Ausländerintegration meist Fehlanzeige - MiGAZIN

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird. Sigmar Gabriel (SPD-Chef) Die Zeit, 16.09.2010

Integrationsmonitor

Ausländerintegration meist Fehlanzeige

Ausländische Mitbürger sind quer durch die Bundesrepublik Deutschland unzureichend sozioökonomisch integriert. Sie sind öfters arbeitslos als die deutsche Bevölkerung, verdienen weniger und hinken beim sozialen Status hinterher.

Zu diesem Ergebnis kommt der Integrationsmonitor [PDF] des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Danach beginnt sich die Schere zwischen Zuwanderern und Einheimischen schon von Kindesbeinen an zu öffnen. Migrantenkinder haben beim Lesen gegenüber ihren deutschen Schulkameraden einen Wissensrückstand von bis zu zwei Schuljahren. Ausländische Jugendliche brechen mehr als doppelt so häufig die Schule ab und machen seltener das Abitur als ihre deutschen Mitschüler. Außerdem ergattern sie nicht so oft einen Ausbildungsplatz wie Schulabgänger mit deutschem Pass, und sie sind an Universitäten unterrepräsentiert.

Die Folgen des Bildungsrückstands bestimmen das spätere Berufsleben: Ausländer sind doppelt so häufig arbeitslos wie Einheimische. Sie beziehen mehr als doppelt so oft Arbeitslosengeld II. Ihre Beschäftigungsquote ist unterdurchschnittlich. Die schwache berufliche Performance der Einwanderer spiegelt sich auch in deren Einkommen wider. Ausländische Haushalte erzielten 2006 im Schnitt ein monatliches Nettoeinkommen von 1.900 Euro, deutsche kamen auf 300 Euro mehr. Es gibt indes auch Positivbeispiele, wo es Zuwanderer geschafft haben, mit Deutschen gleichzuziehen. In Berlin haben sie beispielsweise bei den Firmengründungen die Nase vorn, in Baden-Württemberg und im Saarland sind sie als Häuslebauer sehr aktiv.

Staatsministerin Maria Böhmer kommentiert die Studie wie folgt: „Die fehlenden Erfolge in Schule, Ausbildung und am Arbeitsmarkt waren leider erwartbar. Sie bestätigen, dass die Maßnahmen des Nationalen Integrationsplans dringend notwendig sind.“

Der IW-Integrationsmonitor mache aber auch Mut. “So erreichen einige Bundesländer trotz eines hohen Ausländeranteils überdurchschnittliche Werte bei der Integration. Sie erzielen diesen Erfolg beispielsweise mit einer hohen Betreuungsquote bei Kindern. Das zeigt uns: die Anstrengungen lohnen sich. Die Studie muss Ansporn und Motivation für alle sein, bei der Integration von Migranten die Ärmel hochzukrempeln. Denn jeder hat in Deutschland seine Chance verdient”, so Staatsministerin Böhmer.

Die Beauftragte der Bundesregierung erprobt gegenwärtig auf der Grundlage aktueller amtlicher Statistik einen Integrationsmonitor mit 100 Indikatoren zu 14 Themenbereichen. Zentrale Themenfelder sind die Bereiche Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt, soziale Integration und Einkommen, gesellschaftliche Integration, Wohnen, Gesundheit, Mediennutzung und Kriminalität. Der Bericht soll noch in dieser Wahlperiode vorgelegt werden.

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5 Kommentare
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  1. Cengiz5 sagt:

    Die Kinder und Jugendlichen werden leider immer noch von vielen Familien, in denen sie aufwachsen, nicht gefördert und die Voraussetzungen werden in der Familie nicht geschaffen.
    Es muss in Deutschland einfach mehr türkische Privatschulen und auch, sehr sehr wichtig, wo auch in beiden Sprachen unterricht wird, gegründet werden.
    Handwerkerbildungszentren müssten gegeneinander konkurrieren und jedes Jahr ihre Statistiken offenlegen, wieviel Teilnehmer sie mit Migrantenhintergrund den Meisterbrief verliehen haben und wieviel von denen durchgefallen sind.
    Sehr viele Meisterschülern/innen berichten von mafiosi-ähnlichen Verhältnissen bei den Prüfungsausschüssen und von Discriminierung. Von der Kompliezenschaft bei den Gewerbeämtern ganz zu schweigen.

