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Kiflemariam Gebre Wold © privat, bearb. MiG

Genfer Flüchtlingskonvention

Die Heuchelei einer Auswanderernation

Wenn klamme deutsche Rentner in Thailand leben, heißt das „Selbstverwirklichung“. Wenn Arme nach Deutschland kommen, sind sie „Wirtschaftsflüchtlinge“. Deutschlands vergessene Auswanderungsgeschichte und Doppelmoral - zum 75. Jahr der Genfer Flüchtlingskonvention.

Von Dienstag, 28.07.2026, 12:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28.07.2026, 10:12 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Jeder, der heute in Deutschland eine nicht-weiße Hautfarbe hat oder einen Namen, der einen zweiten Blick erfordert, bewegt sich in einem Klima kalkulierter Kälte. Der Aufstieg der AfD und die Etablierung von Begriffen wie „Remigration“ sind keine sprachlichen Zufälle – sie sind präzise ausgearbeitete Politik. Die Botschaft ist unmissverständlich: Zugehörigkeit ist verhandelbar. Die Staatsbürgerschaft hat sich von einem Recht zu einem widerrufbaren Privileg gewandelt; Akzeptanz ist einer beliebigen Gnadenfrist gebunden.

Während dies bei vielen Ängste schürt, offenbart es denjenigen, deren Identität nie allein von einem Pass abhing, etwas anderes: eine fatale historische Kurzsichtigkeit. Die Rhetorik dieses Landes, das von Flucht und Vertreibung geprägt ist, hat tragisch-komische Züge.

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Schon vergessen: Als die Deutschen Flüchtlinge waren

Die Neue Rechte operiert mit der Fiktion einer statischen Nation und stellt Migration als eine externe Störung im System dar. Die historischen Aufzeichnungen belegen das Gegenteil. Jahrhundertelang war Deutschland einer der wichtigsten Motoren der Auswanderung in Europa. Zwischen 1820 und dem Ersten Weltkrieg kehrten Millionen Deutsche ihrer Heimat den Rücken1 – nicht aus Fernweh, sondern aufgrund von drückender Armut, politischer Verfolgung und religiösem Druck. Sie waren die Wirtschaftsflüchtlinge ihrer Zeit.

„In New Yorks „Kleindeutschland“bildeten sie genau jene Parallelgesellschaften, die heute hierzulande als politisches Schreckgespenst dienen. „

Dieses Erbe wird heute oft romantisiert und seiner Härte beraubt. Als Millionen Deutsche im 19. Jahrhundert in die USA strömten, wurden sie keineswegs sofort mit offenen Armen empfangen. Nativistische Bewegungen verachteten2 ihre „fremden“ Sitten und ihre Weigerung, Englisch zu sprechen. In New Yorks „Kleindeutschland“3 bildeten sie genau jene Parallelgesellschaften, die heute hierzulande als politisches Schreckgespenst dienen. Dass Deutschland nun Integration als Waffe gegen Neuankömmlinge richtet, erzeugt eine groteske historische Dissonanz: Herkunftsdeutsche haben vergessen, dass auch ihre Vorfahren einst in der Fremde auf Geduld hofften, während sie Schutz suchten.

Die Doppelmoral – Auswanderer erster Klasse und andere

Die Gegenwart bietet ein ebenso eindrucksvolles Beispiel für diese Heuchelei. Zehntausende deutsche Rentner verbringen heute ihren Lebensabend in Thailand4 oder anderswo in Südostasien. Offiziell sind sie „Langzeiturlauber“. In Wirklichkeit sind sie Wirtschaftsmigranten: Da sie sich ein würdiges Leben in Deutschland nicht leisten können, exportieren sie ihre Kaufkraft5 dorthin, wo das Leben billiger ist.

„Wenn Deutsche das Land verlassen, nennen wir das Auswanderung, Selbstverwirklichung oder Freiheit. Wenn andere kommen, werden Menschen als Flut oder Strom entmenschlicht.“

Hier kommt eine perfide sprachliche Tarnung zum Tragen. Wenn Deutsche das Land verlassen, nennen wir das „Auswanderung“, „Selbstverwirklichung“ oder „Freiheit“. Wenn andere kommen, werden Menschen als „Flut“ oder „Strom“ entmenschlicht und Ihnen drohen Abschiebeoffensiven, selbst in Kriegsgebiete.

Diese Unterscheidung ist nicht analytisch, sondern politisch. Sie verlangt Respekt für die ausreisenden Deutschen, während sie den ankommenden Familien die Legitimität abspricht. Das ist kein Patriotismus, sondern ein Widerspruch im Kern des nationalen Selbstverständnisses.

Hört zu: Identität braucht keine TÜV-Plakette

Wie überlebt man in einem Klima, in dem die eigene Existenz zum Diskussionsthema gemacht wird? Nicht durch defensive Assimilation oder Betteln um Akzeptanz, sondern durch innere Souveränität. Viele von uns verfügen über eine Ressource, die dem fremdenfeindlichen Milieu fehlt: einen Überlebensinstinkt, der durch Migration geschmiedet wurde, sei es durch unsere eigene oder die unserer Familie. Wer schon vor dem Verlassen des Hauses weiß, wer er ist, lässt sich von Talkshow-Kulturkriegen nicht erschüttern.

