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Trauerfeier in der Alemi-Islam-Moschee in Ludwigshafen für den gestorbenen Serkan Çalar

Name, Leben, Geschichte

Familie: „Der Zugbegleiter“ hieß Serkan Çalar

Über den tödlichen Angriff im Regionalexpress wurde bundesweit berichtet – über den Menschen dahinter deutlich weniger. Erst die Familie liefert öffentlich, was in vielen frühen Meldungen fehlte: Biografie, Abschied in der Moschee, Namen – und ein klares Statement.

Von Sonntag, 08.02.2026, 17:55 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 08.02.2026, 17:56 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Über die Tat sind die Fakten schnell klar gewesen: Bei einer Ticketkontrolle in einem Regionalexpress nahe Landstuhl wird ein Zugbegleiter von einem Fahrgast ohne gültigen Fahrschein attackiert. Faustschläge gegen den Kopf, Bewusstlosigkeit, später stirbt der 36-Jährige in einer Klinik an den Folgen. Ein 26-jähriger Mann sitzt in Untersuchungshaft; die Staatsanwaltschaft ermittelt, ein Haftbefehl wegen des Verdachts auf Totschlag wurde erlassen.

Es folgte das, was nach solchen Gewalttaten fast reflexhaft einsetzt: Bestürzung aus der Politik, Mahnungen, Forderungen nach mehr Sicherheit. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder sprach von „roher und sinnloser Gewalt“ und äußerte sein Mitgefühl für Familie und Kolleg:innen. Und doch blieb in der öffentlichen Erzählung lange etwas merkwürdig blass: der Mensch, der getötet wurde.

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Der Name ist mehr als eine Formalie

Jetzt bittet die Familie ausdrücklich darum, den vollen Namen zu nennen: Serkan Çalar. Dieser Wunsch steht nicht zufällig am Anfang einer Mitteilung, die die Familie am Samstag über ihren Anwalt an Medien verschicken ließ. Er ist der Versuch, die Perspektive zu verschieben, die typisch ist für die hiesige Medienlandschaft.

Die Familie beschreibt Serkan Çalar als warmherzig, freundlich, ruhig, zuverlässig – als „festen Anker“ für sein Umfeld. Serkan Çalar war alleinerziehender Vater von zwei Kindern (10 und 11 Jahre alt), verlobt, eine Hochzeit stand bevor, war schon geplant.

Das sind Informationen, die bislang kaum bekannt sind. Nicht aus böser Absicht, aber auch, weil offenbar nicht danach gefragt wurde. Dabei gäbe es viel zu berichten: Serkan Çalars Vater „erlitt noch im Krankenhaus einen Herzinfarkt, als ihm die behandelnden Ärzte den Hirntod seines Sohnes mitteilten“, so die Familie. Nur durch das schnelle Eingreifen der Ärzte sei Schlimmeres verhindert worden. Besonders tragisch: Das alles geschah am Geburtstag des Vaters. Serkan hatte ihm vor seinem Tod noch gratuliert.

Stattdessen in den Medien: Wer ermittelt? Welche Forderungen stellt die Politik? Welche Zahlen gibt es zu Gewalt gegen Bahnpersonal? Kalt. Nüchtern. Sachlich. Dass Berichterstattung auch empathisch sein kann – und darf –, zeigen zahlreiche Beispiele aus anderen, vergleichbaren Kontexten. Dort wurden Opfer früh als Menschen sichtbar: mit Biografie, Umfeld und Familie – oft mit deutsch gelesenen Namen.

Eine Trauerfeier

Deutlich wird diese Schieflage auch beim Abschied. Serkan Çalar war Teil einer muslimischen Gemeinde mit türkischer Prägung. Sein Abschied fand in der Ludwigshafener Alemi-Islam-Moschee statt – die Familie benennt diesen Ort nicht nur, sie verankert ihn in ihrer Erklärung. Auch Imam Hasan Çakmak und der Vorsitzende der Gemeinde, Şerif Aslan, werden in der schriftlichen Mitteilung ausdrücklich namentlich genannt.

Diese Detailtiefe kommt nicht von ungefähr, weil sie in vielen Berichten über muslimische Trauerfeiern selten so selbstverständlich erscheint, wie es bei kirchlichen Trauerfeiern häufig der Fall ist: Dort werden Gemeinden genannt, Geistliche, teils auch Inhalte aus Ansprachen – und all das gilt als normaler Teil öffentlicher Anteilnahme.

Die Familie Çalar indes muss selbst aktiv werden, um diese Selbstverständlichkeit herzustellen. Die Botschaft ist leise, aber klar: Das war nicht „irgendwo“. Das war nicht „irgendwie“. Das war Abschied in einer konkreten Gemeinde – mitten in Deutschland.

Sichtbarkeit ist Anerkennung

Die Erklärung der Familie ist keine Medienschelte. Es ist eine Beobachtung über Aufmerksamkeit – und über das, was Aufmerksamkeit in einer Gesellschaft bedeutet. Ob ein Opfer als „Bahnmitarbeiter“ oder „36-Jähriger“ eine abstrakte Figur bleibt oder mit seiner persönlichen Geschichte als Mensch sichtbar wird – als Vater, Sohn, Verlobter, als jemand mit Zukunftsplänen –, das entscheidet mit über seine Zugehörigkeit.

Damit ist dieser Fall mehr als ein Kriminalereignis im Regionalzug. Er ist ein Spiegel für eine Frage, die Deutschland seit Jahren begleitet: Wer gehört selbstverständlich „dazu“? Wessen Geschichten interessieren uns? Wem wollen wir zuhören? Und: Was sagt es über uns, wenn die Familie Çalar die Geschichte ihres Sohnes per Anwaltserklärung an die Medien verschicken muss, weil niemand danach fragt?

In der Erklärung heißt es: „Die Angehörigen von Serkan Çalar hoffen, dass von dieser Tat ein Signal und ein Weckruf ausgeht, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Das endet nicht mit der konsequenten Anwendung der bestehenden Gesetze, sondern beginnt bereits damit, wie wir uns als Gesellschaft einander begegnen und uns einander gegenüber verhalten, insbesondere gegenüber den schwachen, schutzbedürftigen und sozial benachteiligten Menschen. Serkan Calar hätte sich gewünscht, dass die Menschen sich wieder mit mehr Respekt und Freundlichkeit begegnen.“ (mig) Leitartikel Panorama

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