Mustafa Yeneroğlu, AKP, DEVA, Türkei, Abgeordneter, Politiker, Menschenrechte, Migration, Migranten, Flucht
Mustafa Yeneroğlu © privat, Zeichnung: MiGAZIN

Hanau

Wenn der Friedhof in den Alltag zieht

Hanau ist kein Jahrestag, sondern eine offene Wunde, ein Prüfstein für den Rechtsstaat – und ja, eine Anklage: gegen das Wegsehen, gegen die Verharmlosung und eine Zugehörigkeit, die unter Vorbehalt steht.

Von Donnerstag, 19.02.2026, 20:43 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 19.02.2026, 20:43 Uhr Lesedauer: 9 Minuten  |  

Gedenktage neigen dazu, Ordnung zu stiften. Sie werden im Kalender eingetragen, geben Trauer eine Form, ermöglichen Reden, Kränze, Schweigeminuten. Doch für jene, die am 19. Februar 2020 jemanden verloren haben, ist Hanau kein Eintrag. Hanau ist eine Schwerkraft. Ein lebenslanger Schmerz, der sich nicht „bewältigen“ lässt, weil er nicht einfach Erinnerung ist, sondern fortgesetzte Gegenwart.

Anzeige

In seinem Buch „Der Tag, an dem ich sterben sollte. Wie der Terror in Hanau mein Leben für immer veränderte“ beschreibt Said Etris Hashemi, wie sich die Nachricht vom Tod seines Bruders in sein Bewusstsein frisst, über das Radio im Krankenhaus, über die verlesenen Namen, über den Moment, in dem der eigene Bruder zu einem Eintrag in einer Trauerliste wird, und wie Sprache, Atem, Welt plötzlich schrumpfen. Er erzählt von einer Mutter, deren Trauer nicht episodisch ist, sondern ständige Begleiterin wird. Der Friedhof, so schreibt er, sei ihr Wohnzimmer geworden. Man muss sich das einmal vor Augen führen. Nicht die Trauer besucht den Friedhof, sondern der Friedhof zieht in den Alltag ein.

___STEADY_PAYWALL___

In „Geboren, aufgewachsen und ermordet in Deutschland“ spricht Çetin Gültekin davon, seit dem Anschlag zu versuchen, ohne seinen Bruder zu überleben. Er beschreibt, wie sich selbst die Fragen nach Herkunft, Migration, Lebenswegen im Nachhinein in eine quälende, falsche Kausalkette verwandeln. Wäre dies nicht gewesen, wäre jenes nicht passiert, dann wäre Gökhan jetzt bei mir. Und zugleich steht da, wie ein moralischer Auftrag, der aus dem Unfassbaren geboren wird, das Versprechen, dass Erinnern nicht nur Rückschau sein darf, sondern Veränderung. „Lasst uns daraus lernen, wieder Menschen zu sein.

„Der Schmerz der Angehörigen ist nicht nur privat. Er ist politisch.“

Der Schmerz der Angehörigen ist deshalb nicht nur privat. Er ist politisch, weil er etwas über den Zustand eines Gemeinwesens aussagt. Wenn Menschen in Deutschland geboren, aufgewachsen und beheimatet sind und dennoch ermordet werden, weil ein Täter sie als nicht zugehörig definiert, dann steht nicht nur eine Biografie, sondern eine demokratische Grundannahme unter Beschuss. Nämlich die Gleichheit der Zugehörigkeit.

Rechte Gewalt ist selten ein plötzlicher Gewitterblitz in blauem Himmel. Häufig ist sie, wie ein Text über strukturelle und institutionelle Diskriminierung formuliert, als anhaltender, dumpfer Ton präsent. In Schulempfehlungen, Wohnungssuche, Arbeitsmarkt, Polizeikontrollen, Diffamierungen. Dieser Ton erinnert Betroffene daran, dass sie niemals frei von ihr sein werden. Wer diese Vorformen übersieht, wird den Moment der Tat immer wieder als Ausnahme missverstehen und als Einzeltat ablegen. Genau darin liegt aber die gesellschaftliche Gefahr. Die Ausnahme wird zur Ausrede, und die Ausrede zur Gewohnheit.

