
Studie
Kitas reagieren nicht auf Bedarfe in der Sprachförderung
Eine Kita-Studie stellt Lücken in der Personaldecke fest: Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung stehen Integrationshelfer zur Seite, Sprachförderung in Deutsch gibt es in den Kindertagesstätten dagegen selten.
Von Katrin Nordwald Mittwoch, 28.01.2026, 12:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 28.01.2026, 12:20 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Nur jede siebte Kindertagesstätte in Deutschland verfügt laut einer Studie über genug Fachkräfte für eine gute frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung aller Kinder. Ein knappes Viertel der Kitas (24,4 Prozent) hat immerhin über 81 bis 99 Prozent der empfohlenen Personalkapazitäten, wie am Mittwoch veröffentlichte Berechnungen des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) in Wien im Auftrag der Bertelsmann Stiftung ergaben. Etwa jede fünfte Kita liege unter 60 Prozent.
Dabei zeigen sich große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. So erreichten 16 Prozent der westdeutschen Kitas eine bestmögliche Fachkraft-Kind-Quote, während das nur zwei Prozent der ostdeutschen Kitas gelinge. Es bestehe aber insgesamt Handlungsbedarf, hieß es. Für eine bedarfsgerechte Förderung, insbesondere von Kindern mit Behinderung oder mit nicht-deutscher Herkunftssprache, müssten mehr Kita-Teams in Deutschland personell besser aufgestellt sein.
Förderinstrument soll zu Chancengerechtigkeit beitragen
Hintergrund der Studie ist das geplante Kita-Startchancen-Programm. Das hat die Bundesregierung aus Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart, um die Teilhabe von Kita-Kindern mit besonderen pädagogischen Anforderungen zu verbessern. Die Gütersloher Bertelsmann Stiftung schlägt eine zusammen mit dem ÖIF entwickelte Personalausstattungsquote für Kitas als Förderinstrument vor. „Chancengerechtigkeit kann es nur geben, wenn es gelingt, auf alle Kinder entsprechend ihrer Bedarfe einzugehen“, sagte Anette Stein, Direktorin des Bereichs „Bildung und Next Generation“ der Stiftung.
Für die Personalausstattungsquote wurden die bisher empfohlenen Personalschlüssel in Kitas (1 zu 4 bei Kleinkindern sowie 1 zu 9 bei über Dreijährigen) mit den aktuellen Daten der Kinder- und Jugendhilfestatistik abgeglichen. In Anlehnung an die Kinderbildungsgesetze in Niedersachsen und Bayern werden zusätzliche Personalstunden für Kita-Kinder mit Behinderungen oder mangelnden Deutschkenntnissen angesetzt.
Kitas reagieren kaum auf Sprachförder-Bedarf
Die Personalausstattungsquote könne wichtige Anhaltspunkte für die Steuerung des geplanten Kita-Startchancen-Programms liefern, erklärte Stein. Beispielsweise zeige die Studienauswertung, dass die personellen Empfehlungen für eine kindgerechte frühe Bildung bei einem steigenden Anteil an Kindern mit Eingliederungshilfe im Durchschnitt eher erreicht werden als bei einem hohen Anteil ausländischer Kinder. Heißt: Kita-Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung stehen Integrationshelfer zur Seite, Sprachförderung in Deutsch gibt es in den Kindertagesstätten dagegen selten.
Dabei ist der Bedarf je nach Bundesland groß: Der Anteil der Kitas, die mehrheitlich von Kindern mit nichtdeutscher Familiensprache besucht werden, sind in Berlin und Bremen bei über 30 Prozent und in Hamburg und Hessen bei 23 Prozent. In allen ostdeutschen Bundesländern sind es hingegen maximal 2 Prozent. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden sogar zwischen 27 Prozent und 42 Prozent der Einrichtungen ausschließlich von Kindern mit deutscher Familiensprache besucht, während dies in Berlin, Hessen und dem Saarland nur auf maximal 5 Prozent der Einrichtungen zutrifft.
Kitas in Bremen und Baden-Württemberg gut aufgestellt
Mit Blick auf die Bundesländer weisen laut Studie Baden-Württemberg (35,6 Prozent), Bremen (31,6 Prozent) und Niedersachsen (19,9 Prozent) die höchsten Anteile von Kitas auf, deren Personalausstattung den wissenschaftlichen Empfehlungen der Stiftung entspricht. Bayern kommt immerhin in dieser Gruppe auf eine Quote von 12,3 Prozent, Nordrhein-Westfalen auf 6,4 Prozent, das Saarland auf 5 Prozent. Die anteilig meisten Kitas, in denen nur 60 Prozent oder weniger der eigentlich benötigten Fachkräfte vorhanden sind, gibt es demnach in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen (jeweils 84 Prozent) sowie in Sachsen-Anhalt (76 Prozent).
„Unsere Daten zeigen, dass viele Kitas noch nicht einmal die fachlich notwendige personelle Grundausstattung für eine gute frühe Bildung aufweisen“, sagte Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung der Bertelsmann Stiftung. Daher bestünde die Gefahr, dass die „Startchancen“-Mittel genutzt würden, um die Lücken abzudecken. „Das Programm würde jedoch vor allem dann Wirkung entfalten, wenn die daraus finanzierten zusätzlichen Personalstunden tatsächlich für die Arbeit mit den Kindern mit besonderen Förderbedarfen zur Verfügung stehen“, betonte sie.
Laut der Kinder- und Jugendhilfestatistik von 2024 stammten von den rund 3,9 Millionen Kindern unter 14 Jahren in den bundesweiten Kitas und Horten mehr als 870.000 aus einer zugewanderten Familie, in der nicht vorrangig Deutsch gesprochen wird. Rund 99.500 aller Kinder hatten Anspruch auf Eingliederungshilfe. (epd/mig) Leitartikel Panorama
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