
Asylpolitik & Wirtschaft
Berlin umwirbt Rabat – Marokko umwirbt Deutschland
Der Bundesaußenminister reist nach dem Besuch bei den UN weiter nach Marokko. In dem nordafrikanischen Land will er einen strategischen Dialog führen. Es geht auch um Fluchtbewegungen. Doch Menschenrechtslage und EU-Asylpolitik machen die Partnerschaft heikel.
Mittwoch, 29.04.2026, 16:45 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 29.04.2026, 17:03 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Außenminister Johann Wadephul will die Zusammenarbeit mit Marokko angesichts von geopolitischen Spannungen intensivieren. Bereits jetzt sei das Land zweitgrößter Handelspartner Deutschlands auf dem afrikanischen Kontinent, erklärte der CDU-Politiker vor einem zweitägigen Besuch in der Hauptstadt Rabat. „Gerade bei unseren Wirtschaftsbeziehungen gibt es noch großes weiteres Wachstumspotenzial: mit Blick auf erneuerbare Energien, bei kritischen Rohstoffen oder beim Thema Wasserstoff.“
Marokkanische Fachkräfte seien zudem etwa im deutschen Gesundheits- und Pflegewesen eine wertvolle Stütze, sagte Wadephul, der von einer Wirtschaftsdelegation und Bundestagsabgeordneten begleitet wird.
„Als wichtige Brücke zwischen dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent ist Marokko für Deutschland ein Schlüsselpartner“, erklärte der Außenminister mit Blick auf das 70. Jubiläum der bilateralen Beziehungen in diesem Jahr. Beide Länder verbinde der Einsatz für die regelbasierte internationale Ordnung mit den Vereinten Nationen im Zentrum. Wadephul war erst am Morgen von einem Besuch der UN in New York zurückgekehrt.
Aus marokkanischer Perspektive ist die engere Zusammenarbeit mit Deutschland mehr als ein Ausbau bilateraler Beziehungen. Rabat positioniert sich seit Jahren als politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und dem Mittelmeerraum. Der strategische Dialog mit Deutschland dient auch marokkanischen Interessen an Investitionen, internationaler Aufwertung und größerem politischen Gewicht gegenüber der EU.
Wadephul: Krisen- und Fluchtursachen in Sahel-Region eindämmen
Beim strategischen Dialog mit seinem Amtskollegen Nasser Bourita steht nach Angaben von Wadephul eine große Breite internationaler Fragen auf der Agenda. So habe sich Marokko bereiterklärt, an der Umsetzung des 20-Punkte-Plans für den Gazastreifen und einer internationalen Sicherheitstruppe mitzuwirken. Mit Marokko teile man auch das Ziel einer Stabilisierung der Sahel-Region, um dort Krisen- und Fluchtursachen einzudämmen.
Besonders heikel ist die migrationspolitische Dimension der Partnerschaft. Marokko ist für die EU nicht nur Herkunfts- und Transitland, sondern längst ein zentraler Vorposten europäischer Migrationskontrolle. Die EU beschreibt die Zusammenarbeit mit Rabat offiziell als Unterstützung bei Migrationsmanagement, Schutzfragen, Grenzmanagement sowie der Bekämpfung von Schleusung und Menschenhandel.
Menschenrechtlich umstrittene Partnerschaft
Marokkanische Behörden meldeten 2025 nach Angaben von Reuters 73.640 verhinderte Versuche sogenannter „irregulärer“ Weiterreise Richtung Europa; 2024 waren es noch 78.685. Die Zahlen zeigen, wie stark Marokko in die europäische Grenzpolitik eingebunden ist.
Zwar blendet die deutsche Partnerschaftsrhetorik die Menschenrechtslage in dem Land aus, doch bleibt es umstritten. Amnesty International berichtet von einem verschärften Vorgehen gegen Meinungsfreiheit und friedlichen Protest; Journalist:innen, Menschenrechtler:innen und Regierungskritiker:innen seien Strafverfolgung, Einschüchterung und digitaler Überwachung ausgesetzt. Auch Proteste gegen wirtschaftliche Not, Ungleichheit und den Zustand öffentlicher Dienste seien mit übermäßiger Gewalt, Festnahmen und unfairen Verfahren beantwortet worden. Geflüchtete würden verhaftet und erlebten Gewalt und Folter.
EU-Asylpolitik: Marokko sicherer Herkunftsland
Ungeachtet dieser Vorwürfe haben die EU-Mitgliedstaaten die nordafrikanischen Länder Marokko, Tunesien und Ägypten sowie das Kosovo, Kolumbien und die südasiatischen Staaten Indien und Bangladesch als sichere Herkunftsstaaten eingestuft. Asylanträge aus diesen Ländern sollen künftig schneller bearbeitet werden; Antragsteller:innen müssen dann stärker begründen, warum sie persönlich dennoch gefährdet sind. Menschenrechtsorganisationen warnen, dass solche Schnellverfahren gerade Aktivist:innen, Journalist:innen, Minderheiten oder andere gefährdete Gruppen schlechter schützen könnten.
Für Marokko selbst ist diese Einstufung besonders sensibel. Human Rights Watch weist darauf hin, dass das Land zwar mehr als 18.400 bei UNHCR registrierte Geflüchtete und Asylsuchende beherbergt, aber bis zuletzt kein eigenes Asylgesetz verabschiedet hat. Zugleich kriminalisiert ein Migrationsgesetz von 2003 irreguläre Einreise, ohne ausdrückliche Ausnahmen für Geflüchtete und Asylsuchende vorzusehen.
Fachkräfteanwerbung ist auch Fachkräfteabwerbung
Auch die Fachkräfteanwerbung aus Marokko hat eine zweite Seite. Aus deutscher Sicht klingen Anwerbeversuche von medizinischen Fachkräften nach einer pragmatischen Antwort auf Personalmangel. Aus marokkanischer Sicht ist es die Abwerbung und Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, auf die das öffentliche Gesundheitssystem Marokkos selbst angewiesen ist.
Marokko erlebt seit Monaten soziale Proteste, bei denen das Gesundheitswesen eine zentrale Rolle spielt. Le Monde beschrieb das Krankenhaus Hassan II in Agadir als Symbol eines überlasteten öffentlichen Systems. Nach Angaben der marokkanischen Statistikbehörde, die Le Monde zitiert, kamen 2023 im Landesdurchschnitt nur 18,2 Gesundheitsfachkräfte auf 10.000 Einwohner:innen – weniger als die Hälfte des von der WHO empfohlenen Richtwerts. Die regionalen Unterschiede sind groß: Während urbane Zentren besser versorgt sind, sind ländliche und südliche Regionen deutlich schlechter ausgestattet.
Der strategische Dialog zwischen Deutschland und Marokko findet alle zwei Jahre auf Ebene der Außenminister statt. Dabei werden bilaterale wie internationale Themen angesprochen. Zuletzt war der marokkanische Außenminister im Juni 2024 zum strategischen Dialog zu Gast in Berlin. (dpa/mig) Aktuell Politik
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