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Pflegekraft aus dem Ausland (Symbolfoto) © de.depositphotos.com

Anwerberprogramme

Ärzte und Pfleger aus dem Ausland lindern Fachkräftemangel

Zu wenig Ärzte und nicht genug Pflegepersonal. Mit Anwerberprogrammen für Fachkräfte aus dem Ausland will die Bundesagentur diesen Mangel beheben helfen. Mit ersten Erfolgen. Viele sind überqualifiziert für den Job in Deutschland. Warum sie trotzdem kommen:

Von Montag, 11.09.2023, 14:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 12.09.2023, 5:25 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

José Jiménez hat sich einen Traum erfüllt. „Ich wollte schon als Kind in Deutschland arbeiten“, sagt der 42 Jahre alte Arzt aus Mexiko. Die Sprache habe er aus Fernsehsendungen gekannt und schon drei Jahre lang gelernt, bevor er im März vergangenen Jahres nach Rheinland-Pfalz kam. Seither arbeitet er in der Geriatrischen Fachklinik Rheinhessen-Nahe in Bad Kreuznach. Die Approbation – also die Genehmigung zur Ausübung seines Berufs – hat er schon geschafft, jetzt will er den Facharzt Innere Medizin so schnell wie möglich machen. In Mexiko-Stadt habe er zuvor schon fast zehn Jahre als Internist gearbeitet.

„Wir finden oft keine Ärzte und in Mexiko werden zu viele ausgebildet“, sagt Klinikleiter Jochen Heckmann. „Einen Brain Drain hätte ich nicht gemacht.“ Brain Drain meint, den Verlust von Spitzenkräften mit negativen Folgen. Und das Programm der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit (BA), über das Mediziner wie Jiménez nach Deutschland geholt werden, sei sehr gut strukturiert. „Es baut aufeinander auf und überfordert nicht“, sagt Heckmann.

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Specialized!“ heißt das 2017 als Reaktion auf den vor allem im ländlichen Raum bestehenden Fachkräftemangel an Medizinern initiierte Programm, wie die Sprecherin der Regionaldirektion der BA, Christiane Lauer, erläutert. „Arbeitgeber können ihre Vakanzen mit gut ausgebildeten mexikanischen, jordanischen und kolumbianischen Medizinerinnen und Medizinern besetzen, die in Deutschland eine Facharztweiterbildung absolvieren möchten und beruflich langfristige Perspektiven suchen.“ Vermittlungsgebühren fielen nicht an, die Ärzte würden bei allen notwendigen Schritten eng begleitet und hätten immer einen Ansprechpartner.

Elf Mediziner seien bislang über das Programm nach Rheinland-Pfalz gekommen. Und für das Jahr 2024 hätten die Arbeitsagenturen in dem Bundesland einen Bedarf von weiteren 21 Ärzten gemeldet, sagt Lauer.

Pflegekräfte-Anwerbung aus vielen Ländern

Wie viele andere Kliniken auch suchen das Landeskrankenhaus und die dazugehörige Geriatrische Fachklinik aber auch händeringend nach Pflegekräften. Jetzt sollen fünf junge Frauen aus dem indischen Bundesstaat Kerala kommen, wie Julia Franz vom Personalmarketing und Recruiting des Landeskrankenhauses berichtet. „Hierbei handelt es sich um das Programm ‚Triple Win – Pflegekräfte‘“, erläutert Lauer. Im laufenden Jahr seien 15 Fachkräfte und Auszubildende darüber nach Rheinland-Pfalz gekommen. Die Pflegekräfte aus den Drittstaaten sollten nachhaltig für die deutsche Gesundheits- und Pflegebranche gewonnen werden.

Nicht nur aus Indien, sondern auch „aus Bosnien-Herzegowina, von den Philippinen, aus Tunesien, Indonesien und Jordanien werden bereits ausgebildete Pflegefachkräfte vermittelt, die in Deutschland eine Anerkennungsqualifizierung durchlaufen“, berichtet Lauer. Und: „Aus Vietnam werden junge Menschen mit Vorerfahrungen in der Pflege für eine dreijährige generalistische Pflegeausbildung und spätere Weiterbeschäftigung gewonnen.“ Die ausländischen Pfleger und Pflegerinnen erhielten eine berufliche und persönliche Perspektive.

„Die Pflegekräfte aus dem Ausland haben die gleichen Rechte und Pflichten wie deutsche Pflegekräfte“, betont Lauer. „Die Herkunftsländer profitierten durch eine Entlastung ihres Arbeitsmarktes. „Wir orientieren uns am Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitsfachpersonal und rekrutieren nur Pflegekräfte aus Ländern mit einem Fachkräfteüberschuss.“

Viele Pflegekräfte überqualifiziert für die Arbeit in Deutschland

Der Präsident der Landespflegekammer Markus Mai hält es auch für notwendig, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen, um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Rheinland-Pfalz sicherzustellen. Das Personal müsse ausreichend qualifiziert sein und die in Deutschland geltenden Standards erfüllen.

In Rheinland-Pfalz sollten Fachsprachprüfungen eingeführt werden, berichtet Franz. Diese werde voraussichtlich von 2024 an die Landespflegekammer übernehmen, ergänzt Mai. „Das Ziel sämtlicher Integrations- und Prüfungsmaßnahmen sowie der einschlägigen Praxiseinsätze ist letzten Endes die Gewährleistung einer qualitativ hochwertigen Versorgung.“ Die neuankommenden Pflegefachpersonen profitieren letztlich davon, da sie dadurch selbst zunehmend an Sicherheit gewönnen, so Mai.

Viele ausländische Pflegekräfte seien eigentlich aber mit einem Bachelor-Studium überqualifiziert für die Arbeit, die sie in Deutschland machen dürften, sagt dagegen Franz. Der Arbeitsmarkt sei nicht sehr attraktiv für sie, sondern die Lebensbedingungen.

Leute in Deutschland sehr ernst, aber auch freundlich

Der Mediziner Jiménez will jedenfalls in Deutschland bleiben und seine Frau – ebenfalls Ärztin – wird voraussichtlich im September auch an der Klinik anfangen. „Wir warten nur noch auf die Bewilligung des Visums“, sagt Franz. Dann arbeiten vier mexikanische Mediziner an der idyllisch an der Nahe gelegenen Klinik im Stadtteil Bad Münster am Stein.

Jiménez gefällt es gut. „Ich finde die Leute in Deutschland sehr ernst, aber auch freundlich.“ In Mexiko gebe es viel weniger Arbeitsplätze für Ärzte, er habe an zwei Krankenhäusern arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. „Die Medizin ist hier in Deutschland viel besser“, sagt er und nennt die vielen Geräte für Diagnostik sowie die Labore als Beispiele.

Geriatrische Fachkliniken gebe es in Mexiko gar nicht. „Die älteren Leute hier sind auch fitter als die in Mexiko“, sagt Jiménez. Die Krankheitsbilder in seinem Heimatland seien andere: Sucht und Gewalt spielten eine viel größere Rolle. Vermisst er außer Familie und Freunden denn gar nichts? „Doch, das Essen.“ (dpa/mig) Aktuell Panorama

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