    Das scheint in der Politik kein Sc….. zu interessieren. Wieso auch?

    Das muss sich schleunigst ändern. Man zerstört durch diesen latenten
    Rassismuß im Handwerk ganze Generationen in diesen Familien.

    WO BLEIBT DIE HANDWERKLICHE INTEGRATION ???

  2. Soli sagt:

    Ich denke kaum dass mehr “türkische Privatschulen” das Problem verbessern werden. Mal ganz abgesehen davon, dass hier die Rede von “Ausländern” ist, und das sind eben nicht nur die “Türken”, selbst wenn diese einen Großteil der genannten Gruppe ausmachen.

    Wie in vielen anderen Studien schon belegt ist es der Erwerb der deutschen Sprache der weiter und vor allem -primär- gefördert werden muss. Und zwar VOR der allen anderen Sprachen. Unerheblich ob es sich dabei um Libanesisch, Türkisch oder oder Indisch handelt.

    Was die Veröffentlichung von Abganszahlen der Meisterschule damit zu tun haben soll erkenne ich nicht. Dem Handwerk nun “Rassismus” vorzuwerfen ist im übrigen eine Verhöhnung der vielen Betriebe die es dort gibt. Wenn ich mir die Kammer so anschaue gibt es im übrigen sehr oft PRüfungsausschüsse in denen nicht nur ein Meister mit Migrationshintergrund sitzt.

  3. Migrantin sagt:

    @Soli
    Was sollen das für Studien sein, die belegen, dass Deutsch VOR der Muttersprache gefördert werden muss? Die würde ich gern mal sehen.

    Meines Wissens (und ich bin immerhin vom Fach und außerdem selbst zweisprachig aufgewachsen) geht es nicht um ein VOR oder NACH, sondern um eine eben ausgewogene Förderung in allen für die Alltagsrealität eines Kindes relevanten Sprachen. Und zwar gleichzeitig und möglichst frühzeitig. Es ist schlichtweg falsch, dass der Erwerb einer anderen Sprache auf Kosten des Deutsch-Erwerbs geht. Im Gegenteil, es ist mehrfach belegt worden, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder intellektuelle Fähigkeiten entwickeln, die monolinguale Kinder nicht haben (http://www.nytimes.com/2012/03/18/opinion/sunday/the-benefits-of-bilingualism.html?_r=0).

    Hier in den USA schicken deutsche Eltern ihre Kinder auf deutsch-englische Schulen. Deutsche schulische Bildung erzielt ein Deutschniveau, welches man zu Hause durch blosses Miteinanderreden nicht erreichen kann. Die Kinder können nach einigen Jahren beide Sprache perfekt. Amerikaner reagieren darauf mit Begeisterung und sagen: “Was für ein Segen, dass Ihr euren Kindern von Anfang an mehrere Sprachen bieten könnt.” Keiner sagt: “Lern erstmal Englisch und zu Hause solltet Ihr auch nicht mehr Deutsch sprechen.” Das würde als dreist und dumm empfunden werden.

    Warum ist es so schwer, diese nachvollziehbaren Fakten auch auf Türken (oder andere Minderheiten) in Deutschland zu übertragen?

