen demografisch wie kulturell keine große Rolle. Die meisten Migrantinnen und Migranten orientieren sich vielmehr wie die übrige Bevölkerung an modernen, gebildeten und beruflich wie gesellschaftlich erfolgreichen Vorbildern.“

Saydam.de, ein Interkulturelles Kommunikationsportal18, äußert u.a.: „ … wenngleich auf Samtpfoten und pseudowissenschaftlich verbrämt, in den regierungsnahen Medien nun Xenophobie und Rassismus der klassischen Art. Eine angeblich wissenschaftliche Studie des Berlin Instituts beklagt die mangelnde Integration der türkischen Mitbürger.“

Bildungsforschung im Bereich von Migration und Zuwanderung wird auch an der Uni Würzburg betrieben unter Leitung von Prof. Reinders, der auf andere Entwicklungen verweist: „Wir sind gespannt, wie sich dieser Trend weiter entwickelt und ob diese Jugendlichen als Motor der Integration weiter an Fahrt gewinnen.“ Prof. Reinders berichtet wie überraschend in der zweiten Befragung erkennbar wurde, „dass im vergleichsweise kurzen Zeitraum von zwei Jahren deutliche Veränderungen in Richtung Integration stattgefunden haben“. Was wir brauchen ist eine konstruktive Debatte zu dem, was wir ‚kulturbewusste‘ Integration nennen.19

Dem Datenreport 200820 ist zu entnehmen, dass sich in 2007 die Bildungssituation der Migranten und Ausländer zwar sehr langsam, aber stetig verbessert, was auch für andere Bereiche zu beobachten ist.

Nicht verbessert haben sich interpretatorische Positionen im Datenreport. In 2006 ist dort im sonst so differenzierten und akzeptablen Kontext eine Überraschung enthalten: „insgesamt zeigt sich bei den Migranten, dass berufliche Integration, KULTURELLE ASSIMILATION und verfügbares Kulturkapital die wichtigsten Mechanismen für die Teilnahme der Kinder in den vorschulischen Betreuungseinrichtungen darstellen.“21

Die befremdende Formulierung „kulturelle Assimilation“ wurde wahrscheinlich hier22 „ausgeliehen“ aus einem anderen Aufsatz, „kultureller Assimilation“, der ein anderes Thema referiert.

Auch im Datenreport 2008 erscheint erneut ein fragwürdiger Hinweis: „ …. gleichzeitig wird der Ruf der Deutschen nach mehr ASSIMILATIONSBEREITSCHAFT der hier lebenden Ausländer jedoch unverkennbar lauter, möglicherweise eine implizite Kritik am bisherigen Beitrag der Ausländer zu den Bemühungen …“.

Hier wird die Position des Datenreport 2006 kunstvoll umschrieben, um den Eindruck neutraler Berichterstattung zu erwecken. Das aber schafft allenfalls Raum für den Vorwurf intellektueller Unredlichkeit, zumal im Stichwortverzeichnis beider Jahrgänge der Begriff Assimilation fehlt.

Darüber hinaus ist zu fragen, warum der Datenreport hier seine Domäne der Fakten verlässt und statistisch nicht objektivierte gefühlte Eindrücke beweisfrei thematisiert.

Unabhängig davon diskreditieren solche Formulierungen aus dem vorigen Jahrtausend all jene regierungsseitigen Bemühungen, den interkulturellen institutionalisierten Dialog mit Betroffenen nicht zu erschweren, in dem von den Betroffenen begründet abgelehnte Formulierungen immer wieder inszeniert werden.

Im Internet-Content des Herausgebers „pbp“ ist gleichzeitig die kritische Anmerkung von Geißler zu solchen Positionen zu finden: Es handelt sich um „tendenziell monokulturelle Assimilationsvorstellungen, die unter DEUTSCHEN WISSENSCHAFTLERN 23 und Politikern weit verbreitet … (jedoch) kein geeignetes Instrument“ ist.

Die 8 Seiten im Datenreport 2006 über „Zuwanderer und Ausländer in Deutschland“ erweitern sich auf 14 Seiten im Datenreport 2008.

Namen von Ländern bzw. Nationalitäten im Datenreport 2008
Die Worte Türkei/Türke/türkisch werden 80-mal im Dokument gezählt, davon 26-mal in Tabellen und 54-mal im Fließtext. Im Stichwortverzeichnis fehlt das Wort genauso wie alle übrigen Länder bzw. Nationalitäten. Im Hinblick auf Präsenz und Bedeutung der türkischen Bevölkerungsgruppe in Deutschland ist dies als gravierender Mangel zu bewerten, denn es widerspricht insoweit der Abbildung tatsächlicher Verhältnisse.

