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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Der Untergang des amerikanischen Empires

Der Iran-Krieg entlarvt die USA nicht als Weltmacht, sondern als Brandstifter im Endstadium: militärisch planlos, politisch isoliert, wirtschaftlich verwundbar. Und Europa?

Von Montag, 23.03.2026, 10:12 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 23.03.2026, 9:32 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |  

Irgendwann zwischen dem amerikanischen Überfall auf Afghanistan und der kläglichen Niederlage in Afghanistan muss es passiert sein: Die Welt begann vom Niedergang der amerikanischen Weltmacht zu sprechen, davon, dass China unweigerlich an deren Stelle treten würde. Heute scheint dieser Tag näher denn je. Nur wenige Wochen, nachdem die USA im Verein mit den Israelis einen ziellosen Krieg gegen den Iran vom Zaun gebrochen haben, steckt das Land tief in der Krise.

Die USA haben bereits ihren langwierigen Krieg gegen ein Volk von Reisbauern in Vietnam schmählich verloren und dabei unsägliches Leid verursacht, um anschließend dasselbe gegen ein Volk von Ziegenhirten in Afghanistan zu erleben. Zwischenzeitlich haben sie auch die Führungen in Libyen und dem Irak beseitigt und damit ebenso vor allem immenses Elend in diese Länder getragen – und auch Syrien taugt nicht gerade zum Ausweis amerikanischer/-em Überlegenheit und Vorbildcharakter. Millionen und Abermillionen Menschen mussten und müssen in der Folge Folter, Mord und Vertreibung erfahren. Und doch ist jetzt alles noch viel schlimmer.

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Der Iran – unterlegen genug, seit Jahrzehnten nach der Atombombe zu streben, um sich vor genau solchen Überfällen zu schützen – ist nämlich nicht Libyen oder Afghanistan, sondern eine Regionalmacht mit 90 Millionen Einwohnern und einer kaum zu bezwingenden Geografie. Und so erzwingt der laufende Konflikt schon jetzt zu drei eindringliche Analysen:

„Wer nicht über die Bombe verfügt, ist endgültig Freiwild.“

1. Jeder Staat im Besitz wertvoller natürlicher Ressourcen, der sich nicht zum Opfer oder Vasallen der USA machen will – weltweit – wird noch aggressiver nach der Erlangung eines nuklearen Zweitschlagsarsenals, „der Bombe“ streben, als das in den letzten Jahrzehnten der Fall war: Wer nicht über die Bombe verfügt, ist endgültig Freiwild – eine Lektion, die Nordkorea schon vor Jahren gelernt hat.

2. Das Einzige, was die USA kriegerisch noch erreichen können, ist Chaos zu stiften. Sie sind nicht nur nicht in der Lage, ihre Kriegsziele zu benennen, sondern auch, sie zu erreichen. Weder steht ein Regimewechsel in Eigenregie auf der Agenda, noch der Versuch, der Opposition beizustehen, die erst vor wenigen Wochen brutal zerschlagen wurde. Die Hoffnung, in diesem längst verlorenen Aufstand könne noch jemand an die Macht gespült werden, mit dem man besser auskäme, wirkt unrealistisch.

„Alles was der Iran tun muss, um zu gewinnen, ist nicht zu verlieren.“

Und 3. Nach nicht einmal einem Monat Krieg muss der US-Präsident als Bittsteller durch die Welt tingeln, um bei früheren Verbündeten wie den Europäern, aber auch bei Kontrahenten wie China um Hilfe zu betteln, weil er allein nicht in der Lage ist, diesen völkerrechtswidrigen Überfall, den er plan- und ziellos begonnen hat, auch nur gesichtswahrend zu einem Ende zu bringen. Nicht einmal die nun anstehende und absolut vorhersehbare weltweite Wirtschaftskrise einzudämmen, sind die USA allein noch in der Lage. Alles was der Iran tun muss, um zu gewinnen, ist nicht zu verlieren.

Wir können bisher nur vermuten, welche Gruppen innerhalb des bestehenden Regimes des Iran gestärkt aus diesem Konflikt hervorgehen, aber es wäre verwunderlich, wenn es nicht militaristische Hardliner wären, die sich mit besonderem Elan dem Aufbau des Atomprogramms widmen werden.

„Wir können nur vermuten, welche Schlüsse andere Staaten aus diesem Überfall ziehen.“

Wir können auch nur vermuten, welche Gruppen an der amerikanisch-israelischen Intervention am meisten leiden werden, aber es wäre verwunderlich, wenn es nicht all jene wären, die zuletzt für Freiheit und Frauenrechte opponierten; Demokraten, Laizisten, Frauen.

Wir können nur vermuten, welche Schlüsse andere Staaten aus diesem Überfall ziehen, aber es wäre seltsam, wenn sie sich nicht ihrerseits ein Beispiel an Nordkorea, Israel oder dem Iran nähmen und eigene Atombomben anstrebten und die Repression gegen all jene Gruppen erhöhten, die Trump als Feigenblatt dienten, Wochen nach Ende der Proteste einen Angriffskrieg zu beginnen.

Und es wäre äußerst überraschend, wenn nicht ausgerechnet die mit den USA verbündeten Staaten besonders unter einer Blockade der Straße von Hormus leiden würden. Schiffe aus China scheinen die Passage derzeit noch passieren zu können. Das Land wiederum erscheint einmal mehr als verlässlicher Partner und Friedensmacht, während die kriegsbereiten USA ihre Alliierten im Stich lassen: Sie setzen ihre wertvollen Luftabwehrraketen lieber sparsam zum Schutz eigener Militärstützpunkte ein, statt die Zivilbevölkerung befreundeter Staaten zu schützen, in deren Ländern sie eben diese Stützpunkte mit dem erklärten Ziel betreiben, Sicherheit zu gewährleisten.