    Das Problem vieler deutsch-türkischer Kinder ist nicht, dass sie zu Hause Türkisch sprechen. Das Problem ist, dass sie zu Hause ZU WENIG Türkisch sprechen, da viele aus bildungsfernen Milleus stammen, in denen überhaupt kaum mit Kindern gesprochen und gelesen wird. Ihr Wortschatz ist zu klein, ihre verbalen Ausdrucksmöglichkeiten von Anfang an begrenzt. Tatsächlich ist das Türkisch der meisten Kinder extrem schlecht. Ein Kind, welches ausgezeichnet Türkisch spricht und einen großen Wortschatz hat, wird (sogar wenn es erst etwas später Deutsch lernt) gute Erfolge erzielen, weil es alles, was es sonst versteht und sagt, auch übersetzen können möchte. Hier geht es um sprachunabhängige verbale Kompetenzen.

    Was kann besser geeignet sein, als zweisprachige Kindergärten und Schulen, um diese Kompetenzen zu verbessern?

  4. Soli sagt:

    Sie verkennen immer noch eines – dier Unterricht in Deutschland wird – nicht nur im Fach Deutsch selbst – sondern auch in allen Sachkundefächern, in der Sprache und schrift “Deutsch” unterrichtet.
    Für Kinder die Deutsch nur als “Zweitsprache” haben sind insofern alle Fächer als “Zweitsprachliche Fächer” anzusehen, mit den daraus folgenden Problemen.
    Wenn Sie vom Fach sind sollten sie entsprechende Literatur ja eigentlich kennen , zum Einsteig empfehle ich Ihnen sonst mal die folgende Arbeit, da sind auch ein paar gute Quellen genannt:
    Schrifterwerb und Textkompetenz bei Kindern mit
    Deutsch als Zweitsprache – von Barbara Herrmann

    Weiterhin beziehen sie wieder alles auf “Türken”. Die Welt besteht aber nicht nur aus Türken und Deutschen – hier leben Menschen vieler Nationen (und ebenso vieler Sprachen). Ein 2-sprachiger Unterricht bringt dann nur eines – die türkischen Migranten haben es etwas besser als die anderen. Nach der Logik müssten wir für jede der hier gesprochenen Sprachen eigene Gruppen anbieten – macht das Sinn? Oder macht es nicht mehr Sinn sich auf den “kleinsten gemeinsamen Nenner” hier in Deutschland zu beziehen – der in dem überwiegend alleSchilder gemacht, Sendungen im Fernsehen ausgestrahlt und Zeitungen gedruckt werden?

    Das in vielen Familien mittlerweile zu wenig gesprochen (und vor allem auch gelesen wird!) ist ein anderer Aspekt, der hat aber im Grundsatz wenig mit der Sprache an sich zu tun.

    die von Ihnen genannten Beispiele aus den USA sind insofern auhc kaum repäsentativ. Menschen die in die USA auswadnern (und dort bleiben) sind in der Regel nicht aus bildungsfernen Schichten, diese haben eine ganz andere Weise an soetwas heranzugehen und weren (meiner Minung nach) sicherlich auhc zuhause hochqualitativ in beiden Sprachen sprechen.Von solchen Kindern reden wir aber nicht, wir haben hier in Deutschland Probleme mit den Abschlüssen der Kinder mit Migrationshintergrund (mehr Hauptschule und Realschule als Gymnaisum). Das läßt sich leider nicht leugnen.

  5. Lionel sagt:

    Wenn hier Kinder eingeschult werden, ist es völlig egal, ob sie gut oder schlecht Türkisch, Kisuaheli oder Alt-Hebräisch sprechen.
    An einer Regelschule sind gute Deutschkenntnisse entscheident – dafür haben die Eltern zu sorgen.
    Es spielt daher auch keine Rolle und ist völlig den Eltern überlassen , ob Deutsch als Erst- oder Zweitsprache erworben wurde, wichtig ist nur die Fähigkeit.
    Und wenn Eltern meinen, ihre Kinder sollten zweisprachig beschult werden, können sie ja auf eine solche Schule geschickt werden oder eine entsprechende Privatschule gründen.

    Vom Staat zu verlangen, grundsätzlich jede Sprache aus den Herkunftsländern – es gibt fast 200 – als Zweitsprache in den Schulen anzubieten, wäre etwas zuviel verlangt



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