
Kipppunkt
Vertrauen in Politik sinkt bei Migranten – mit der Zeit
Herkunftsbedingte Benachteiligung wirkt wie Gift für politische Bindung. Ein SVR-Befund zeigt besonders in der zweiten Generation deutlich: Wer Ungleichbehandlung erlebt, vertraut Bundestag und Bundesregierung seltener – ein Risiko für die demokratische Kultur.
Donnerstag, 09.07.2026, 11:02 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 09.07.2026, 11:02 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Das Vertrauen in zentrale politische Institutionen ist in Deutschland zwischen 2022 und 2024 deutlich zurückgegangen. Besonders stark fiel der Rückgang bei Menschen ohne Migrationshintergrund aus: Vertrauten 2022 noch jeweils rund zwei Drittel der Bundesregierung und dem Bundestag, waren es 2024 nur noch 44 beziehungsweise 53 Prozent.
Auch unter Zugewanderten und ihren Nachkommen sinkt das politische Vertrauen. Nach einer Auswertung des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) ging das Vertrauen in die Bundesregierung in dieser Gruppe von 72 auf 60 Prozent zurück, das Vertrauen in den Bundestag von 70 auf 61 Prozent. Damit liegen die Werte weiterhin höher als bei Menschen ohne Migrationshintergrund – der Abstand erklärt sich dem SVR zufolge aber vor allem durch das hohe Vertrauen neu Zugewanderter.
Vertrauensvorschuss bei Neuzugewanderten
Der SVR wertet für die Untersuchung Daten des SVR-Integrationsbarometers aus den Jahren 2020, 2022 und 2024 sowie Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften aus. Die Ergebnisse zeigen: Neu Zugewanderte bringen den politischen Institutionen in Deutschland häufig zunächst mehr Vertrauen entgegen als Menschen, die schon länger hier leben oder hier geboren wurden.
Dieser Vertrauensvorschuss nimmt jedoch mit der Aufenthaltsdauer ab. Bei Zugewanderten, die seit mehr als 20 Jahren in Deutschland leben, sowie in der zweiten Generation ist der Rückgang besonders ausgeprägt. „Die Einstellungen gleichen sich jedoch mit zunehmender Aufenthaltsdauer den Werten der Gesamtgesellschaft an“, sagt Dr. Fabian Gülzau, Autor des Policy Briefs.
Benachteiligung schwächt Vertrauen
Für die Einwanderungsgesellschaft ist vor allem ein weiterer Befund zentral: Wer herkunftsbedingte Benachteiligung erlebt, vertraut politischen Institutionen seltener. Das gilt laut SVR gruppenübergreifend, zeigt sich aber besonders deutlich in der zweiten Generation, also bei Menschen, die in Deutschland geboren wurden und Eltern mit Migrationserfahrung haben.
Der Befund verweist auf eine politische Teilhabefrage. Während neu Zugewanderte ihre Erfahrungen oft auch mit dem Herkunftsland vergleichen, wachsen viele Menschen der zweiten Generation in Deutschland auf und richten ihre Erwartungen stärker an Gleichbehandlung, Repräsentation und Mitsprache im deutschen politischen System aus. Wenn diese Erwartungen enttäuscht werden, kann das Vertrauen in Institutionen leiden.
Muslimische Befragte mit unterschiedlichen Werten
Differenziert fallen die Ergebnisse auch nach Religionszugehörigkeit aus. Muslimische Zugewanderte der ersten Generation weisen laut SVR ein überdurchschnittlich hohes Vertrauen in Bundestag und Bundesregierung auf. Musliminnen und Muslime der zweiten Generation bringen den politischen Institutionen dagegen weniger Vertrauen entgegen als andere religiöse Gruppen.
Der SVR führt diesen Unterschied nicht allein auf Benachteiligungserfahrungen zurück. Auch wenn entsprechende Erfahrungen berücksichtigt werden, bleibt der Generationenunterschied bestehen. Die Autor:innen sehen darin einen Hinweis darauf, dass veränderte Erwartungen an das politische System eine Rolle spielen könnten.
Weniger Vertrauen, weniger Beteiligung
Geringes politisches Vertrauen bleibt laut Policy Brief nicht folgenlos. Menschen, die Bundesregierung und Bundestag wenig vertrauen, beteiligen sich seltener politisch – sowohl bei Wahlen als auch bei anderen Formen der Beteiligung wie Demonstrationen, Unterschriftenaktionen oder Bürgerinitiativen. Hinweise darauf, dass Misstrauen politisch mobilisiert, findet der SVR in den ausgewerteten Daten nicht.
Zugewanderte und ihre Nachkommen sind unabhängig vom Vertrauensniveau insgesamt seltener politisch aktiv als Menschen ohne Migrationshintergrund. Als Hürden nennt die Untersuchung unter anderem das Gefühl, nicht vertreten zu werden, politische Strukturen nicht zu durchschauen, fehlende Vorbilder und die Sorge vor Diskriminierung.
Warnsignal für die Demokratie
Der SVR sieht in dem Vertrauensverlust ein Risiko für die demokratische Teilhabe. Menschen mit geringem politischen Vertrauen weisen demnach seltener eine Parteibindung auf und geben häufiger eine Präferenz für die AfD an. Der Policy Brief wertet das als Hinweis darauf, dass politisches Misstrauen die Anfälligkeit für populistische Positionen erhöhen oder zur Abwendung vom politischen System beitragen kann.
Als Gegenmittel empfiehlt der SVR Maßnahmen, die die gesamte Bevölkerung erreichen, aber unterrepräsentierte Gruppen gezielt einbeziehen. Dazu zählen politische Bildung, niedrigschwellige Beteiligungsangebote, mehr Präsenz politischer Parteien vor Ort und eine verständlichere politische Kommunikation. „Vertrauen entsteht letztlich auch dadurch, dass Politik sich der anstehenden Probleme annimmt und Lösungen liefert“, sagt Dr. Jan Schneider, Leiter des Bereichs Forschung beim SVR. (mig) Gesellschaft Leitartikel
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