Nasim Ebert-Nabavi, Rechtsanwältin, MiGAZIN, Menschenrechte, Recht, Gaza
Nasim Ebert-Nabavi © privat, Zeichnung: MiG

Gewalt ganz nah

Wenn Leid ohne Resonanz bleibt

„Weit weg“ gilt nicht für alle: Für Millionen Menschen in Deutschland sind Gaza, Iran oder Sudan keine Schlagzeilen, sondern Familie, Angst und endlose Ungewissheit.

Von Montag, 02.02.2026, 17:50 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 02.02.2026, 17:50 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Wenn in diesen Tagen die nächste Push-Nachricht auf dem Handy aufleuchtet oder die Nachrichten wieder Bilder von Krieg und repressiver Gewalt zeigen, ist ein erster Impuls vieler schnell da: Das ist ja weit weg. Ein Satz, der schützt. Der Abstand schafft. Der erlaubt, weiterzumachen. Doch dieser Abstand existiert in Deutschland längst nicht für alle. Für Millionen Menschen hier ist das, was in Gaza, im Iran, im Sudan oder anderswo geschieht, keine entfernte Weltlage. Es ist Familie. Herkunft. Erinnerung. Es ist die ständige Sorge um Menschen, deren Leben an Orten stattfindet, die gerade zerbrechen.

Deutschland ist längst eine Gesellschaft, in der globale Krisen nicht nur außenpolitische Ereignisse sind, sondern Teil des sozialen Alltags. Im Büro. In der Nachbarschaft. In Schulklassen. Auf Spielplätzen. Viele tragen diese Krisen nicht als Meinung mit sich, sondern als biografische Realität. Wer das übersieht, hält Vielfalt für Kulisse und verkennt, warum Trauer, Wut, Erschöpfung und Sprachlosigkeit mitten unter uns auftauchen.

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Gaza

Nehmen wir Gaza. Als Krieg. Als Zerstörung. Als das gewaltsame Ende ganzer Familien. Mehr als 71.000 Tote markieren keinen statistischen Befund, sondern einen Bruch. Lebenszusammenhänge wurden in kürzester Zeit zerstört, familiäre Bezugspunkte gleichzeitig vernichtet. Während internationale Akteure lange nach einer Sprache suchten, um das Geschehen einzuordnen, ohne es eindeutig zu benennen, blieb für die Betroffenen vor allem eines zurück: Schmerz und Ohnmacht.

„Der Alltag wird grau. Gespräche werden kürzer. Die Stille schwerer.“

Diese Ohnmacht wirkt hier weiter. Menschen fühlen sich müde und erschöpft, weil Trauer keinen Abschluss findet. Wütend, weil das Geschehene nicht rückgängig zu machen ist. Zerrissen und misstrauisch, weil Worte später kamen als Gewalt. Viele sind schlaflos, innerlich verstummt, leer. Sie funktionieren nach außen und tragen zugleich das Wissen, dass zentrale Teile ihrer Familiengeschichte unwiederbringlich verloren gegangen sind, während die Welt rang, das Verbrechen beim Namen zu nennen. Der Alltag wird grau. Gespräche werden kürzer. Die Stille schwerer. Und doch bleiben Menschen da – trauernd, wartend, erschüttert.

Iran

Nehmen wir Iran. Ein Land wurde in digitale Dunkelheit gezwungen. Kein Internet. Keine Bilder. Keine Stimmen. In dieser Abschottung verübte ein repressives Herrschaftssystem schwerste Gewalt gegen die eigene Bevölkerung.

„Noch immer suchen Eltern nach ihren Kindern, Familien nach Angehörigen.“

Menschenrechtsorganisationen und Exilnetzwerke berichten übereinstimmend von einem beispiellosen Gewaltausbruch innerhalb weniger Tage. Die bislang kursierende Zahl: 36.000 Getötete. Hinzu kommen unzählige Verhaftungen und Fälle gewaltsamen Verschwindens, deren Ausmaß bislang nicht abschließend erfasst werden kann. Noch immer suchen Eltern nach ihren Kindern, Familien nach Angehörigen. Noch immer bleiben Schicksale ungeklärt.

Viele sind müde, erschüttert, verwundet. Still aus Angst oder zornig aus Ohnmacht. Zerrissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ein Gewicht auf der Brust, das bleibt, weil es kein Ende kennt. Für diesen Schmerz gibt es keinen Begriff. Er ist so groß, dass das Herz ihn kaum erträgt. Und er endet nicht an der iranischen Grenze.