„Den USA steht bevor, was vor ihnen bereits das spanische und das englische Empire, sowie die Sowjetunion erlebten.“

Es wäre ebenfalls nicht überraschend, wenn sich die USA infolge der ausbleibenden Gefolgschaft Europas international weiter isolierten – als Preis ihrer nationalistischen Radikalisierung. Eine ähnliche Erfahrung macht derzeit auch das nicht minder extremistische Regime in Israel. Inzwischen sind sogar erste Distanzierungen demokratischer Politiker von der Lobbyorganisation AIPAC zu beobachten. Hintergrund ist, dass sich die Organisation zunehmend auf den Kurs der rechtsextremen israelischen Regierung festlegt und negative Kampagnen gegen demokratische Politiker fährt, die es wagen, nicht radikal genug proisraelisch aufzutreten.

Die US-amerikanische Weltmachtstellung, sie basiert vor allem auf 3 Dingen: soft power, soft power und soft power. Die USA werden als Partner verstanden, weil sie als Partner verstanden werden. Der US-Kulturimperialismus durch Hollywood, Musikindustrie oder Tech-Oligarchie basiert auf einer positiven Grundeinstellung gegenüber den USA, die ihrerseits vor allem durch diesen Kulturimperialismus bedingt ist. Und die USA gelten als Weltmacht, weil sie weltweit Militärstandorte haben; dabei haben sie aber nur weltweit Militärstandorte, weil sie als Weltmacht gelten. Dieses amerikanische Kartenhaus ist auf Sand gebaut – eine Brise, eine herausgezogene Karte und es bricht in sich zusammen.

„Was die EU bräuchte, wären kompetente Führer, keine Jammerlappen mit Hitlerbärtchen auf der Stirn.“

Eine solche Brise ist der Irankrieg. Solche Karten sind Bewegungen wie BuyCanadian oder ihr Pendant BuyEU, sind der di.day (auch: DUT, also der digitale Unabhängigkeitstag), mit dem strukturiert eine Abkehr von der Geiselnahme durch den US-amerikanischen Tech-Sektor vorangetrieben wird.

Die USA produzieren nicht mehr. Sie exportieren Dienstleistungen und sie importieren Güter. Steigen die Kosten für diese Importe, während gleichzeitig die Nachfrage nach den Dienstleistungen sinkt, wenn dann auch noch der Status des US-Dollars als weltweite Reservewährung aufgrund der bereits immensen und weiter steigenden Verschuldungsquote wackelt, steht den USA bevor, was vor ihnen bereits das spanische und das englische Empire, sowie die Sowjetunion erlebten: Niedergang und Zerfall. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Was die EU angesichts dessen bräuchte, wären kompetente Führer, keine Jammerlappen mit Hitlerbärtchen auf der Stirn. Personen, die nicht im Weißen Haus dem orangen Clown den Stiefel lecken und dabei befreundete Nationen wie Spanien und England vor den rollenden Zug werfen. Es bräuchte fähige Führer, keine fetischhaft wurstfressenden Jammerlappen, die ihren Staat langfristig US-Unternehmen ausliefern und ihnen – ohne Ausschreibung oder Untersuchung am Markt – rund eine Milliarde in den gierigen Rachen werfen. Unternehmen, welche nur einen Knopfdruck davon entfernt sind, diesen Staat vollständig lahmzulegen, so, wie sie es bereits mit Teilen des internationalen Gerichtshofs getan haben. Es bräuchte Strategien, um die eigene Unabhängigkeit zu fördern, statt eines Hühnerhaufens wild durcheinander klackernder Nationalisten, die ihre Nationalismusfantasien dem jeweils höchstbietenden ausländischen Akteur anbiedern.

Und nicht zuletzt bräuchte es auch massive Vorarbeiten, damit „sich 2015 nicht wiederholt“. Aus dem Iran, einem Land mit mehr Einwohnern als jedes Mitgliedsland der EU, aber auch vielen anderen Staaten drohen massive Fluchtbewegungen in Richtung jener sich als Kontinent gebärdenden asiatischen Halbinsel, die derzeit noch einiges an Freiheit und Sicherheit verspricht.

„Ein riesiges Potenzial für eine massive Überforderung, für sich bildende Parallelgesellschaften, die auffangen müssen, was der Staat nicht zu leisten willig ist.“

Ein riesiges Potenzial für eine massive Überforderung, für sich bildende Parallelgesellschaften, die auffangen müssen, was der Staat nicht zu leisten willig ist, aber eben natürlich auch für Wirtschaftswachstum, für Innovation, für Fachkräfte, für Rentenstabilisierung und Finanzierung des Sozialstaats. Die Reise nach Europa mag gefährlich sein, vor allem aber ist sie eines: Teuer. Wer sie sich leisten kann, das sollte der „Menschen sind nur wert, was sie an Wert schaffen können“-Fraktion eigentlich klar sein, der kann auch für Deutschland leisten – wobei man schon ein ziemlich armseliges Wesen vom Range eines Fritze Merz, Alexander Dobrindt oder Bernd Höcke sein muss, um diese Rechnung überhaupt aufmachen zu wollen.

Dazu müsste man die Menschen aber erst einmal befähigen, man müsste sie machen lassen. Und die Voraussetzungen dafür müssten jetzt geschaffen werden. Warten wir zu lange, werden die nächsten Monate nur wieder das sein, was amerikanische und israelische Bomben auf arabische Länder seit jeher waren: ein massives Anwerbeprogramm für rechtsextreme Demokratiefeinde. (mig) Meinung

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