Die Leipziger Autoritarismus-Studien halten dem eine unbequeme Diagnose entgegen. Rassismus, Ethnozentrismus und die Anschlussfähigkeit neo-nationalsozialistischer Denkmuster speisen sich nicht nur aus Rändern, sondern aus Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Vorstellung einer klaren Trennlinie zwischen rechtsextremer Gewalt und Mehrheitsgesellschaft war und ist eine Selbstberuhigung. In derselben Studie wird unter Bezug auf eine Liste der Amadeu Antonio Stiftung daran erinnert, dass seit 1990 hunderte Menschen aus rassistischen Gründen ermordet wurden und dass diese Entwicklung nicht historisch abgehakt ist, sondern sich fortsetzt.

„Wer Solingen und Mölln, den NSU, Halle und Hanau nebeneinanderlegt, erkennt … Muster in der Reaktion des Staates.“

Wer Solingen und Mölln, den NSU, Halle und Hanau nebeneinanderlegt, erkennt mehr als eine Abfolge. Er erkennt Muster in der Reaktion des Staates und der Öffentlichkeit. Muster des Nicht-Sehen-Wollens, des Umdeutens, des Verengens. In einem Solingen-Band wird aus Betroffenenperspektive daran erinnert, dass Nebenklagen im NSU-Prozess davor warnten, milde Urteile könnten ein falsches Signal senden. Dieses Signal, so heißt es, sei leider wahrgenommen worden. Täter von Halle und Hanau hätten sich am NSU orientiert, und nach 2018 und 2019 mussten erneut Opfer beklagt werden. Das ist keine juristische Fußnote. Es ist eine demokratische Schlüsselfrage. Welche Botschaft sendet ein Rechtsstaat, nicht in Sonntagsreden, sondern in seiner Praxis der Aufklärung, Einordnung und Konsequenz.

Heute hören wir häufig, man müsse die Ängste ernst nehmen. Ja, man muss. Aber es kommt darauf an, wie man es tut. In seinem Buch „Politischer Rassismus in der post-homogenen Gesellschaft. Eine postkoloniale Kritik“ zeigt Lorenz Narku Laing, wie eine Strategie darin besteht, aus Angst und Feindlichkeit eine bloße Angst zu machen. Rassistische Haltungen werden zu passiven Ängsten umgedeutet, die angeblich nachvollziehbaren Bedrohungen entspringen. Dadurch verliert Rassismus seine politische und strukturelle Dimension und wird gleichsam aus dem Zuständigkeitsbereich der Politik herausdefiniert. Das Ergebnis ist fatal. Man spricht endlos über Befindlichkeiten, während man über Macht, Institutionen, Diskurse und konkrete Benachteiligung schweigt.

Das heißt nicht, dass Bedenken der Mehrheitsgesellschaft per se illegitim wären. Es gibt reale Verunsicherungen, ökonomische Abstiegsängste, Überforderung lokaler Infrastrukturen, das Gefühl beschleunigter Veränderung. Eine Demokratie, die solche Spannungen ignoriert oder moralisch abkanzelt, produziert Zynismus und Rückzug. Aber der entscheidende Unterschied liegt darin, ob Politik diese Sorgen in sozialstaatliche, ordnungspolitische und partizipative Antworten übersetzt oder ob sie sie in Feindbilder kanalisiert. Ressentiment ist eine bequeme Abkürzung. Es verspricht Deutung und Entlastung, ohne Lösungen zu liefern.

