
Ökonomie schlägt Abschiebung
Die wirtschaftliche Verwertung von Migration
Europas Wohlstand lebt auch von „Illegalen“: Während Politik über Grenzkontrollen spricht, profitieren Landwirtschaft, Bau und Handel von illegalisierter Arbeit. Das eigentliche Systemversagen beginnt nicht an der Grenze.
Von Kiflemariam Gebre Wold Sonntag, 01.03.2026, 15:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 01.03.2026, 15:21 Uhr Lesedauer: 2 Minuten |
Die europäische Debatte über Migration kreist um Grenzsicherung und Kontrollverlust. Sie suggeriert, das Problem liege an der Peripherie. In Wahrheit befindet es sich mitten im Alltag – dort, wo Preise und Versorgungsketten entstehen. Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus arbeiten in zentralen Sektoren der europäischen Wirtschaft: sie ernten Obst, pflücken Gemüse, sortieren und verpacken Lebensmittel. Diese Arbeit ist wiederkehrend und unternehmerisch eingeplant. Dass sie rechtlich kaum existiert, ist kein Versehen, sondern Teil ihrer Funktion.
Im Süden Italiens werden Orangen für den europäischen Markt gepflückt, häufig nach Kisten bezahlt und oftmals unterhalb gesetzlicher Mindeststandards. Die Arbeitskräfte leben nicht selten in provisorischen Siedlungen ohne stabile Versorgung; die Ware dagegen durchläuft alle Kontrollen, erhält Papiere und Normen — und liegt Tage später in Supermärkten nördlich der Alpen. Der Regelbruch betrifft nicht das Produkt, sondern die Arbeitskraft.
Ähnliche Strukturen finden sich in den Gewächshausregionen Südspaniens: Migrantinnen und Migranten arbeiten dort monatelang unter Plastikfolien, austauschbar und ohne effektiven Rechtsschutz. Wer krank wird, fällt aus dem System; wer sich wehrt, verschwindet. Für Handel und Großabnehmer bleibt diese Form von Arbeit erfreulich kalkulierbar.
„Migration wird als gesellschaftliches Problem verhandelt, während sie wirtschaftlich verwertet wird.“
In Deutschland zeigt sich das System besonders im Baugewerbe. Auf Großbaustellen in Metropolregionen leisten Menschen ohne geregelten Status — häufig über verschachtelte Subunternehmerketten — körperlich schwere Arbeit beim Abbruch oder Trockenbau. Diese „Schattenarbeit“ ermöglicht es Unternehmen, knappe Fertigstellungstermine und hohe Kosten zu managen. Die rechtliche Unsichtbarkeit der Beschäftigten ist oft Voraussetzung für die Rentabilität solcher Projekte.
Der blinde Fleck liegt in der arbeitsteiligen Trennung von Politik und Ökonomie. Migration wird als gesellschaftliches Problem verhandelt, während sie wirtschaftlich verwertet wird. Große Handelsketten setzen Preise, die legale Beschäftigung entlang der Lieferkette unter Druck setzen. Die Konsequenzen wandern nach unten: Löhne, Rechte und Sicherheit werden variabel. Illegalität wird funktional.
„Solange Migration als Störung behandelt wird statt als Bestandteil dieses Modells, bleibt die Debatte folgenlos.“
Abschiebungen durch die Politik würden in diesen Fällen nicht primär ein ordnungspolitischer Akt sein, sondern ein Eingriff in bestehende Produktions- und Versorgungsketten. Niedrige Lebensmittelpreise, stabile Inflation, politische Ruhe — all das beruht teilweise auf Arbeit, die kaum Rechte hat. Europa leidet an seinem eigenen Wohlstandsmodell. Solange Migration als Störung behandelt wird statt als Bestandteil dieses Modells, bleibt die Debatte folgenlos. Die entscheidende Frage ist nicht, wer nach Europa kommt, sondern unter welchen Bedingungen Europa arbeiten lässt — und warum darüber so selten gesprochen wird. Meinung
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Danke für den sehr gelungenen Beitrag, der die eigentliche „Mutter aller Probleme“ klar benennt: nämlich das kapitalistische Ausbeutungssystem. Und als Konsument:innen profitieren wir alle auch ein wenig davon – doch wer will es Millionen von Mitbürger:innen mit Löhnen, die gerade so zum Leben reichen, verdenken, dass auch sie mal erschwingliche Südfrüchte beim Discounter kaufen können?! Es ist nicht der Einzelne, sondern es ist dieses Ausbeutungssystem, das wir alle gemeinsam grundlegend verändern müssen!