
IOM-Bericht
Mindestens 4.400 tote Kinder auf Fluchtrouten erfasst
Mehr als 4.400 Kinder sind IOM-Angaben zufolge in den vergangenen zwölf Jahren auf Migrationsrouten ums Leben gekommen. Wegen einer hohen Dunkelziffer dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen. Besonders groß sind die Datenlücken bei Todesfällen auf See.
Donnerstag, 15.10.2026, 16:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 15.10.2026, 16:12 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Mindestens 4.414 Kinder sind laut aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen in den vergangenen zwölf Jahren auf weltweiten Migrationsrouten ums Leben gekommen. Wegen einer hohen Dunkelziffer dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen, erklärte Stuart Campo von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) am Mittwoch mit Blick auf einen aktuellen Bericht. „Jedes Kind, das auf einer Migrationsreise ums Leben kommt, verdient es, gezählt zu werden, doch in den Daten fehlen noch immer zu viele“, betonte Campo.
Dem Bericht zufolge sind Kinder auf Migrationsrouten besonderen Gefahren ausgesetzt, doch in den Daten zeigten sich große Leerstellen: Von 2014 bis 2025 registrierte das IOM-Projekt „Missing Migrants Project“ weltweit fast 81.000 Todes- und Vermisstenfälle unter Menschen auf Migrationsrouten. Bei mehr als der Hälfte der Fälle fehlten jedoch Angaben zum Alter. Darunter könnten sich noch mehr Kinder befinden, heißt es in dem Bericht. Jugendliche könnten zudem fälschlich als Erwachsene registriert werden, wodurch das Ausmaß der Gefahr für Minderjährige auf Migrationsrouten unklar bleibe.
IOM: Bessere Datengrundlage zum Schutz von Menschen auf der Flucht nötig
Besonders groß sind die Datenlücken bei Todesfällen auf See. Bei 36.626 Menschen, die auf Migrationsrouten ertrunken sind, ist das Alter unbekannt. Nach einzelnen Erfahrungsberichten werden Kinder während der Überfahrten häufig unter Deck untergebracht. Dort sind sie mitunter giftigen Abgasen ausgesetzt und können sich bei einem Schiffsunglück schlechter in Sicherheit bringen. Wie viele Kinder tatsächlich auf See sterben, bleibt deshalb weitgehend unbekannt.
Die Datenlücken zeigen sich im zentralen Mittelmeer, wo eine der tödlichsten Migrationsrouten weltweit verläuft: Im Jahr 2024 war etwa ein Fünftel der in Italien und Malta ankommenden, registrierten Migrantinnen und Migranten (19 Prozent) minderjährig. Im gleichen Zeitraum machten Kinder und Jugendliche jedoch nur zwei Prozent der verzeichneten Todesfälle aus.
Hoher Anteil minderjähriger Todesopfer an europäischen Grenzen
Auffällig hohe Kinderanteile unter den registrierten Todesfällen gibt es laut IOM auch an anderen Grenzen: An der Grenze zwischen Belarus und der EU waren 28 Prozent der erfassten Toten minderjährig, auf der östlichen Mittelmeerroute 21 Prozent und am Ärmelkanal 14 Prozent. Die Organisation warnt allerdings davor, aus diesen Zahlen Rückschlüsse auf das tatsächliche Sterberisiko zu ziehen. Dafür sind die Angaben zu unvollständig.
Allein auf der östlichen Mittelmeerroute wurden seit 2014 mindestens 636 tote Kinder registriert. Der Bericht erinnert an den September 2015, als das Foto eines tot an einen Strand gespülten zweijährigen syrischen Jungen weltweit Entsetzen auslöste. Bei derselben Überfahrt starben drei weitere kleine Kinder, darunter sein Bruder. Ihre Schicksale blieben weitgehend unbeachtet. Die IOM sieht darin ein Beispiel dafür, wie einzelne Bilder internationale Aufmerksamkeit auslösen, während das tatsächliche Ausmaß des Sterbens weitgehend unsichtbar bleibt.
Nur ein Bruchteil der Todesfälle wird amtlich dokumentiert
Ein weiteres Problem ist die mangelhafte staatliche Dokumentation. Nur 18 Prozent aller erfassten Todesfälle beruhen auf amtlichen Quellen. Von den 4.414 registrierten Todesfällen unter Kindern stammen lediglich 820 aus staatlichen Aufzeichnungen. Selbst diese Daten sind lückenhaft: Bei 47 Prozent der amtlich dokumentierten Todesfälle fehlen Angaben zu persönlichen Merkmalen wie dem Alter. Der Bericht sieht deshalb erhebliches Potenzial in einer besseren Auswertung von Sterberegistern und gerichtsmedizinischen Unterlagen.
Die UN-Organisation ruft angesichts der hohen Opferzahlen zu verbesserten Such- und Rettungskapazitäten sowie der Zusammenarbeit von Regierungen auf. Todesfälle müssten systematischer dokumentiert, Alter und Migrationsstatus vermerkt und der Datenaustausch zwischen Behörden und Hilfsorganisationen verbessert werden, heißt es in dem IOM-Bericht. Die Internationale Organisation für Migration gehört zu den Vereinten Nationen und hat ihren Sitz in Genf. (epd/mig) Aktuell Panorama
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