„Was gestern unsagbar war, gilt heute als Diskussionsbeitrag. Was früher Rand war, tritt im Gewand bürgerlicher Normalität auf.“

Die Leipziger Studie formuliert dazu einen aufschlussreichen Gedanken. Moderne Gesellschaften erzeugen Ressentiments auch deshalb, weil Partizipationsversprechen nie vollständig eingelöst werden können. Frustration sucht dann nach Adressaten, und die politische Kultur entscheidet, ob diese Energie demokratisch gebunden oder autoritär enthemmt wird. Dass sich antidemokratisch-autoritäre Milieus radikalisieren, hängt paradoxerweise auch mit Liberalisierung zusammen. Gerade wenn mehr Freiheits- und Anerkennungsrechte real werden, wächst in Teilen der Gesellschaft der Hass auf jene, die diese Rechte verkörpern.

Hier liegt eine große Gegenwartsverschiebung. Vor zwanzig Jahren war die Welt politisch, medial und digital anders. Heute leben wir in einer Ökonomie der Erregung, in der Grenzverschiebungen täglich stattfinden. Was gestern unsagbar war, gilt heute als Diskussionsbeitrag. Was früher Rand war, tritt im Gewand bürgerlicher Normalität auf. Parteien, die mit Abwertung als Identitätsangebot arbeiten, können sich als gesetzt inszenieren.

„Say their names ist in diesem Sinn keine Parole. Es ist eine demokratische Grammatik. Sie widerspricht dem Täterblick.“

In einem Gesprächband zum NSU- und Hanau-Komplex heißt es, in Deutschland sei es noch vor einigen Jahren fast ein Tabu gewesen, über Rassismus zu sprechen, insbesondere über Rassismus in staatlichen Institutionen. Erst der NSU-Komplex und dann Hanau hätten hier einen Kulturwandel erzwungen. Unter anderem dadurch, dass die Namen der Opfer individualisiert wurden, statt sie zu anonymen Vertretern einer Gruppe zu machen. Say their names ist in diesem Sinn keine Parole. Es ist eine demokratische Grammatik. Sie widerspricht dem Täterblick, der Menschen zur Kategorie reduziert.

Doch derselbe Text widerspricht auch dem beruhigenden Staatsnarrativ, man habe Lehren gezogen. Wenn das stimmte, würde man offensiv über institutionalisierten Rassismus sprechen. Man würde sich ehrlich fragen, wie Nazikulturen in bestimmten Gegenden so selbstbewusst entstehen konnten und welche Rolle Staat und Institutionen dabei konkret gespielt haben. Und man würde den Blick stärker auf jene Formen von Rassismus richten, die nicht auf der Straße beginnen, sondern in Routinen, Begriffen und Deutungsmustern von Institutionen fortwirken, insbesondere auf den Kulturrassismus also. Ich habe ihn persönlich, wenn ich ehrlich bin, häufiger in staatlichen Behörden erlebt als auf den Straßen, ausgerechnet dort, wo demokratische Werte nicht nur geschützt, sondern präventiv verteidigt werden sollten. Hinzu kommt der Reflex, das Problem aus der bürgerlichen Mitte herauszuschieben, es als regional oder randständig zu behandeln, statt es als gesamtgesellschaftliche Prüfung anzunehmen.

Diese Ambivalenz spüren Betroffene in ihrer konkreten Erfahrung. Said Etris Hashemi fasst sie in einem Satz zusammen. „Hanau ist überall.“ Überall dort, wo Zugehörigkeit widerrufbar wird. Überall dort, wo Menschen sich fragen müssen, ob der Staat sie im Ernstfall schützt. Überall dort, wo das Wir der Demokratie brüchig wird.