Der Datenreport – ein Fall für das Querschnittsreferat „Integration“ im Bundeskanzleramt? „Die Veröffentlichung statistischer Daten und entsprechende Erklärungen auf Pressekonferenzen erfolgen objektiv und unparteilich.“ Die konsequente Anwendung des „Grundsatzes 6“ zu „Unparteilichkeit und Objektivität“24 könnte dem qualifizierten Datenreport zur Stufe „sehr gut“ verhelfen.

Keine geschlossene Gesellschaft
Die Berliner Studie erweckt den Eindruck, dass gewisse Wohnstrukturen in Städten und die Auswahl der konkreten Wohnadresse von den türkisch-stämmigen Bewohnern gezielt ausgesucht werden, um eine sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzende Parallelgesellschaft aufzubauen und zu festigen. Dies kommt direkt oder indirekt in den nachstehend genannten Passagen zum Ausdruck: „… ließ echte Integration nie zu“25, „Die fehlende Integration ließ soziale Brennpunkte und Parallelgesellschaften entstehen“26, „ … soziale, zum Teil auch räumlich von der Mehrheitsgesellschaft abtrennen“27.

Damit fällt die Berliner Studie dem Nationalen Integrationsplan in den Rücken, aus dessen Aktivitäten schon erkennbar ist, dass hier nicht individuelle Eigenheiten sondern strukturelle Gegebenheiten ursächlich sind. Notwendig ist, nämlich „die Schaffung sozial und ethnisch gemischter Quartiere“28.

Dr. Karen Schönwälder, wzb, trat schon in 2002, und zwischenzeitlich wiederholt, wie im Sept 2006 „der Mär von Parallelgesellschaft entgegen“29 sind alle Migrantengruppen „bunter als behauptet“30; „Rückzugs- und Abschottungstendenz unter Migranten kann wissenschaftlich nicht belegt werden“31. Weitere Belege finden sich im Themenbereich „Integration/Migration“ des wzb an der Uni Berlin in den Mitteilungen (wm) und in dortigen Forschungsbilanzen (AKI). Auch der Datenreport 2008 ist ohne Beweise für negative Tendenzen, vielmehr einige Hinweise auf eine sich langsam verbessernde Situation in Bildung, Beruf und gesellschaftlicher Teilnahme, auch wenn die Wirtschaftskrise bremsend wirken könnte.

Die Empirica-Studie32 mit ergänzenden Nacherhebungen zeigt die Wechselwirkungen des sozialen Gefüges auf, wenn z.B. bestimmte Bevölkerungsgruppen einer (subtilen) Diskrimination und Stigmatisierung im strukturell defizitären Wohnungsmarkt ausgesetzt sind. Die dadurch (!) erzwungene Segregation durch bestimmte Wohnungsbestände („so eindeutige und nicht veränderbare bauliche Voraussetzungen“ S. 19), oft also gerade noch bezahlbare Altbauwohnungen33, verhindert zwar nicht die Integration, aber erschwert sie in mehreren Lebensbereichen.

Häufiger auf Verbesserung zielender Wohnungswechsel, wirkt auf einzelne SchülerInnen und auf Schulklassen negativ. Jugendlichen und Erwachsenen kann schon die Wohnadresse erfolgreiche Arbeitssuche erschweren.

Je schwächer sprachliche Ausdrucksfähigkeit und soziale Kompetenz bzw. Durchsetzungsfähigkeiten ausgeprägt sind, um so mehr sind personelle wie strukturelle negative Bedingungen zu überwinden. Es ist der erwähnte Wohnraumbestand der zu lokalen Konzentrationen von „AusländerInnen und MigrantInnen“ in Wohngebieten mit Altbauwohnungen, Sanierungsbereichen etc. führt. Manche Städte wie z. B. Offenbach oder München-Westend (Türkischstämmige Bewohner bis zu 40 %) erreichten durch Strukturmaßnahmen heterogenen, also verbesserten Wohnungsbestand.

Anhaltspunkte, dass Zuwanderer von sich aus aktiv durch Wahl der Wohnungsadresse eine „geschlossene Gesellschaft“ (= Parallelgesellschaft) suchen, gibt es nicht – wohl aber strukturelle, nur langfristig beseitigbare Defizite im Wohnraumbestand der Städte und Gemeinden, die faktisch zu nicht empfehlenswerter Konzentration führen.

