
Pflege über Grenzen
Studie zeigt hohe Belastung für Menschen mit Eltern im Ausland
Wer in Deutschland lebt und Eltern im Ausland unterstützt, gerät deutlich häufiger unter Druck – finanziell, emotional und im Beruf. Eine neue Studie macht sichtbar, wie verbreitet diese Familienrealität ist, warum Hilfen oft nicht greifen – und warum Sozial- und Familienpolitik auf den Prüfstand gehören.
Dienstag, 20.01.2026, 13:43 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 20.01.2026, 13:43 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Familiäre Fürsorge endet für viele Menschen in Deutschland nicht an der Landesgrenze. Wer Eltern im Ausland hat, unterstützt sie häufig genauso – doch die Belastung ist deutlich höher. Das zeigt eine neue Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
Die Autoren sprechen von transnationalen Familienbeziehungen, wenn Angehörige in unterschiedlichen Ländern leben. Solche Konstellationen seien längst Alltag: „Rund 40 Prozent der Befragten haben Angehörige im Ausland, besonders häufig betrifft dies Menschen mit Einwanderungsgeschichte“, schreiben die Studienautoren. Je nach Datenquelle leben demnach geschätzt 3,7 bis 5,6 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 49 Jahren in Deutschland, die mindestens ein Elternteil außerhalb Deutschlands haben. Betroffen sind nicht nur Menschen mit Einwanderungsgeschichte: Auch etwa jede fünfte Person ohne Einwanderungsgeschichte hat familiäre Beziehungen ins Ausland.
Unterstützung ähnlich häufig – Belastung deutlich größer
Die Studie macht deutlich: Unterstützung findet nicht nur innerhalb nationaler Grenzen statt. Auch Eltern im Ausland werden emotional, finanziell und organisatorisch begleitet – per Telefon, per Überweisung, mit Absprachen, Reiseplanung oder Hilfe bei Formalitäten. Doch Menschen, die ihre Eltern im Ausland unterstützen, sind viel stärker belastet. „Transnationale Fürsorge wird dabei als belastender erlebt als die Fürsorge innerhalb Deutschlands“, heißt es in der Studie.
Ein besonders klarer Unterschied zeigt sich beim Thema Geld. Nach DeZIM-Angaben sagen 32 Prozent der Befragten mit Eltern im Ausland, der finanzielle Aufwand für die Unterstützung belaste sie „eher“ oder „voll und ganz“. Bei Menschen, deren Eltern in Deutschland leben, trifft das demnach nur auf 8 Prozent zu.
Hinzu kommen Schuldgefühle, Zeitkonflikte und die Sorge, im Ernstfall nicht schnell genug helfen zu können. Für viele geht es dabei nicht um einzelne Ausnahmesituationen, sondern um dauerhafte Verantwortung – neben Beruf und eigener Familie.
Distanz als Risiko: Wenn ein Notfall sieben Stunden entfernt ist
Ein zentraler Faktor für die Mehrbelastung ist die räumliche Entfernung. Die Studie fragt nach der Anreisedauer zu den Eltern – und zeigt einen drastischen Unterschied. Unter Befragten mit Eltern in Deutschland benötigen rund 86 Prozent maximal drei Stunden, um ihre Eltern zu besuchen. Nur 2 Prozent geben eine Anreisedauer von mindestens sieben Stunden an. Bei Eltern im Ausland ist das Verhältnis umgekehrt: Nur 10 Prozent erreichen ihre Eltern innerhalb von drei Stunden, 64 Prozent brauchen sieben Stunden und mehr.
Das hat direkte Folgen: Wer im Notfall schnell hinmuss, braucht Zeit, Geld und flexible Arbeitsbedingungen. Auch kurze Besuche werden zur logistischen Aufgabe. Und die Unterstützung lässt sich oft nur aus der Ferne organisieren – was den Druck erhöht, alles „richtig“ zu machen.
Bürokratie, Geld, Statusfragen: Hürden, die andere Familien kaum kennen
Zu den Distanzen kommen finanzielle und rechtliche Hürden. Reisen kosten. Dokumente müssen beschafft werden. In manchen Fällen spielen auch aufenthaltsrechtliche Fragen eine Rolle – etwa, wenn längere Auslandsaufenthalte Konsequenzen für einen Aufenthaltstitel haben können oder wenn Eltern für eine Einreise nach Deutschland ein Visum benötigen. Solche Unsicherheiten treffen transnationale Familien häufiger und können Entscheidungen zusätzlich belasten.
Die Studie beschreibt das als strukturelles Problem. Familienbeziehungen überschreiten Grenzen, die hiesigen Unterstützungssysteme griffen in diesen Fällen aber selten.
Weniger Entlastung durch Job und Familie
Besonders deutlich wird die Ungleichheit bei der Vereinbarkeit von Fürsorge und Erwerbsarbeit. Denn viele Entlastungen, auf die Familien in Deutschland zurückgreifen, fehlen transnationalen Familien häufiger. So zeigen die Daten, dass berufstätige Befragte mit Eltern im Ausland etwas seltener von flexiblen Arbeitszeitmodellen profitieren als Beschäftigte mit Eltern in Deutschland (43 Prozent gegenüber 50 Prozent). Das kann in Situationen entscheidend sein, in denen kurzfristig Urlaub, Freistellung oder eine Anpassung der Arbeitszeiten nötig ist.
Auch die familiäre Unterstützung vor Ort fällt oft weg. Wer Kinder hat, erlebt das besonders unmittelbar. In Haushalten mit Kindern bis 14 Jahren geben nur knapp 8 Prozent der Befragten mit Eltern im Ausland an, bei der Kinderbetreuung durch Großeltern unterstützt zu werden. Bei Familien, deren Eltern in Deutschland leben, sind es 36 Prozent.
Damit entsteht eine Kettenreaktion: Wenn Großeltern nicht einspringen können, wird jede Reise komplizierter. Wenn flexible Arbeitszeiten fehlen, steigt der Druck im Beruf. Wenn staatliche Hilfen an innerstaatliche Konstellationen geknüpft sind, wird Unterstützung schwerer zugänglich.
Warum das Thema auch Integrationspolitik berührt
Die Studienautoren betonen: Transnationale Familienbeziehungen betreffen besonders häufig Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Die Belastungen sind vielfältig. Genau das berühre Fragen von Integration im Sinne gleichberechtigter Teilhabe: Wer dauerhaft mehr Hürden tragen müsse, habe es schwerer, Beruf, Familie und Fürsorge zusammenzubringen.
Zugleich ist das Thema nicht auf eine Gruppe begrenzt. Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen – auch ohne Einwanderungsgeschichte. Die Studie versteht transnationale Fürsorge deshalb als gesellschaftliche Realität, die in Deutschland als Einwanderungsland politisch stärker mitgedacht werden müsse.
Am Ende steht ein Befund, der sich durch die Zahlen zieht: Unterstützung findet längst über Grenzen hinweg statt – aber die Rahmenbedingungen sind darauf oft nicht eingestellt. Oder, wie es die Studienautoren formulieren: „Somit gehört Sozial- und Familienpolitik in Deutschland auf den Prüfstand.“ (mig) Gesellschaft Leitartikel
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