
Institut der Deutschen Wirtschaft
Deutschland rast in einen massiven Fachkräftemangel
723.000 Fachkräfte könnten 2029 fehlen – und der Mangel trifft ausgerechnet zentrale Bereiche des Alltags. Verkauf, Kinderbetreuung, Pflege, Bau und Industrie stehen vor großen Lücken. Besonders brisant: Auch mehr Zuwanderung wird den demografischen Effekt wohl nicht vollständig ausgleichen.
Montag, 07.09.2026, 16:46 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 07.09.2026, 16:46 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln wird die Fachkräftelücke in den kommenden Jahren noch größer. Ohne Gegensteuerung und bei einem „Weitermachen wie bisher“ könnten im Jahr 2029 rund 723.000 Fachkräfte in Deutschland fehlen, erklärte das IW am Montag in Köln zur Aktualisierung seiner Arbeitsmarktfortschreibung bis zum Jahr 2029. Das bedeute, dass die Fachkräftelücke um 47 Prozent höher ausfallen werde als noch 2024.
Die größte Fachkräftelücke klafft den Berechnungen zufolge 2029 im Verkauf, etwa bei den Einzelhandelskaufleuten, wo rund 39.000 Menschen fehlen werden. Die zweitgrößte Fachkräftelücke für 2029 errechnet das IW auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes für den Bereich Kinderbetreuung und -erziehung mit 29.909 fehlenden Kräften. Auf Platz drei folgt der Bereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik mit 23.489 fehlenden Personen, auf Platz vier die Gesundheits- und Krankenpflege (18.769). Insgesamt nahm das Institut für die Erhebung 1.300 Berufe in den Blick.
Umsetzung des Sondervermögens könnte am Personal scheitern
Problematisch werde es auch in den Bereichen, in denen Hunderte Milliarden Euro als Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität investiert werden sollen, erklärte das IW. 2029 dürften rund 15.000 Expertinnen und Experten für Bauplanung und -überwachung fehlen. Auch in Ausbildungsberufen in der Industrie sieht das Institut große Lücken: So könnten 2029 rund 15.900 Fachkräfte in der Kraftfahrzeugtechnik fehlen, 13.800 in der elektrischen Betriebstechnik und 13.600 in der Mechatronik.
Wie wichtig Zuwanderung gerade für den Ausbau der Infrastruktur bereits ist, zeigt nach Angaben des IW die Entwicklung der vergangenen Jahre. Das Beschäftigungswachstum in Infrastrukturberufen sei vollständig durch Arbeitskräfte aus dem Ausland getragen worden. Setze sich diese Entwicklung nicht fort, könne dies auch die Umsetzung des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität erschweren.
Zuwanderung wird nicht ausreichen
Der Hauptbeschleuniger für den Trend einer wachsenden Fachkräftelücke ist laut IW-Forschern der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge der „Babyboomer“. Auch Zuwanderung werde absehbar nicht mehr ausreichen, hieß es.
Dabei verweist das Institut auf zuletzt deutlich rückläufige Zahlen. Nach den Ergebnissen des jüngsten Zensus leben in Deutschland rund 1,4 Millionen Menschen weniger als zuvor angenommen. Das gehe nach Einschätzung des IW im Wesentlichen auf nicht erfasste Fortzüge zurück, überwiegend von Ausländerinnen und Ausländern. Zudem war der Wanderungssaldo Deutschlands mit den übrigen EU-Staaten 2024 erstmals seit 2008 negativ. Eine baldige Erholung hält das Institut für unwahrscheinlich.
Anwerbung von Fachkräften gewinnt an Bedeutung
Damit gewinnt aus Sicht der Wirtschaftsforscher die Anwerbung von Arbeits- und Fachkräften aus Staaten außerhalb der EU an Bedeutung. Je weniger Arbeitskräfte aus dem Ausland gewonnen werden könnten, desto schneller führe der Renteneintritt der Babyboomer zu einem Rückgang der Beschäftigung und zu größeren Fachkräftelücken. Die weitere Entwicklung des Arbeitsmarktes hänge deshalb wesentlich davon ab, ob Deutschland ausreichend Erwerbszuwanderung gewinnen könne.
„Der Fachkräftemangel wird sich daher in vielen Bereichen verschärfen, und wir werden das täglich spüren, etwa bei der Suche nach einem Pflegeplatz oder einem Handwerker“, erklärte IW-Experte Alexander Burstedde. Die Politik sollte kurzfristig die Arbeitsanreize erhöhen und mehr qualifizierte Zuwanderung aus EU-Drittstaaten organisieren, forderte er. (epd/mig) Aktuell Wirtschaft
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