Leid ohne Resonanz

Während der öffentliche Fokus hierzulande auf wenigen Konflikten liegt, laufen andere Krisen nahezu unbeachtet weiter. Sudan ist dafür ein drastisches Beispiel. Internationale Organisationen sprechen von einer der größten humanitären Katastrophen der Gegenwart. Millionen Menschen sind vertrieben oder auf der Flucht. Gewalt, Hunger und der Zusammenbruch staatlicher Strukturen prägen den Alltag. In der deutschen Öffentlichkeit findet diese Krise kaum statt.

„Für Betroffene hier bedeutet das, Leid ohne Resonanz.“

Für Betroffene hier bedeutet das, Leid ohne Resonanz. Familien, die Angehörige verloren haben. Menschen, die nicht wissen, wo Geschwister, Eltern oder Kinder geblieben sind. Dass ein Konflikt medial kaum vorkommt, mindert seine Folgen nicht. Es verstärkt sie, weil Leid ohne Aufmerksamkeit politisch folgenlos bleibt.

Auch die angespannte Sicherheitslage in Israel seit dem 7. Oktober 2023 wirkt bis nach Deutschland hinein. Für viele jüdische Menschen hat sich der Alltag verändert. Angst, erhöhte Wachsamkeit, Polizeipräsenz vor Synagogen, abgesagte Veranstaltungen und die Sorge um Angehörige prägen das Leben. Antisemitische Bedrohungen und Übergriffe verstärken das Gefühl von Unsicherheit. Auch das ist biografische Nähe zu globaler Gewalt, nicht als abstrakte Debatte, sondern als veränderte Lebensrealität hier.

Hinzu kommen zahlreiche weitere Konflikte, die kaum noch öffentliche Aufmerksamkeit erhalten: Jemen, Afghanistan, Teile des Kongos, Myanmar, Haiti. Kriege, die nicht eskalieren, sondern andauern. Sie produzieren keine neuen Schlagzeilen, aber kontinuierliches Leid.

Was daraus folgt

Der entscheidende Punkt ist nicht, welcher Konflikt mehr Aufmerksamkeit erhält. Entscheidend ist, dass Deutschland längst eine Gesellschaft ist, in der globale Krisen keine reine Außenpolitik mehr sind. Sie sind Teil des Alltags, getragen von Menschen, die hier leben und funktionieren müssen, während sie biografisch betroffen sind.

Diese Betroffenheit hat im öffentlichen Raum kaum Platz. Sie existiert nicht im Büro, nicht im Klassenzimmer, nicht im Small Talk. Sie wird ausgelagert in Nachrichtensendungen und Debatten, während die Menschen, die sie tragen, ihren Alltag weiter bewältigen: arbeiten, Kinder versorgen, Termine einhalten. Ihr Schmerz ist präsent, aber unsichtbar. Er gilt als privat, obwohl er strukturell ist.

Hinzu kommt eine Dynamik, die viele zusätzlich belastet: Leid wird gegeneinander abgewogen. Wer trauert, sieht sich mit Vergleichen konfrontiert. Wer spricht, muss sich erklären. Betroffenheit wird zur politischen Haltung umgedeutet, Trauer zur Position, Schmerz zur Rechtfertigungsfrage. Das verschiebt den Fokus weg von der Gewalt hin zu denen, die mit ihren Folgen leben.

„Menschlichkeit verliert an Wert, wo sie an Bedingungen geknüpft wird.“

Das ist kein Nebeneffekt öffentlicher Debatten, sondern ein gesellschaftliches Problem. Empathie ist kein Nullsummenspiel. Menschlichkeit verliert nicht an Wert, weil sie mehr als einem gilt. Sie scheitert dort, wo sie an Bedingungen geknüpft wird – wo Leid erst gewogen, verglichen oder politisch einsortiert werden muss, bevor es überhaupt Raum bekommt.

Dabei geht es nicht um Parteinahme. Es geht um Anerkennung. Um die Einsicht, dass Empathie kein begrenztes Gut ist, dass Menschlichkeit nicht an der eigenen Biografie endet. Und dass eine Gesellschaft daran zu messen ist, wie sie mit dem Schmerz ihrer Mitglieder umgeht, nicht nur mit dem, der ihr vertraut ist oder ihr nahe erscheint.

Für Außenstehende bedeutet das Verantwortung. Nicht alles verstehen zu müssen, aber zuzuhören. Betroffenen Raum zu lassen. Leid auszuhalten, ohne es zu bewerten, zu relativieren oder gegeneinander aufzurechnen. Nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern aus dem einfachen Umstand heraus, Teil derselben Gesellschaft zu sein.

Wer globale Gewalt weiterhin als etwas Entferntes behandelt, verkennt nicht nur die Realität dieser Menschen. Er verkennt die Realität dieser Gesellschaft. (mig) Meinung

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