
Wachsende Sichtbarkeit
Ökonom: Özdemirs Wahlsieg nur ein Vorbote
Der Wahlsieg Cem Özdemirs dürfte nach der Erwartung des Ökonomen Yunus Ulusoy von der Uni Duisburg-Essen nicht der letzte Erfolg eines Menschen mit türkischen Wurzeln bleiben. Türkischstämmige würden zunehmend sichtbar, erwartet er.
Von Nils Sandrisser Mittwoch, 11.03.2026, 14:45 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 11.03.2026, 14:45 Uhr Lesedauer: 2 Minuten |
Der Ökonom Yunus Ulusoy hält den Wahlsieg des Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir in Baden-Württemberg für den Vorboten einer wachsenden Sichtbarkeit von türkischstämmigen Menschen im öffentlichen Leben. „Cem Özdemir steht symbolisch für die demografische Veränderung, die Deutschland erlebt“, sagte der Programmverantwortliche Transnationale Verbindungen Deutschland-Türkei am Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung der Universität Duisburg-Essen dem „Evangelischen Pressedienst“.
Vor allem Türkischstämmige der ersten und zweiten Generation seien am öffentlichen Leben kaum beteiligt gewesen, sagte Ulusoy. Sie hätten auch oft Jobs ausgeübt, die unsichtbar seien, etwa in Fabriken oder in Bergwerken. Mit der dritten Generation, die überwiegend in Deutschland geboren sei, ändere sich das gerade.
Zunehmender Bildungserfolg
Dies zeige sich auch in zunehmendem Bildungserfolg. „In der ersten und zweiten Generation gibt es noch viele Bildungsdefizite“, erklärte Ulusoy. Von diesen Menschen habe ein hoher Anteil keinen Schulabschluss oder keine Berufsausbildung, es gebe überdurchschnittlich viele Bürger- oder Arbeitslosengeldbezieher.
Die Zahl der Migranten ohne Schulabschluss habe sich aber zwischen 2005 und 2025 halbiert, die Zahl jener mit Abitur habe sich im selben Zeitraum um den Faktor 2,6 erhöht, sagte der Wirtschaftswissenschaftler weiter. Dies liege auch daran, dass Angehörige der ersten und zweiten Generation oft noch eine Rückkehr in die Türkei vorgehabt hätten, während die dritte Generation ihre Perspektiven überwiegend in Deutschland sehe.
Hohe „Deutschland-Kompetenz“
Außerdem haben Menschen mit türkischen Wurzeln im Vergleich zu Migranten anderer Herkunft laut Ulusoys Einschätzung eine hohe „Deutschland-Kompetenz“. Sie würden sich vergleichsweise gut mit dem deutschen Rechts-, Behörden- und Gesundheitssystem auskennen, „und sie wissen, wie man sich hier verhält“, sagte er. Das erleichtere es, gut bezahlte Jobs in der Verwaltung oder der freien Wirtschaft zu finden. „Diese Menschen sind längst hier angekommen“, erklärte der Wissenschaftler.
Zugleich nehme der Anteil türkischstämmiger Menschen an den Migranten insgesamt ab, erläuterte Ulusoy. Von den 25,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund im Jahr 2024 in Deutschland seien nur noch 3,1 Millionen türkischstämmig. Vor einigen Jahrzehnten habe dieser Anteil noch fast zwei Drittel ausgemacht. Zudem hätten 1,7 Millionen Türkischstämmige die deutsche Staatsangehörigkeit. (epd/mig) Aktuell Gesellschaft
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