Identität ist weder ein Verwaltungsakt noch ein Geschenk, das die Mehrheitsgesellschaft unter den Weihnachtsbaum legt. Sie ist vorpolitisch und unantastbar. Die rechte Erzählung versucht, Bürger zu vorübergehenden Gästen herabzustufen – aber eine zivilisierte Gesellschaft funktioniert durch die Anerkennung der Realität, nicht durch die vernebelte Fantasie der Ausgrenzung.

Zerfressen zwischen zwei Selbstbildern

„Eine Nation, deren Vorfahren einst im Ausland um Schutz und Chancen bettelten, sollte in der Lage sein, sein eigenes Spiegelbild in den heute Ankommenden zu erkennen.“

Die Geschichte Deutschlands steht an einem Scheideweg: Es gilt, zwischen zwei unterschiedlichen Selbstbildern zu wählen. Das eine ist eine von Angst getriebene Fantasie der Homogenität, die die eigene Geschichte der Flucht verdrängen muss, um die heutige Ausgrenzung zu rechtfertigen. Das andere erkennt die Realität an: Deutschland ist eine offene Gesellschaft, untrennbar mit globalen Bewegungen verwoben, geprägt von einem ewigen Kreislauf von Aufbruch und Ankunft.

Die politische Rhetorik mag laut sein, aber die Geschichte spielt auf lange Sicht. Eine Nation, deren Vorfahren einst im Ausland um Schutz und Chancen bettelten, sollte in der Lage sein, sein eigenes Spiegelbild in den heute Ankommenden zu erkennen. Bis dieser Moment der Klarheit gekommen ist, werden diejenigen von uns mit den „falschen“ Namen, aber (noch) gültigen Pässen diesen Spiegel weiterhin hochhalten – nicht aus Bosheit, sondern aus historischer Klarheit. (mig)

  1. Deutsche sind überall auf der Welt ausgewandert. Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (München: C.H. Beck, 2002). Walker, Mack. Germany and the Emigration, 1816–1885. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1964.
  2. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschleunigte die Antideutsche Stimmung. Die Folge war u.a. kulturelle Selbstzensur und Assimilationsdruck der deutschen Community. Warum kommt mir das bekannt vor?
  3. Auch bekannt als Germania und Deutschland an der Lower East Side
  4. Thailand bietet ein „Retirement Visa“ = Renter Visa an.
  5. Natürlich spielt das Wetter eine wichtige Rolle.
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  1. Abdul Mejid sagt:

    Wie geil ist das denn? Der Autor dreht den Spieß um und lässt die Auswanderer nackt dastehen!

  2. Joachim Kullmann sagt:

    Ich stimme tatsächlich mit vielen der Darstellungen Herrn Wolds überein. Deutschland ist seit über einem Jahrtausend Ein- und Auswanderungsland. Meist waren es materielle Gründe, die Ausländer (z.B. Polen im 19. Jh.) nach Deutschland oder Deutsche in die Amerikas zogen, aber auch politische oder religiöse (Hugenotten). Wenn heute Deutsche auswandern, hat das manchmal politische, meist aber wirtschaftliche Gründe, die (siehe Rentner in Thailand) BEIDEN Seiten nutzen. Den Deutschen deshalb Vorwürfe zu machen, halte ich für verfehlt und sogar kontraproduktiv. Mit der Haltung „Ihr Deutschen solltet mal lieber selbst…“ kann man in seiner Blase reüssieren, aber keine Ressentiments beseitigen, im Gegenteil. Was wirklich die Stimmung positiv beeinflussen kann, sind Integrationsbereitschaft und eine positive Einstellung zur erwünschten neuen Heimat.

  3. Mulugeta Gebreselassie sagt:

    Herr Kullmann, bleiben Sie cool: Gebre beschreibt lediglich einen Zustand und macht niemandem einen Vorwurf. Es geht um die Feststellung, dass ein und dieselbe Migrationsfrage (bei Deutschen und Ausländern) von der Mehrheitsgesellschaft völlig unterschiedlich bewertet wird. Diese Ungleichbehandlung in der öffentlichen Wahrnehmung ist aus meiner Sicht sachlich nicht gerechtfertigt. Genau das sagt sein Text!

  4. Gerrit Lochner sagt:

    Dieser Autor braucht keine „Blase“ – er heißt übrigens Gebre Wold – und ist ein Autor mit Haltung. Dazu müssen Sie nur seine anderen Texte lesen. Ich verstehe aber, dass seine Analysen und Fragestellungen bei Herkunftsdeutschen für Verunsicherung sorgen, weil er uns in unseren Erzählungen immer wieder ertappt. Und wenn Sie sagen: „positive Einstellung zur erwünschten neuen Heimat”, lassen Sie doch diese Platitüden. Setzen Sie sich stattdessen mit seinem Text auseinander. Oder noch besser, schreiben Sie einen „Gegentext”!