Dr. Soraya Moket, Frauen, Feministin, Rassismus, Flüchtling
Dr. Soraya Moket © privat, Zeichnung MiGAZIN

Afrika-Cup

Nation, Migration, Identifikation

Der Afrika-Cup zeigte, wie Zugehörigkeit entsteht. In der marokkanischen Diaspora verdichtete sich ein transnationales „Wir“ – nicht über Pass, Sprache oder „kulturelle Reinheit“, sondern in Hymnen, Symbolen und geteilten Emotionen.

Von Sonntag, 25.01.2026, 11:52 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 25.01.2026, 12:12 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Der Afrika-Cup endete für Marokko mit einer Niederlage – bitter, weil Marokko im Turnierverlauf als klarer Favorit gegolten und sportlich überzeugt hatte. Während der Titel verloren ging, wurde auf einer anderen Ebene etwas Entscheidendes gewonnen: ein spürbar gestärktes kollektives Wir-Gefühl. Fußball fungierte in diesem Zusammenhang als machtvolles Instrument nationaler Integration – weit über territoriale Grenzen hinaus.

Das Turnier wirkte wie ein sozialer Katalysator. Über Geschlechter, soziale Klassen, Regionen und Generationen hinweg entstand ein Moment verdichteter Zugehörigkeit. Die Nationalhymne wurde mit sichtbarem Herzblut gesungen, öffentliche Räume verwandelten sich in Orte gemeinsamer Emotionen, und nationale Symbole erhielten eine neue, emotional aufgeladene Bedeutung. Marokko wurde in diesen Momenten nicht nur als Staat, sondern als geteilte Identität erlebt.

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Im Sinne Benedict Andersons lässt sich Nation hier als „imagined community“ begreifen – als eine vorgestellte Gemeinschaft, die emotional geteilt wird. Sie beruht nicht auf physischer Nähe, sondern darauf, dass viele Menschen gleichzeitig dasselbe fühlen und sich zugehörig wissen. Anderson versteht Nationen dabei nicht als „frei erfunden“, sondern als sozial gemacht: Die Mitglieder einer Nation kennen sich nicht persönlich, teilen jedoch die Vorstellung, Teil eines kollektiven Wir zu sein. Während des Turniers wurde diese Vorstellung aktualisiert und verdichtet. Die Nationalhymne, das kollektive Mitfiebern und die mediale Gleichzeitigkeit erzeugten ein Gefühl nationaler Präsenz, das soziale, regionale und generationelle Unterschiede vorübergehend überlagerte. Nation wurde in diesen Momenten nicht verwaltet, sondern erlebt.

Fußball machte diese vorgestellte Gemeinschaft körperlich erfahrbar – im Stadion, vor Bildschirmen und durch gemeinsam geteilte Emotionen. Nationale Identität wurde dabei nicht nur gedacht, sondern gefühlt und sichtbar gemacht. Im Fußball verdichtet sich die Nation als symbolische Ordnung, in der Zugehörigkeit nicht erklärt, sondern durch gemeinsames Tun hergestellt wird – ähnlich wie im deutschen „Sommermärchen“ 2006.

„Zugehörigkeit unabhängig von sprachlicher Normerfüllung oder rechtlichem Status.“

Besonders bemerkenswert ist dabei die Wirkung auf „die Marocains du Monde“ (Welt Marokkaner:innen), insbesondere auf Kinder und Jugendliche der zweiten, dritten und sogar vierten Generation, die in Einwanderungsgesellschaften sozialisiert wurden. Viele von ihnen sind in Europa oder Nordamerika geboren, sprechen häufig kein Hocharabisch, sondern vor allem Darija, Tamazight sowie die Sprache ihres jeweiligen Geburtslandes, das für sie zugleich eine zweite Heimat darstellt. Dennoch artikulierten sie während des Turniers eine starke emotionale Bindung an das Herkunftsland ihrer Eltern und Großeltern. Diese Zugehörigkeit bestand unabhängig von sprachlicher Normerfüllung oder rechtlichem Status.

So wurde beobachtet, dass junge Auslandsmarokkaner:innen die Nationalhymne in lateinischer Schrift transkribierten, um sie mitsingen zu können – ein symbolisch hoch aufgeladener Akt der Aneignung und Zugehörigkeit. Dieser Umstand verdeutlicht eine zentrale Einsicht der Migrationssoziologie: Zugehörigkeit ist nicht an kulturelle „Reinheit“ gebunden, sondern entsteht oft erst durch Handlung, Wiederholung und sichtbares Mitmachen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle des Trainers, der selbst der zweiten Generation angehört, in Europa aufgewachsen ist und Darija spricht. Seine persönliche Biografie spiegelt die transnationalen Dynamiken der marokkanischen Diaspora wider. Obwohl in der zweiten Heimat sozialisiert, zeigt sich eine klare emotionale und symbolische Bindung zum Herkunftsland seiner Eltern. Diese Bindung wurde während des Afrika-Cups nicht nur sichtbar, sondern auch wirksam – weil sie Orientierung stiftete und viele Menschen emotional mitnahm.

