
Studie über Mikroaggressionen
„Fast deutsch“ – wenn Integration nicht genügt
Pünktlich, zuverlässig, leistungsfähig: Zugewanderte bemühen sich mitunter besonders, deutschen Erwartungen zu entsprechen. Dennoch wird ihre Zugehörigkeit infrage gestellt. Eine Untersuchung zeigt, warum Integration nicht allein eine Aufgabe der Zugewanderten ist.
Mittwoch, 04.11.2026, 11:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 04.11.2026, 10:52 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Erst musste sie beweisen, dass sie organisiert und zuverlässig arbeitet. Eine Französin berichtet, wie sie im deutschen Berufsleben mit Vorurteilen über ihre Landsleute konfrontiert wurde. Mit der Zeit hätten ihre Kollegen erkannt, dass sie gute Arbeit leiste. Die besondere Anerkennung: Man betrachte sie nun sinngemäß als „fast deutsch“. Ein vermeintliches Kompliment, das zugleich verrät, wem Zuverlässigkeit selbstverständlich zugetraut wird – und wem nicht.
Die Erfahrung der Französin ist eines von zahlreichen Beispielen aus einer Studie der Universitäten Tübingen und München, die kürzlich im Fachjournal „Journal of Business Ethics“ veröffentlicht wurde. Die Forschenden Markus Pudelko, Cristina Popescu und Helene Tenzer untersuchten, wie hochqualifizierte Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland Ausgrenzung erleben.
Dafür werteten sie 130 ausführliche Interviews mit berufstätigen Menschen mit familiären Bezügen zu 46 Ländern aus. Darunter waren 60 Zugewanderte der ersten und 70 Menschen der zweiten Generation. Die Gespräche wurden zwischen 2015 und 2019 geführt, sind thematisch aber bis heute aktuell. Das zunächst überraschende Ergebnis: Die Befragten berichteten überwiegend von positiven beruflichen Erfahrungen. Offene Diskriminierung bei Einstellungen, Gehältern oder Beförderungen spielte in ihren Schilderungen kaum eine Rolle.
Doch bei genauerem Nachfragen zeigte sich ein anderes Bild. Fast alle erinnerten sich an herabsetzende Bemerkungen, vermeintliche Scherze oder Situationen, in denen ihre Zugehörigkeit zu Deutschland infrage gestellt wurde. Die Forschenden sprechen von sogenannten Mikroaggressionen: oft beiläufige Äußerungen oder Verhaltensweisen, durch die Menschen wegen ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Herkunft abgewertet oder als fremd behandelt werden.
Wenn gute Arbeit allein nicht genügt
Wie solche Vorurteile im Berufsalltag wirken, zeigen weitere Interviews. Eine polnische Mitarbeiterin schildert abfällige Scherze über die angeblich geringere Leistungsfähigkeit von Beschäftigten außerhalb Deutschlands. Einige Befragte beschreiben, wie sie sich besonders anstrengen, um herkunftsbezogene Vorurteile zu widerlegen oder gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen.
Eine Frau aus Mexiko erzählt, dass sie sich bewusst an deutsche Verhaltensnormen anpasst. Sie bemühe sich um besondere Pünktlichkeit, verhalte sich in öffentlichen Verkehrsmitteln möglichst ruhig und versuche, sich knapp und präzise auszudrücken. Sie verbindet diese Anpassungen ausdrücklich mit der Hoffnung, akzeptiert zu werden.
Eine Frau aus Südafrika berichtet von einer anderen Herausforderung. Während ihre deutschen Kollegen sich vor allem in ihre beruflichen Aufgaben einarbeiten mussten, habe sie gleichzeitig sprachliche Hürden überwinden müssen. Deshalb habe sie anfangs deutlich härter arbeiten müssen.
Die Interviews zeigen unterschiedliche Formen von Anpassung. Wie weit sie reichen können, schildert eine in Deutschland aufgewachsene Frau mit türkischen Wurzeln. Als sie während ihrer Schulzeit mit einer anderen Schülerin Türkisch sprach, hätten Umstehende häufig befürchtet, die beiden würden über sie reden. Das sei vermutlich ein Grund gewesen, weshalb sie schließlich in der Öffentlichkeit nur noch Deutsch gesprochen habe. Ihre Mehrsprachigkeit wurde damit ausgerechnet dort zum Problem, wo sie eigentlich selbstverständlich sein sollte.
In Deutschland geboren – und trotzdem fremd
Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen den Generationen. Nach Beobachtung der Forschenden nehmen selbst eingewanderte Menschen manche herabsetzenden Bemerkungen eher hin. Sie betrachten sprachliche und kulturelle Anpassung teilweise als Voraussetzung dafür, in Deutschland vollständig akzeptiert zu werden.
Bei der zweiten Generation zeigt sich ein anderes Selbstverständnis. Wer hier geboren oder aufgewachsen ist, Deutsch als Muttersprache spricht und Deutschland als seine Heimat betrachtet, sieht weniger Anlass, seine Zugehörigkeit rechtfertigen zu müssen.
Ein Mann mit bulgarischen Familienwurzeln berichtet von einer mündlichen Prüfung an der Universität. Sein Professor fragte ihn angesichts seines Nachnamens, aus welchem Land er komme. Der Student antwortete, er sei deutscher Staatsbürger. Auf die Nachfrage nach seinem Geburtsort nannte er eine Stadt in Deutschland. Erst als er erklärte, dass seine Familie ursprünglich aus Bulgarien stamme, erhielt der Professor die offenbar erwartete Antwort. Der Student beschreibt, dass er sich in anderen Ländern mitunter selbstverständlicher aufgenommen fühle als in Deutschland, seinem Heimatland.
Zweite Generation akzeptieren Ausgrenzung weniger
Ein anderer Befragter, ein in Deutschland geborener Mann mit türkischen Wurzeln, wundert sich darüber, dass er nach „seinem Präsidenten“ gefragt wird. Für ihn war damals selbstverständlich Angela Merkel seine Regierungschefin. Weshalb sollte er sich politisch einem Land zuordnen, in dem er gar nicht lebt?
Die Forschenden beobachten, dass Angehörige der zweiten Generation auf solche Erfahrungen häufig deutlicher reagieren. Sie akzeptieren weniger bereitwillig, als nicht zugehörig behandelt zu werden. Der Grund könnte gerade in ihrer starken Identifikation mit Deutschland liegen: Wer sich selbstverständlich als Teil der Gesellschaft versteht, empfindet es besonders deutlich, wenn andere diese Zugehörigkeit infrage stellen.
Der in Deutschland geborene Student mit bulgarischen Wurzeln formuliert einen Gedanken, der über seine persönliche Erfahrung hinausweist: Integration verlangt auch die Bereitschaft der Gesellschaft, Menschen als zugehörig anzuerkennen. Sprache lässt sich lernen, Qualifikation erwerben. Ob jemand als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft akzeptiert wird, liegt dagegen nicht allein in seiner Hand. (mig) Aktuell Gesellschaft
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