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Wartezimmer beim Arzt (Symbolfoto)

Gesundheitsstudie

Migranten: Gleich auf dem Papier, nicht in der Praxis

Ein neuer WHO-Bericht zeigt, wie ungleich Gesundheitsrisiken und Behandlungschancen weltweit verteilt sind. Auch der Migrationsstatus kann eine Rolle spielen. Eine deutsche Untersuchung zur Brustkrebsfrüherkennung liefert dazu einen überraschenden Befund.

Mittwoch, 21.10.2026, 17:13 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 21.10.2026, 17:13 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

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Zwei Untersuchungen zur Brustkrebsfrüherkennung, zwei unterschiedliche Ergebnisse: Frauen mit Migrationserfahrung nehmen die ärztliche Tastuntersuchung der Brust deutlich seltener wahr als Frauen ohne Einwanderungsgeschichte. Eine deutsche Studie liefert dazu Zahlen. Sie passen zu einer Frage, mit der sich auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschäftigt: Warum erreicht die medizinische Versorgung manche Bevölkerungsgruppen schlechter als andere?

Die WHO hat am Dienstag ihren bislang umfassendsten Bericht über gesundheitliche Ungleichheiten bei chronischen Erkrankungen veröffentlicht. Untersucht wurden unter anderem Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen. Berücksichtigt wurden neben Einkommen, Bildung und Wohnort ausdrücklich auch der Migrationsstatus.

Danach können Zugewanderte beim Zugang zur Gesundheitsversorgung mit zusätzlichen finanziellen, bürokratischen und sprachlichen Hürden konfrontiert sein. Solche Hindernisse können sich auf die Vorsorge ebenso auswirken wie auf die Diagnose und Behandlung von Krankheiten.

Deutliche Unterschiede bei der Brustuntersuchung

Wie unterschiedlich medizinische Angebote in Deutschland genutzt werden, zeigt eine im Januar 2026 veröffentlichte Untersuchung aus der Nationalen Kohorte (NAKO). Dafür werteten Forschende unter anderem Angaben von mehr als 85.000 Frauen aus. Sie untersuchten, wie häufig Frauen mit und ohne Einwanderungsgeschichte innerhalb von fünf Jahren bestimmte Angebote zur Brustkrebsfrüherkennung genutzt hatten. Die Befragungen fanden zwischen 2014 und 2019 statt.

Bei der ärztlichen Tastuntersuchung der Brust zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Während 92,9 Prozent der befragten Frauen ohne Einwanderungsgeschichte eine solche Untersuchung angegeben hatten, waren es bei den aus der Türkei zugewanderten Frauen 82 Prozent. Auch bei Frauen aus mehreren anderen Herkunftsgruppen lagen die Werte niedriger.

Die Unterschiede blieben teilweise bestehen, nachdem die Forschenden weitere Merkmale wie Alter, Bildungsstand und Untersuchungsort statistisch berücksichtigt hatten. Zudem zeigte sich ein Zusammenhang mit den Deutschkenntnissen: Frauen mit geringeren Deutschkenntnissen hatten die Untersuchung seltener genutzt.

Beim Mammografie-Screening fallen die Unterschiede geringer aus

Die Forschenden werteten zusätzlich Angaben von knapp 50.000 Frauen zur Mammografie aus, einer Röntgenuntersuchung der Brust. Von den Frauen ohne Einwanderungsgeschichte berichteten 85,5 Prozent, innerhalb von fünf Jahren mindestens eine solche Untersuchung erhalten zu haben. Bei den aus der Türkei zugewanderten Frauen waren es 79,1 Prozent.

Auch hier gab es somit einen Unterschied. Nachdem die Forschenden jedoch Alter, Bildung und Untersuchungszentrum berücksichtigt hatten, zeigten sich insgesamt keine statistisch eindeutigen Unterschiede zwischen den untersuchten Herkunftsgruppen. Die Deutschkenntnisse standen ebenfalls nicht in einem vergleichbar deutlichen Zusammenhang mit der Teilnahme.

Eine mögliche Erklärung sehen die Wissenschaftler in der unterschiedlichen Organisation der beiden Vorsorgeangebote.

Die ärztliche Tastuntersuchung der Brust wird Frauen ab 30 Jahren jährlich angeboten, in der Regel im Rahmen eines Besuchs in einer gynäkologischen Praxis. Das Mammografie-Screening ist dagegen ein organisiertes Früherkennungsprogramm. Frauen zwischen 50 und 75 Jahren haben derzeit alle zwei Jahre Anspruch auf eine Untersuchung. Die 50- bis 69-Jährigen werden regelmäßig schriftlich eingeladen. Frauen ab 70 können sich derzeit selbst anmelden.

Das organisierte Einladungsverfahren könnte dazu beitragen, dass Informationen zur Mammografie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen besser erreichen. Die Patientinnen müssen sich nicht ausschließlich selbst über das Angebot informieren und um einen Termin kümmern. Die Forschenden vermuten, dass dies eine Rolle spielen könnte.

Auch beim Arztbesuch zeigen sich Unterschiede

Dass sich die Frage nach dem Zugang zur Gesundheitsversorgung nicht auf die Krebsfrüherkennung beschränkt, zeigen Daten des Robert Koch-Instituts (RKI). Für die Studie GEDA Fokus wurden zwischen November 2021 und Mai 2022 mehr als 6.000 Menschen mit ausgewählten Staatsangehörigkeiten befragt, darunter Personen mit italienischer, polnischer, syrischer und türkischer Staatsangehörigkeit.

Unter den Befragten mit befristetem Aufenthaltsstatus hatten 70 Prozent innerhalb eines Jahres eine allgemeinärztliche Praxis aufgesucht. Bei den Befragten mit deutscher Staatsangehörigkeit waren es 80,4 Prozent. Noch deutlicher war der Unterschied bei der fachärztlichen Versorgung: 40,8 gegenüber 54,6 Prozent.

Blick auf formalen Anspruch verzerrt das Bild

Damit solche Unterschiede überhaupt sichtbar werden, mahnen Forschende weitere Erhebungen an. Gerade bei Krebserkrankungen bestehen in Europa noch erhebliche Datenlücken. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der WHO, erklärte erst am 12. Oktober, dass eine einheitliche Erfassung migrationsbezogener Unterschiede bei Krebserkrankungen in Europa bislang fehlt. Mit dem Forschungsprojekt Cancer RADAR will die Agentur entsprechende Daten aus europäischen Krebsregistern zusammenführen und vergleichbar machen. Das Projekt umfasst sieben Pilotregister in sechs Ländern: Belgien, Italien, den Niederlanden, Polen, Spanien und der Schweiz. Deutschland gehört nicht zu diesen Pilotländern.

Die bereits vorliegenden Befunde verdeutlichen, warum es nicht ausreicht, allein die formalen Ansprüche auf medizinische Versorgung zu betrachten. Ein Angebot kann allen offenstehen, ohne alle gleichermaßen zu erreichen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob Menschen den Weg in das Gesundheitssystem finden. Sondern auch, wie weit ihnen das Gesundheitssystem dabei entgegenkommt.

Darauf verweist auch die WHO. Ihre Untersuchung macht deutlich, dass gesundheitliche Ungleichheiten bereits bei der Vorbeugung beginnen und sich über die Diagnose bis zur Behandlung und langfristigen Betreuung fortsetzen können. Die Organisation empfiehlt deshalb, Gesundheitsangebote gezielter auf Bevölkerungsgruppen auszurichten, die bislang schlechter erreicht werden. (mig) Aktuell Panorama

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