„Zugehörigkeit und Loyalität sind nicht ausschließlich durch Geburtsort, Sprache oder Staatsbürgerschaft bestimmt.“

Viele Spieler mit vergleichbaren biografischen Erfahrungen entschieden sich bewusst dafür, für die marokkanische Nationalmannschaft anzutreten, anstatt für die Teams ihrer Geburtsländer zu spielen. Sportlich wie symbolisch verdeutlicht dies, dass Zugehörigkeit und Loyalität nicht ausschließlich durch Geburtsort, Sprache oder Staatsbürgerschaft bestimmt sind. Nationale Identität wird vielmehr transnational erfahrbar: Sie entsteht in den Spannungen und Verbindungen zwischen mehreren Heimaten, Identitäten und individuellen Lebensgeschichten.

Aus soziologischer Perspektive lässt sich dieses Phänomen als Ausdruck hybrider Identität deuten. Die betroffenen Generationen bewegen sich transnational zwischen den Herkunftsländern ihrer Eltern und Großeltern und den Einwanderungsgesellschaften, in denen sie leben – zwischen unterschiedlichen kulturellen Bezugspunkten, Sprachen und Loyalitäten. Lange Zeit wurde diese Mehrfachzugehörigkeit vor allem als Herausforderung oder Konflikt beschrieben, als sogenannte „doppelte Identität“.

„Soziale Praktiken, Identitäten und Loyalitäten entfalten sich über nationale Grenzen hinweg.“

Der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Steven Vertovec beschreibt solche Konstellationen hingegen als Transnationalismus beziehungsweise Super-Diversität. Gemeint ist: Soziale Praktiken, Identitäten und Loyalitäten entfalten sich über nationale Grenzen hinweg und lassen sich nicht auf einen einzigen nationalen Rahmen reduzieren. Das Subjekt erscheint dabei als beweglich, als ein soziales Wesen, das sich immer wieder neu verortet. Der Afrika-Cup machte diese transnationalen Verflechtungen sichtbar. Nation erschien hier nicht als Entweder-Oder, sondern als Sowohl-Als-Auch – anschlussfähig an mehrere Lebenswelten, im Sinne von „zwei Herzen in einer Brust“.

Aus der Perspektive des Soziologen Pierre Bourdieu lässt sich Fußball in diesem Kontext als Raum symbolischen Kapitals verstehen. Nationale Symbole, kollektive Emotionen und sportliche Repräsentation erzeugen Anerkennung, Zugehörigkeit und sozialen Sinn. Für Angehörige der Diaspora bietet diese symbolische Teilhabe eine Form legitimer Identitätsaneignung, die weder Assimilation noch Abgrenzung verlangt. Die Teilnahme am nationalen Narrativ wird damit zu einer Ressource – zu Bereicherung und Kompetenz, nicht zu einem Loyalitätskonflikt, wie in hiesigen Debatten oft unterstellt.

Das kollektive Erleben des Afrika-Cups zeigt somit, dass bewegliche und hybride Identitäten nicht nur eine Herausforderung sein müssen, sondern auch eine gesellschaftliche Ressource darstellen können. Sie ermöglichen Zugehörigkeit über Grenzen hinweg und schaffen emotionale Brücken zwischen Nationalstaat, Diaspora und individueller Lebensrealität.

„Emotionale Bindung – jenseits formaler Staatsbürgerschaft oder sprachlicher Perfektion.“

Politisch betrachtet unterstreicht dieses Ereignis die integrative Kraft des Sports. Fußball fungiert als niedrigschwelliger, transnationaler Kommunikationsraum, in dem nationale Erzählungen neu verhandelt und inklusiv erweitert werden. Die Tatsache, dass zahlreiche Marocains du Monde eigens zu Halbfinal- und Finalspielen nach Marokko reisten, verdeutlicht die Tiefe dieser emotionalen Bindung – jenseits formaler Staatsbürgerschaft oder sprachlicher Perfektion.

Auch wenn Marokko den Afrika-Cup letztlich nicht gewinnen konnte, wurde ein zentraler gesellschaftlicher und politischer Gewinn erzielt: die Stärkung eines transnationalen nationalen Selbstverständnisses, das die Diaspora nicht als Randphänomen, sondern als integralen Bestandteil der Nation begreift.

In einer Welt, die weiterhin von kolonialen Ungleichheiten, Grenzpolitiken, die Menschen nach Herkunft sortieren, und eurozentrischen Vorstellungen davon geprägt ist, was als „normal“ gilt, entfaltet dieses Ereignis eine postkoloniale Gegen-Erzählung. Nation erscheint hier nicht als exklusives, homogenes Projekt, sondern als offenes, plural gedachtes und transnationales Gefüge – jenseits von Ausschluss, Defizitlogiken und kolonialen Blickwinkeln. (mig) Meinung

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