
Klimaklage aus Pakistan
Deutschland mitverantwortlich für Jahrhundertflut?
Von der Jahrhundertflut in Pakistan 2022 waren Millionen von Menschen betroffen – und die Folgen sind bis heute spürbar. Knapp 40 pakistanische Landwirte ziehen deshalb nun in Deutschland vor Gericht. Ein Kampf um globale Klimagerechtigkeit.
Von Moritz Elliesen Mittwoch, 21.01.2026, 12:37 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 21.01.2026, 12:52 Uhr Lesedauer: 3 Minuten |
Für Abdul Hafeez Khoso geht es mit seiner Klimaklage um Gerechtigkeit. Die großen Emittenten müssten aufhören, Kohlendioxid auszustoßen, sagt der Landwirt aus Pakistan. „Wir hoffen, dass sie zur Verantwortung gezogen werden.“
Tausende Kilometer trennen den 42-Jährigen von dem Sitz des deutschen Energiekonzerns RWE sowie des Baustoffunternehmens Heidelberg Material. Trotzdem zieht Hafeez Khoso in Deutschland gegen die beiden Unternehmen vor Gericht. Er macht sie mitverantwortlich für die Flutkatastrophe, die seine Heimat vor mehr als drei Jahren heimgesucht hat, und fordert Schadensersatz.
„Kampf um Klimagerechtigkeit“
Gemeinsam mit 38 weiteren Bäuerinnen und Bauern aus der Provinz Sindh hat Hafeez Khoso vor dem Landgericht Heidelberg eine Klage eingereicht. Aus Sicht der Hilfsorganisation medico international und dem „European Center for Constitutional and Human Rights“ (ECCHR), die das Anliegen unterstützen, handelt es sich um einen „entscheidenden Schritt im Kampf um Klimagerechtigkeit“.
Infolge überdurchschnittlich starker Monsun-Regenfälle wurde Pakistan im Sommer 2022 von einer verheerenden Flutkatastrophe getroffen. Etwa ein Drittel des Landes stand laut den UN unter Wasser, 1.700 Menschen kamen ums Leben. Mehr als 33 Millionen Menschen waren insgesamt betroffen.
Folgen der Flut noch spürbar
Die Anwältin Roda Verheyen, die die Landwirtinnen und Landwirte vor Gericht vertritt, argumentiert, dass die Erderwärmung die Flut maßgeblich verschärft hat. „Ohne den Klimawandel hätte dieses Ereignis so nicht stattgefunden“, sagt sie. Um dies zu zeigen, würden sogenannte Attributionsstudien vorgelegt. In solchen Analysen wird der Zusammenhang zwischen der Erderwärmung und einzelnen Extremwetterereignissen untersucht.
Auch Abdul Rasheed Khoso, der ebenfalls aus der Provinz Sindh kommt, hat sich der Klage angeschlossen. Drei Jahre nach der Katastrophe hätten sie sich immer noch nicht von den Folgen erholt, sagt er: „Die Felder sind verschmutzt und die Erträge geringer.“ Wegen des verschmutzten Trinkwassers hätten Krankheiten zugenommen. Unterstützung habe er kaum erhalten, erzählt der Bauer, der wie Hafeez Khoso ein paar Hektar Land besitzt und dort Reis sowie Weizen anbaut.
Mehr als eine Million Euro Schaden
Den Schaden der 39 Klägerinnen und Kläger beziffert Anwältin Verheyen auf mehr als eine Million Euro. Laut medico international und ECCHR wurden mindestens zwei Ernten zerstört. Von dem Energiekonzern RWE und dem Baustoffunternehmen Heidelberg Materials, das unter anderem Zement herstellt, fordern sie eine anteilige Entschädigung. Beide Unternehmen zählten zu den größten deutschen CO2-Verursachern und hätten durch die von ihnen verursachten Emissionen erheblich zum Klimawandel beigetragen. Die beiden Unternehmen äußerten sich zunächst nicht auf eine Anfrage.
Der Fall erinnert an die Klimaklage des peruanischen Landwirtes Saúl Luciano Lliuya, der ebenfalls gegen RWE vor Gericht gezogen war und eine Beteiligung an den Kosten für Schutzmaßnahmen gegen die Erderwärmung erstreiten wollte. Zwar wurde die Forderung vergangenen Mai zurückgewiesen, weil nach Auffassung des Oberlandesgerichts Hamm keine konkrete Gefahr für das Grundstück droht. Zugleich stellte das Gericht fest, dass Verursacher von CO2-Emissionen grundsätzlich zur Verantwortung gezogen werden können.
Verfahren kann sich lange ziehen
Die Klimaklage aus Pakistan stützt sich unter anderem auf Paragraf 906 des Bürgerlichen Gesetzbuches, der den Schutz vor Einwirkungen auf Eigentum regelt. Wann es zu einer Entscheidung kommt, ist für Verheyen, die bereits den peruanischen Landwirt Lliuya vertreten hatte, schwer absehbar. In erster Instanz könne sich das Verfahren bis zu eineinhalb Jahre ziehen, sagt sie. Am Ende könnte der Fall sogar vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe landen.
Wie es in Zukunft weitergeht, das ist für die beiden Landwirte Rasheed Khoso und Haafez Khoso ungewiss. 2022 sei bereits ein Desaster gewesen, sagt Rasheed Khoso. Die Anpassung stoße an Grenzen. Der Klimawandel sei deutlich zu spüren, etwa bei den Erträgen. Dabei sei die Landwirtschaft eine wichtige Einkommensquelle. Und Haafez Khoso ergänzt: Zwar könnten sie an einen anderen Ort gehen, „aber unser Land können wir nicht mitnehmen“. (epd/mig) Aktuell Panorama
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