„Eine Gesellschaft der Vielen, in der Zugehörigkeit nicht abstammen muss, sondern entstehen kann durch gleiche Rechte, gleiche Würde und gleiche Sicherheit.“

Deutschland ist heute, gerade durch seinen hohen Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte, ein anderes Land als zu meiner Kindheit vor vierzig Jahren. Diese Realität erzeugt Spannungen. Aber sie ist auch eine demokratische Chance. Eine Gesellschaft der Vielen, in der Zugehörigkeit nicht abstammen muss, sondern entstehen kann durch gleiche Rechte, gleiche Würde und gleiche Sicherheit. Nur ist diese Gleichheit nicht automatisch. Sie muss politisch hergestellt, institutionell gesichert und kulturell verteidigt werden.

Bedenken ernst zu nehmen darf deshalb niemals heißen, Rassismus zu normalisieren. Es darf nicht heißen, Menschenrechte zu verhandeln, weil Stimmung kippt. Es darf nicht heißen, die Verletzlichsten als Ventil zu benutzen. Eine Demokratie braucht doppelte Wahrhaftigkeit. Sie braucht Wahrhaftigkeit gegenüber Betroffenen, damit ihr Schmerz nicht ritualisiert, sondern politisch ernst genommen wird, und sie braucht Wahrhaftigkeit gegenüber der gesellschaftlichen Mitte, damit soziale Fragen nicht durch kulturelle Feindbilder ersetzt werden. Teilhabe entsteht nicht durch Ausschluss. Ordnungspolitik darf nicht Entwürdigung sein.

In einem Solingen-Band wird betont, dass Betroffene angehört werden müssen und aus dem Gehörten Handlungsoptionen folgen müssen. Das ist ein demokratisches Minimum. Alles darunter ist Symbolpolitik.

Wenn Hashemi die Namen der Ermordeten aufzählt, wenn er erzählt, wie eine letzte Nachricht klingt und wie selbst der Notruf versagt haben soll, dann ist das keine literarische Dramatisierung. Es ist die Sprache der Verletzung, die sich in den Körper eines Landes eingeschrieben hat. Wenn Gültekin und Koçak zeigen, wie Angehörige Deutschland lieben und zugleich an ihm verzweifeln, dann ist das genau die Spannung, in der sich die Zukunft der freiheitlichen Demokratie entscheidet.

„Eine wehrhafte, freiheitliche Demokratie ist gerade dann Heimat, wenn sie nicht selektiv schützt.“

Erinnern ist deshalb nicht nur Pietät. Erinnern ist demokratische Disziplin. Es bedeutet, die Wahrheit nicht zu verkleinern, weder die Wahrheit der Betroffenen noch die Wahrheit sozialer Verunsicherung. Es bedeutet, die falsche Alternative zurückzuweisen, als müsse man sich entscheiden zwischen Sicherheit und Gleichheit, zwischen Ordnung und Würde, zwischen Mehrheit und Minderheit. Eine wehrhafte, freiheitliche Demokratie ist gerade dann Heimat, wenn sie nicht selektiv schützt.

Und vielleicht ist das der tiefere Sinn eines Jahrestags wie Hanau. Nicht, dass wir uns für einen Moment betroffen fühlen, sondern dass wir uns prüfen. Ob wir bereit sind, Zugehörigkeit als unteilbar zu denken. Ob wir die Sprache der Entmenschlichung im Alltag wie in der Politik zurückweisen. Ob wir akzeptieren, dass die Grenze zwischen „uns“ und „denen“ nicht dort verläuft, wo Herkunft beginnt, sondern dort, wo Menschenwürde endet.

Hanau ist eine Wunde. Aber eine Wunde kann, wenn sie nicht verdrängt wird, auch ein Sensor werden, für das, was im Gemeinwesen falsch läuft, bevor es wieder zu spät ist. Wenn wir diesen Sensor abstumpfen lassen, wird der dumpfe Ton lauter. Wenn wir ihn ernst nehmen, kann aus Trauer Verantwortung werden und aus Verantwortung eine Demokratie, die ihren Namen verdient. (mig) Meinung

Zurück zur Startseite
MiGLETTER (mehr Informationen)

Verpasse nichts mehr. Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.

MiGGLIED WERDEN
Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)