1./9. März 2009 – Hans Werth

  1. Schimpl-Neimanns Gesis-ZUMA-Materialien, November 2007  []
  2. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006; Dettling / Gerometta  []
  3. Dr. Brückner, destatis, HWWI, 2007  []
  4. BM Dr. Ursula von der Leyen / Dr. h.c. Frank Weise, 07.03.2008  []
  5. Bildungsbeteiligung im nationalen Bildungsbericht 2006“ von Stefan Kühne & Markus Wieck, enthalten in Dettling, Daniel u.a. (Hrsg.): Vorteil, Vielfalt, Herausforderungen und Perspektiven einer offenen Gesellschaft; Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007  []
  6. Publikationsdatenbank Dipf – Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung  []
  7. 20.02.2009, Sitzungsprotokoll des Niedersächsischen Landtages, über die Antwort der Landesregierung zu „Kleine Anfrage des Abgeordneten Christian Biallas (CDU)“   []
  8. Christoph M. Schmidt / Uwe Neumann, Demografische und ökonomische Segregationsprozesse; dargestellt am Beispiel der sozioökonomischen Ungleichgewichte aus dem Strukturwandel der Rhein-Ruhr-Region, Mai 2004  []
  9. „Chancen schaffen – Integration, Arbeit und soziale Mobilität – Europäische Erfahrungen und Gestaltungsperspektiven“ am 25.01.2009  []
  10. Berliner Zeitung 25.01.2009  []
  11. Pressemeldung 29.01.2009  []
  12. Interkulturelles Online-Portal für Jugendliche  []
  13. Institut für interdisziplinäre Beratung und interkulturelle Seminare, Düsseldorf, 17.02.2009  []
  14. Granatot und Kalter stellten schon 2001/2002 fest, dass die Kinder der damaligen Arbeitsmigranten auf dem Arbeitsmarkt wesentlich bessere Positionen als ihre Eltern einnehmen, langsam aber nachweislich verkürzen sich dabei die Generationenunterschiede zur deutschen Vergleichsgruppe  []
  15. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich »Interkulturelle Bildung« der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau), 21.02.2009  []
  16. Armut und Desintegration, WZB 123, März 2009  []
  17. Sinus Sociovision, Studie „Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten“, Dez. 2008; im Januar 2009 von bpb (Bundeszentrale für politische Bildung) in der Periodika „Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) Nr. 5/2009 vom 26.01.2009 veröffentlicht; der Studientitel ist zugleich Schwerpunkt dieser Ausgabe  []
  18. Saydam.de – Interkulturelle Lerngemeinschaft Informations- und Kommunikationsportal, ein Projekt des Saydam-Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften e.V., 2007  []
  19. Studie in der „1.099 junge Türken in den Jahren 2005 und 2007“ befragt wurden; Unter dem Schwerpunkt „Interethnische Freundschaften“ forscht Prof. Reinders seit 2002/2003; Studientitel: FRIENT I, 2002-2005, wurden neben Entstehungsbedingungen und Beziehungsqualität Auswirkungen auf Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit untersucht.; in der zweiten, seit Beginn 2006 laufenden Projektphase (FRIENT II, 2006-2008) steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich interethnische Freundschaften bei Migrantenjugendlichen auf den Individuationsprozess in der Familie auswirken, 27.11.2008  []
  20. Datenreport 2008 in Zusammenarbeit mit WZB und ZUMA, Hrsg. von der bpb, Januar 2009  []
  21. S. 475  []
  22. APuZ B17/2002, … Schwierigkeiten „kultureller Assimilation“ Freuden und Mühen der Ostdeutschen, Dietrich Mühlberg – ein seltsamer Aufsatz, der aber nicht Personen mit Migrationshintergrund betrifft  []
  23. APuZ B 26/2003, Multikulturalismus in Kanada – Modell für Deutschland? Rainer Geißler; FN 18: Vgl. Hartmut Esser, Aspekte der Wanderungssoziologie, Neuwied 1980; Annette Treibel, Migration in modernen Gesellschaften, Weinheim / München, 1992, S. 140ff.  []
  24. Datenreport – Strategie- und Programmplan 2008 – 2012; Verhaltenscodex S. 13, Grundsatz 6 Unparteilichkeit und Objektivität  []
  25. S. 6 (OS 4) Spalte 2  []
  26. S. 15 (OS 13) Spalte 3 oben  []
  27. Parallelgesellschaft, S. 93 (OS 95) Spalte 3  []
  28. Nationaler Integrationsplan Themenfeld 5, Leitbild für die Stadtteil- und Quartierentwicklung; S. 112  []
  29. mainpost 20.09.2006  []
  30. social times 20.09.2006  []
  31. wzb wm 113 Sept. 2006  []
  32. Empirica Institut, ExWoSt 34/1, 02/2008, BMVBS / BBR; Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoxSt) ist ein Forschungsprogramm des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR)   []
  33. s.a. Datenreport 2008, S. 201 Spalte 3  []
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2 Kommentare
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  1. Magdalena sagt:

    Sehr geehrter Herr Werth,

    vielen Dank für Ihre Recherchen. Mit Ihrer Zusammenstellung der Fakten haben Sie die Fragwürdigkeit dieser Studie noch kräftiger Unterstrichen.

    Eine sehr gute Arbeit. D a n k e :-))

    Mit freundlichen Grüssen

    Magdalena v.K.

  2. Mehmet Gezegen sagt:

    Vielen Dank Herr Werth.
    Sie haben die Glaubwürdigkeit der angeblichen Studie richtig gerütelt. Nochmal vielen Dank für Ihre Hervorragende Arbeit.

    MfG

    MGezegen



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