
Thüringen
Rias meldet so viele antisemitische Vorfälle wie noch nie
Rias Thüringen dokumentierte im vergangenen Jahr 418 antisemitische Vorfälle – den höchsten Wert seit Gründung der Meldestelle. Mehr als die Hälfte ordnete die Stelle dem israelbezogenen Antisemitismus zu. Zugleich nahmen Fälle mit rechtsextremem Hintergrund zu.
Mittwoch, 26.08.2026, 14:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 26.08.2026, 14:28 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Antisemitismus hat sich in Thüringen nach Einschätzung von Experten auf einem sehr hohen Niveau verfestigt. Der Antisemitismus sei inzwischen alltagsprägend für viele Betroffene im Freistaat, sagte Timo Galki, Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Thüringen bei der Vorstellung des aktuellen Jahresberichts.
Demnach wurden im vergangenen Jahr 418 antisemitische Vorfälle im Freistaat gemeldet und damit so viele wie noch nie seit Bestehen der Meldestelle im Jahr 2021. 2024 wurden 392 derartiger Fälle verzeichnet.
Schwerster Angriff in Erfurt erfasst
Die meisten Vorkommnisse entfielen mit 350 in die Kategorie verletzendes Verhalten – dazu zählen antisemitische Beleidigungen, Kommentare oder Schmierereien. Außerdem wurden unter anderem 45 Sachbeschädigungen, zehn Bedrohungen und vier Angriffe verzeichnet, sagte Galki.
Der schwerste tätliche Angriff war im September vergangenen Jahres in Erfurt, als ein junger Mann mit einer Davidsternkette mehrfach geschlagen und verletzt wurde.
Israelbezogener Antisemitismus treibt Zahlen nach oben
Der Großteil der gemeldeten Vorfälle werde dem israelbezogenen Antisemitismus zugeordnet. Konkret ordnete Rias 244 der insgesamt 418 dokumentierten Vorfälle diesem Phänomenbereich zu. Das entspricht 58,4 Prozent. Im Jahr zuvor waren es 197 Fälle beziehungsweise rund 50 Prozent gewesen.
Der Blick auf die vergangenen Jahre zeigt, dass israelbezogener Antisemitismus für den Anstieg der von Rias ausgewiesenen Gesamtzahlen zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. 2022 wurden bei insgesamt 243 Vorfällen lediglich drei Fälle als israelbezogener Antisemitismus eingestuft. 2023 waren es bereits 103 von insgesamt 297 Fällen, 2024 dann 197 von 392 und 2025 schließlich 244 von 418.
Besonders deutlich war die Entwicklung 2024: Gegenüber dem Vorjahr nahm die Gesamtzahl der dokumentierten Vorfälle um 95 zu, während die Zahl der als israelbezogen eingestuften Vorfälle um 94 stieg. Auch 2025 nahm die Zahl der israelbezogenen Fälle mit 47 zusätzlichen Vorfällen stärker zu als die Gesamtzahl, die um 26 Fälle stieg.
Dieser Anstieg fällt in eine Zeit, in der die israelische Kriegsführung im Gazastreifen international in der Kritik steht. Der Regierung werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu besteht u. a. wegen des Verdachts auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs. Vor diesem Hintergrund hat auch die öffentliche Kritik an Israel und seiner Regierung erheblich zugenommen.
Umstrittene Antisemitismus-Definition
Hinzu kommt: Bei der Bewertung orientiert sich Rias an der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und unter anderem an Kriterien wie Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards gegenüber Israel. Diese Abgrenzung ist wissenschaftlich und politisch umstritten.
Kritiker der IHRA-Definition bemängeln insbesondere, dass Kriterien wie „Delegitimierung“ oder „Doppelstandards“ einen großen Interpretationsspielraum lassen und dadurch auch scharfe, aber legitime Kritik an israelischer Politik als antisemitisch eingeordnet werden könne.
Antisemitismus mit rechtsextremem Hintergrund
Galki verwies zugleich darauf, dass es einen Anstieg der antisemitischen Fälle mit rechtsextremem Hintergrund gegeben habe. Hier wurden 103 Taten gezählt, nach Angaben der Meldestelle war das ein Anstieg um 10,3 Prozent.
So habe es erneut zahlreiche gezielte Angriffe auf die Erinnerungskultur gegeben, mit denen die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit infrage gestellt worden sei, sagte Galki.
Antisemitismus mit rechtsextremem Hintergrund sei dabei nicht auf einzelne Szenen oder geschlossene Milieus begrenzt. Mit 28 Vorfällen mit einem links-antiimperialistischen Hintergrund seien in etwa so viele wie im Jahr zuvor verzeichnet worden.
Beauftragter besorgt über Vorfälle an Hochschulen
Der Beauftragte der Thüringer Landesregierung für jüdisches Leben und die Bekämpfung des Antisemitismus, Michael Panse, bezeichnete vor allem antisemitische Vorfälle an den Hochschulen und beim Fußball als besorgniserregend.
Die Hemmschwelle sinke dabei augenscheinlich immer mehr. Es gebe offensichtlich eine feste Zahl an Menschen mit antisemitischer Gesinnung. Panse sprach sich für eine Verschärfung des Strafrechts in diesem Bereich aus. „Es muss klar werden, dass es eine rote Linie gibt“, sagte Panse.
Antisemitismus bei linken Protesten gegen AfD
Als erschreckend nannte er zudem antisemitische Vorfälle bei den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag Anfang Juli in Erfurt. So sei etwa ein RIAS-Informationsstand von linken Akteuren angefeindet worden. „Ich habe kein Verständnis dafür, wenn Antisemiten vor der Veranstaltungshalle gegen Antisemiten in der Veranstaltungshalle demonstrieren.“
Die Erfurter Bundestagsabgeordneten Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Michael Hose (CDU), Bodo Ramelow (Linke) und Carsten Schneider (SPD) forderten eine kritische Aufklärung von den Beteiligten und Aktiven des Protesttages. „Bei Protesten für die Demokratie darf Antisemitismus keinen Platz haben“, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung dazu. (dpa/mig) Aktuell Panorama
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