Deborah Wolf, Integration, Identität, Rassismus, Sachsen, MiGAZIN
Deborah Wolf © privat, Zeichnung: MiG

Appell

Deutschlands „Wir“: ein empfindliches Konstrukt

Als Schwarze Deutsche aus Sachsen fühlt sich Zugehörigkeit oft wie ein bedingter Vertrag an und nicht wie ein selbstverständliches Zuhause. Ein persönlicher Appell für ein neues „Wir“.

Von Montag, 19.01.2026, 12:44 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 19.01.2026, 12:45 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |  

Ich bin in einer Kleinstadt im Herzen Sachsens geboren, kurz vor der Wende, als Tochter einer deutschen Mutter und eines Vaters aus Westafrika. Ich besuchte das Gymnasium und machte später eine Ausbildung zur Eventmanagerin, bevor ich zum Studieren und Arbeiten nach London ging. Mit fast vierzig Jahren werde ich manchmal noch als „DDR-Kind“ bezeichnet, obwohl meine Generation die DDR nur als Echo kennt.

Schon als Kind spürte ich, dass mein Deutschsein geprüft wird. Wenn Nachbarn tuschelten: „Du bist gar nicht so deutsch.“ Kaum hörbar, aber prägend. Es hinterließ das Gefühl, dass Zugehörigkeit hier nie selbstverständlich ist.

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Ein starker Kontrast zeigte sich im Ausland: Am 11. November, bei der Schweigeminute für die Opfer der beiden Weltkriege, in England, trugen alle rote Mohnblumen. Ich stand still zwischen den Menschen und fühlte mich plötzlich dazugehörig. Dieses Gefühl, Teil eines Moments zu sein, der größer ist als ich selbst, habe ich in Deutschland selten erlebt. In London durfte ich dazugehören, ohne es erklären oder rechtfertigen zu müssen.

Die Erfahrung meines Vaters

„Zugehörigkeit ist kein Geschenk. Sie muss erarbeitet werden.“

Mein Vater wagte in Deutschland einen Neuanfang und fand später in Schottland und den USA Erfolg. Er kennt das ständige Gefühl, sich beweisen zu müssen. Sein stiller Stolz zeigt: Zugehörigkeit ist kein Geschenk. Sie muss erarbeitet werden. Ich habe diese Erfahrung übernommen. Sie prägt, wie ich meinen Platz im „Wir“ Deutschlands wahrnehme.

Die Grenzen des Wir

„In Deutschland ist das ‚Wir‘ ein empfindliches Konstrukt.“

In Deutschland ist das „Wir“ ein empfindliches Konstrukt. Oft so eng, dass diejenigen, die nicht dem Idealbild entsprechen, ständig an seinen Grenzen bleiben. Das „Wir“ verlangt ununterbrochene Loyalität – Belege, die Menschen ohne Migrationshintergrund nicht erbringen müssen.

Wir leben in einem Land, das Vielfalt auf dem Papier feiert, in der Praxis aber oft die Tür zuschlägt. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit füllt sich mit Frustration.

Ein neues Wir

„Nach fast vier Jahrzehnten im eigenen Geburtsland immer noch als ‚Andere‘ zu gelten, ist ermüdend.“

Das „Wir“ muss dehnbar sein. Es sollte ein Bekenntnis zu einer gemeinsamen Zukunft sein, keine Lizenz, die nur an „rein deutsche“ Biografien vergeben wird. Nach fast vier Jahrzehnten im eigenen Geburtsland immer noch als „Andere“ zu gelten, ist ermüdend.

Wir brauchen ein „Wir“, das stark genug ist, alle anzunehmen, die hier leben, arbeiten und zur Gesellschaft beitragen – ohne Bedingungen. Deutschsein darf nicht länger nach Hautfarbe, Namen oder vergangenem Echo verhandelt werden, sondern allein durch Gegenwart und gemeinsames Engagement. Meinung

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